Marktwirtschaft, Globalisierung und assoziative Wirtschaftsweise

Erscheinungsjahr: 2025
Quellenangaben: Zeitschrift Der Europäer, Jahrgang 29, Nr. 5, März 2025, S 40–44

Zusammenfassung

Der Artikel von Andreas Flörsheimer diskutiert Rudolf Steiners Konzept der Dreigliederung des sozialen Organismus als Alternative zu heutigen gesellschaftlichen Strukturen. Steiner schlug 1919 vor, das soziale Ganze in drei selbstverwaltete Bereiche zu gliedern: ein assoziatives Wirtschaftsleben, ein Staats- oder Rechtsleben und ein Geistesleben. Wesentlich ist, dass sich das Geistesleben, das Bildung, Erziehung, Gesundheitswesen, Forschung, Medien, Religionsausübung, Kunst und das Richteramt umfasst, unabhängig von staatlichen oder kommerziellen Einflüssen entfalten kann.

Flörsheimer beleuchtet zwei Hauptunterschiede zwischen der heutigen Marktwirtschaft und Steiners assoziativer Wirtschaft: die Rolle des Eigentums und die Finanzwirtschaft. In einer assoziativen Wirtschaft gäbe es ein neues, zeitlich befristetes Eigentumsrecht, bei dem Produktionsmittel und Immobilien nicht mehr monetarisiert werden und Eigentumsübertragungen ohne finanzielle Transaktionen erfolgen. Unternehmensleitungen wären nicht mehr Kapitaleignern unterstellt, sondern Organen des Geisteslebens. Die heutige Finanzwirtschaft, die aus Geld mehr Geld macht, ohne zusätzliche Werte zu schaffen, würde wegfallen, da Geld nur noch Mittler zwischen Einkommen und wirtschaftlichen Leistungen wäre und keinen Eigenwert mehr hätte.

Die heutige Marktwirtschaft strebt primär danach, Güter zu produzieren, die einen hohen Erlös versprechen, und der Wettbewerb soll die bestmögliche Koordination und Effizienz gewährleisten. Löhne stehen dabei in Konkurrenz zum angestrebten Gewinn, was unter den Bedingungen der Globalisierung zu Druck auf Löhne und Standards führt. Der Mensch droht dabei zum Objekt des Wirtschaftens degradiert zu werden. Steiner lehnte die Verabsolutierung des Marktes und des Marktpreises ab. Er plädierte für eine Preisbildung, die von den Herstellungskosten und den Bedürfnissen der Produzenten ausgeht, um „faire Preise“ zu gewährleisten. Eine assoziative Wirtschaft soll eine institutionalisierte Koordination der gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten und eine nachhaltige Preisbildung ermöglichen. Dabei soll der Herstellungswert, der die Einkommen der Beteiligten abdeckt, als übergeordnete Größe dienen. Das Ziel ist ein Ausgleich zwischen menschlichen Bedürfnissen und Leistungen.

Das „Kardinalproblem für die Wirtschaftswissenschaft“ sah Steiner 1922 in der immer mehr zusammenwachsenden Weltwirtschaft als „geschlossenes Wirtschaftssystem“. Er betonte, dass in einem solchen System das gebildete Kapital seinem kontinuierlichen Verbrauch zugeführt werden muss. Anstelle wachstumszwangsorientierter Marktwirtschaften sollen assoziativ gestaltete Volkswirtschaften treten, in denen erwirtschaftete Kapitalien die Einkommen derer darstellen, die durch Rationalisierung für andere Aufgaben freigestellt werden. Die assoziative Wirtschaft ist auf die Befriedigung der Bedürfnisse ausgerichtet und das Kapital soll vom lokalen Geistesleben verwaltet werden, um die lokale Sozietät zu fördern. Internationaler Handel soll nach dem Prinzip nachhaltiger Preise zum gegenseitigen Nutzen geführt werden.