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Die fünf Dimensionen der Waldorfpädagogik im Werk Rudolf Steiners
Inhalt
- Teil 1 - Kontrastfolien
- Teil 2 - Überblicke
- Teil 3 - Erläuterungen
- Teil 4 - Veränderungen
- Teil 5 - Perspektiven
Zusammenfassung
In seinem Buch „Die fünf Dimensionen der Waldorfpädagogik im Werk Rudolf Steiners“ schildert Valentin Wember in Teil 4, „Veränderungen“, wie sich aufgrund der historischen Prozesse die Rezeption der Waldorfpädagogik innerhalb der Kollegien in den Waldorfschulen verändert hat.
- Teil 4 - Veränderungen
Das Verhältnis der Waldorfschulen zur Waldorfpädagogik im Wandel der Geschichte
Nach Rudolf Steiners Tod 1925 hat die Waldorfbewegung im Laufe der Geschichte viele der Bewegungen mitvollzogen, die durch die anthroposophische Gesellschaft und durch die Gesellschaft überhaupt gingen.
1925 entstand zunächst die Frage, wer in Zukunft die anthroposophische Gesellschaft leiten sollte. Steiner hatte dazu keine Regelungen hinterlassen. Zunächst kam es zu einem Riss zwischen Ita Wegman, die im Geiste Rudolf Steiners „weitermachen“ wollte, und Marie Steiner, die dies gegenüber dem geistigen Größe Steiners für eine Anmaßung hielt. Der nächste Konflikt entstand dann über die Frage, ob das Werk Rudolf Steiners der Gesellschaft gehören solle oder seiner Witwe, Marie Steiner.
Diese Konflikte waren heftig und ergriffen auch die Kollegien der Waldorfschulen. So war die Waldorfbewegung schon zum Zeitpunkt der Machtübernahme der Nationalsozialisten geschwächt. Im Dritten Reich ergab sich dann für jedes einzelne Kollegium der damals bestehenden neun deutschen Schulen die Frage, wie man sich den neuen Machthabern gegenüber positionieren sollte. Jede Schule ging dabei ihren eigenen Weg. Sechs Schulen schlossen sich selbst, drei Schulen wurden geschlossen.
Zum ersten Mal tauchte bei diesen Vorgängen eine Frage auf, die die Entwicklung der Waldorfschulen nachhaltig prägen sollte: Wie wollte man sein Verhältnis zur anthroposophischen Gesellschaft und zur Anthroposophie überhaupt gestalten und in der Öffentlichkeit präsentieren? Es gab Fälle (Herrmann von Baravalle, Emil Molt), wo es einer Waldorfschule „von oben“ nahegelegt wurde, sich von der anthroposophischen Gesellschaft zu distanzieren und dadurch zu überleben.
Diese Frage, die Frage nach dem Verhältnis zwischen Waldorfpädagogik und Anthroposophie, zwischen Waldorfschulen und anthroposophischer Gesellschaft, sollte sich in Zukunft häufiger stellen.
Der Nationalsozialismus hinterließ ein Trauma: Viele Lehrer hatten die Erfahrung gemacht, dass sie mit der Anthroposophie „in Deckung“ gehen mussten. Die Unbefangenheit und Sicherheit: Anthroposophie und Waldorfpädagogik gehören zusammen, war verschwunden. Man „hielt sich bedeckt“. Oder, mehr noch: Jetzt wollte man sich beweisen, dass es möglich war, auch die Anerkennung des Staates zu erringen.
„Man gab den Anspruch auf, mit einer völlig neuen Pädagogik eine Art Pionierabteilung der Anthroposophie zu sein. Das geschah nicht bewusst, nicht willentlich und nicht auf einen Schlag. Es handelt sich gleichsam um kleine Haarrisse in den geistigen Tragflächen.“ (S. 218)
Ab den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es einen Gründungsboom der Waldorschulen. Immer mehr Lehrer wurden gebraucht. Um diesen Prozess zu erleichtern, begann man die Werte, für die die Waldorfbewegung stand, und besonders ihre Spiritualität, „herunterzuschrauben“. Man wollte die neuen Kollegen schließlich nicht verschrecken, man wollte die Kollegien nicht spalten in Insider und Outsider. Dies hatte schwerwiegende Folgen, weil die Schulen von jeher nach dem Prinzip der Selbstverwaltung geführt wurden. Das hatte zur Folge, dass die neuen, mit der „spirituellen Dimension“ (Wember) der Waldorfbewegung nicht vertrauten Kollegen selbstverständlich auch in die Führungspositionen kamen. Gemeinschaftsbildung wurde wichtiger als das Festhalten an den spirituellen Prinzipien der Waldorfpädagogik. Man wollte schließlich niemand mit anthroposophischen Ansprüchen „verschrecken“.
So kam es zu einer Entwicklung, in der das Rechtsleben („Hier regiert das Prinzip der Gleichheit“) das Geistesleben(„Es geht um Fähigkeitsbildung auf Basis der anthroposophischen Menschenkunde, und nur die können mitentscheiden, die davon etwas verstehen“) dominierte.
Wember betont, dass diese Entwicklung ihre Licht- und Schattenseiten hat: Viele begabte Kollegen, viele interessierte Eltern sind so an die Waldorfschulen gekommen und integriert worden. Das solle man nicht geringschätzen. Auf der anderen Seite gerieten so aber auch viele spirituelle Aspekte der Waldorfpädagogik in Vergessenheit.
Angelika Oldenburg
