Die Entmachtung des Kapitals durch neue Eigentumsformen
Was ist Kapital und wem sollte es gehören

Autor/in:
Erscheinungsjahr: 1959
Herausgeber: Verlag Die Kommenden, Freiburg
Seiten: 61

Inhalt

I. Der Wesensbegriff des Kapitals, wie er sich aus einer organischen Erfassung des Wirtschaftsprozesses ergibt

1. Die übliche Kapitalauffassung
2. Das Kapital als Ausdruck einer eigenen wirtschaftlichen Dynamik
3. Einkommensbildung und Kapitalbildung

a) Der Kapitalcharakter des Produktivitätsgewinnes
b) Grenzfälle der freien Kapitalbildung

4. Die Dreigliedrigkeit des Kapitals und ihr Hintergrund
5. Der Geistcharakter des Kapitals

II. Das Kapital als Repräsentant wirtschaftlicher Macht

1. Die Wirtschaftsmacht und das Investitionskapital
2. Die Problematik der Aktienfinanzierung
3. Das Zeitalter der Aktie und das Ende ihrer Mission

III. Das Eigentum am Investitionskapital. Die Integration von Privateigentum und Sozialeigentum

1. Die Grenzen des Privateigentums
2. Verantwortungseigentum und freie Kapitalbildung
3. Das Eigentum an der Kapitalbildung der Unternehmung
4. Unzureichende Rechtsvorstellungen

IV. Das Eigentum am Gewinnkapital. Die Verwaltung des Kapitals

1. Das Übertragungseigentum
2. Das Organ der Kapitalverwaltung
3. Die Technik der Kapitalübertragung

V. Das Eigentum an den Produktionsmitteln

1. Die Lage der Arbeiterschaft, ein Eigentumsproblem
2. Die Verstaatlichung der Produktionsmittel, eine Scheinlösung
3. Impulse zur Eigentumsbildung bei Arbeitern
4. Pläne der Arbeitgeberverbände
5. Die Paradoxien der Volksaktie
6. Gewerkschaftliche Auffassungen
7. Vom Mitarbeiter zum Betriebsangehörigen
8. Das in Quoten differenzierte Nutzungseigentum
9. Die soziale Auseinandersetzung zwischen Unternehmern und Arbeitern

Zusammenfassung

Wilken beginnt seine Ausführungen mit der für alles Folgende entscheidenden Grundlegung seines Kapitalbegriffes. Dem klassischen Begriffspaar von Erwerbskapital (also Geldkapital) und Produktivkapital stellt er einen dreigeteilten Kapitalbegriff gegenüber. Er beschreibt drei in einem Stufenverhältnis stehende Kapitalphänomene: Investitionskapital, Produktionskapital und (objektives oder freies) Neukapital.

Eine Unternehmung beginnt mit einem Kapitaleinsatz, um die für den Betrieb erforderlichen Produktionsmittel zu kaufen, den Bezug der Vorprodukte zu finanzieren und die Einkommen der Arbeitenden vorzuschießen. Das zu dem Zweck eingesetzte Investitionskapital trifft also auf unterschiedliche Verwendungsarten. Die erworbenen Produktionsmittel nehmen eine Sonderstellung ein, da sich ihre Wirkungsweise auf den technischen Vollzug der Produktions- und Handelsprozesse beschränkt; dadurch werden sie Produktionskapital. Wilken fasst das Wesen des Produktionsmittels als Mittel zur Organisation der menschlichen Arbeit, das in der Folge, direkt oder indirekt, menschliche Arbeit erspart. Die Leistung des Produktionskapitals ist damit letztlich die Befreiung des Menschen von der Arbeit, was paradoxerweise seinerseits zum Problem der Arbeitslosigkeit führen kann: „Was als Kapitalbildung im Wirtschaftsprozess infolge des Einsatzes von Produktionskapital erscheint, das wirkt so, daß der Mensch herausfallen kann aus dem Wirtschaftsprozess.“ (S. 12)

Als Neukapital bezeichnet Wilken nun den durch Steigerung der Produktivität gewonnen Wert. Im Unterschied zum in Produktionsmittel investierten Investitionskapital, das sich im Wirtschaftsprozess über die Abschreibungsdauer amortisiert und damit reproduziert, tritt das Neukapital dann auf, wenn die einfache Kapitalreproduktion durch Produktivitätsgewinne überstiegen wird. Wilken grenzt diesen Prozess der Kapitalbildung durch steigende Produktivität von Marx‘ Mehrwerttheorie ab. Marx habe sich das Zustandekommen der Unternehmensgewinne nur als Ergebnis der Ausbeutung der Arbeiter vorstellen können. Der Produktivitätsgewinn basiert hingegen nicht auf Ausbeutung, weder der Arbeitnehmer, noch der Konsumenten.

Der mithin erzielte Produktivitätsfortschritt trete nun in doppelter Weise in Erscheinung: Die eingesparte Arbeit senkt die Lohnkosten (und zwar um den finanziellen Betrag der Produktivität des Produktionsmitteleinsatzes). Es geschieht eine selbstständige wirtschaftliche Wertbildung, die sich nicht der Arbeit verdankt, sondern der Ersparung von Arbeit.

Im Hinblick auf die Eigentumsfrage, die gewöhnlich in der Polarität von Privat- und Kollektiveigentum verhandelt wird, wäre also sachgemäß nach den drei Kapitalarten zu differenzieren. Wilken kritisiert, dass Eigentum am Investitionskapital einerseits Macht über die Produktionsmittel (Produktionskapital) verleiht und andererseits den Anspruch auf die Produktivitätsgewinne (Neukapital) verbürgt.

Das Privateigentum wird im Bereich der Konsumgüter verortet. Wenn es über diesen hinaus in die Sphäre der Produktion und Zirkulation eindringt, verliert es seine Berechtigung. Sofern der Eigentümer sein Kapital in den arbeitsteiligen Wirtschaftsprozess einordnet, schafft er eine soziale Situation, die über seine persönlichen Interessen hinausgeht. Für den Fall muss er daher soziale Verantwortung übernehmen und fremde Interessen zu den eigenen machen.

Oskar von Homeyer

Rezension

Die Kommenden, 1977/9, S.9-11 (Wolfram Groddeck).