In Ausführung der Dreigliederung des sozialen Organismus

Autor/in:
Erscheinungsjahr: 1920
Herausgeber: Der Kommende Tag Verlag, Stuttgart

Inhalt

  • Die Dreigliederung des sozialen Organismus, eine Notwendigkeit der Zeit
  • Internationale Lebensnotwendigkeiten und soziale Dreigliederung
  • Marxismus und Dreigliederung
  • Freie Schule und Dreigliederung
  • Was nottut
  • Arbeitsfähigkeit, Arbeitswille und dreigliedriger sozialer Organismus
  • Sozialistische Seelenblindheit
  • Sozialistische Entwickelungshemmungen
  • Was „neuer Geist“ fordert
  • Wirtschaftlicher Profit und Zeitgeist
  • Geistespflege und Wirtschaftsleben
  • Recht und Wirtschaft
  • Sozialer Geist und sozialistischer Aberglaube
  • Die pädagogische Grundlage der Waldorfschule
  • Der Grundirrtum im sozialen Denken
  • Die Wurzeln des sozialen Lebens
  • Der Boden der Dreigliederung
  • Wahre Aufklärung als Grundlage sozialen Denkens
  • Der Weg zur Rettung des deutschen Volkes
  • Der Durst der Zeit nach Gedanken
  • Einsicht tut not

Vorbemerkungen

Anfang März 1919 ist mein „Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“ erschienen. Er wollte in Kürze zum Ausdrucke bringen, was nottut, um dem niedergehenden Leben, das in der Weltkatastrophe seine Krankheitserscheinungen enthüllt hatte, gesundende Kräfte zuzuführen. Zahlreiche Persönlichkeiten Deutschlands, Österreichs und eine Anzahl Schweizer haben unter diesen Aufruf ihre Unterschrift gesetzt und damit bezeugt, daß sie die in ihm ausgesprochenen Anregungen für etwas hielten, das auf die Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der nächsten Zukunft hinweist. Eine weitere Ausführung habe ich dann diesen Anregungen in meinem Buche „Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft” gegeben. Um für sie in nachhaltiger Weise einzutreten, und das Angeregte im praktischen Leben zur Durchführung zu bringen, ist dann in Stuttgart und auch in der Schweiz der „Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus“ begründet worden. Unter den mancherlei Maßnahmen, die getroffen worden sind, um diese praktische Durchführung zu bewirken, ist auch die Begründung der in Stuttgart erscheinenden Wochenschrift „Dreigliederung des sozialen Organismus“. Die folgenden Aufsätze bildeten die Leitartikel, die ich im Sommer 1919 und im Winter 1919-1920 für diese Wochenschrift geschrieben habe. Sie können als ergänzende Ausführungen dessen gelten, was ich in den „Kernpunkten“ begründet habe. Man kann sie ebensogut als eine Vorbereitung zum Lesen dieses Buches ansehen.

Alles, was ich sowohl in den „Kernpunkten“ wie in diesen Aufsätzen veröffentliche, ist nicht aus theoretischer Gedankenarbeit erwachsen. Im Laufe von mehr als drei Jahrzehnten habe ich das geistige, politische und wirtschaftliche Leben Europas in seinen verschiedensten Verzweigungen verfolgt. Dabei ergab sich mir, wie ich glaube, die Einsicht in die Tendenzen, nach denen dieses Leben als zu seiner Gesundung hindrängt. Ich meine, daß die Gedanken, die ich ausspreche, nicht die eines einzelnen Menschen sind; sondern daß sie das unbewußte Wollen der europäischen Menschheit ausdrücken. Die besonderen Verhältnisse des Gegenwartslebens, auf die ich in den „Kernpunkten“ und in diesen Aufsätzen wiederholt zu sprechen komme, haben es nicht dazu kommen lassen, daß dieses Wollen in klaren Umrissen und verbunden mit dem Streben nach praktischer Durchführung im vollen Bewußtsein einer genügend großen Anzahl von Menschen zutage getreten ist. Man möchte es die Tragik der Gegenwart nennen, daß zahllose Menschen sich durch Illusionen über das Erstrebenswerte die Einsicht in das wirklich Notwendige verbauen. Völlig veraltete Parteianschauungen verbreiten einen dichten Gedankennebel über dieses Notwendige. Sie ergehen sich in unpraktischen, undurchführbaren Tendenzen; das Wirkliche, das sie unternehmen, wird zur unfruchtbaren Utopie, und die Vorschläge, die aus wahrhaftiger Lebenspraxis heraus gemacht sind, werden von ihnen als Utopie angesehen. Mit dieser Tatsache hat das in den folgenden Aufsätzen Ausgesprochene zu kämpfen; zu ihr will es vollbewußt Stellung nehmen.

Aus dieser Tatsache heraus wird gegenwärtig in unserer Welt der Zivilisation noch immer Weltpolitik getrieben. Versailles und Spaa sind die Etappen dieser Politik. Die Anzahl der Persönlichkeiten, die durchschauen, wie diese Etappen zum weiteren Niedergange der Zivilisation führen, die in der Weltkatastrophe die Unmöglichkeit ihres Fortschreitens erwiesen hat, ist noch eine geringe. Solche Persönlichkeiten sind heute zwar in den Ländern der Sieger und der Besiegten vorhanden. Aber sie sind erstens nicht zahlreich genug, zweitens sehen wohl auch die meisten von diesen dasjenige, was wirklich nottut, als utopistisch an.

Wenn der „Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus“ von vielen als eine Gemeinschaft unpraktischer Leute genommen wird, so ist dies, meiner Meinung nach, deshalb, weil diese Vielen gerade von aller wahren Lebenspraxis abgekommen sind, und ihre Parteiillusionen und Lebensroutinen für Praxis halten. Man wird aber zu keiner Gesundung der Zivilisation gelangen, wenn man nicht das Wollen der Zeit, das so dicht in dem Gestrüppe der unpraktischen, illusionären Parteischablonen verborgen ist, zum vollen Bewußtsein bringt.

Für jemand, der nur zu gut weiß, daß er nicht an albernen Einbildungen leidet, ist es schwer, das hinzuschreiben, was ihm bei vielen heute den Ruf einträgt „der glaubt gescheiter zu sein als alle, die in praktischer Lebensbetätigung sich das Recht erworben haben, in den Angelegenheiten, um die es sich handelt, mitzureden“. Der Verfasser dieser Aufsätze glaubt aber, daß der falsche Vorwurf, der in solchen Worten liegt, nicht abhalten darf, auszusprechen, was man für das Notwendige hält, wenn man der Meinung ist, daß ein besonderes Verhältnis der eigenen Lebenslage zu dem Leben der Gegenwart durch mehr als drei Jahrzehnte das geistige Auge auf dieses Notwendige hingelenkt hat.

Es ist nun einmal meine in Lebensbeobachtung, die glaubt, alles Theoretische zu meiden und nur das Praktische ins Auge zu fassen, erworbene Ueberzeugung, daß das Wollen der Zeit nach „Dreigliederung des sozialen Organismus“ drängt, und daß alles, was an Niedergangserscheinungen erlebt wird, seinen Ursprung darin hat, daß das öffentliche Bewußtsein der europäischen Zivilisation, statt diesem Drängen sich zuzuwenden, in den alten unmöglich gewordenen Bahnen fortschreiten möchte.

Die eine Gruppe von Menschen, aus der die führenden Persönlichkeiten vor dem Kriege hervorgegangen sind und aus der viele auch heute noch hervorgehen, lebt fort in den Anschauungen, die zum Niedergang geführt haben, und will den Zusammenhang zwischen diesen Anschauungen und dem Niedergang nicht sehen. Sie möchte aus den Kräften, die ihren Weg zum Tode gewiesen haben, ein neues Leben zimmern.

Die andere Gruppe setzt die Denkungsart fort, die aus der negativ wirkenden Kritik geboren ist; sie will nicht einsehen, daß in dieser Denkungsart zwar die Möglichkeit gegeben ist, Scheingebilde gesellschaftlicher Organisation mit den Trümmern des Alten zu einem vergänglichen, allerdings selbst in dieser Vergänglichkeit verheerenden Dasein zu bringen. Sie setzt auf umgekehrte Art das Alte fort, aber sie ist ohne Keime eines Neuen.

Zwischen diesen beiden Gruppen steuern die Kräfte, die die Bestrebungen für „Dreigliederung des sozialen Organismus“ aus dem wirklich vorhandenen, aber vom Schutte des Alten bedeckten Wollen der Zeit entbinden möchten. Ihre Träger sind der Meinung, daß sie dasjenige enthalten, was heute nottut.

Mitte Juli 1920.
Rudolf Steiner.