Von der Himmel-Nation über die griechische Blut-Nation zur Frei-Nation

Quelle: GA 222, S. 108-121, 4. Ausgabe 1989, 23.03.1923, Dornach

Als das Wesentliche unserer Gegenwart innerhalb der Menschheitsentwickelung hat sich uns ergeben der Besitz des Erdenmenschen an abstrakten Gedanken, das heißt für uns toten Gedanken, an Gedanken, die in uns so ihr Dasein führen, daß sie eigentlich die Überbleibsel sind des lebendigen Wesens der Seele im vorirdischen Dasein. Mit dieser Entwickelungsstufe der Menschheit zu abstrakten, das heißt toten Gedanken hin, ist verknüpft - wie ich des öfteren auseinandergesetzt habe - das Erringen des Freiheitsbewußtseins innerhalb der Menschheitsentwickelung. [...]

Wenn wir in die erste, urindische Zivilisationsepoche zurückgehen, die sich, ich möchte sagen, noch halb aus der atlantischen Katastrophe heraus ergeben hat, so finden wir, daß der Mensch sich in dieser Zeit viel mehr als ein Bürger des außerirdischen Kosmos fühlt, denn als ein Erdenbürger. [...] In der ersten Epoche des urindischen Wesens gab es ja das nicht, was später Kasteneinteilung war. Da gab es im Zusammenhange mit dem urindischen Mysterienwesen durchaus sogar eine Art sozialer Gliederung der Menschen nach den Physiognomien, nach den Gesten. [...]

Dann kam die zweite nachatlantische Kulturperiode, die urpersische. Da hatte man nicht mehr jenes instinktive Gefühl für das Physiognomische [] so stark wie früher. Da schaute man nicht auf Imaginationen der Götter, sondern auf Gedanken der Götter. [...] Man hat großen Wert darauf gelegt in dieser zweiten nachatlantischen Periode, ob der Mensch geboren wurde - so paradox uns das heute erscheint, es ist so - bei freundlichem Wetter, ob der Mensch etwa geboren wurde bei Nacht oder bei Tag, zur Winterszeit oder zur Sommerszeit. Intellektuelles gab es nicht, aber man hatte die Empfindung: Was die Götter für eine Himmelskonstellation sein lassen, ob schönes Wetter oder Schneegestöber, ob Tag oder Nacht, wenn sie einen Menschen auf die Erde herunterschicken, das drückt ihre Gedanken aus, das drückt diese göttlichen Gedanken aus. [...]

In der dritten nachatlantischen Periode, da war für die Menschen zum großen Teil dieser Instinkt schon verflogen, Geistiges zu sehen, göttliche Gedanken zu sehen im Wetter, und da fing man allmählich an zu rechnen. Da kam dann auf anstelle des intuitiven Erfassens der göttlichen Menschengedanken in der Naturkonfiguration das Errechnen der Sternkonstellationen, und man berechnete eben für einen Menschen, wenn er in die Welt kam, die Sterne, die Fixstern-Planetenkonstellation. [...] Da also war immerhin noch ein Bewußtsein vorhanden, daß des Menschen Erdenleben aus der außerirdischen Umgebung gegeben ist. Nur, wenn es ans Rechnen kommt, dann kommt auch schon die Zeit, [] wo wir die Verbundenheit des menschlichen Wesens mit den göttlich-geistigen Wesenheiten nicht mehr so recht haben. [...]

Dann kam die griechisch-lateinische Zeit. Das war die erste nachatlantische Zivilisationsepoche, in welcher der Mensch eigentlich das Gefühl hatte, er lebt ganz auf der Erde, er ist ganz verbunden mit den Erdenkräften. Der Zusammenhang des Menschen mit den Wettererscheinungen hatte sich bereits zurückgezogen in das Erzählen der Mythen. Dasjenige, womit sich der Mensch in der zweiten nachatlantischen Zeit, in der urpersischen Kulturepoche, noch lebendig verbunden gefühlt hat, das hatte sich zurückgezogen als die Götterwelt. [...] Der Grieche war der erste Mensch in der nachatlantischen Zeit, der sich ganz - und es kam das auch erst langsam und allmählich heran - als Erdenmensch fühlte. Daher ging in der griechisch-lateinischen Zeit auch zuerst zugrunde das Sich-Zusammenfühlen mit dem vorirdischen Dasein. In allen drei älteren nachatlantischen Zivilisationsepochen haben die Menschen stark ihren Zusammenhang mit dem vorirdischen Dasein gefühlt. Da hätte man ihnen kein Dogma machen dürfen darüber, daß es keine Präexistenz gibt. Man kann auch solche Dogmen nur machen, wenn man Aussicht darauf hat, daß die Menschen sie annehmen. [...] Wenn wir noch einmal in den dritten nachatlantischen Zeitraum zurückgehen, so stoßen wir auf eine Zeit, in der die Menschen auch noch stark fühlten, trotzdem sie sich ihr Himmelsdasein errechneten, wo sie auf der Erde geboren wurden. [...] Er fühlte es dadurch, daß eigentlich seine ganze menschliche Seelen- und Körperverfassung mit dem Orte seiner Geburt und den geographischen, klimatischen Eigentümlichkeiten seiner Geburt zusammenhingen, weil der Mensch in dieser dritten nachatlantischen Zivilisationsperiode sich vorzugsweise als ein Atmungsgeschöpf fühlte. Man atmet anders im Süden als im Norden. Der Mensch war ein Atmungsmensch. [...] Das hörte bei den Griechen auf. In der Griechenzeit ist nicht mehr der Atmungsprozeß und der Zusammenhang mit dem Irdischen das Maßgebende, sondern der Zusammenhang des Blutes, das Stammesgefühl, die Stammesempfindung ist dasjenige, was das Bewußtsein der Gruppenseelenhaftigkeit ergibt. Gruppenseelen fühlte man in der dritten nachatlantischen Zeit im Zusammenhang mit dem Erdenorte. Man stellte sich ja geradezu auch vor in dieser dritten nachatlantischen Zeit: Wenn da oder dort ein Heiligtum ist, so ist der Gott darin, der die Gruppenseele darstellt -, der war an den Ort gebunden. Das hörte auf während der Griechenzeit. Da begann mit dem Erdenbewußtsein, mit der ganzen Verfassung, die an die Erde mit allem menschlichen Fühlen und Empfinden im ganzen menschlichen Instinktleben gebunden war, dieses Gefühl für die Zusammengehörigkeit im Blute. So daß der Mensch dann ganz auf die Erde herunter versetzt war. Er sah nicht mehr mit seinem Bewußtsein über die Erde hinaus, sondern fühlte sich mit seinem Stamm, mit seinem Volk zusammengehörig im Blute.

Und wie steht es mit uns in der fünften nachatlantischen Periode? [...] Wir sind bar geworden der außerirdischen Kräfte, wir leben auch nicht mehr und sollen nicht mehr leben mit den bloßen Erdenkräften, die im Blute vibrieren, sondern wir sind abhängig geworden von Kräften, die unter der Erde sind. [...] Was bedeutet es denn für uns Menschen, daß wir abhängig werden von Kräften unter der Erde? [...] Wir werden durch die Erde des Einflusses des Überirdischen beraubt. Der Mensch war zuerst in seinem Bewußtsein göttliche Imagination, dann göttlicher Gedanke, dann Errechnungsresultat und dann Erdenmensch. Der Grieche fühlte sich durchaus als Erdenmensch und lebend im Blute. Wir also müssen lernen, uns als unabhängig von demjenigen zu fühlen, was überirdisch ist, unabhängig aber auch von dem, was bloß in unserem Blute liegt. [...] Mit unseren Gedanken geht es so - das ist ja das Merkwürdige der fünften nachatlantischen Periode -, daß die Götter, indem wir geboren werden, indem wir auf die Erde heruntergeschickt werden, unsere Gedanken der Erde übergeben. Begraben, richtig begraben werden unsere Gedanken, indem wir Erdenmenschen werden. Das ist so seit dem Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraumes. Intellektualistischer Mensch sein, heißt: eine Seele haben mit in der Erde begrabenen Gedanken, das heißt, mit Gedanken, denen die Erdenkräfte die Himmelsimpulse nehmen. [...]

Das ist eigentlich das Charakteristische für unser gegenwärtiges Menschsein, daß wir mit der Erde in unserem innersten Seelenwesen gerade durch unser Denken zusammenwachsen. Dadurch aber haben wir andererseits auch erst jetzt, in der fünften nachatlantischen Kulturperiode, die Möglichkeit, dem Kosmos die Gedanken zurückzusenden, die wir [...] in uns lebendig machen durch unser Erdenleben. [...] Die Gedanken in ihrem toten Elemente dringen in die Erde hinein, begreifen das Tote, das nur dem Erdenelemente angehört. Aber der Mensch selbst ist so, daß er, wenn er seine Gedanken belebt, sie wie Spiegelbilder hinaussendet in den Kosmos. So daß alles, was an lebendigen Gedanken in dem Menschen entsteht, dasjenige ist, was die Götter zurückglänzen sehen von dem sich entwickelnden Menschen. Der Mensch wird aufgerufen zum Mitschöpfer am Weltenall, indem ihm zugemutet wird, daß er seine Gedanken belebt.