Steuer falscher Weg zur Vermeidung des Luxus

Quelle: GA 332a, S. 161-163, 2. Ausgabe 1977, 30.10.1919, Zürich

Da haben wir einen heute sehr angesehenen Denker über das Wirtschaftsleben, der findet zum Beispiel das Folgende. Er sagt: Wenn wir uns heute das Wirtschaftsleben anschauen, so sehen wir vor allen Dingen ein Verbrauchssystem, das im höchsten Grade zu sozialen Schäden führt. Die Menschen, die es können, die verbrauchen dies oder jenes, was eigentlich nur Luxus ist. - Dieser Denker weist darauf hin, welche Rolle das, was er Luxus nennt, im Leben der Menschen heute spielt, welche Rolle das auch spielt im wirtschaftlichen Leben der Menschen. Gewiß, man kann das leicht; man braucht nur auf solche Erscheinungen hinzuweisen, wie zum Beispiel, wenn sich, sagen wir, heute eine Dame eine Perlenkette kauft. Das werden manche heute noch immer für einen ganz geringen Luxus ansehen.

Aber es wird dabei nicht bedacht, was innerhalb der heutigen wirtschaftlichen Struktur diese Perlenkette eigentlich wert ist. Für diese Perlenkette, für den Wert dieser Perlenkette kann man sechs Monate hindurch fünf Arbeiterfamilien erhalten! Das hängt die betreffende Dame um den Hals. Ja, man kann das einsehen, und man kann aus dem heutigen Geiste heraus nach Abhilfe suchen. Der angesehene Denker, den ich hier im Auge habe, der findet heraus, daß es notwendig sei, daß der Staat - selbstverständlich, vom Staat ist jeder suggeriert! - hohe Luxussteuern einführe, und zwar solche Luxussteuern, daß es den Leuten überhaupt vergeht, solchen Luxus sich anzuschaffen. Er läßt den Einwand nicht gelten, den sehr viele machen, daß wenn man den Luxus besteuere, dann ja der Luxus nachlasse und der Staat nichts habe von diesem Luxus. Er sagt: Nein, das ist gerade richtig, daß der Luxus aufhört, denn das Besteuern soll einen sittlichen Zweck haben. Die menschliche Sittlichkeit soll durch die Besteuerung gefördert werden.

Sehen Sie, so ist das Denken. So wenig Glauben hat man an die Kraft des menschlichen Seelischen, des menschlichen Geistigen, daß man das, was aus dem menschlichen Seelischen, aus dem menschlichen Geistigen heraussprießen soll, herstellen will auf dem Wege der Besteuerung, das heißt des Rechtes! Kein Wunder, daß man da allerdings nicht zu einer einheitlichen Gliederung des Lebens kommt.

Derselbe Denker weist dann darauf hin, wie Besitzerwerbung dadurch Unrecht wird, daß in unserem Leben Monopole möglich sind, daß noch immer das soziale Leben unter dem Einflusse des Erbrechtes steht und dergleichen. Wiederum macht er den Vorschlag, diese Dinge alle durch die Steuergesetzgebung zu regeln. Wenn man vererbten Besitz so stark als möglich besteuere, dann werde eine Gerechtigkeit in bezug auf den Besitz, wie er meint, herauskommen. Ebenso könnte man durch Staatsgesetze, das heißt durch rechtliche Maximen, gegen die Monopole wirken und dergleichen mehr. Das Merkwürdige ist, daß dieser Denker sagt: Ja, aber es komme gar nicht darauf an, daß durch Staatsgesetze, Steuergesetze und so weiter dies alles, was er ja in Aussicht stellt, wirklich bestimmt werde, denn es zeige sich ja, daß der Wert solcher Staatsgesetze ein durchaus anfechtbarer sei, daß solche Staatsgesetze gar nicht immer das bewirken, was sie bewirken sollen.

Aber nun sagt er: Darauf komme es nicht an, daß diese Gesetze tatsächlich die Sittlichkeit heben, die Monopole verhindern und so weiter, sondern es käme auf die Gesinnung an, aus welcher heraus diese Gesetze gegeben werden.

Jetzt sind wir ja nun doch wirklich bei dem absolutesten Drehen im Kreise angelangt. Ein angesehener politischer Denker der Gegenwart sagt ungefähr, was ich Ihnen hier charakterisiert habe. Gesinnung, ethische Gesinnung will er durch die Gesetzgebung hervorrufen; aber es komme nicht darauf an, daß die Erfolge dieser Gesetzgebung einträten, sondern daß die Menschen die Gesinnung zu dieser Gesetzgebung haben! Es ist der reine Chinese, der sich an seinem eigenen Zopfe auffangen will. Es ist ein merkwürdiger Zirkelschluß, aber ein Zirkelschluß, der gründlich in unserem heutigen sozialen Leben drinnen wirkt. Denn unter dem Einflusse einer solchen Denkweise macht man heute das öffentliche Leben. Und man sieht nicht, daß alle diese Dinge letzten Endes doch dahin führen, anzuerkennen, daß die Grundlagen werden müssen für eine wirkliche Neugestaltung des sozialen Lebens: das Geistesleben in seiner Selbständigkeit, das Rechtsleben in seiner Selbständigkeit, in seiner Losgelöstheit vom Wirtschaftsorganismus, und die freie Ausgestaltung der Wirtschaftsorganisation als eine solche. [...]

[GA 332a, Seite 195, 2/1977, 30.10.1919] Wer heute nachdenkt über die Schäden des Lebens, er denkt vielfach an die nächsten Korrekturen, durch die das eine oder andere ausgeführt werden kann. Da sieht einer, daß viel Luxus existiert, also will er den Luxus besteuern und dergleichen. Er denkt nicht daran, an die Quellen desjenigen zu gehen, um was es sich handelt, die Struktur des sozialen Zusammenlebens zu finden, durch die ein unmöglicher Luxus nicht entstehen kann.