Halbierung der Arbeitszeit durch freies Schulwesen

Quelle: GA 192, S. 140-141, 1. Ausgabe 1964, 01.06.1919, Stuttgart

Wie ich Ihnen heute geschildert habe, daß auf der einen Seite vernünftiges Schulwesen, das auf Konzentration sieht, nicht auf den verruchten Stundenplan, hineinbringen würde in den Menschen selbständige Verstandeskraft und Vernünftigkeit, so würde wahres Durchdringen unserer Gesellschaft schon von der Erziehung aus mit sozialer Kunst eine richtige Willenskultur zustande bringen. Denn niemand kann wollen, der nicht den Willen anerzogen hat durch echte künstlerische Erziehung. Dieses Geheimnis vom Zusammenhang der Kunst mit dem Leben und namentlich mit dem Willenselement des Menschen, dieses zu erkennen, das ist eine der allerersten Anforderungen künftiger psychologischer Pädagogik, und alle zukünftige Pädagogik muß psychologisch sein. Die Erbauer dieser Psychologie werden sogar kaum, so wie die Dinge jetzt stehen, wo alle Psychologie den Leuten ausgetrieben ist, andere Menschen sein können als die Künstler, die noch ein wenig Psychologie in ihren Adern haben, während Psychologie sonst aus unserer Bildung verschwunden ist. In der wissenschaftlichen Bildung ist auch nicht ein Körnchen davon mehr vorhanden. Eine solche Hineinstellung ins Leben, die wäre möglich, wenn wirklich einer für alle und alle für einen arbeiten würden, weil dann die Produktionskräfte so angewendet würden, daß die Zeit vorhanden wäre zu solcher Erziehung. Denn viel Humbug, der heute geredet wird, brauchte gar nicht geredet zu werden, wenn man ernst und offen reden wollte, wenn erfüllt würde, was dem Geistesleben auch nur nützen könnte, daß ineinander arbeitet Handarbeit und Geistesarbeit, was in der Zukunft doch angestrebt werden müßte. Dann würde auf der ganzen Erde, wenn jeder - nun, der jeder wird es nicht sein können, aber eine gewisse Annäherung an das Ideal kann stattfinden - seinen Teil Handarbeit verrichten würde, kein Mensch mehr als höchstens drei bis vier Stunden am Tage handzuarbeiten brauchen. Eine wenigstens approximative Rechnung ergibt dieses. Was über drei bis vier Stunden hinaus handgearbeitet wird, das bewirken nicht die in der Menschheitsentwickelung liegenden Notwendigkeiten, das bewirken - das kann man ohne Emotion, ohne alle Aufregung heute sagen als vollständig objektive Tatsache -, das bewirken die unzählig unter uns wandelnden Faulenzer und Rentengenießer. Aber diesen Dingen muß eben ganz notwendig ehrlich und aufrichtig ins Auge geschaut werden. Denn die Korrektur dieser Verhältnisse hängt nicht allein davon ab, daß im kleinen da oder dort etwas geändert wird, sondern sie hängt davon ab, daß wir unsere Erziehung, unsere Volkspädagogik so einrichten, daß die Menschen durch die Erziehung, durch das Schulwesen, Augenmaß für das Leben bekommen.