Bürgerliche Demokratie übersieht Proletariat

Quelle: GA 188, S. 204-205, 2. Ausgabe 1967, 31.01.1919, Dornach

Nun kam die neuere Zeit herauf. Wir wissen ja aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, wie diese neuere Zeit eigentlich ihrem Wesen nach innerlich ist. Der Mensch will sich bewußt auf die Spitze seiner eigenen Persönlichkeit stellen. Er will die Bewußtseinsseele entfalten. Das ist doch, wenn es auch maskiert ist durch die verschiedenen Verhältnisse, der innere Impuls desjenigen, was da kämpft, was da sich entwickelt in der neueren Zeit. Für dieses Streben nach der Ausgestaltung des persönlichen, des individuellen Elementes im Menschen waren die alten Berufsverbände, die aus ganz andern menschlichen Aspirationen heraus waren, eben nicht mehr geeignet. So daß wir sehen, wie sich vom 16. und 17. Jahrhundert an auch auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens ein gewisser Individualismus entwickelt, wie die alten Verbände, die alten sozialen Gemeinschaften zertrümmert werden. Wir sehen beim Übergange in diese Zertrümmerung gewisse Übergangserscheinungen; wir sehen, wie gerade im 15., 16. Jahrhundert sich vorübergehend dasjenige ausbildet, was man nennen könnte die Monopolisierung verschiedener Produktionszweige. Wir sehen aber dann, wie sich gerade unter dem Einflusse des wirtschaftlichen Individualismus eine Art Antimonopolbewegung entwickelt, die im Grunde genommen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein dauert, und die dann geführt hat zu der neueren kapitalistischen Produktionsweise.

Diese neuere kapitalistische Produktionsweise trägt dem Individualismus in einer gewissen Weise Rechnung. Die alten Berufsgemeinschaften wurden zersprengt, die wirtschaftliche Initiative ging an die einzelnen Menschen über, an die Kapitalisten, welche Unternehmer wurden und von deren Risikomut es abhing, ob nun das wirtschaftliche Leben gedieh oder nicht gedieh. Daneben entwickelte sich das moderne technische Wesen, welches ganz und gar umgestaltete das ganze wirtschaftliche Leben, welches eigentlich erst schuf die moderne Proletarierklasse. Und die Folge davon war, daß sich auf der einen Seite der Kapitalismus, auf der andern Seite das Proletariat entwickelte, und daß durch das Leben von der Hand in den Mund, durch die Unaufmerksamkeit und Uninteressiertheit der führenden Menschen an dem wirtschaftlichen Leben, zuletzt ein vollständiges Nichtverstehen zwischen den führenden Kapitalisten und ihrem Anhange und der arbeitenden Proletarierbevölkerung eintrat. Die großen Unterschiede, die über die Erde hin gerade mit Bezug auf die soziale Lage der Menschheit bestehen - wir haben sie betrachtet -, über sie sieht ein großer Teil gerade derer hinweg, die heute an dem sozialen Problem in der einen oder in der andern Weise herumpfuschen wollen. Man muß bedenken, daß die Weststaaten Europas mit ihrem amerikanischen Anhange sich im Laufe der neueren Zeit durchaus zugewandt haben dem, was man nennen kann bürgerliche Demokratie. Diese bürgerliche Demokratie rechnet mit gewissen Freiheits- und Gleichheitsidealen, die sie dann auch auf das wirtschaftliche Leben überträgt. Aber sie, diese bürgerliche Demokratie, ist bis zu einem gewissen Grade rückständig geblieben, rückständig geblieben insofern, als sie die Grundsätze, die Prinzipien, gewissermaßen die Programmpunkte des Bürgertums anwendet, so wie sie sich ergeben haben vor dem eigentlichen modernen Maschinenzeitalter. So daß wir sehen, daß in den Westländern diese bürgerliche Demokratie sich entwickelt, sich ihre Körperschaft, eine gewisse soziale Gestaltung gibt, aber nach und nach durchwirkt wird von dem, was Produkt des modernen Maschinenzeitalters ist, durchwirkt wird von dem Proletariat. Nun wird in diesen Weststaaten noch nicht in radikaler Weise gerechnet mit der proletarischen Bevölkerung.