Berufsuche erst nach Geschlechtsreife und daher nicht vererbungsbedingt

Quelle: GA 172, S. 129-133, 3. Ausgabe 1974, 19.11.1916, Dornach

Ich habe öfter auf eine sehr bedeutsame Lebenstatsache hingewiesen, eine Tatsache, die vielleicht, wenn diejenigen Menschen, die die Aufgabe haben, Gelehrsamkeit zu treiben, nicht allzu stumpf sich verhalten werden, in verhältnismäßig kürzester Zeit eine größere, bedeutsame wissenschaftliche Rolle spielen könnte. Nicht wahr, man betont heute vielfach dasjenige, was im Menschenleben zusammenhängt mit der Vererbung, und die Pädagogen, die heute von Berufsbestimmung sprechen, sie reden, weil sie natürlich zumeist papagelenhaft nachschwätzen, was die naturwissenschaftliche Weltanschauung bildet, auch von den vererbten Eigenschaften, auf die der Pädagoge Rücksicht nehmen müsse, wenn er ein Urteil abgeben wolle über das oder jenes, was zu beantworten ist mit Bezug auf den künftigen Beruf eines in das Leben hereintretenden Menschen. Null aber behandelt man diese Vererbung heute nur in der Art, daß man sagt: Kinder erben gewisse Eigenschaften von ihren Eltern, auch von weiteren Vorfahren - und man denkt heute dabei mehr oder weniger an die physische Vererbung, an die Vererbung, die ganz und gar in der physischen Linie aufgeht. Zur Anerkennung der wiederholten Erdenleben, zur Anerkennung des Herübertragens von menschlichen Eigenschaften aus früheren Inkarnationen können sich ja die Menschen der heutigen äußeren Wissenschaft noch nicht entschließen. Man redet von Vererbung. Man wird aber über diese Vererbungsfrage nur dann eine richtige Meinung gewinnen können, wenn man mit ihr im Zusammenhange das betrachtet, was wir schon wissen können, wenn wir auch nur verstehen den Inhalt des kleinen Büchleins: « Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft ». Da wissen wir, daß das menschliche Leben so verläuft, daß es seinen ersten Abschnitt hat bis ungefähr zum siebten Jahre, bis zum Zahnwechsel, einen zweiten Abschnitt hat bis zum vierzehnten Jahre, einen dritten Abschnitt bis zum einundzwanzigsten Jahre und so weiter fort, sagen wir noch bis zum achtundzwanzigsten Jahre und so weiter. Einiges Genauere wiederum wird man finden in einer kleinen Broschüre, die wiedergibt den Inhalt meines vor kurzer Zeit in Liestal gehaltenen Vortrages, wo ich wiederum von einem anderen Gesichtspunkte auf diese Wahrheiten der nach siebenjährigen Perioden geteilten menschlichen Entwickelung zwischen Geburt und Tod hinweisen wollte. Wir wissen, daß im wesentlichen zwischen der Geburt und dem Zahnwechsel der physische Leib in einer gewissen Weise sich innerlich ausbildet, daß sich der ätherische Leib bis zu der Reifezeit ausbildet und daß dann der astralische Leib seine Ausbildung erfährt.

Lenken wir heute einmal unseren Blick auf diesen Zeitpunkt, der vom vierzehnten bis sechzehnten Jahre an läuft; er ist ja für Klima, für Nationalität und so weiter verschieden. In diesem Zeitpunkte wird der Mensch reif, wie wir wissen, Nachkommen das Leben zu geben. Man wird nun erkennen, daß gerade für eine naturwissenschaftliche Vererbungslehre die Betrachtung dieses Zeitpunktes von einer ungeheuren Wichtigkeit ist, denn bis zu diesem Zeitpunkte muß ja der Mensch alle diejenigen Eigenschaften entwickelt haben, welche ihn befähigen, von sich aus Eigenschaften auf seine Nachkommen zu übertragen; er kann nicht nachher erst diese Fähigkeiten entwickeln. Es ist also ein wichtiger Abschnitt im Leben gegeben, der Abschnitt, in dem im Menschen die Fähigkeit aufhört, Eigenschaften auf seine Nachkommen zu übertragen. Gewiß, in untergeordnetem Sinne können auch Eigenschaften, die später erworben werden, auf die Nachkommen übertragen werden, aber naturwissenschaftlich betrachtet ist doch der Mensch so eingerichtet, daß er mit dem vierzehnten bis sechzehnten Jahre vollständig reif ist, zu vererben. Man kann also nicht sagen, daß das Wesentliche, das in die Menschenentwickelung nach diesem Zeitpunkte hereintritt, Bedeutung habe gerade für die Vererbungsfrage. Es wird also die Naturwissenschaft sich bekanntmachen müssen mit den Gründen, warum von diesem Zeitpunkte an der Mensch aufhört, Vererbungsunterlagen in sich zu entwickeln. Für das Tier liegt die Sache ganz anders. Für das Tier liegt die Sache durchaus so, daß es durch sein ganzes Leben hindurch im wesentlichen nicht eigentlich weiterkommt als bis zu diesem Zeitpunkt. Das ist es, was ins Auge gefaßt werden muß.

Nun will ich heute, ohne auf vieles, was in dieser Angelegenheit besprochen werden müßte, einzugehen, sogleich darauf hindeuten, was eigentlich geisteswissenschaftlich der Sache zugrunde liegt. Wir haben ja, wenn wir den Zeitpunkt der Geburt ins Auge fassen, vorausliegend den längeren Zeitraum, den der Mensch zubringt zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt in der geistigen Welt. Dadrinnen finden diejenigen Vorgänge statt, die ich öfter in einer gewissen Weise skizzenhaft beschrieben habe. Alles, was da stattfindet in dem Zeitraum zwischen Tod und neuer Geburt, wirkt natürlich auf den Menschen. Nun ist in dem, was da vorgeht zwischen dem Tod und der Geburt, vor allen Dingen viel darinnen mit Bezug auf alles das, was der Mensch ausarbeitet im Verhältnis zu seiner Leiblichkeit zwischen der Geburt und dem vierzehnten, sechzehnten Jahre. Gerade dasjenige, was der Mensch hier stark in der Unbewußtheit arbeitet, das arbeitet er zwischen dem Tod und der neuen Geburt von dem Gesichtspunkte einer höheren Bewußtheit aus. Also seien wir uns klar darüber: hier auf dieser Erde schaut der Mensch durch seine Augen, durch seine übrigen Sinne auf die mineralische, pflanzliche, tierische Welt und so weiter. Sein Augenmerk ist, wenn er zusammen ist in der geistigen Welt mit Angeloi, Archangeloi, Archai, Exusiai und mit denjenigen Menschen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und die ihm in irgendeiner Weise nahestehen können, sein Augenmerk ist, wenn er herunterschaut, hauptsächlich gerichtet auf dasjenige, was mit dem Menschenleben zusammenhängt in diesem Zeitraum. Von da aus wird, was ich auch schon in exoterischen Vorträgen auseinandersetzte, auch alles das bestimmt, was der Vererbung zugrunde liegt. Wir wissen aus einer Betrachtung, die ich vorige Woche angestellt habe, daß als ein Rest der Vorgänge zwischen dem Tod und einer neuen Geburt gewissermaßen physiognomisch und in den Gesten, in der ganzen Vererbungsanlage auch auftritt dasjenige, was Ergebnis ist früheren Berufslebens, so daß man wirklich dem Menschen ansehen kann während dieser Zeit in der Art sogar, wie er geht, wie er die Hände bewegt, wie er sich sonst verhält, was das Ergebnis seines Berufslebens von der vorhergehenden Inkarnation ist.

Aber dann beginnt die Zeit vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre, die in einer gewissen Weise in Opposition steht zu der vorhergehenden Zeit. In dieser Zeit können, wie Sie gehört haben, nicht in derselben Weise die Vererbungsimpulse nachwirken, denn das ist vorbei; der Zeitpunkt ist vorbei, wenn der Mensch die Vererbungsimpulse ausgebildet hat. Auf solche Fragen nimmt die äußere Naturwissenschaft noch keine Rücksicht. Aber sie wird, wenn sie nicht ganz von aller Realität verlassen sein will, darauf Rücksicht nehmen müssen. Dies ist aber auch der Zeitpunkt, in welchem der Mensch durch unbestimmt wirkende, unbewußt wirkende Impulse zu seinem neuen Berufe hingeführt wird, und in die weniger hereinwirken die Vorgänge, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt liegen, als vielmehr hereinwirken diejenigen Impulse, die aus der vorhergehenden Inkarnation wirken. Ganz besonders wirksam sind die Impulse der vorhergehenden Inkarnation in diesem Zeitraume. Der Mensch glaubt, und die anderen glauben auch, indem sich die Verhältnisse so entwickeln, daß der Mensch in diesen oder jenen Beruf hineingetrieben werde, es wirkten nur diese äußeren Verhältnisse. Aber diese äußeren Verhältnisse sind in Wirklichkeit in einem unterbewußten Zusammenhange mit dem, was in unserer Menschenseele lebt, und zwar jetzt gerade unmittelbar aus dem Verhältnisse der vorhergehenden Inkarnation. Merken Sie den Unterschied: In der vorhergehenden Periode vom siebten bis zum vierzehnten Jahre geht die frühere Inkarnation, indem sie befruchtet wird von dem, was zwischen Tod und neuer Geburt vorgeht, in unsere Leibesorganisation hinein und macht uns zum Abbild des vorigen Berufes; in dem folgenden Zeitraum wirken die Impulse nicht mehr in uns hinein, drängen uns nicht mehr Gesten auf, sondern führen uns die Wege zu dem neuen Berufe hin.

Sie sehen daraus, welch unendlich fruchtbarer Gedanke sich für die Pädagogik, für das ganze Erziehungswesen der Zukunft aus diesen Betrachtungen ergeben muß, wenn sich die äußere Weltkultur einmal dazu wird entschließen können, mit den wiederholten Erdenleben zu rechnen und nicht mehr in phantastischer Weise Theorien aufzustellen, die eben phantastisch sein müssen aus dem Grunde, weil sie nicht mit der Wirklichkeit rechnen, sondern nur mit dem rechnen, was nicht Wirklichkeit ist, nur ein Teilstück der Wirklichkeit, nämlich mit dem unmittelbaren jetzigen Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Hier haben wir wiederum zugleich einen Ausblick zu gewinnen, von welch unermeßlicher Wichtigkeit es sein wird, daß gerade in diejenigen Kreise Geisteswissenschaft hineinkomme, die es zu tun haben mit der Heranbildung, mit der Entwickelung des Menschen, die es aber auch zu tun haben damit, das Leben in der äußeren sozialen Ordnung zu beeinflussen. Natürlich schauen wir da auf weite Perspektiven hin, aber auf Perspektiven, die durchaus mit der Realität zusammenhängen, denn in der Weltenentwickelung herrscht nicht Chaos, sondern herrscht wirklich Ordnung, oder auch Unordnung, aber es herrscht eben dasjenige, was nur aus dem geistigen Leben heraus zu erklären ist. Und so kann derjenige, der da weiß, welches die Gesetze sind, die mit den wiederholten Erdenleben zusammenhängen, in ganz anderer Weise ratend und tatend, wie man sagt, sich dem Leben gegenüberstellen, Dinge aussprechen oder auch Dinge in Szene setzen, welche mit dem Verlauf des Lebens zusammenhängen müssen.