Affengehirn von Verbrechern läßt sich durch Pflege des Ätherhirns ausgleichen

Quelle: GA 164, S. 231-242, 1. Ausgabe 1984, 09.10.1915, Dornach

Nun möchte ich zuerst ausgehen von einem gewissermaßen naturwissenschaftlichen Gedankengang, der uns zeigen kann, wie der denkende Naturwissenschafter - gerade dann, wenn er sich selbst in der richtigen Weise versteht - an die Türe der Geisteswissenschaft pochen sollte. Ich möchte auf ein Kapitel der modernen Naturwissenschaft aufmerksam machen, das auch in sozialethischer Beziehung eine große Bedeutung hat, diese aber in einer menschlich befriedigenden Weise nicht gewinnen kann, solange eben die Naturwissenschaft den Weg zur Geisteswissenschaft nicht gefunden hat. Ich möchte etwas eingehen auf einige Gedankengänge der sogenannten Kriminalanthropologie.

Einer der großen Forscher der Kriminalanthropologie ist der von mir schon öfter genannte Professor Dr. Moriz Benedikt. Er hat als einer der ersten in ganz moderner systematischer Weise Verbrechergehirne untersucht, indem er Verbrecher, insbesondere Mörder, die zum Tode verurteilt worden waren, nachher seziert hat. Die Ergebnisse waren gegenüber so mancherlei Anschauungen, die vordem bestanden, in der Tat so überraschend, daß er zunächst, nach den ersten Untersuchungen, denken konnte, er habe es mit einer Art wissenschaftlichem Abenteuer zu tun und durchaus nicht mit irgend etwas auf der Fährte der Wahrheit. Wenn er also Verbrechergehirne untersuchte, so zeigten sich immer - das heißt für denjenigen, der mit der Konfiguration, mit der Plastik des normalen menschlichen Gehirns vertraut ist - ganz bestimmte innere Strukturen, mit ganz bestimmten, von der Struktur des Gehirns eines Menschen, der kein Verbrecher war, abweichenden Merkmalen. Und damit wir uns nicht zu sehr verbreiten, will ich mich an das Hauptmerkmal halten.

Es zeigte sich, daß ein bestimmter Teil des menschlichen Gehirns, den man den Hinterhauptslappen nennt und der das Kleinhirn bedeckt, bei den Verbrechern zu klein ist, so daß er das Kleinhirn, das er sonst ganz bedeckt, nur spärlich oder gar nicht bedeckt.

Nun denken Sie sich einmal, man seziert ein Verbrechergehirn und findet, daß dieses Verbrechergehirn sich von einem normalen Gehirn so unterscheidet, daß der Hinterhauptslappen das Kleinhirn nicht ganz bedeckt, dann muß man doch zu der Schlußfolgerung kommen: Wenn man so geboren ist, daß man unmöglich den Hinterhauptslappen so weit entwickeln kann, daß er das Kleinhirn bedeckt, dann kann man im Leben überhaupt tun was man will, man wird eben ein Verbrecher und folglich könne man nichts dafür. - Und wenn man nun Affengehirne untersucht, so zeigt sich die gleiche Eigentümlichkeit: der Hinterhauptslappen bedeckt das Kleinhirn nicht ganz. So daß man sagen muß: Bei den verschiedenen Fortentwickelungsmomenten auf dem Wege vom Affen zum Menschen ist auch zu beachten, daß der Mensch über die Affenentwickelung hinausgekommen und ein vollkommeneres Wesen dadurch geworden ist, daß sein Hinterhauptslappen gewachsen ist und das Kleinhirn völlig bedeckt. Das heißt also: Wenn der Mensch Verbrecher wird, so fällt er zurück in die Affenorganisation. Beim Verbrecher haben wir es also mit einem ausgesprochenen Atavismus zu tun. Das heißt nichts anderes, als daß unter den Menschen solche Individuen herumgehen, welche in der Gehirnstruktur atavistisch in das Affenbild zurückgefallen sind. Diese atavistischen Individuen werden eben Verbrecher.

Nun denken Sie an die ethischen und sozialen Folgen einer solchen Anschauung und dann wissen Sie, was es unter den Auspizien der gegenwärtigen materialistischen Weltanschauung - ich meine nicht die geltende Naturwissenschaft - heißt, sich diesen Tatsachen fügen zu müssen. Denn die Tatsachen sind vorhanden und nur ein Narr könnte sie ableugnen. Es steht also der, welcher sich von der materialistischen Weltanschauung leiten läßt, vor der Aufforderung: Sieh dir doch nur einmal Verbrechergehirne an, da kannst du sehen, daß die Gehirnstruktur ins Affenhafte zurückfällt. Also siehst du doch deutlich, wie dasjenige, was sich im Menschen sittlich offenbart, einfach eine Folge der materiellen Organisation des Körperlichen ist. Da siehst du es doch augenscheinlich. Der Mensch, der dieses Gehirn gehabt hat, war ein Verbrecher geworden, gerade weil er dieses Gehirn gehabt hat. Mit derselben Notwendigkeit, mit der das Uhrwerk uns bedient, wenn es richtig geht, um den Zug um zehn Uhr zu erreichen, während ein falschgehendes Uhrwerk, das vielleicht erst sieben Uhr zeigt, uns zum Zug zu spät kommen läßt, mit derselben Notwendigkeit zeigt ein Gehirn, das es nicht zur vollen Ausbildung des Hinterhauptslappens gebracht hat, einen verbrecherischen Menschen an, der zurückgeblieben ist. Da du dich sicherlich nicht wirst entschließen können, einen Dämon in die Uhr hineinzuphantasieren, der die Zeiger herumtreibt, so wirst du dich auch nicht entschließen können, den Dämon «Seele» in das Gehirn hineinzuträumen.

Wollte man sich gegen die gesicherten Ergebnisse der kriminalanthropologischen Untersuchungen von Verbrechergehirnen so ohne weiteres sträuben, so bedeutet das Vogel-Strauß-Politik in der Wissenschaft betreiben, bedeutete einfach, mit denjenigen Dingen, die absolut erforscht sind, nicht rechnen zu wollen.

Nun gibt es, wie Sie wissen, außer der materialistischen Wissenschaft noch eine Philosophie. Aber wenn Sie diese Philosophie betrachten, vielleicht gerade bei denen, die heute oft zu deren bedeutendsten Vertretern gezählt werden, so werden Sie finden, daß diese Philosophie gegenüber den materialistischen Methoden vollständig machtlos ist. Die Begriffe, die die Philosophen gewinnen, laufen entweder darauf hinaus so zu sagen, wie ich es Ihnen an Otto Liebmann gezeigt habe, der ein sehr scharfsinniger Mensch ist und der sagt, daß man über gewisse Punkte nicht hinauskomme, daß man gewisse Grenzen nicht überschreiten könne. Ich habe Ihnen das Beispiel vom Hühnerei angeführt. Oder nehmen Sie die Philosophie Rudolf Euckens in Jena, so können Sie sehen, wie herumgeredet wird und die Worte schön frisiert werden, aber wie die Begriffe, die da entwickelt werden, an die materialistischen Methoden nicht heran können. Sie sind wie das Tun eines Menschen, der hier an einem Ufer des Flusses steht und alle möglichen Anstrengungen macht, um ans andere Ufer hinüberzukommen, aber nicht hinüberkommen kann. Drüben ist die materialistische naturwissenschaftliche Methode, aber er kommt nicht hinüber; daher bleibt das Philosophieren nur ein Herumreden.

Was liegt da eigentlich vor? Nun, gehen wir einmal zurück auf etwas uns lange Bekanntes; gehen wir zurück auf die Gliederung des Menschen in physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Diese gröbste Einteilung, wie sie sich uns geboten hat im Laufe unserer geisteswissenschaftlichen Untersuchungen, nehmen wir zunächst und fragen uns einmal: Was geschieht denn, wenn wir irgend etwas äußerlich Sinnliches betrachten - und ein Verbrechergehirn ist durchaus auch etwas äußerlich Sinnliches -, was geschieht da? Da wirkt das äußere Sinnliche auf unsere Sinnesorgane. Die sind im physischen Leibe. Da kommt die sinnliche Wahrnehmung zustande. Die leugnet niemand ab. Wir wären Toren, wenn wir sie als Geisteswissenschafter ableugnen würden. Es wäre Stumpfsinn, wenn wir uns mit solchen Ergebnissen, wie ich sie aus der Kriminalanthropologie angeführt habe, nicht befassen würden. Wir dürfen auch ihre Tragkraft nicht leugnen, denn sie beweisen durchaus, daß der Verbrecher mit einem Affengehirn herumgeht und der normale Mensch dieses Affengehirn nicht mehr hat. Wenn wir also philosophieren, so wie es die heutigen Philosophen tun, was machen wir dann? In welchen Regionen des menschlichen Wesens bewegen wir uns denn dann? Dann bewegen wir uns in der Sphäre des Ich. Da sind heute alle philosophischen Begriffe. Und gerade bei denjenigen, die heute am scharfsinnigsten philosophieren, werden Sie überall sehen können, daß sie in der Region des Ich gleichsam nur so herumschwimmen. [...]

Nun nehmen Sie das, was wir im Laufe der Jahre oft betrachtet haben - es gehört dies zur ersten Stufe dessen, was in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht, daß man die physische, die gegenständliche Anschauung auf eine höhere Stufe, in die imaginative Anschauung heraufheben kann. Aber erinnern Sie sich an die Charakteristik, die ich immer und immer wieder gegeben habe - in unzähligen Stellen unserer Zyklen steht das -, worin diese imaginative Anschauung besteht. Sie besteht darin, daß durch das Ich wieder in den ätherischen Leib zurückgearbeitet wird. Solange man nur gegenständliche Begriffe formt, wie es der Philosoph auch tut - denn daß er im Geist arbeitet, ist nur sein Größenwahn -, kommt man nicht weiter. Man muß dazu übergehen, daß man vom gegenständlichen zum imaginativen Erkennen aufsteigt, das heißt, sobald Leben in die Begriffe hineinkommt, kommt man aus dem bloßen Ich in den ätherischen Leib zurück. Man bearbeitet den astralischen Leib zum Geistselbst, das heißt, man kann sagen, die philosophischen Begriffe werden zu imaginativen Begriffen oder Vorstellungen, wenn man das Wort «Begriff» da noch anwenden kann. [...]

Jetzt können wir erst einen Lichtblick gewinnen in bezug darauf, was es eigentlich mit so etwas, wie der Realität der Kriminalanthropologie auf sich hat. Selbstverständlich wird einer, der so geboren ist, daß er in seinem Wachstum gerade das hat, daß der Hinterhauptslappen nicht ordentlich das Kleinhirn bedeckt, das ganze Leben mit einem solchen affenhaften Hinterhauptslappen herumlaufen. Aber woher kommt denn ein solcher affenhafter Hinterhauptslappen? Ein solcher ergibt sich geisteswissenschaftlich als die Folge des vorhergegangenen Lebens, denn an seiner Leibesbildung schafft von innen heraus das, was der Mensch früher gewesen ist. So schafft er sich seine Struktur des Leibes und des Gehirns und so auch seines Hinterhauptlappens. Wir können also sagen: Wenn ein Mensch mit einem verkümmerten Hinterhauptslappen herumläuft, so hat er im vorigen Leben sich nicht genug Kräfte errungen, um den Hinterhauptslappen normal zu bilden. Ein Trost ist dies zwar nicht, denn immer bleibt die Möglichkeit bestehen, daß ein solcher Mensch zum Verbrecher werden wird, denn vergrößert kann der Hinterhauptslappen ja nicht werden. Da könnte man nun sagen: Die Menschen sind dann ja in zwei Teile geteilt, in solche, die einen zu kleinen Hinterhauptslappen haben und die sind zu Verbrechern geboren, und in solche, die einen voll ausgebildeten Hinterhauptslappen haben, die nicht Verbrecher werden. - Für die materialistische Weltanschauung gibt es da kaum einen Irrtum. Sie wird zu diesem Schluß kommen. Für die Geisteswissenschaft gibt es theoretisch auch keine andere Antwort, aber da sie weiß, daß der physische Leib nicht der einzige Leib ist, sondern auch noch einen Ätherleib in sich trägt, so ändert sich für sie die Situation. Denn wenn ein Mensch mit einem verkümmerten Hinterhauptslappen, also mit einer ungünstigen Veranlagung zur Welt kommt, dann können wir diesen Menschen immer noch ordentlich erziehen. Wir können die Erziehung so gestalten, daß wir ihm entsprechende moralisch-ethische Begriffe beibringen. Dadurch kann zwar in der gegenwärtigen Inkarnation der physische Leib nicht geändert werden, wohl aber der Ätherteil des Hinterhauptlappens. Der kann vergrößert werden durch dasjenige, was man durch die richtige Erziehung dem Menschen beibringt. Man kann also sehr wohl einem Menschen, welcher auf Grund der vorhergegangenen Inkarnation einen zu kurzen Hinterhauptslappen hat, durch eine geeignete Erziehung etwas helfen. Dadurch, daß wir einen solchen Menschen richtig erziehen, machen wir den Ätherteil des Hinterhauptlappens größer und der betreffende Mensch kann dadurch vor dem Verbrechertum bewahrt werden.

Nun müßte man aber zu der Tatsache, daß man bei denen, die zu Verbrechern geworden sind, einen zu kurzen Hinterhauptslappen findet, auch das umgekehrte Experiment machen. Man müßte normale Menschen sezieren und beweisen, daß sie alle normal entwickelte Hinterhauptslappen hatten; und dabei könnte man dann entdecken, daß es selbst bei normal entwickelten Menschen vorkommt, daß sie einen zu kleinen Hinterhauptslappen haben, aber trotzdem keine Verbrecher geworden sind, weil eben durch entsprechende Erziehung der ätherische Hinterhauptslappen größer geworden ist.

Die ethische Erziehung fügt also der ätherischen, nicht der physischen Konstitution etwas hinzu. Die Erziehung muß jedoch so eingerichtet werden, daß sie den geistigen Gesetzen entspricht. Nehmen Sie das, was als ein Erziehungsprinzip entwickelt worden ist in der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft», so werden Sie finden, daß den Prinzipien der Entwickelung von sieben zu siebenjahren nachgegangen worden ist. Wenn man anfängt, diese Gesetze zu ergreifen und sie in entsprechende Maßnahmen umzusetzen, dann greift man tiefer ein als mit den rein rationalistischen Erziehungsmethoden, wie sie seit langem gang und gäbe sind. Man kommt auch nicht weiter mit dem, was als Fröbelismus heraufgekommen ist. Mit alle dem, was man heute an Erziehungsmethoden betreibt, kommt man nur an das Ich heran. Solange man aber nur an das Ich herankommt, kann man nichts machen, da bleibt der Hinterhauptslappen zu klein. Wenn Sie aber dem geistigen Dasein die Geheimnisse ablauschen und Erziehungsmaßnahmen daraus machen, so kommen Sie in den ätherischen Leib hinein. Da machen Sie wirklich den ätherischen Leib normal, das heißt, sie gewinnen mit der Geisteswissenschaft mächtige Begriffe, Begriffe, die wirklich eine Macht haben über den Menschen, die ihn umändern können. Wenn Sie die Begriffe nehmen, die heute gewonnen werden können - sei es auf der einen Seite aus der Beobachtung der sinnlichen Wahrnehmungswelt, sei es auf der anderen Seite aus dem abstrakten Gerede, das nur aus dem Ich stammt -, so bekommen Sie keine Erziehungsprinzipien und auch keine Prinzipien für das soziale Leben, die wirklich in den Menschen eingreifen. Die Begriffe bleiben machtlos. Sie können ganze Bibliotheken durchforschen - und es wird genügend geschrieben über das Erziehungswesen -, aber alles das ist ein Regelnwollen aus dem Ich heraus, ganz gleich, ob Sie glauben, mehr theoretisch oder sonstwie zu erziehen. Solange es nicht dem Geheimnis der Menschennatur und den geistigen Erziehungsprinzipien abgelauscht ist und dadurch bis in den ätherischen Leib hinein wirksam gemacht wird, so lange bleiben die Begriffe machtlos gegenüber dem, was im Menschen heranwächst.