Goethe - Innere Toleranz durch Imagination

Quelle: GA 164, S. 064-067, 1. Ausgabe 1984, 19.09.1915, Dornach

Also diese Frage könnte jemand aufwerfen: Warum denn die Weiterentwickelung? Warum denn überhaupt das ganze Erdendasein, das uns loslöst von den Tatsachen, durch die wir uns entwickelt haben, so daß die Erkenntnisse hinuntergerückt werden ins Unbewußte, und wir uns erkennend erst wieder zu ihnen hinaufranken müssen? Warum denn das Ganze? -

Ja, sehen Sie, weil wir nur dadurch wahre Menschen werden, weil wir nur dadurch unsere wahre Natur wirklich vollenden können. Und das kann man auch schon äußerlich sehen, wenn man wirklich solche Persönlichkeiten studiert, die etwas von den beweglichen Begriffen, von dieser Begriffsmaus hatten, wie ich sie Ihnen angeführt habe zum Beispiel in der «Metamorphose der Pflanzen» und der «Metamorphose der Tiere» von Goethe. Solche Naturen muß man studieren. Und solche Naturen zeigen zugleich, daß sie, wenn sie nun innerlich ganz wahr sind, in einem ganz bestimmten Verhältnisse stehen zu einer noch anderen Welt der Seele. Gerade bei Goethe zeigt sich das. Studieren Sie den «Wilhelm Meister», studieren Sie alle Gedichte von Goethe, dann werden Sie finden, daß bei ihm in einer merkwürdigen Weise eine bestimmte Art auftrat, über die Welt zu richten, über die Welt zu urteilen. Sie werden nämlich, wenn Sie sich auf diese Dinge einlassen, finden, daß in demselben Maße, in dem bei Goethe sich die Metamorphosenidee entwickelt, sich bei ihm auch eine wirklich echte, großartige innere seelische Toleranz entwickelt. Eine wunderbare Toleranz in der Seele entwickelt sich bei ihm, eine merkwürdige Art, zu der Welt und zum Leben zu stehen, eine seelische Toleranz! Und das hängt mit ganz tiefen Tatsachen zusammen.

Sehen Sie, wenn wir die Tierwelt überblicken, so hat diese Tierwelt ja die verschiedensten Formen. Wenn wir zum Beispiel die Hyäne, die ihre Aas-Sehnsucht im Gesicht trägt, die ihre Art in der ganzen Körperhaltung trägt, vergleichen mit dem Löwen, mit dem Wolf, und wenn wir wiederum diese Tiere vergleichen mit dem Adler und den Adler mit dem Geier, dann diese Tiere in Vergleich ziehen mit Schildkröten, Schlangen, Würmern, den verschiedenen Insekten, wenn wir alle diese verschiedenen Tierformen nehmen, so müssen wir uns doch fragen: Wie hängt das mit der geistigen Welt zusammen?

Das kann man nun nur studieren, wenn man das alte Mondendasein studiert. Denn warum? Sehen Sie, während des alten Mondendaseins war ja der Mensch in seiner heutigen Form noch nicht vorhanden. Die entsprechenden Formen, die auf der Menschenstufe vorhanden waren, waren die Engel. Bei den Angeloi, den Engeln, waren ganz andere Urteile, eine ganz andere Art des Denkens da [als wir sie heute haben]. Die Engel waren dazumal auf derselben Stufe, auf der die Menschen heute sind, aber sie waren ja nicht in einem solchen physischen Körper, wie die Menschen heute auf Erden es sind. Sie waren in einem ganz weichen, beweglichen Körper, denn die Geister der Form hatten noch nicht mitgewirkt, um eine feste Form der Körper zu bilden. Nun, diese Angeloi, die dachten dazumal - also nicht jetzt während der Erdenzeit, sondern während der Mondenzeit - in Begriffen, welche, verglichen mit unseren Erdenbegriffen, viel lebendiger waren. Diese Begriffe haben aber außer der Lebendigkeit noch etwas sehr Eigentümliches. Sie waren in hohem Maße durchtränkt von Gemütsimpulsen. Angeeifert unter dem Einflusse der Archangeloi, der Archai, der Geister der Form, der Geister der Bewegung und so weiter hinauf, faßten die Engel während der Mondenzeit die Begriffe. Aber es sind lebendige, impulsive Begriffe; viel impulsiver, als wir die Begriffe bei den heutigen Menschen finden, die abwechselnd entweder «Entzückensnickel» oder «Giftnickel» werden, nicht wahr, wenn sie ihre Emotionen hineinlegen in das, wie sie das Leben beurteilen. Es gibt ja solche und es können die besten Menschen sein, aber sie werden abwechselnd entzückt sein, zum Entzücken neigen über eine Sache, «Entzückensnickel» sein oder aber ganz ausgesprochene «Giftnickel», so daß in dem, was sie aussprechen, die ganze Seele drinnenliegt und das Ganze herausgeht in den Begriffen, nicht wahr. Nun, das war in viel höherem Grade - direkt schöpferisch, kreativ - bei diesen Engeln im Monde vorhanden.

Stellen wir uns einen solcherart denkenden Mondenbewohner vor! Der sagt sich: Ja, ich muß jetzt einen Begriff fassen. Die Inspiration gibt mir ein: Elender Wicht, der den Rücken von hinten nach vorn ansteigend trägt, der ein abstoßendes Gesicht macht aus Sehnsucht nach Aas! - Da entsteht dieses Wesen, wird dazu verurteilt, Hyäne zu sein. Der kreative Begriff ist da. Die Formen des Tierreiches stehen in innigem Zusammenhange mit diesem schöpferischen Denken, das nach dem Prinzip des Guten und des Bösen schafft. Und das ganze Tierreich in seinen verschiedenen Formen ist so eine Ausgestaltung des Guten und des Bösen.

Die Menschen [der Erde] sollten das nicht lernen. Einer, der nicht von der Mondenkultur lassen wollte, der verführte die Menschen dazu, daß sie erkennen sollten das Gute und das Böse in der Form, wie er es während der Mondenzeit erlebt hat. Der ... [Lücke in der Nachschrift] urteilte so; aber die Menschen, die sollten anders urteilen lernen. Da sollte nicht in tiefere Seelenuntergründe hinuntergehen dieses so starke Hineinlegen der Emotionen in die Begriffe. Das mußte abgelegt werden, das mußte einer objektiveren, einer gelasseneren Form weichen. Deshalb mußte der Mensch von der Monden- zur Erdenentwickelung vorschreiten. Und wenn er jetzt weiter vorschreitet, so wird er noch toleranter werden. So ein Mondenengel, ja, der haßte die Hyäne in einer unglaublichen Weise, weil sie für ihn das Böse war, er haßte die Schlange, haßte, was häßlich war, und liebte das, was schön war. Das Gute und das Böse gehörte zum Bereich des kreativen Lebens. Dies mußte sich der Mensch abgewöhnen. Der Mensch könnte keine Erdenwissenschaft entwickeln, wenn er etwa die Tiere einteilen würde, wie es die Mondenengel gemacht haben, in schöne und häßliche - nicht wahr, wir teilen anders ein, nach objektiven Begriffen -, in anständige und unanständig Tiere, in neckische, in raffinierte Tiere und so weiter. Das alles haben die Mondenengel gehabt. Aber wissenschaftlich wäre es zum Beispiel heute nicht, wenn in einem gelehrten Buche stehen würde: Das Wiesel - Eigenschaft: raffiniert. - Das kann in einem satirischen Gedicht der Fall sein, aber in der Wissenschaft muß das heute zurückgedrängt sein; da kann es heute nicht so sein.

So muß man, um auf diesem Gebiete weiterzukommen, sich zu einer Stufe erheben können, auf welcher man dasjenige, wogegen der Mensch im irdischen Leben die heftigsten Emotionen hat, so naturwissenschaftlich betrachtet, wie heute das Tierreich ohne Emotionen naturwissenschaftlich betrachtet wird. Und dieses können wir in dieser eigentümlichen Artung von Goethes Geist sehen. Für ihn ist das Menschenleben in einem viel höheren Maße ein ruhiger Strom, den er wie die Naturerscheinungen betrachtet. Das ist gerade das wunderbare innere Gelassene der Lebensanschauung Goethes, daß für ihn ein Teil des Menschenlebens auch hineingeht in den Strom der Naturtatsachen. Dadurch konnte er so objektiv werden.