Mittel schaffen zur Veredelung der Gesinnung in Richtung soziales Hauptgesetz

Quelle: GA 266a, S. 128-130, 1. Ausgabe 1995, 03.03.1906

Die Geisteswissenschaft hat kein Patentrezept, wie dies oder jenes auf diesem oder jenem Posten gemacht werden soll; sie schreibt niemandem sein Urteil vor, sondern sie hat das unbedingte Vertrauen, daß jeder selbst zu einem richtigen Urteil kommt, wenn er durchdrungen ist von den Grundwahrheiten.

Und ich werde Euch einen solchen Satz aus den Grundwahrheiten hinschreiben: Not, Elend und Leid sind nichts anderes als eine Folge des Egoismus.

Dies ist wie ein Naturgesetz aufzufassen. Aber dieser Satz ist nicht so aufzufassen, daß es etwa bei einem einzelnen Menschen eintreten müsse. Es kann an ganz anderen Orten zur Erscheinung kommen.

Auch hier kommt es darauf an, nicht kurz zu denken, sondern weit im Umkreis um einen solchen Satz herumzugehen.

Ich habe öffentlich bereits gesagt: Der Mensch lebt bereits unter dem Prinzip des Egoismus, sobald er dem Prinzip lebt: Ich muß persönlich entlohnt werden; das, was ich arbeite, muß mir bezahlt werden. Oder versteckter Egoismus: ihr müßt persönlich entlohnt werden, denn das, was ihr arbeitet, das muß euch auch bezahlt werden.

Der Esoteriker muß sich nun Gedanken machen, ob denn die Arbeit das wirklich Lebenerhaltende ist. Arbeit als solche hat gar keine Bedeutung, wenn sie nicht «weise» geleitet wird! Nur durch von Menschen hineingelegte Weisheit ist dasjenige hervorzubringen und zu schaffen, was dem Menschen dient. Wer dieses nicht versteht und auch nur im Kleinsten dagegen sündigt, sündigt gegen das soziale Denken der heutigen Zeit.

Dieses zu durchdenken in allen seinen möglichen Phasen, das macht das Denken stark. Wer wie die Sozialdemokraten - darüber nachdenkt, wie man Arbeit schafft, um die Arbeitslosigkeit abzuschaffen, der denkt im höchsten Grade unsozial. Es kommt vielmehr nur darauf an, daß Arbeit nur, ausschließlich, für Menschen verwendet wird, um wertvolles Gut zu schaffen.

Und damit kommt Ihr zu dem uralten Satz jeder Esoterik: In einem sozialen Zusammenleben muß der Antrieb zur Arbeit niemals in der eigenen Persönlichkeit des Menschen liegen, sondern einzig und allein in der Hingabe für das Ganze.

Daraus ergibt sich, daß wahrer sozialer Fortschritt nur möglich ist, wenn ich dasjenige, was ich erarbeite, im Dienste der Gesamtheit tue. Mit anderen Worten: Das, was ich arbeite, darf nicht mir selber dienen. Von der Anerkenntnis dieses Satzes, daß einer das Erträgnis seiner Arbeit nicht in Form einer persönlichen Entlohnung haben will, hängt allein der soziale Fortschritt ab.

Solange die Sozialdemokratie die Arbeiterschaft zu dem Denken veranlaßt: Der Mensch muß den vollen Ertrag seiner Arbeit beanspruchen, so lange wird die Menschheit in üblere und üblere Lagen hineinkommen.

Die Geisteswissenschaft muß das Umgekehrte entwickeln aus dem Denken und Fühlen heraus: Der Mensch darf nichts für sich haben wollen von dem, was er erarbeitet. Der Mensch schuldet der sozialen Gemeinschaft Arbeit. Der Mensch muß umgekehrt seine Existenz einzig und allein auf das beschränken, was ihm die soziale Gemeinschaft schenkt.

Das Gegenstück solchen sozialen Denkens muß nun aber auch genau verfolgt werden. Ihr kennt das Beispiel, daß eine Näherin für billigen Lohn arbeitet und daß die Sozialdemokratie den Arbeitern einredet: ihr werdet ausgebeutet! Nun geht aber die Näherin hin und kauft sich ein billiges Kleid, um am Sonntag zum Tanzen zu gehen. Sie verlangt nach einem billigen Kleid. Warum ist das Kleid aber billig? Weil eine andere Arbeitskraft ausgebeutet wurde. Wer beutet also schließlich die Arbeitskraft aus? Ganz sicher die Naherin, die zum Tanzen am Sonntag das billige Kleid trägt.

Wer hier klar zu denken vermag, der ist bereits los von dem Unterschied reich und arm, denn dies hat gar nichts mit Reichtum und Armut zu tun.

Es müssen demnach erst die Gründe geschaffen werden, damit in der Zukunft die Menschen recht fleißig und hingebungsvoll arbeiten, ohne an den Eigennutz zu denken.

Stellt Euch vor, jemand würde ein Heilmittel erfinden und würde es sofort patentieren lassen. Was zeigt er damit? Er zeigt, daß er sofort an den Eigennutz denkt und gar nicht durch Liebe zu dieser Schaffung des Heilmittels geführt wurde, daß er gar nicht von der Liebe zur ganzen Menschheit erfüllt ist. Denn wäre ihm die Gesundheit der Menschen am wichtigsten, so würde er froh sein, wenn auch andere das Heilmittel herstellen, um der Menschheit zu dienen. Ja, er würde geradezu darauf brennen, daß bekannt werde, was in dem Heilmittel enthalten ist und wie es hergestellt wird. Und noch etwas anderes würde eintreten: daß er überzeugt wäre, daß jenes Heilmittel von ihm, mit seiner Gesinnung hergestellt, das Bessere sei.

Und hier haben wir einen wichtigen Satz erreicht, der in der Esoterik eine große Rolle spielt: Es müssen Mittel herbeigeschafft werden, wodurch die Seele veredelt wird.

Wer das Denken anwendet, um einen segensreichen Fortschritt zu erzielen, der muß vor allem die Kraft des Denkens darauf richten, daß die Menschenseelen veredelt werden.

Damit haben wir an den Schluß den Rosenkreuzerspruch zu stellen:

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.