Die soziale Dreigliederung

Forderung der Neuzeit

Von der Antike bis in die Neuzeit hinein wurde es als das Ideal der sozialen Ordnung angesehen, wenn die Menschen in Ständen fest eingeteilt waren. Bei Plato waren es Lehrstand, Wehrstand und Nährstand, im Mittelalter dann Kirche, Adel und dritter Stand. Diese Reihenfolge war zugleich eine hierarchische Rangfolge – mit der Kirche an der Spitze einer gottgewollten Ordnung.

Überwindung der Ständeordnung

Diese alte Ständeordnung lässt sich nur überwinden, wenn es gelingt, sie in ihr völliges Gegenteil zu kehren. Jeder Mensch soll an allen drei Ständen teilhaben.

Soweit wir heute Demokratie haben, ist das für den alten Wehrstand schon der Fall. Das Rechtsleben gehört nicht mehr einem bestimmten Stand, sondern allen mündigen Menschen. Jeder Mensch wird Mitgesetzgeber. Nur lassen sich weder Geistesleben noch Wirtschaftsleben durch Gesetze regeln. Sonst müssen sie beide, um nicht gelähmt zu werden, die Gesetze und damit die Demokratie unterwandern. Die Ständeordnung tritt dann in maskierter Form wieder auf.

Wenn es dagegen gelingt, Geistesleben und Wirtschaftsleben zu verselbständigen, dann kann jeder Mensch – entsprechend seiner Fähigkeiten und Bedürfnisse – Mitgestalter dieser beiden Lebensbereiche werden.

Nicht die Menschen werden eingeteilt, sondern die Gesellschaft wird dreigegliedert. An der Spitze der sozialen Ordnung steht dann nicht mehr ein bestimmter Stand oder irgendwelche Klasse, sondern der volle Mensch.

Herausforderung Industrialisierung

Das moderne Wirtschaftsleben hat seit der industriellen Revolution eine solche Dynamik entwickelt, dass es dazu neigt, alles zu vereinnahmen. Das Rechtsleben droht immer mehr zur Scheindemokratie zu verkommen. Aber auch das Geistesleben ist gefährdet. Die Naturwissenschaften kommen noch verhältnismässig gut weg. Sie haben nicht nur entscheidend zur Industrialisierung beigetragen, sondern sollen bald die sogenannte Industrie 4.0 einleiten. Die Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften werden dagegen gerne weggespart, wo sie sich nicht dazu instrumentalisieren lassen, den Menschen zugunsten der Maschine abzuschaffen.

Wäre die Sozialwissenschaft wirklich unabhängig, dann würde sie weder den Kapitalmarkt noch den Arbeitsmarkt als unabdingbare Tatsachen hinstellen. Sie würde zeigen, dass mit Kapital und Arbeit ganz anders umgegangen werden muss, als mit Waren. Kapital und Arbeit wirken sich zwar auf das Wirtschaftsleben, auf die Preise aus, können aber selber keinen Preis haben, weil der Mensch sonst mitverkauft werden müsste. Wird wirklich auf den ganzen Menschen geschaut, dann zeigt sich das Kapital als eine Geistes- und die Arbeit als eine Rechtsfrage.

Antworten auf die Industrialisierung

KAPITAL → GEISTESLEBEN
Werden Unternehmen weder vererbt noch verkauft, dann können bei der Wahl des Nachfolgers dessen Fähigkeiten allein entscheidend sein.

ARBEIT → RECHTSLEBEN
Wird demokratisch über die maximale Arbeitszeit entschieden, dann kann niemand gezwungen werden, länger an der Maschine zu arbeiten.

Herausforderung Globalisierung

Die Globalisierung des Wirtschaftslebens hat, anders als die Industrialisierung, nach einem ersten Höhepunkt in der Mitte des 19. Jahrhunderts starke Rückschläge erlitten und erst in den 1990er Jahren den damaligen Stand wieder erreicht. Als größte Gegner einer Weltwirtschaftsgemeinschaft versuchen Rechtsgemeinschaften sie entweder zurückzudrängen oder zugunsten ihrer nationalen Interessen zu manipulieren.

Eine solche Manipulation der Weltwirtschaft liegt nicht nur vor, wenn ein Staat den Wechselkurs seiner Währung direkt festlegt, sondern auch wenn ein Staat dafür sorgt, daß besonders wichtige Waren weltweit nur in seiner Währung gekauft werden können. Dasselbe gilt, wenn mehrere Staaten sich zusammentun, um durch eine gemeinsame Währung mehr Gewicht zu bekommen.

Eine Gefahr für die Weltwirtschaft bilden die Staaten aber auch dadurch, daß sie an ihrem Bildungsmonopol festhalten. Staaten können nicht anders als Monokultur treiben. Dies gilt auch für Staaten, die sich die Völkerverständigung auf die Fahnen geschrieben haben. Sie müssen darin scheitern. Andere Völker verstehen kann auch der beste Staatsbürger nicht, sondern einzig und allein das freie Individuum.

Antworten auf die Globalisierung

GELD → WIRTSCHAFTSLEBEN
Wird das Geld, Geldschöpfung eingeschlossen, allein vom Wirtschaftsleben verwaltet, dann kann es als reine Buchhaltung seinen internationalen Charakter entfalten.

SPRACHE → GEISTESLEBEN
Wird die Kultur, Sprache und Erziehung eingeschlossen, der individuellen Freiheit überlassen, dann kann es zu einer Völkerverständigung kommen.