Die Notwendigkeit einer sozialen Dreigliederung am Beispiel der Corona-Krise

22.12.2020

Die besten der bisher vorliegenden Stellungnahmen zur Corona-Krise nehmen nicht ausdrücklich Bezug auf die soziale Dreigliederung. Und umgekehrt gehören die Stellungnahmen zur Corona-Krise, die ausdrücklich Bezug auf die soziale Dreigliederung nehmen, nicht zu den besten. Statt nun näher auf diese Versuche einzugehen, werde ich ganz von vorne beginnen, nämlich bei der sozialen Dreigliederung selbst, also mit Rudolf Steiners Annahme, dass heute Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben am besten zusammenwirken, wenn sie sich erstmal organisatorisch selbständig gemacht haben.

Die erste Frage, die sich dabei stellt, ist: Was versteht Rudolf Steiner unter Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben? Wirtschaftsleben mit Wirtschaft, Rechtsleben mit Politik und Geistesleben mit Kultur zu übersetzen wäre ein grober Fehler. Wirtschaft umfasst nicht das ganze Wirtschaftsleben, sondern beschränkt sich, wie es heute verstanden wird, auf die Produzenteninteressen. Kultur ist nicht das ganze Geistesleben, sondern für die meisten bloßer Luxus und damit im Notfall nicht systemrelevant. Politik ist zugleich zu eng und zu weit gefasst, also doppelt daneben. Was Rudolf Steiner mit seiner sozialen Dreigliederung meint, das wird schon klarer, wenn man begreift, dass er zum Rechtsleben dasjenige rechnet, was durch Gesetze und zum Wirtschaftsleben, was durch Verträge geregelt werden kann. Das Geistesleben lässt sich nicht "regeln", aber trotzdem geht es Rudolf Steiner auch hier um eine spezifische Art des Zusammenspiels zwischen Menschen. So spricht er von den Ratschlägen, die man sich von anderen holt, weil man meint, dass sie einen weiter bringen können. Im Hintergrund steht die informelle Abmachung, dass man sich das letzte Wort selbst vorbehält.

Angewendet auf das Gesundheitswesen sehen die Entscheidungsstrukturen bei einer sozialen Dreigliederung so aus:

  • Verträge zur Herstellung von Medikamenten
  • Gesetze über Hygiene
  • Ratschläge des Arztes für die Gesundheit

 

 

Soziale Dreigliederung und Gesundheitswesen

Dass die ärztliche Tätigkeit in die Zuständigkeit des Geisteslebens fällt, bezieht sich auf die inviduellen Aspekte der Gesundheit. Worauf muss ich achten, um gesund zu bleiben? Wie werde ich wieder gesund? Der Arzt fungiert hier als Berater.

Entscheidend für die Zuständigkeit des Rechtslebens bei Hygienefragen ist die Tatsache, dass es hier nicht um die eigene Gesundheit geht, sondern um die Gefährdung der Mitmenschen. Es braucht keine infektiöse Krankheit zu sein, was einem jetzt durch die allgegenwärtige Corona-Pandemie als Erstes einfällt, sondern verrottender Müll auf der Strasse tut es auch.

Das Wirtschaftsleben kommt erst ins Spiel, wenn Waren benötigt werden. Medikamente sind hier nur ein Beispiel. Hygieneartikel gehören genauso dazu. Durch die Industrialisierung ergibt sich die Möglichkeit, aber auch die Versuchung, Medikamente in grossen Mengen zu produzieren.

Nun wäre es naiv zu glauben, dass es uns gelungen ist, Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben organisatorisch selbständig zu machen. Da würde man sich eine heile Welt vormachen. Sogar die Entscheidungen, die an sich stimmig zu sein scheinen, erweisen sich in einem Kontext der gegenseitigen Korruption von Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben als hochproblematisch.

Wir wollen auf einige charakteristischen Beispiele eingehen.

[Wird fortgesetzt]