Zum Grundeinkommen

01.09.2011

Übersicht über die Kontroverse Bedingungsloses Grundeinkommen?
zwischen Götz Werner, Sylvain Coiplet, Stephan Eisenhut, Ingo Hagel, Ulrich Piel, Thomas Brunner, Heidjer Reetz, Franz Ackermann und Marc Desaules


 

Die Auseinandersetzung mit der Idee des Grundeinkommens ist in der Schweiz in Laufe dieses Jahres deutlich in Schwung gekommen. Eine sehr gut besuchte Veranstaltung im Kongresshaus Zürich, die auch von wesentlichen Repräsentanten des öffentlichen Lebens wahrgenommen wurde, ein Themenheft der «Gegenwart», ein zweites Themenheft des Wochenblatts «Das Goetheanum» zeugen als Beispiele davon. Was bei sozialen Themen nicht verwundert, ist, dass die Auseinandersetzung durchaus kontrovers verläuft. Es gibt unter anthroposophisch suchenden Menschen begeisterte Befürworter wie auch erbitterte Gegner dieser Bewegung, die in absehbarer Zeit gar eine Unterschriftensammlung für eine Gesetzesinitiative beginnen will.

Was mich daran freut, ist, dass die soziale Frage selber wieder einmal ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, nachdem gewöhnlich das Interesse an solchen Themen immer weit abgeschlagen auf der Tagesordnung steht. Das kann an der Tatsache, dass die fundierte Zeitschrift zur Sozialen Dreigliederung Sozialimpulse, welche seit Jahren ausgezeichnete Beiträge publiziert, nur von wenigen Insidern gelesen wird und schlecht und recht vor sich her dümpelt. Wer interessiert sich denn heute für die soziale Frage? Nachdem der Kommunismus endgültig als überwunden gelten kann, beherrscht der Kapitalismus fast uneingeschränkt unser Leben und unsere sozialen Phantasien. Für mich ist es motivierend, ja begeisternd, wenn gegenwärtig ein Angelpunkt gefunden wurde, wo sich die Auseinandersetzung um soziale Gestaltungsfragen neu entzündet. Deshalb schätze ich die Bewegung für ein Grundeinkommen.

Unerwartet viele Menschen sprechen auf das Thema an. Woran mag das liegen? Gesundheitsthemen sind immer ein Hit. Da ist der Egoismus jedes Zeitgenossen angesprochen. Das wirkt. Wie wird für das Grundeinkommen geworben? Ist es vielleicht auch der Egoismus, der bei der kapitalistischen Weltordnung die treibende Kraft ist?

Bei der Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen beschleicht mich eine Sorge. Es ist die Betonung der Bedingungslosigkeit. Bedingungslos, das tönt wie wenn es unverrückbar wäre, wie ein Dogma. Bedingungslos wirkt auf mich wie ein Mechanismus. Wie ein Tabu. Es darf nicht hinterfragt werden. Es gibt keine Kriterien. Und die Frage stellt sich mir: Ist dann das Objekt, auf das sich das bedingungslose Grundeinkommen richtet, auch ein bedingungsloses Wesen. Etwas wie eine Maschine? Ich meine den Menschen, der ohne eigenes Dazutun, ob er Bedarf hat oder nicht, ob er möchte oder nicht, dem Mechanismus Grundeinkommen bedingungslos ausgeliefert ist. Eine solche Betrachtungsweise würde ein rein materialistisches Menschenbild erlauben, eben ein solches, wie es heute der Mehrheitskultur ganz und gar entspricht, und welche ohne andere Impulse die Menschheit in den Niedergang führt. Es würde diese Tendenz noch verstärken und stabilisieren. Bedingungslos suggeriert mir, dass Freiheit ausgeschlossen ist. Dass der Mensch wie ein Automat funktioniert. – Wäre das die Konsequenz aus der Einführung des Grundeinkommens, ich müsste die Bewegung dazu entschieden ablehnen. Doch setze ich mich nach wie vor klar für ein Grundeinkommen ein. Jedoch nicht für ein bedingungsloses. Die Diskussion ums Grundeinkommen braucht die Vertiefung und Erweiterung auf alle Grundfragen des sozialen Daseins in der gegenwärtigen Zeit. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit dem Thema Freiheit und Verantwortlichkeit. Erst wo dies berücksichtigt wird, entstehen Formen des Zusammenlebens, die als wahrhaft menschliche bezeichnet werden können. Wenn die Diskussionen um das bedingungslose Grundeinkommen nur einen Geldverteilungsmechanismus gebären, ist mehr verloren als gewonnen.

Rudolf Steiner hat auf die soziale Frage hingeschaut, nicht weil das sein Privatvergnügen oder Hobby war. Die Idee der sozialen Dreigliederung ist nicht etwas Ausgedachtes. Sie ist die notwendige Folge der Bewusstseinsentwicklung der Menschheit. Dadurch, dass in unserer Zeitepoche die ganze Menschheit einen Entwicklungsschritt gemacht hat, den Rudolf Steiner als «Überschreiten der Schwelle» charakterisiert hat, sind die Bedingungen des sozialen Zusammenlebens andere geworden als zuvor. Wird auf die neuen Bedingungen Rücksicht genommen, ist es zum Wohl der Menschheit. Verläuft die Entwicklung «gegen den Strich», so können die Folgen nicht ausbleiben. Und sie bleiben nicht aus, wie wir tagtäglich schmerzlich erleben. Das Überschreiten der Schwelle durch die Menschheit wird daran sichtbar, dass sich die Gedankenkräfte, die seelische Empfindungsfähigkeit und die Initiativkräfte des Willens nicht mehr selbstverständlich in Einklang halten, sondern sich wie unabhängig voneinander selbständig entwickeln. Das ist zwar eine wirkliche Befreiung. Aber sie kann auch ins Chaos führen. Negative Erscheinungen davon sind: eiskalter, berechnender Verstand, Gefühlsduselei und Schwärmerei (lebt beispielsweise in Massenveranstaltungen oder TV-Soaps), Brutalität und Gewalt. Solche Entwicklungen wirken verheerend, wahre Menschlichkeit kränkend und verhöhnend. Jeder kennt das zu Genüge aus dem Alltag. Überwunden werden kann diese Gefährdung als Folge der Freisetzung von Denken, Fühlen und Wollen da, wo Menschen individuell, aus sich heraus, den Quell der Menschlichkeit wecken, pflegen und beleben. Wo sie aus Freiheit Verantwortung übernehmen für sich selber und für das Dasein in Natur, unter Menschen, im Weltenganzen, das auch alle wirksamen geistigen Kräfte umfasst.

Wo eine zivilisatorische Ordnung gestaltet wird, die nicht zugleich das Geistesleben aktiviert, befreit, und mit ihm als zündender Kraft rechnet, ist nichts gewonnen. Wo eine Ordnung entsteht, die nicht die Würde eines jeden Menschen grundsätzlich ernst nimmt, unabhängig von seiner Herkunft, seinem Verhalten und seiner Stärken und Schwächen, kann nicht wirklich von sozialen Rechtsverhältnissen gesprochen werden. Wo nicht die Gemeinschaft letztlich aller Menschen das Ziel ist, auf das sich alles individuelle schöpferische Unternehmertum richtet, bleibt Freiheit im puren Egoismus stecken. Wo aber diese ethischen Kräfte wirksam werden, da entstehen, dank der Trennung von Denken, Fühlen und Wollen und dem in der Folge erwachten Ich-Einschlag im Bewusstsein vieler Menschen, starke sozial wirksame Kräfte, die Lebendiges, Seelisches und Geistiges für die Weiterentwicklung der Menschheit auf der Erde fruchtbar machen. Dann wären die Menschen nicht gierige Ausbeuter der irdischen Ressourcen, sondern das Erdendasein erhielte Sinn und begeisternde Richtkraft, hervorgerufen durch strebende Menschen selber.


Zunächst erschienen in: Agora Agenda 9/2011