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Ulrich Beck fordert die Autonomie der Hochschulen

01.04.2010

Ulrich Beck gehört sicherlich zu den bekanntesten zeitgenössischen deutschen Soziologen. Spätestens mit seinem Buch „Risikogesellschaft“, (1986) wurde Beck auch über den engeren fachspezifischen Rahmen hinaus populär. Gerade durch die kurz nach Erscheinen des Buches erfolgte Katastrophe von Tschernobyl wurde dem Inhalt dieses Textes eine erschreckende Unmittelbarkeit zuteil und der Titel geriet zum allgegenwärtigen Schlagwort.

Gleichfalls von Becks Fähigkeit den Nerv der Zeit zu treffen „zeugen in eine breitere Öffentlichkeit gesickerte und kontrovers debattierte Begriffe wie «Individualisierung», «Erste Moderne» oder auch «Reflexive Modernisierung».“[1]

Die Ambivalenz des Vorgangs der Individualisierung konnte Beck in „Risiokogesellschaft“ eindrücklich darstellen. Beck schilderte in vielfältigen Beobachtungen zur aktuellen Situation des Menschen in der Arbeitswelt, dem Wissenschaftsbetrieb, der Politik etc., die Verwerfungen und Paradoxien die sich im gesellschaftlichen Verlauf der Individualisierung ergeben und in immanenter Widersprüchlichkeit den Erfolg der Befreiung mit einem Zuwachs an Unfreiheit gekoppelt haben.

Dazu exemplarisch eine seiner daraus resultierenden Schlussfolgerungen: „Der einzelne wird zwar aus traditionellen Bindungen und Versorgungsbezügen herausgelöst, tauscht dafür aber die Zwänge des Arbeitsmarktes und der Konsumexistenz und der in ihnen enthaltenen Standardisierungen und Kontrollen ein. An die Stelle traditioneller Bindungen und Sozialformen (soziale Klasse, Kleinfamilie) treten sekundäre Instanzen und Institutionen, die den Lebenslauf des einzelnen prägen und ihn gegenläufig zu der individuellen Verfügung, die sich als Bewusstseinsform durchsetzt, zum Spielball von Moden, Verhältnissen, Konjunkturen und Märkten machen. ... So wird gerade die individualisierte Privatexistenz immer nachdrücklicher und offensichtlicher von Verhältnissen und Bedingungen abhängig, die sich ihrem Zugriff vollständig entziehen.“[2]

Was Beck hier schilderte, war und ist ja die durchaus realexistierende Karikatur einer wirklichen Individualisierung des Menschen. Eine in blankem Zynismus zu „Individualisierung“ und „Selbstverantwortung“ umgelogene Atomisierung des Subjekts im wirtschaftlichen Bereich, in dem es aussichtslos übermächtigen Kräften ausgesetzt ist, und dessen Leitbild des Haifischbeckens diametral seinem eigentlichen, dem der Brüderlichkeit, entgegengesetzt ist.

Im Kerngebiet der Individualisierung, dem Geistes- und Kulturleben, lärmt dazu weiter und verstärkt die „Kulturindustrie“ als „ Massenbetrug“[3] und der Wissenschaftsbetrieb verödet mit dem Bologna-Prozess in einer markthörigen Spielart der „Mechanisierung des Geistes“.

Rudolf Steiner hatte 1898 dem „soziologischen Philosophen“[4] anempfohlen, Folgerungen aus dem soziologischen Grundgesetz, welches man weitgehend mit dem in der Soziologie gehandhabten Begriff der Individualisierung gleichsetzen kann, zu ziehen.

Beck scheint sich dieser Aufgabe zu widmen. In Februar thematisierte er dafür in der Frankfurter Rundschau mit dem Essay „ Die Wiederkehr des Sozialdarwinismus“ die deutsche Universität. Man muss nicht alle Vorstellungen Becks in diesem Artikel teilen, doch dem Grundanliegen dieses Aufsatzes ist zu wünschen, dass es eine vergleichbare Dynamik und Verbreitung entwickelt, wie frühere Schlagworte Ulrich Becks.

In wütenden Attacken geißelt Beck „Die Lebenslüge der Bildungspolitiker“[5], ihre „Plastiksprache“ und „Unverfrorenheit“, mit der sie die „ McDonaldisierung der deutschen Universität in Gang“ setzten. Beck sieht Bologna als gescheitert an und in Umkehrung des Weckrufs der 1960er- Jahre: Bildung für alle! zeichne sich „eine neue Bildungskatastrophe ab: keine Bildung für alle!“

Dieses Totengräberwesen des Hochschulbetriebs simuliere dazu auch noch eine Ordnung und dafür „bildet es eine Art McKinsey-Stalinismus heran: Netzwerke aus Akkrediteuren, Evaluierern, Bildungsplanern und Bildungsspitzeln.“

Beck schlägt vor, das die Studierenden jährlich den „`Margot-Honecker-Preis` für die herausragendste Absurdität im ganz normalen Wahn der Bildungspolitik“ vergeben sollten. Nach diesen polemischen Abreaktionen erscheint ein zentraler Gedanke: „ Der Humboldt`sche Bildungsbegriff ist moderner denn je.“

Gerade im Zeitalter der Individualisierung, in der die alten Bindungen, Familie, Geschlechterrollen, Parteien, Kirche usw. ihre Bedeutung verlieren und auch die damit gegebenen Sicherheiten sich auflösen, ist Bildung im Humbold`schen Sinne wichtiger denn je: „Bildung, Bildung, Bildung! Und nicht Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung! Denn mit der Ausrichtung an Arbeitsplätzen wird der „wirtschaftliche Bedarf“ zum Bezugspunkt gemacht, den es in der rasant sich wandelnden Arbeitswelt dann so gar nicht mehr gibt.“

Dazu ist die Koppelung des Nationalstaates an die Universität nicht mehr zeitgemäß, Weltbürgertum und Kosmopolitismus sind die Themen. Und folgerichtig hat zu zerfallen: „Die Allmacht des Staates im Bildungswesen.“

Diese staatliche Allmacht ist aber noch aktiv und die Bildungspolitik verharrt entweder in unbeweglicher staatshöriger Tradition oder täuscht Modernisierung vor, und schickt sich an, als „ neoliberale Agenda die Universität als Marktuniversität nach dem Vorbild von Marmeladenfabriken umzumodeln.“

Gegen beide Modelle setzt Beck auf Humboldt 2 als eine dem 21. Jahrhundert adäquate Schule der Weltbürgerlichkeit. Erforderlich ist die Freisetzung individueller Kreativität durch die freie Lehre und Forschung. Hiermit sollen nicht „Menschen zu möglichst perfekten Kopisten vorgegebener Blaupausen ausgebildet“ werden, sondern „schöpferisch handelnde Grenzgänger, die befähigt sind zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und zur Solidarität über Grenzen hinweg.“

Unschwer sind hierin Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu erkennen. „Ein weiterer Irrtum der gegenwärtigen neoliberalen Agenda liegt darin, die Forderung nach Autonomie der Hochschulen mit Marktautonomie zu verwechseln“.

So kommt Ulrich Beck aus der Beobachtung der Fehlentwicklung zweier ungeeigneter Bildungsmodelle zu dem entscheidenden Satz, der gleichzeitig auch seine Forderung ist: „ …die Humboldt bereits am Beginn des 19. Jahrhunderts vor Augen stand, nämlich Bildung und Forschung sowohl staatsfern als auch marktfern zu organisieren.“

Wie das im Einzelnen auszusehen hat, dürfte noch zu entwickeln sein und wie sich Beck etwa die Finanzierung vorstellt, dürfte durchaus auf Widerspruch stoßen, aber festzuhalten ist das unideologische, aus phänomenologischer Betrachtung gewonnene zentrale Motiv eines autonomen und auf sich selbst gestellten, nur seinen eigenen Impulsen folgenden Bildungswesens aus welchem dann die Kräfte erwachsen können für eine wahre Mitbestimmung im demokratischen Staatswesen und einem solidarischen Wirtschaftssystem.

Wie wertvoll solch eine Stimme in der Gegenwart ist, vermitteln die Worte der aktuellen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen aus der jüngeren Vergangenheit in ihrem fossilen, patriarchalischen Charakter: „Für die Schulen sorgt aus gutem Grund bei uns der Staat. Wir würden doch auch niemals Eltern einfach Geld in die Hand geben und sagen, sucht euch selbst einen Lehrer für eure Kinder.“[6]

Doch genau das sollten sie tun! In einem freien Bildungswesen.

Anmerkungen

[1] www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/soziologischer_kosmopolit_1.3216636.html
[2] Ulrich Beck, Risikogesellschaft, S.211/212, Suhrkamp, Frankfurt am Main: 1986
[3] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, S.128-176, Fischer, Frankfurt am Main: 2002
[4] Rudolf Steiner, Freiheit und Gesellschaft, 1898, in: Gesammelte Aufsätze zur Kultur-und Zeitgeschichte 1887-1901, S. 255, GA 31, Dornach: 1966
[5] Alle folgenden Zitate: Ulrich Beck, Die Wiederkehr des Sozialdarwinismus, www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/doku_und_debatte/?em_cnt=2275514&
[6] Interview mit Ursula von der Leyen, www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,687109,00.html

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