Wirtschaftsunterricht an Waldorfschulen - Jetzt!

01.09.2009

Für die Bewältigung der Krise braucht es Menschen, die einerseits unbefangen auf das soziale Leben hinsehen, und andererseits diesem gegenüber ihre individuellen Erkenntniskräfte betätigen können. Solche Menschen kommen nicht von Schulen, an denen der Unterricht von der Wirtschaftspolitik bestimmt wird, die uns in die Krise geführt hat. Sie kommen aber auch nicht von Waldorfschulen. Denn die Waldorfschulen haben das Soziale bisher ausgespart.

Der vergessene Auftrag

Waldorfschulen sind gut für das Künstlerische, behaupten diejenigen, die es gut mit den Waldorfschulen meinen, aber nichts Gutes über Waldorfschulen zu sagen wissen. Nicht ganz zu unrecht: Auf Waldorfschulen wird gemalt, getanzt und gebacken. Das hat auch gute, pädagogische Gründe. Leider fällt den meisten Lehrern und Eltern aber mittlerweile selber nicht mehr ein, was an einer Waldorfschule sonst noch gut sein könnte. Dass die erste Waldorfschule die Initiative einer sozialpolitischen Bewegung war, der Bewegung der sozialen Dreigliederung, die mit dieser Schule einen Beitrag für eine radikale Umgestaltung unserer Gesellschaft, also auch der staatlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen leisten wollte, das wissen die Wenigsten.

Wenn man Waldorflehrer darauf anspricht, reagieren diese oft beleidigt: durch die ganzheitliche Erziehung würden doch die edleren Triebe ihrer Schüler gefördert, und damit bereits viel für die Gesundung unseres Sozialwesens getan. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch, dass kein Mensch dadurch in den Besitz der richtigen Begriffe von Arbeit, Ware und Kapital kommt, dass er ein edler Mensch ist, genauso wenig, wie er dadurch in den Besitz seiner mathematischen oder physikalischen Begriffe kommt.

Der Mensch hat sich nun einmal so entwickelt, dass seine soziale Stellung nicht mehr durch das Gebot irgendeiner Autorität vorbestimmt ist. Weil er aber seinem Handeln selbst die Richtung geben will, muss er auch den Zusammenhang erkennen können, in den sich sein Handeln einfügt. Darum kommt es nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern gerade auch im Sozialen auf exakte Wissenschaft an - auch wenn es mancher aufgrund gewisser sentimentaler Empfindungen gerne anders hätte.

Es reicht deshalb nicht, wenn die jungen Menschen die Schule als irgendwie sozial empfindende Menschen verlassen, zumal auch das soziale Leben in seiner gegenwärtigen, korrumpierten Form nicht bei einem Ungefähren stehenbleibt, sondern ihnen ganz konkrete Begriffe einbildet. Rudolf Steiner wollte das soziale Leben deshalb zum Gegenstand des Unterrichts machen. Wie sonst sollten die Heranwachsenden auch der Suggestion widerstehen können, die ihrer habhaft werden will, wenn sie Worte wie „Arbeitgeber“, „Arbeitnehmer“ oder „Kapitalmarkt“ in den Mund nehmen, wenn sie sich an dem scheinbar aus dem Nichts kommenden Warenangebot bedienen, wenn sie ihre Arbeitskraft verkaufen?

Die Schule entscheidet über die soziale Zukunft

Nie war es dringender als jetzt, dass die Waldorfschulen mit den Anregungen Rudolf Steiners ernst machen und ihre Zöglinge auch in Wirtschaftsfragen unterrichten. Denn die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Wissenschaftskrise. Sie hat ihren Ursprung in den Begriffen über das soziale Leben, die uns in Schule oder Universität, im alltäglichen Wirtschaftsverkehr oder mittels des vermeintlich neutralen Informationsflusses anerzogen werden. Neoliberale Think-Tanks wie z.B. das INSM [1] in Köln, die z.B. die FAZ oder die financial times mit „Nachrichten“ und die Regierung mit Slogans wie „Sozial ist was Arbeit schafft“ beliefern, sind überdies schon längst dazu übergegangen, unsere Kinder für ihre Pläne heranzuziehen, indem sie den Staatsschulen Unterrichtsmaterialien bereitstellen.

Von den richtigen Begriffen für das soziale Leben hängt unsere Zukunft ab. Das kann nur derjenige verkennen, für den das Soziale eine Gesinnungsfrage ist, weil er sich nicht vorstellen mag, dass das Soziale ebenso konkret ist wie irgendetwas sonst in der Welt. Dass z.B. der Begriff „Ware“ keine Definitionssache ist, sondern dass es etwas gibt, das mit Recht Ware genannt werden kann, und etwas anderes, das nicht so genannt werden kann, dass also auch im Sozialen Objektivität möglich ist, das wollen Menschen, die eine hohe Meinung von ihrer Gesinnung haben, nicht so gerne wahr haben. Auf die Fähigkeit, zwischen der sozialen Wirklichkeit und dem Anteil, den die Gesinnung an ihr hat, unterscheiden zu können, kommt es aber gerade an.

Für uns ist z.B. ein Grundstück eine Ware wie jede andere. Beide Vorgänge, der Kauf einer Ware, und der Kauf von Grund und Boden, sind für uns das selbe. In Wahrheit sind beide jedoch nicht einmal miteinander vergleichbar. Geld, das beim Kauf eines Grundstücks den Besitzer wechselt, hat eine ganz andere Funktion im Wirtschaftsorganismus als Geld, das für eine Ware gegeben wird. Natürlich, wenn man sich beide Gelder ausdruckt, dann sehen die heutzutage gleich aus. Dahinter liegen aber zwei ganz verschiedene Prozesse. Nur in unseren Köpfen sind die gleich. Da beginnt das Ideologische. Und in diesem Ideologischen wurzelt die Wirtschaftskrise.

Der Ideologie muss echte Wissenschaft entgegengestellt werden. Eine echte Wissenschaft kann aber nur von Menschen begründet werden, die trotz der Manipulationsversuche von Staats- und Wirtschaftsmacht unbefangen auf die objektiven Wirtschaftsprozesse hinsehen können und wollen. Diese Fähigkeit muss gefördert werden, bevor der Mensch mit Studium oder Beruf beginnt. Denn dadurch, dass er arbeitet, so wie man heute arbeiten muss, sprich, seine Arbeitskraft verkauft, kann kein Mensch lernen, sich objektiv zu den wirtschaftlichen Prozessen zu stellen, im Gegenteil: durch die Arbeit in seiner heutigen Form wird die Ideologie in den Gewohnheiten zementiert. Auch was man vielleicht vor dem Berufsleben an der Universität lernen kann, fördert nicht die soziale Erkenntnis. Was in den Sozialwissenschaften, insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften getrieben wird, ist Ideologie. Das muss man sich angesichts der Lage, in die uns diese vermeintliche Wissenschaft gebracht hat, auch einmal eingestehen.

Der halbe Rudolf Steiner erzieht zum Kapitalismus

Der Anfang für eine echte Wirtschaftswissenschaft muss damit gemacht werden, dass Menschen bereits im Schutzraum der Schule Gelegenheit bekommen, aufmerksam für die verschiedenen Bereiche unseres Zusammenlebens zu werden, für das Rechtsleben, für das Geistesleben, und eben auch für das Wirtschaftsleben.

Deshalb soll den Kindern gerade nicht irgendeine andere, vermeintlich bessere Ideologie anstelle der alten eingeimpft werden. Man könnte Menschen aber die Chance geben, sich dem sozialen Leben erlebend gegenüber zu stellen, bevor sie von diesem Leben in seiner gegenwärtigen, kranken Form korrumpiert werden. Letzteres ist zwar unausweichlich. Aber es macht einen Unterschied, ob ein Mensch, bevor er als Erwachsener seine Arbeitskraft verkaufen muss, den Wert der Arbeit kennengelernt hat. Es macht einen Unterschied, wenn er schon einmal für das Bedürfnis eines anderen Menschen arbeiten konnte und sich mit der Motivation für diese Arbeit auseinandersetzen musste, wenn er auch die Anstrengung des anderen gesehen hat, der für ihn arbeitet, wenn er erfahren hat, dass er selbst eine bestimmte Menge an Waren konsumieren muss, um für andere arbeiten zu können, wenn er dadurch versteht, was hinter dem Preis liegt, was der objektive Preis einer Ware ist, weil ein arbeitender Mensch auch leben muss. Er wird an die objektiven Wirtschaftsgesetze herankommen, und nicht auf die „Lehrbücher“ von Propaganda-Apparaten wie dem INSM hereinfallen.

Die Waldorfschulen sind in Sachen Sozial- und Wirtsschaftskunde in den Kinderschuhen stecken geblieben. Zwar gibt es eine Hausbauepoche, es gibt Werkunterricht, und es gibt kleinere Praktika. Aber diese Fächer bilden erstens alle nur einzelne Teilgebiete des Wirtschaftslebens ab, und dies zweitens unbeabsichtigt, denn sie dienen gar nicht dem Zweck, die Kinder mit den Gesetzen des Wirtschaftslebens vertraut zu machen. Was fehlt, ist schlicht ein echter Wirtschaftsunterricht, wie ihn der Gründervater der Waldorfschulen forderte. Dass die diesbezüglichen Anregungen Rudolf Steiners, wie z.B. die, dass die Schüler spätestens bis zum 15. Lebensjahr die Buchführung[2] beherrschen oder dass sie ihre Werkstücke professionell fertigen und verkaufen sollen[3], bis dato nicht umgesetzt wurden, liegt schlicht daran, dass die meisten Waldorflehrer aufgrund persönlicher Neigungen lieber die aufs Künstlerische bezogene Anregungen Rudolf Steiners aufgreifen und dafür andere ignorieren.

Es ist unehrlich, wenn mit der fehlenden Zeit argumentiert wird, denn Kunstunterricht, Schreinern, Schmieden, Eurythmie u.v.m ist ja möglich. Die 12 Klässler finden sogar neben den Prüfungsvorbereitungen die Zeit, ein anspruchsvolles Theaterstück einzustudieren. Tatsächlich verhält es sich also so, dass die Waldorfschulen für manches von dem, was sie laut Lehrplan zusätzlich zum Staatsschul-Pensum leisten sollen, Zeit finden, für anderes dagegen nicht. Und da sie merkwürdigerweise alle sehr viel Zeit für künstlerisches, aber überhaupt keine Zeit für wirtschaftliches oder rechtliches finden, während sich im Lehrplan beides die Waage hält, liegt es auf der Hand, dass die Waldorflehrer die Themenbereiche des Lehrplans unterschiedlich bewerten.

Das sollen sie auch. Unter „Lehrplan“ verstehen die Waldorfschulen zunächst die Protokolle der Lehrerkonferenzen der ersten Waldorfschule, bei denen Rudolf Steiner anwesend war. Den eigentlichen Lehrplan entwickelt das Lehrerkollegium unter Berücksichtigung dieser Protokolle, aber im Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen. Die Frage wäre also, ob im Hinblick auf die Herausforderungen unserer Zeit die Wahl richtig getroffen ist, wenn ausgerechnet der Wirtschaftsunterricht, wie ihn Steiner laut den Protokollen angeraten hat, nicht umgesetzt wird.

Die Ratschläge Rudolf Steiners sind meistens auf die konkrete Situation bezogen, und zielen häufig sogar auf ein bestimmtes Kind, das Steiner kennengelernt hat. Diese Ratschläge können daher nicht ohne weiteres übertragen werden. Das entspricht dem Grundimpuls der Waldorfschule, gemäß dem der Lehrer die Lehrmethode an das Kind anpassen soll, anstatt umgekehrt. Es gibt aber auch allgemein formulierte Ratschläge, und in diesen sind die Themen Wirtschaft und Technik überproportional häufig vertreten. Zum Teil greifen sie auf andere Fächer über – z.B. sollen im Deutschunterricht anstatt moralisierender Geschichten Geschäftsbriefe geübt[4], und im Mathematikunterricht soll die Zinsrechnung am Beispiel des Wertpapier-Handels erlernt werden[5] – zum Teil sind sie selbst unmittelbar Gegenstand des Unterrichts.

Ersteres wird an den Waldorfschulen kaum berücksichtigt, und letzteres vollständig ignoriert. An keiner der 213 Waldorfschulen in Deutschland wird zum Beispiel folgende Stelle im Protokoll berücksichtigt: „Es wird berichtet über den Unterricht in sozialer Erkenntnis. Dr. Steiner: „In der 7. und 8. Klasse könnte man das geben, was in den Kernpunkten der sozialen Frage steht“[6]. Die Schrift Die Kernpunkte der sozialen Frage behandelt die Frage des gerechten Preises, den Begriff der Ware, die Unverkäuflichkeit der Produktionsmittel, das Eigentumsrecht, das Wesen des Geldes usw.

Man könnte sagen: Nun ja, soziale Dreigliederung ist wichtig, anderes ist aber auch wichtig, und wir spezialisieren uns eben auf das andere. Das ist ein fataler Irrtum. Man kann „Wirtschaft“ oder „Recht“ nämlich gar nicht „nicht unterrichten“. Man kann die Kinder in diesen Dingen nur mit oder ohne Bewusstsein unterrichten. Und wenn man sie ohne Bewusstsein unterrichtet, dann zwängt man ihnen eben jene falschen Begriffe auf, die uns in die Krise geführt haben. Denn die Lehrer besitzen selber keine anderen Begriffe. Wenn sie nicht gegenüber Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben um die richtigen Begriffe gerungen haben, dann besitzen sie keine anderen Begriffe als die, die ihnen von der korrumpierten Gestalt unseres sozialen Lebens eingeprägt wurden. Und diese Begriffe gestalten dann auch den Unterricht mit, der scheinbar gar nichts mit der sozialen Frage zu tun hat.

Der Quell des Irrtums

Niemand muss zuerst das soziale Leben studieren, wenn er einem Kind Schreiben und Lesen beibringen will. Der Lehrer muss durch den sich entwickelnden äußeren Menschen hindurch das Individuum verstehen können, das sich in der Entwicklung des Menschen entfalten will. Ein Waldorflehrer lernt bei seiner Ausbildung daher etwas über den dreigliedrigen Menschen, denn nach Auffassung der Anthroposophen ist der äußere Mensch eben dreigegliedert.

Mit dieser Tatsache hängt es zusammen, wenn man obige Feststellung bezüglich der Begriffe der Waldorflehrer nicht zugeben kann. Denn die meisten Waldorflehrer wissen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem dreigegliederten Menschen und der Dreigliederung des sozialen Lebens gibt. Deshalb glauben sie, mit dem Wissen von der Organisation des Menschen auch ein Wissen von der Organisation des sozialen Lebens zu haben. Es führt aber keine Abstraktion und kein logischer Schluss von dem dreigegliederten Menschen hinüber zu der Dreigliederung der Gesellschaft in Rechtsleben, Wirtschaftsleben und Geistesleben. So wie sich die Dreigliederung des Menschen dem geisteswissenschaftlichen Studium dieses Menschen erschliesst, so erschliesst sich die Dreigliederung des sozialen Lebens dem geisteswissenschaftlichen Studium des sozialen Lebens. Und wer zugeben kann, dass er nicht selbst auf die Dreigliederung des Menschen gekommen ist, sondern diese z.B. durch die Lektüre der „Theosophie“ von Rudolf Steiner kennengelernt hat, der kann vielleicht auch verstehen, warum man ohne ein Studium der Kernpunkte der sozialen Frage nichts über die soziale Dreigliederung wissen kann. Der Grund ist jeweils der selbe.

Rudolf Steiner hat zwischen beiden dreigliedrigen Systemen, dem Menschen auf der einen Seite, und dem Sozialen Organismus auf der anderen Seite, einen Zusammenhang gefunden. Er hat jedoch, in Vorahnung des möglichen Missverständnisses, häufig darauf hingewiesen, dass das eine nicht von dem anderen hergeleitet werden könne, sondern dass für die Erkenntnis beides getrennte Gebiete sein müssten - wenn auch der Vernunft nach der Erkenntnis der beiden selbständigen Gebiete ein Zusammenhang aufgehen könnte. So z.B. in den „Kernpunkten der sozialen Frage“:

Wenn man einfach das, was man glaubt gelernt zu haben am natürlichen Organismus, überträgt auf den sozialen Organismus, wie es oft geschieht, so zeigt man damit nur, daß man sich nicht die Fähigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso selbständig, ebenso für sich zu betrachten, nach dessen eigenen Gesetzen zu forschen, wie man dies nötig hat für das Verständnis des natürlichen Organismus. In dem Augenblicke, wo man wirklich sich objektiv, wie sich der Naturforscher gegenüberstellt dem natürlichen Organismus, dem sozialen Organismus in seiner Selbständigkeit gegenüberstellt, um dessen eigene Gesetze zu empfinden, in diesem Augenblicke hört gegenüber dem Ernst der Betrachtung jedes Analogiespiel auf […][7]

Die Stelle in den Kernpunkten bezieht sich auf „Analogiespiele“ der materialistischen Wissenschaft, und man könnte daher vermuten, dass Steiner mit anthroposophischen „Analogiespielen“ eine Ausnahme machen wollte. Dass dem nicht so ist, wird in den Vorträgen erkennbar, in denen Steiner diese Stelle aufgreift, so z.B.:

Ich will gleich bemerken, wie dieses Analogiespiel aufhören muß. Die Betrachtung des sozialen Organismus - allerdings hat man es da mit einem Werdenden, mit einem eigentlich erst Entstehenden zu tun -, insoferne er gesund sein soll, führt ebenfalls zu drei Gliedern dieses sozialen Organismus; aber man erkennt beides selbständig für sich, wenn man objektiv die Dinge nehmen kann. Man erkennt auf der einen Seite die drei Glieder des menschlichen Organismus, auf der anderen Seite objektiv für sich die drei Glieder des sozialen Organismus. […][8]

Anschauung statt Ideologie

Das Ideal vieler Waldorflehrer ist die Liebe zur menschlichen Individualität. In ihren Augen darf die Erziehung eines heranwachsenden Menschen keinen anderen Zwecken dienen als denen, die durch die Individualität dieses Menschen bestimmt werden. Häufig beschreiben Waldorflehrer ihre Arbeit so: Sie räumen dem Kind Steine aus dem Weg. Von den Absichten der Staatsschulen nehmen die Waldorfschulen daher ganz bewusst Abstand: Die Schule soll gerade nicht Zwecken dienen, die außerhalb der Individualität des Kindes liegen. Das Kind soll nicht für Pläne herangezogen werden, die sich andere gerade aus wirtschaftspolitischen oder aus religiösen Gründen ausgedacht haben, sondern umgekehrt: es soll ermächtigt werden, selbst zu beurteilen, wie es sich am besten in das wirtschaftliche, politische oder religiöse Leben hineinstellen kann.

Gerade dafür ist aber auch ein Wirtschaftsunterricht notwendig. Es ist nicht im Sinn des hier geschriebenen, dass der Sozialkunde-Lehrer dem Staat Konkurrenz machen und den Kindern ebenfalls irgendeine Ideologie beibringen soll. Er soll vielmehr auch hier Steine aus dem Weg räumen. Er soll die Lügen aus dem Weg räumen, die die freie Sicht auf das soziale Leben verstellen und das Kind später daran hindern, gestaltend in dieses Leben einzugreifen. Dazu muss er zwar schon eine Vorstellung von den objektiven Vorgängen in dem sozialen Organismus haben. So wenig aber, wie ein Chemie-Lehrer die Vorgänge in den Stoffen vollständig durchdrungen haben muss, so wenig muss ein Sozialkunde-Lehrer den dreigegliederten sozialen Organismus bis ins Letzte verstanden haben. Denn auch hier kann die Anschauung zu Hilfe genommen werden.

Wenn die gedankliche Arbeit am Kapital-, Waren- oder Arbeitsbegriff nur im Kopf stattfände, dann könnte sie tatsächlich ins Ideologische abgleiten. Das Denken sollte sich im Sozialkunde-Unterricht auf die eigene Erfahrung bei der Warenherstellung, Kapitalverwaltung, Arbeitszeitregelung usw. stützen können, sodass sich Irrtümer anhand der Erfahrung gegebenenfalls auch korrigieren lassen.

Die Möglichkeiten werden in jeder Schule anders sein. Denkbar wäre z.B. die Gründung einer Schülerfirma. Denkbar wäre aber auch, sich mit einem Unternehmer zusammenzutun und die Schüler für diesen die Buchführung machen zu lassen. Oder man könnte die bereits vorhandene „Produktion“ wirtschaftlicher gestalten, indem man etwa den geflochtene Korb oder die geschmiedete Pfanne wirklich verkaufsfertig macht, und eine entsprechende Kalkulation erstellt. Rudolf Steiner wollte für den Wirtschaftsunterricht Menschen bekommen, die außerhalb ihrer Lehrertätigkeit als Unternehmer im Wirtschaftsleben stehen. Wenn aber jeder Lehrer in seinem Fach an dem Thema arbeitet, dann kann der Wirtschaftsunterricht vielleicht auch eines eigenen Faches entbehren. Ein solches Zusammenspiel wäre auch keine Mehrbelastung für die Lehrer, im Gegenteil: die Kinder lernen schneller und besser, wenn sich Mathematik-, Deutsch- , Physik- und Chemie-Unterricht, wie von Rudolf Steiner angeraten, auf die eigene Erfahrung beziehen. Hier finden sich Anregungen, wie so etwas aussehen könnte, interessant ist z.B. das dort beschriebene Projekt von Ernst Rose.

Durch die Arbeit in einer echten, gewinnorientierten Firma werden die Kinder keineswegs zu Kapitalisten erzogen. Lehrer und Eltern, die so etwas fürchten, für die Worte wie „Verkauf“ oder „Buchhaltung“ irgendwie anrüchig klingen, die beweisen damit nur, dass ihnen selbst die richtigen Begriffe fehlen, und wie dringend also etwas getan werden muss. Denn das Gegenteil ist der Fall. Der Kapitalismus (in der gewohnten Wortbedeutung) liegt nicht im Wesen der Wirtschaft selbst, sondern wird vom Staat als Ideologie in diese hineingetragen. Dem Wesen des Wirtschaftens kommen die Kinder aber näher, wenn sie ein Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Kunden entwickeln, wenn sie verstehen, wo eine Ware herkommt, und wo sie hingeht, und was sich hinter ihrem Preis verbirgt. Damit setzen sie der Ideologie des Kapitalismus eine Wahrheit entgegen. Das bemerken die Kinder selbst. Und dass sie das bemerken können, dass sie ihre Erfahrungen mit den Vorgängen in der Wirtschaft vergleichen und die richtigen Schlüsse ziehen können, dabei helfen ihnen dann in der Tat die Erkenntniskräfte, die die Waldorfschule durch ihr ganzheitliches Erziehungskonzept wecken konnte.

Die Schülerfirmen „Steinbrücke“ und „Nyendo“

Den Impuls für die Steinbrücke hatte der Lehrer Michael Benner gegeben, der einen Weg suchte, die Möglichkeit für praktische Erfahrungen im Wirtschaftsleben dauerhaft in die Schule zu integrieren. Das ist ihm gelungen. Die Schülerfirma „Steinbrücke“ an der Waldorfschule Märkisches Viertel Berlin betreibt mittlerweile einen florierenden Handel mit Edelsteinen aus der ganzen Welt. In Deutschland beliefern die Schüler 13 Fachhändler mit ihren Produkten, verkauft aber auch selbst auf Bazaren und Messen. Vom Einkauf über die regelmäßigen Geschäftssitzungen bis zur Vermarktung bleibt der Betrieb dabei vollständig in den Händen der Schüler. Seit der Firmengründung haben Schüler der Berliner Waldorfschule insgesamt über 67.000 Euro an Hilfsprojekte aus der dritten Welt gespendet. Denn das ist eine Besonderheit der Steinbrücke GbR: Die Gewinne gehen komplett zurück in die Länder, in denen die Steine gefördert werden.

Ich hatte Gelegenheit, einer Pressekonferenz der Schülerfirma Steinbrücke beizuwohnen, bei der die Schüler ihre Firma präsentierten und Schecks im Gesamtwert von mehreren Tausend Euro an die Vertreter verschiedener Hilfsprojekte aus Ländern der dritten Welt überreichten. Von dem selbstbewussten Auftreten der 9., 10. und 11. Klässler war ich überrascht. Im Anschluss an die Pressekonferenz habe ich dann zwei junge Mitarbeiter der Firma interviewt. Nach dem Interview hatte ich keinen Zweifel mehr daran, dass die Arbeit in der eigenen Firma den Schülern einen geistigen Vorsprung vor anderen Waldorfschülern verschafft, und zudem alles andere als eine kapitalistische Gesinnung gefördert hatte. Wer aufgrund irgendeiner 68 Romantik um den Anstand seines Kindes fürchtet, weil dieses einen „kapitalistischen“ Betrieb verstehen lernen soll, den kann dieses Interview vielleicht beruhigen.

Irmgard Wutte, die Gründerin der Schülerfirma Nyendo an der Rudolf Steiner Schule Ismaning, beschreibt den pädagogischen Wert eines praktischen Wirtschaftsunterrichts so: „Schüler zwischen 14 und 18 Jahren bekommen heute viele Informationen über lokale und weltweite Ungerechtigkeiten, Not und Bedrohungen. Je mehr Informationen sie haben und je weniger sie daraus handelnd gestalten, desto größer wird das Gefühl der Ohnmacht und eigenen Nutzlosigkeit. Sie brauchen Vorbilder und Begleitung bei dem Entdecken und Entfalten der eigenen Phantasie – und Tatkraft, die bestehenden Verhältnisse zu ändern und Verantwortung zu übernehmen. Die Schülerfirma Nyendo bietet einen idealen Rahmen, dies schrittweise zu üben.“

Nyendo kauft Kunsthandwerk zu fairen Handelsbedingungen in Kenia ein, verkauft und vertreibt die Waren in Deutschland und spendet den Erlös an zwei Schulen in Kenia. Im Rahmen des Sozialpraktikums haben die Schüler sogar Gelegenheit, die Menschen in Kenia zu besuchen. Mehr noch als Steinbrücke ist es Nyendo außerdem gelungen, das Praktische mit dem Theoretischen zu verbinden und die Schülerfirma in die Schule zu integrieren. So wird beispielsweise in der 7. Klasse die Buchführung anhand der Kostenrechnung von Nyendo erlernt.

Mikrokosmos und Makrokosmos im Sozialen

Wer den Ausdruck „soziale Dreigliederung“ noch nie gehört hat, der verbindet das Wort „sozial“ unwillkürlich mit der Hilfe für kranke, behinderte, alte und auf andere Weise benachteiligte Menschen. Wer von der sozialen Dreigliederung sprechen möchte, der muss deshalb erklären, dass „sozial“ hier etwas ganz anderes bedeutet. Das „sozial“ in soziale Dreigliederung meint das Ganze, die Gemeinschaft, zu der auch die Gesunden gehören; das Zusammenleben der Menschen in Staat, Wirtschaft und Kultur.

Die Waldorfschulen pflegen besonders das Soziale nach der ersten Wortbedeutung. Auf den meisten Waldorfschulen gibt es etwa ein Sozialpraktikum, bei dem die Schüler zum Beispiel in einer Einrichtung für geistig Behinderte arbeiten können. Die Waldorfschulen tun das auch im Hinblick auf die zweite Bedeutung des Wortes: Die Lehrer wissen, dass eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft nur von Menschen errichtet werden kann, die das Menschenwesen in dem individuellen Schicksal erkennen. Durch die Liebe zu einem Menschen, der für das äußere, irdische Leben einen Nachteil hat, kann diese Erkenntnis wachsen.

Wenn das Menschenwesen aber zu seinem Recht kommen soll, dann muss zu der Erkenntnis dieses Wesens das Wissen um die Form hinzutreten, in der Menschen miteinander als Menschen leben können. Und da Menschen stets auf drei Arten miteinander leben, ist jenes Wissen ein Wissen um die Organisation von Staat, Wirtschaft und Kultur. Dieses Wissen fehlt den Menschen bislang. Deshalb haben sie ihrer Gemeinschaft eine Form gegeben, durch die auch der Gesunde benachteiligt und selbst der Hilfe bedürftig wird. Und wenn es auch wahr ist, dass die Gesellschaft Menschen braucht, die z.B. mit geistig behinderten Menschen arbeiten, so ist es deshalb nicht weniger wahr, dass geistig behinderte Menschen eine Gesellschaft brauchen, in der eine solche Arbeit möglich ist.

Die Waldorfschule braucht soziale Erkenntnis

Wer sich trotz seiner Schulbildung mit wirtschaftlichen Fragen befasst hat, der kann in der gegenwärtigen Krise mehr sehen als ein Zahlenspiel. In der Wirtschaftskrise kündigt sich jene große Menschheitskrise an, die in den schrecklichen Ereignissen der vergangenen hundert Jahre ihre Vorläufer hatte. Und je weniger man behaupten darf, dass ein Mensch, der die Waldorfschule besucht hat, dieser Wirtschaftskrise eher praktisch entgegenarbeiten kann als einer, der die gewöhnliche Staatsschule besucht hat, desto weniger wird man verstehen können, warum es eine zweite Schule neben der Staatsschule braucht. Man wird die Waldorfschule reformieren, man wird sie zu einer modernen Staatsschule machen, die sich von den ausgewiesenen Staatsschulen nur darin unterscheidet, dass sie das Staats/Wirtschaftskonglomerat effizienter bedient, weil sie ihm mehr Sozialdienstleister, mehr Kreativität oder ein besseres Betriebsklima zuführt. Solche Reformbestrebungen brechen ja jetzt überall hervor. Ob diese Reformer recht damit haben, den Geist der Waldorfschule zu stutzen oder nicht, das wird davon abhängen, was der schrumpfende Anthropsophen-Teil in den Waldorfschulen jetzt tut.

Das, was viele Waldorflehrer jetzt beklagen, nämlich dass die Waldorfschulen geistig ausgehöhlt werden, dass sie immer weniger Waldorfschule und immer mehr ein bequemerer Weg zum Abitur sind, was auch insbesondere die Waldorfschulen im Ausland daran merken, dass die Unterstützung aus Deutschland nachlässt, das hat seinen Ursprung darin, dass die Waldorfschulen im Begriff sind, ihren sozialen Auftrag und damit ihre Berechtigung im sozialen Leben zu verlieren.

Ein Geist, der seine Berechtigung im Sozialen verliert, bildet sich zurück. Das Gegenmittel kann nur sein, diesen Geist wieder an das soziale Leben anzubinden. Wenn das geschehen soll, muss man von den Waldorflehrern allerdings mehr erwarten dürfen, als dass sie vielleicht attac sympathisch finden. Man muss erwarten dürfen, dass sie den ihnen anvertrauten Menschen nicht nur die Grundlagen für die Naturerkenntnis oder Kunsterkenntnis verschaffen, sondern ebenso die Grundlagen für die Sozialerkenntnis, dass sie also ihre Schüler, vielleicht in der Weise, wie von Rudolf Steiner angeraten, an die drei Grundbegriffe der Sozialerkenntnis heranführen: Arbeit, Ware und Kapital. Dann wird man sehr bald sehen können, was ein anthroposophisches Menschenbild praktisch bedeutet. Wenn sie dagegen damit fortfahren, auf der einen Seite Menschenliebe in den Schülern zu wecken, ihnen auf der anderen Seite aber die Werkzeuge zu verweigern, mit denen die Schüler ihrer Menschenliebe folgen könnten, wenn sie die Kinder zu einem Idealismus verführen, der Krieg und Hunger bloß zuschauen kann, der nur moralisch über die Dinge urteilen kann, dann führen Menschenliebe und Idealismus nicht zu etwas Gutem.

Anmerkungen:

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Initiative_Neue_Soziale_Marktwirtschaft
[2] GA 294, S.167
[3] GA 303, S.257
[4] GA 294, S. 166
[5] GA 294, S.191
[6] GA 300a, S. 124
[7] GA 23, S. 49
[8] GA 328, S. 28