Die Bedeutung eines freien Geisteslebens für eine neue Wirtschaftsordnung
Zur Debatte um ein Grundeinkommen

01.12.2005

Übersicht über die Kontroverse Bedingungsloses Grundeinkommen?
zwischen Götz Werner, Sylvain Coiplet, Stephan Eisenhut, Ingo Hagel, Ulrich Piel, Thomas Brunner, Heidjer Reetz, Franz Ackermann und Marc Desaules


 

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht Tausende von Arbeitsplätzen gestrichen werden. Gerade eben (29. Sept. 2005) gibt auch Mercedes, die "Perle" des deutschen Automobilbaus, den Wegfall von 8.500 Stellen in den nächsten 12 Monaten bekannt, was jeden 9. Arbeitsplatz der insgesamt 77.000 in Deutschland Beschäftigten dieser Firma betrifft. Die Börse reagierte begeistert und belohnte die Maßnahme am selben Tag mit Kursgewinnen von 3,9 %. Wohl nur wenige der Entlassenen haben Aussicht auf einen neuen Arbeitsplatz in einer durch Rationalisierung veränderten Arbeitswelt, in der Menschen durch Maschinen ersetzt werden. Doch Gerhard Schröder war völlig überzeugt, diese Verhältnisse sozusagen einfach "per Regierungswechsel" verändern zu können. Als gerade gewählter Bundeskanzler verkündete er 1998 selbstbewusst, seine rot-grüne Regierung sei nicht wert, wiedergewählt zu werden, wenn sie nicht in der Lage sei, die Arbeitslosenquote spürbar zu senken1. Die Konzepte, die dann durchgesetzt wurden, lauteten Agenda 2010 und Hartz IV, womit Menschen, die auf Dauer ohne Arbeitsplatz blieben, in die Armut und Zukunftslosigkeit gedrängt werden (vgl. Rundbrief 1/05 S. 13) und ihnen der Staat seine Interesse- oder Hilflosigkeit signalisierte. Trotz der kernigen Worte des Bundeskanzlers stieg seit 1998 die Zahl der Arbeitslosen von 3,95 Mio auf 5,2 Mio im Februar 2005 kontinuierlich um 1000 je Tag an, ein Pfund mit dem die CDU auf ihren Wahlplakaten zu wuchern versuchte. Jedoch auch diese Partei hatte keine Ideen, die die Bürger überzeugten. Wohl noch nie hatte es vor einer Bundestagswahl einen derart hohen Anteil der Wahlberechtigten gegeben - 50 % -, die nicht wussten, welcher Partei sie ihre Stimme geben sollten. Die Menschen sahen angesichts der gravierenden Einschnitte ins soziale Netz eine Abwahl der Regierung voraus, kaum einer aber glaubte daran, dass eine andere Partei es besser machen würde.

Immer wieder wurden in diesem Rundbrief zur Dreigliederung des sozialen Organismus von verschiedenen Autoren Ideen und Konzepte für die Entwicklung eines neuen sozialen Wirtschaftssystems dargestellt. Besonders in den letzten Ausgaben gingen vor allem Christoph Strawe und Michael Opielka bis in konkrete Berechnungen und Zahlen darauf ein, wie auf die gewandelten Verhältnisse in einer rationalisierten Arbeitswelt (ohne Aussicht auf eine Vollbeschäftigung nach altem Muster) durch den Bezug eines Grundeinkommens reagiert werden könnte. Auch ein Interview von Götz Werner dazu in der Stuttgarter Zeitung stieß auf große Resonanz (s. den Beitrag dazu von Ulrich Hölder im Rundbrief 3/2005). Es geht ja nicht darum "Arbeit zu schaffen", womit Bundeskanzler Schröder und viele andere im Wahlkampf warben. Wer offene Augen hat, der sieht überall Unmengen an sinnvoller und wichtiger Arbeit, die zu tun wäre. Nur deren Finanzierung muss ermöglicht und auf andere Füße gestellt werden. Dies könnte über die Einrichtung eines Grundeinkommens angestrebt werden, welches jedem Menschen eine menschenwürdige Existenz sichert, ihm aber erlaubt, ohne Kürzung dieses Einkommens dazuzuverdienen. Die Umsetzung dieser Idee wäre über eine Umstellung des Steuersystems zu finanzieren, indem sämtliche Steuern und Sozialabgaben vom Lohn abgekoppelt und als Konsumsteuer auf die Produkte umgelegt würden. Ein Grundeinkommen wäre somit ein erster Schritt hin zu der von Rudolf Steiner geforderten Trennung von Arbeit und Einkommen und würde der Entsolidarisierung der Gesellschaft Einhalt gebieten.

Die Ideen der verschiedenen Autoren zum Grundeinkommen werfen Licht auf dramatisch wachsende Probleme in einer Zeit, die sich angesichts einer Politik ohne wirkliche Perspektiven immer stärker verdunkelt. An dieser Stelle möchte ich jedoch einen Punkt stärker herausarbeiten, der in den genannten Beiträgen zu kurz kam, da er dort auch nicht in erster Linie Thema sein konnte.

Wie Ulrich Hölder (s. seinen Beitrag im Rundbrief 3/05) habe auch ich in den letzten Monaten anderen Menschen von dieser Idee einer neuen sozialen Struktur durch ein Grundeinkommen erzählt. Allerdings ist mir nicht wie ihm "fast durchgängig .... großes Interesse, ja geradezu Begeisterung" entgegengekommen, sondern Unverständnis, Ablehnung und Empörung. Meine Gesprächspartner kamen nicht aus dem anthroposophisch orientierten Umfeld. Sie kannten (als durchaus tüchtige Arbeitnehmer in bestehenden Beschäftigungsverhältnissen) die Probleme und Nöte der modernen Arbeitswelt und ihrer sozialen Verhältnisse aus eigener Anschaung. Dennoch waren alle überzeugt, dass der Mensch für die Arbeit keine anderen Motive hat als den Egoismus des Geldverdienens. Die Zeit, die sie für ihre Arbeit aufbringen mussten, war für sie eigentlich gestohlene Freizeit, die daher möglichst teuer zu verkaufen sei. Wenn nun mit dem Grundeinkommen der Zwang zur Arbeit wegfiele, "hätte ja keiner mehr Lust, überhaupt noch etwas zu tun" mit der Folge von Chaos und anarchischen Zuständen.

Ich vermute, diese Reaktionen und Ängste sind ziemlich verbreitet. Es mag aber sein, dass meine "Stichprobe" nicht repräsentativ war, so dass meine Vermutung nicht zutrifft. Opielka schildert ja im Rundbrief 1/05 (S. 7) Erfahrungen in den USA aus Großexperimenten, wonach die Bezieher eines Grundeinkommens sich nicht "auf die faule Haut legten." Stattdessen stieg die Beteiligung am Arbeitsmarkt sogar, was darauf zurückzuführen wurde, dass zusätzliches Einkommen aus Arbeit nicht zu einer entsprechenden Minderung des Grundeinkommens führte sondern zu dessen Steigerung. Auch mag es für einige Berufsgruppen zutreffen, was Götz Werner im o.a. Interview in der Stuttgarter Zeitung formulierte: "Viele Menschen haben sehr viel Spaß an ihrer Aufgabe", obwohl im konkreten Fall es sich zeigen müsste, wie viele Menschen es denn wirklich sind. Tatsächlich dürfte es aber weniger der "Spaß" sein, welche den Bezieher eines Grundeinkommens zur Arbeit veranlasst, denn letzteres stellt bei einer Höhe von 1.300 - ja nur eine erste Grundsicherung dar, vor allem unter dem Aspekt der von Werner veranschlagten Konsumsteuer von 48 %, die ja die reale Kaufkraft dieses Grundeinkommens eher mindern würde. Der Egoismus des Geldverdienens als Motiv zur Arbeit bliebe also in dem Maße bestehen, in dem der Einzelne dazuverdienen müsste, da - wie gesagt - das Grundeinkommen nur einen ersten Schritt hin zu einer Entkoppelung von Arbeit und Einkommen bedeuten würde. Sollen daher soziale Systeme entwickelt werden, die diese Entkoppelung in einem weiteren oder völligen Umfange zum Ziel haben, muss umso dringender die Frage beantwortet werden: "Was wird die Menschen veranlassen, ihre Fähigkeiten in einem notwendigen Stärkegrade in den Dienst des wirtschaftlichen Produzierens zu stellen, wenn der Egoismus, der im Gewinn seine Befriedigung findet, sich nicht ausleben kann?" (wie Rudolf Steiner in einem Aufsatz im Jahre 1919 fragte)2.

Im Weiteren ging Rudolf Steiner auf diese Frage dahingehend ein, dass ein Wirtschaftsleben, das nicht mehr durch den Egoismus auf den Arbeitswillen des Menschen wirken kann, in den Menschen weder einen Produktionswillen erzeugen kann, noch wird es "in der Lage sein, die Erziehungs- und Unterrichtseinheiten zu treffen, durch die jene individuellen Fähigkeiten der Menschen gepflegt werden, welche die Quelle des Wirtschaftens bilden müssen. .... Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wenn man glauben wollte, dass das bloße Gebot von Wirtschaftsverwaltungen, die nur das Wirtschaften im Auge haben, lusterweckend auf die Ausbildung von individuellen menschlichen Fähigkeiten wirken könne, und dass ein solches Gebot Kraft genug hätte, den Menschen zur Einsetzung seines Arbeitswillens zu veranlassen."

Auf der einen Seite müssen daher in einem dreigliedrigen Organismus solche rechtlichen Beziehungen geschaffen werden, aus denen ein "wahres Gemeinschaftsgefühl" entstehen und "aus diesem Gefühl der Arbeitswille erwachsen kann." Auf der anderen Seite können nur aus einem freien Geistesleben die Impulse kommen, aus denen "der Mensch lebensvoll verstehen lernt, was die menschliche Gesellschaft ist, für die er arbeiten soll; ein Gebiet, in dem er die Bedeutung seiner Einzelarbeit im Gefüge der ganzen gesellschaftlichen Ordnung so durchschauen lernt, dass er diese Einzelarbeit wegen ihres Wertes für das Ganze lieben lernt." Das freie Geistesleben muss "die Grundlagen schaffen, die ein Ersatz sein können für den Antrieb, der aus der persönlichen Gewinnsucht kommt. Nur in einem freien Geistesleben kann eine solche Liebe zur menschlichen Ordnung entstehen, wie sie etwa der Künstler zu dem Entstehen seiner Werke hat." Und Rudolf Steiner formuliert dann ganz radikal: "Will man aber nicht daran denken, in einem freien Geistesleben eine solche Liebe zu pflegen, so gebe man nur alles Streben nach einem Neubau der sozialen Ordnung auf. Wer daran zweifelt, dass die Menschen zu solcher Liebe erziehbar sind, der muss auch zweifeln an der Möglichkeit, den persönlichen Gewinn aus dem Wirtschaftsleben auszuschalten." Die fruchtbare Realisierung neuer wirtschaftlicher Formen im Sinne der Dreigliederung ist also an ein entsprechendes Geistes- und Rechtsleben gebunden.

Wie erwähnt, haben viele Menschen jedoch starke Vorbehalte, an denen neue Sozialimpulse bereits vor ihrer Durchsetzung scheitern könnten. Die Gründe dafür liegen sicher nicht nur in einer unzureichenden Detailkenntnis zur Sache, sondern auch in den materialistischen Vorstellungen der Naturwissenschaft. Diese will die Erscheinungen des Lebens nur aus den Zentralkräften und "substanzen der Erde erklären. Stattdessen müssen sie aber in den Umkreiskräften des Kosmos gesucht werden.3 So glaubt die Wissenschaft, in den chemischen Substanzen der Gene den Schlüssel des Lebens gefunden zu haben. Dabei übersieht sie, dass ohne ein bereits existierendes Leben (Zelle) die Gene nichts hervorbringen können, und daher keine Erklärung für das Leben darstellen. Und kein Genetiker oder Biologe kann aus der Substanz der Gene die Form der Organismen erklären, denn diese ist nicht in den Genen enthalten, sondern muss ebenfalls in den Kräften des kosmischen Umkreises gesucht werden.4,5

Dies betrifft auch die Vorstellung vom Herzen als einer Pumpe, die Rudolf Steiner in vielen Vorträgen als eine falsche bezeichnet. Auch hier ist es wiederum nicht so, dass ein Zentralorgan die Peripherie versorgt, sondern umgekehrt, die Kräfte der Peripherie lassen das Blut zirkulieren.6 Daher ist es verständlich, dass die Wirkungen dieser Ansicht bis ins Soziale gehen müssen: "Mit dieser falschen Ansicht in der Wissenschaft hängt nämlich unsere ganze falsche soziale Lage zusammen. Und deshalb muss man schon begreifen, dass erst ein richtiges Denken über den Menschen kommen muss; dann kann erst ein richtiges soziales Leben anfangen. Solange man glaubt, das Herz sei eine Pumpe, solange wird man auch im äußeren Leben nicht richtig sich einstellen können."7 Offenbar kann auch die "falsche soziale Lage", in der sich die Menschheit befindet, nicht wirklich verändert werden, wenn die Menschen aus dem Geistesleben heraus in zentralistisch orientierten naturwissenschaftlichen Vorstellungen befangen sind. Letztere sind die wissenschaftliche Grundlage für den herrschenden Egoismus, in dem jeder nur auf sich als das Zentrale sieht, glaubt, er unterhalte sich selbst (sei es im Erwerbsleben oder in der Altersvorsorge) und nicht wahrhaben will, dass sein Leben auf den "Leistungen der anderen" beruht, (wie Rudolf Steiner es im sozialen Hauptgesetzes formuliert). Dies bedeutet, dass weder ein sozialer Impuls für eine neue Wirtschaftsform noch einer für ein freies Geistesleben ohne den anderen sich erfolgreich entfalten kann. Wie geschildert braucht das Wirtschaftsleben das Geistesleben, um nach dem Wegfall des Egoismus als Motiv des Arbeitswillens nicht in die Lethargie und Gleichgültigkeit abzugleiten. Und das Geistesleben kann ohne die bedingungslos zur Verfügung gestellten Mittel des Wirtschaftslebens niemals ein freies werden, um die entsprechenden (vom Wirtschaftsleben unabhängigen) Leistungen bereitstellen zu können. Verkümmerung und Verlust unendlicher geistiger Potentiale wären für die soziale Gemeinschaft die Folge.

Rudolf Steiner formulierte einmal, dass die Gedanken, die er zur Dreigliederung des sozialen Organismus vorbrachte, "nicht die eines einzelnen Menschen sind, sondern dass sie das unbewusste Wollen der europäischen Menschheit ausdrücken."8 Es ist daher umso schmerzvoller wahrzunehmen, wie wenig in der öffentlichen Diskussion um neue soziale Formen diese Idee als Ganzes thematisiert wird, das heisst wie schwer es den Menschen heute noch fällt, in dieser Idee ihre eigenen Intentionen wiederzuerkennen. Der Grund dafür liegt sicher auch in den von Rudolf Steiner beschriebenen materialistischen naturwissenschaftlichen Vorstellungen.

Autor: Ingo Hagel, Umkreis-Institut, www.Umkreis-Institut.de, Ingo.Hagel@Umkreis-Institut.de

Erschienen in: Sozialimpulse - Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus, Nr. 4/2005, 27-30. Herausgegeben von der Initiative Netzwerk Dreigliederung, www.sozialimpulse.de

Literatur

1 Spiegel, Nr. 10/2005, Cover.

2 Steiner, R. (1919): Arbeitsfähigkeit, Arbeitswille und dreigliedriger sozialer Organismus. In: Über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage. Schriften und Aufsätze 1915-1921. GA 24, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, S. 48-52.

3 Steiner, R. und I. Wegman (1925): Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. Rudolf Steiner Verlag, Dornach, Kap. I und III.

4 Hagel, I. (2002): Zum biologisch-dynamischen Forschungsansatz - Nur philosophisches Beiwerk oder Erkenntnisbedingung? Lebendige Erde 5/2002, 41-43.

5 Rist, L. (2000): Theoretische und experimentelle Untersuchungen über den Einfluss der Genmanipulation auf die Integrität der Arten. Dissertation, GHK Kassel/Witzenhausen.

6 Zahlreiche naturwissenschaftliche Belege für diese Aussage finden sich in: Manteuffel Szoege, L. (1977): Über die Bewegung des Blutes. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart.

7 Steiner, R. (1923): Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen - Wie kommt man zum Schauen der geistigen Welt? GA 350, Vortrag vom 6.6.1923. Rudolf Steiner Verlag, Dornach.

8 s. Fußnote 2: Vorbemerkungen, S. 12.