Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben und Hartz IV

01.09.2004

Deutschland lebt in einer sozialen Unruhe. Unter den neuen Bedingungen einer liberalisierten, globalisierten Weltwirtschaft sei unser Sozialstaat "nicht mehr bezahlbar"; die traurige, aber bittere Wahrheit sei, dass Leistungen abgebaut werden müssten, um den Standort Deutschland wieder fit zu machen für den globalen Konkurrenzkampf. Das geschähe dann dadurch, dass beispielsweise die Lohnkosten gesenkt würden; dann könnte es mehr Wirtschaftswachstum geben, mehr Menschen eingestellt werden, und es ginge wieder aufwärts.

Betroffene Menschen protestieren heftig. Das ist verständlich, ändert aber nichts an den vermeintlichen bitteren ökonomischen Notwendigkeiten. Man müsse sie halt zur Räson bringen.

Demgegenüber stelle ich ein Schlagwort aus der sozialen Dreigliederung * Rudolf Steiners: "Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben".  -  Was soll das heißen? Hat das irgendetwas mit der sozialen Realität heute zu tun? Ist die kapitalistische Konkurrenzwirtschaft nicht, im Gegenteil, so unsolidarisch wie nur denkbar? Oder umgekehrt, wenn man "brüderlich" mit "sozialistisch" ersetzt: ist nicht seit dem Fall der Mauer historisch bewiesen, dass eine sozialistische oder kommunistische Wirtschaft, als Alternative, zum Scheitern verurteilt ist?

Wenn der Spruch "Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben" trotzdem sympathisch wirkt, und man nachsinnt, was er bedeuten könnte, so könnte das bei Hartz IV vielleicht etwa so klingen: man hat die Millionen Arbeitslose, denen es meistens sowieso nicht gut geht, die eher sozial schwach sind, die durch die Arbeitslosigkeit oft auch psychisch angeschlagen sind. Muss man diesen ärmeren Menschen nun auch noch mehr zusetzen, indem man sie alle über einen Kamm schert und wie Arbeitsscheue behandelt, denen man "Feuer unterm Hintern" machen muss, damit sie sich endlich wieder anstrengen? Vielen persönlichen Schicksalen wird man mit dieser Haltung sicher nicht gerecht werden, man verschlimmert sie vielleicht auch. Es wird noch mehr sozialen Abstieg geben; für ein reiches Land wie Deutschland beschämend!

Das halte ich für ein legitimes und einfühlsames Urteil, hervorgehend aus einem schönen sozialen Gerechtigkeitsgefühl; was Steiner vielleicht "gesundes Wahrheitsempfinden" nennen würde. Allein, es wird nicht reichen, um die hartleibigen ökonomischen Argumente aus dem Feld zu schlagen, die für Hartz IV angeführt werden. Im Folgenden möchte ich versuchen zu zeigen, dass Steiner unter dem Schlagwort "Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben" auch wirtschaftliche Argumente bringt, und die ökonomische Wirklichkeit so beschreibt, dass man sieht, dass das bloße Kürzen von Sozialleistungen, ohne eine durchgreifende Umgestaltung der kapitalistischen Wirtschaft, nicht nur nicht sozial ist, sondern an der wirtschaftlichen Realität vorbeigedacht, und unsinnig.

Was ist die Wirklichkeit, wie wird heute gewirtschaftet?

Nehmen wir irgendeinen Gegenstand, eine Ware, sagen wir, das Hemd, das ich trage: wie kommt es zustande? (Ich phantasiere jetzt, aber durchaus wirklichkeitsgemäß): die Baumwolle kommt aus Ägypten, gesponnen und gewebt in Deutschland, die Farbe aus Indien, zugeschnitten und genäht in China, die Plastikknöpfe aus Erdöl aus Saudi Arabien, usw. Schon für das eine Hemd bekommt man Elemente aus mehreren Kontinenten der Welt zusammen! Es kommen noch die Transportleistungen - Schiff, Flugzeug, LKW - hinzu, die notwendig sind. Es kommen die Maschinen und Anlagen dazu, deren Herstellung, deren Erfindung. Es kommen die Lehrer hinzu, die die Menschen ausgebildet haben, um alle diese Arbeiten machen zu können. Und wenn Sie die gute biologisch-dynamische Baumwolle von der Sekem-Farm in Ägypten haben, können Sie auch Rudolf Steiner dazu nehmen, der die biologisch-dynamische Landwirtschaft erfunden hat!

Dann überlege man, wie viele Gegenstände man im Alltag um sich hat, bei denen man sich genau dasselbe bewusst machen könnte! Und man sieht: wenn man weit genug denkt, wird man erkennen, dass die gesamte Weltwirtschaft, das ist die gesamte Menschheit zusammenwirkt, um dieses Hemd mir auf den Leib zu bringen, diesen Teller auf meinen Tisch, diesen Löffel in meine Hand. Niemand arbeitet für sich; jeder arbeitet für die anderen! Und die Gesamtheit der Weltwirtschaft ist es, welche die physische Lebensgrundlage für alle Menschen schafft.

Auf diese Realität des Wirtschaftens heute deutet Rudolf Steiner mit dem Spruch "Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben".

Und trotzdem ist die Wirtschaft heute alles andere als brüderlich! Das liegt daran, dass die Menschen in ihrem Bewusstsein genau das Gegenteil denken: jeder denkt, er arbeite für sich, und nicht für die anderen. Er arbeite, um sein Einkommen zu erzielen, um seinen Lebensunterhalt zu "verdienen". Dabei verschafft ihm die Weltwirtschaft seinen Lebensunterhalt!

Die Weltwirtschaft ist da, sie funktioniert, sie könnte alle Menschen versorgen. Jedes Jahr steigt die Produktivität, sie produziert immer mehr und braucht immer weniger Menschen dazu. Allein hier sieht man, dass nicht alle in der Wirtschaft arbeiten können bzw. müssen, und dass es unsinnig ist, das zu versuchen.

Was ein Segen für die Menschheit sein müsste, ist zum Fluch geworden

An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass "Wirtschaftsleben" nicht nur Produktion ist, sondern ebenso wesentlich Konsum; nur durch ihn wird Produktion sinnvoll, und profitabel. Deswegen nennt Steiner das Wirtschaftsleben einen "Organismus", das ist eine Funktionseinheit, die aus der Spannung zwischen zwei Polen vorangetrieben wird: einem aufbauenden Pol (Produktion) und einem abbauenden Pol (Konsum). Dazwischen muss es ein rhythmisch Vermittelndes geben (Handel). Das ist Steiners Begriff des Organismus. Obwohl der Begriff heute völlig unüblich ist, muss man ihn, meine ich, beibehalten, weil er eine wesentliche Charakterisierung des Wirtschaftslebens gibt, die sonst nicht genügend betont wird.

Die Krise unserer Wirtschaft heute ist eine Krise der Überproduktion. (Wie es eigentlich das ganze 20. Jahrhundert hindurch war, wo nicht Kriege Werte in riesigem Ausmaß vernichtet haben). Trotzdem gibt es arme Menschen in Deutschland, trotzdem würden Menschen der 3. Welt liebend gern die Waren kaufen, die beispielsweise die hochleistungsfähige deutsche Wirtschaft herstellt. Unsere Überproduktion entsteht, weil nicht genügend Menschen die Möglichkeit haben, die Waren zu kaufen.

Wie schafft man Konsummöglichkeiten? Einfach Geld drucken und verteilen wäre wirtschaftlich unverantwortlich, denn es muss gewährleistet sein, dass es Waren gibt, die mit dem Geld gekauft werden können.

Es gibt aber, laut Steiner, einen Bereich im sozialen Organismus, der dem Wirtschaftsleben polar gegenübersteht, und der als "reiner Konsument" auftritt; das ist das Geistesleben. Das Geistesleben ist reiner Konsument, weil es keine Waren herstellt. Trotzdem schafft es Werte für das Wirtschaftsleben, sogar ungeheuer viele, aber nicht für die Gegenwart, sondern für die Zukunft. Wie ist das zu verstehen?

Das Geistesleben schafft wirtschaftliche Werte, nicht, indem es Waren herstellt, sondern indem es Arbeit einspart, die zur Warenherstellung benötigt wird. Nichts anderes ist die gewaltige Geschichte der Industriellen Revolution. Jede Erfindung, die effizienter produzieren lässt, kommt ja aus dem Geistesleben. Jede Managementtätigkeit, die Betriebsabläufe optimiert, kommt aus dem Geistesleben, weil sie auf den individuellen Fähigkeiten des Managers beruht. Dass die Schulen die künftige Generation der Arbeitenden erzieht, ist ja allgemein bekannt. Ein guter Arzt (auch Mitglied des Geisteslebens), der einen Kranken schneller heilt, hat ja eigentlich auch Anteil an der Arbeit, die sein Patient verrichten kann in der durch seine frühere Genesung zusätzlich gewonnenen Zeit. So ließen sich die Beispiele fortsetzen. Steiner weist darauf hin, dass auch das "reine" Geistesleben, wie Kunst und Religion, in intimer Weise mit dem auf die Wirtschaft gerichteten "halbfreien" Geistesleben zusammenhängt und es günstig beeinflusst. Das gesamte Geistesleben ist eben eine Einheit, die nicht auseinander dividiert werden sollte. (Abgesehen davon, dass jeder Mensch Geistesleben irgendeiner Art braucht, wenn ihm sein Leben sinnvoll erscheinen soll!)

Wieviel Wert schafft das Geistesleben für das Wirtschaftsleben? Das heißt: welches Maß an Finanzierung für das Geistesleben wäre volkswirtschaftlich gerechtfertigt? Steiner weist darauf hin, dass es ein Maß dafür gibt in der Wirtschaft: jede Summe von Leihgeld, die verliehen wird, und erfolgreich mit Zins zurückgezahlt wird, ist Ausdruck dafür, dass eine neue Idee des Geisteslebens im Wirtschaftsleben verwirklicht wurde und dieses verbessert hat. Diese Wertsteigerung rechtfertigt, dass diese Leihgeldsumme in sogenanntes Schenkungsgeld verwandelt wird und dem Geistesleben zur Verfügung gestellt wird; ohne Gegenfluss von Waren!

Das ist sicher schwer zu akzeptieren. Voraussetzung dafür ist die Einsicht, dass das Geistesleben wirtschaftliche Werte schafft, ohne Waren zu produzieren. Diese Einsicht ist eine Herausforderung für eine materialistische Weltanschauung, die "Geist" als eigenständige Wirklichkeit leugnet.

In unserer Gesellschaft ist das Geistesleben eklatant unterfinanziert, denn das Volumen an Schenkungsgeld, das durch fruchtbare Leihvorgänge gerechtfertigt wäre, übersteigt um ein Vielfaches das, was der Staat sich mühsam von seinen Steuern abringt, oder wohl gesonnene Mäzene meinen spenden zu können. Dieses Volumen ist nötig, und sozial heilend, um das Geistesleben wirklich zu "befreien" und zu neuer Tatkraft zu verhelfen, und - um Konsumkraft zum Ausgleich der Überproduktionskrise zu schaffen!

*

Wie auf dieser Basis großzügige Reformen durchgeführt werden könnten, welche die engherzigen Hartz-Maßnahmen ersetzen, kann sich jeder wahrscheinlich selbst ausmalen. Die Bedürfnisse im Bereich des Geisteslebens sind unbegrenzt: man denke nur an all die pädagogischen Maßnahmen, die wünschenswert wären, um den Herausforderungen, die neue Schülergenerationen uns stellen, gerecht zu werden. Das heißt auch, die Möglichkeiten zu arbeiten sind hier unbegrenzt! Im Geistesleben kann sich ein Mensch wirklich nützlich fühlen; ganz anders, als wenn er durch Hartz-Maßnahmen in irgendwelche 1-Euro-Jobs getrieben wird!

Es sei noch darauf hingewiesen, dass zusätzlich auch ganz andere Maßnahmen nötig wären, um die gegenwärtige, zerstörerische, egoistisch-kapitalistische Wirtschaftsweise in ein brüderliches Wirtschaften zu verwandeln. Es wäre zum Beispiel im Sinne der Dreigliederung, Aktien zu verbieten; denn das Geld, das ich für eine Aktie zahle, wird nur einmal von der Firma ausgegeben, dann ist es verbraucht. Die Aktie begründet aber ein ewiges Eigentumsrecht, das auf keiner wirtschaftlichen Realität fußt, und zur Basis von ungerechtfertigter Machtausübung wird. Eine Aktie als Rechtstitel darf eben nicht wie eine Ware gehandelt werden; das Eigentum an einem Produktionsmittel muss der wirtschaftlichen Realität dieses Produktionsmittels entsprechen.

In den neuen Bundesländern leben die "Montagsdemonstrationen" wieder auf. Das knüpft an eine heldenhafte Zeit an, der "weißen Revolution" von 1989, als die Mauer fiel und die DDR befreit wurde. Aber auch damals dauerte es nicht lange, bis die "neuen Bundesländer" "angeschlossen" wurden, und die mutigen Ostdeutschen sich nahezu widerstandslos das westliche System überstülpen ließen. Sie hatten keine echte Alternative. Ein Buch wie "Der vormundschaftliche Staat" von Rolf Henrich, das Monate vor dem Mauerfall die Möglichkeit der sozialen Dreigliederung für die DDR aufzeigte, war nicht genügend aufgenommen worden.

Auch heute werden die Proteste nur Bestand haben, wenn sie eine kräftige, eine echte Alternative zu der gängigen neoliberalen Globalisierung aufbieten können.

Es gibt noch viel zu tun!

Literatur:

Rudolf Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, Gesamtausgabe Nr. 23, Dornach/Schweiz, 1976.

Rudolf Steiner, Nationalökonomischer Kurs, Gesamtausgabe Nr. 340.

Hans Georg Schweppenhäuser, Das soziale Rätsel, Verlag am Goetheanum, Dornach/Schweiz, 1985.

Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus, Hg. Initiative "Netzwerk Dreigliederung", Red. Dr. Christoph Strawe, Haußmannstr. 44a, D-70188 Stuttgart. Erscheint vierteljährlich.

*) Steiners "Dreigliederung des sozialen Organismus" von 1919 könnte man auch einen "anthroposophischen Sozialimpuls" nennen. Aus dieser Bewegung, die sich damals gesellschaftlich nicht durchsetzen konnte, gingen die Waldorfschulen hervor. Sie verstehen sich immer noch (oder sollten sich verstehen!) als "Keimzellen" der Dreigliederung, deren Verwirklichung heute nach wie vor vonnöten ist. Diesen Anspruch kann man aber natürlich nur aufrecht erhalten, wenn die Dreigliederung ihre Fruchtbarkeit für die Lösung auch der gegenwärtigen Probleme unter Beweis stellt.

Zur Information für Unkundige: die drei "Glieder", die durch ihr Zusammenwirken den sozialen "Organismus" bewirken, sind bei Steiner: das Wirtschaftsleben: nur die Produktion, Verteilung und den Konsum der Waren; das Geistesleben: alles, was durch die individuellen Fähigkeiten der Menschen ins Soziale kommt; und das Rechtsleben: alles, was das Verhältnis von Mensch zu Mensch "aus rein menschlichen Untergründen heraus" regelt. Ihnen zugeordnet sind die drei Ideale der französischen Revolution: "Freiheit" für das Geistesleben, "Gleichheit" für das Rechtsleben, "Brüderlichkeit" für das Wirtschaftsleben. Im gegenwärtigen "Einheitsstaat" sind die Funktionen durcheinandergeworfen und korrumpieren sich gegenseitig; in einem gesunden, dreigegliederten Staat würden sie aus einer relativen Souveränität heraus zusammenwirken, in einer Weise, die ähnlich funktionieren würde wie die Gewaltenteilung in der amerikanischen Verfassung.