Das Jahrhundert der »ethnischen Säuberungen« I

Das Aufkommen des Nationalitätenproblems in Europa

01.06.1999

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Was sich 1999 auf dem Boden der Bundesrepublik Jugoslavien und in den angrenzenden Regionen Albaniens und Makedoniens abspielte, ist die Fortführung einer Unpolitik, die Europa und weite Teile der Welt im 20. Jh. zutiefst prägte und bestimmte. In Europa schließt dieses Jahrhundert, wie es begonnen hat, schließt sich die Ellipse, die sich im europäischen Gedankenleben aufgetan hat, indem es sich der Wirklichkeit des Geistes und damit der Wirklichkeit geistiger Anforderungen und Aufgaben weitgehend verweigerte: mit »Volkstumskämpfen«, Massenhinrichtungen, Deportationen und Vertreibungen. Der bürgerlichen Gedankenwelt, die auf den Prinzipien der Aufklärung gründete, wird ein weiteres Mal ihr Bankrott vor Augen geführt, an dem alle »humanitären« Lippenbekenntnisse nichts ändern können und der sich im Grunde schon 1917 abzeichnete, aber durch materielle Expansion (zumindest im westlichen Europa) mehrmals überdeckt wurde. Die großen sozial-politischen, pseudo-religiösen Ideologien des abgelaufenen 20. Jahrhunderts wiederum, von den Nationalismen über den Kommunismus zum Nationalsozialismus, führten lediglich zur vollständigen Zerrüttung der Lebensverhältnisse.

Europa ist in den vergangenen achtzig Jahren ein anderer Kontinent geworden; die Europäer waren in dieser Zeit nicht in der Lage, auf grundlegende Fragen des Menschseins eine fruchtbare Antwort zu finden und diese gestalterisch in das soziale Leben einfließen zu lassen: Was ist denn der Mensch überhaupt als Wesen, und wie steht der Einzelmensch in der Gemeinschaft? Die Zeiten sind abgelaufen, in denen man noch »human« sein konnte, ohne erkennend auf die komplexe Wesenheit des Menschen eingehen zu müssen. Durch die bloße Verkündung von irgendwelchen »Menschenrechten« oder »Völkerrechten« kann auf Dauer kein Rahmen geschaffen werden, der den Verheerungen und Verwüstungen des sozialen Lebens fruchtbar entgegenwirkt. Nach der Demontage des geistig-kulturellen Bereichs vollzieht sich nun die Auflösung des Rechts als eigenständiger Sphäre; die inzwischen völlig willkürliche Auslegung internationaler und nationaler Rechtsnormen im Krieg gegen Jugoslavien knüpft an eine Tendenz an, die sich schon bei der Ausarbeitung des Multilateralen Abkommens über Investitionen (MAI) abzeichnete. Der gewaltsamen Vertreibung ethnischer Gruppen entspricht die »sanftere«, aber ebenso unerbittliche Vertreibung, Entwurzelung und »Entheimatung« der Menschen durch soziale und wirtschaftliche Zwänge. In diesem Jahrhundert der Katastrophen war »Europa (...) überall Balkan«, wie Karl Schlögel in einem sehr lesenswerten Aufsatz feststellen mußte.[1] Das Schicksal Europas jedoch ist immer noch zum guten Teil das Schicksal der Welt.

Menschheitsströme und die mitteleuropäische Herausforderung

Noch vor einhundert Jahren war der europäische Raum zwischen Baltik, Schwarzem Meer und Adria ein Gebiet der Welt, in dem alle wichtigen Menschheitsströme mit ihren religiösen, kulturellen, ethnischen, sprachlichen und sozialen Besonderheiten aufeinandertrafen. Das Bild der zusammenwachsenden Menschheit und des zukünftigen, sich aller Abstammungsfesseln befreienden Indiduums schwebte als geistige Aufforderung über der unmittelbaren Erlebniswelt der Bewohner dieser Gebiete. Der jüdische Denker und Schriftsteller Elias Canetti etwa, Jahrgang 1905, erinnerte sich an seine Kindheit im bulgarischen Rucuk:

»Rutschuk, an der unteren Donau, wo ich zur Welt kam, war eine wunderbare Stadt für ein Kind, und wenn ich sage, daß sie in Bulgarien liegt, gebe ich eine unzulängliche Vorstellung von ihr, denn es lebten dort Menschen der verschiedensten Herkunft, an einem Tag konnte man sieben oder acht Sprachen hören. Außer den Bulgaren, die oft vom Land kamen, gab es noch viele Türken, die ein eigenes Viertel bewohnten, und an dieses angrenzend lag das Viertel der Spaniolen, das unsere. Es gab Griechen, Albanesen, Armenier, Zigeuner. Vom gegenüberliegenden Ufer der Donau kamen Rumänen, meine Amme, an die ich mich aber nicht erinnere, war eine Rumänin. Es gab, vereinzelt, auch Russen. Als Kind hatte ich keinen Überblick über diese Vielfalt, aber ich bekam unaufhörlich ihre Wirkungen zu spüren.«[2]

Am nördlichen Eck dieses Gebietes, auf litauischem Boden, damals zum Rußländischen Zarenreich gehörend, wuchs der 1911 geborene polnische Schriftsteller Czeslaw Milosz auf.

»Auf dem Lande sprach man litauisch und teilweise polnisch. Das Städtchen, wohin man die Bodenfrüchte zum Verkauf brachte, gebrauchte für den Alltag das Polnische oder das Jiddische. Aber schon der Gendarm mit dem langen Schleppsäbel, der Steuereinnehmer, der Eisenbahnschaffner, die für die Administration importiert waren, redeten die Eingeborenen russisch an, in der Annahme, jeder müsse die amtliche Sprache verstehen.«[3]

Sicherlich: Diese Vielfalt an ethnischen, sprachlichen, religiösen oder sozialen Gemeinschaften, die sich oft erst an der Wende des 19./20. Jhs. als solche bewußt wurden, ließ eine ebensolche Vielfalt an Reibungspunkten, Gegensätzen, Konflikten und Antipathien entstehen. Doch auf den heranwachsenden Menschen -- das zeigen die Berichte von Canetti, Milosz und anderen -- übte eine solche Umgebung eine unvergleichliche Anregung, Stimulation und Herausforderung aus. In dieser Buntheit konnte das Individuelle eines jeden einzelnen Menschen besonders deutlich hervortreten und dabei jene Toleranz entfalten, die in der täglichen Begegnung wuchs und erübt wurde. Gleichzeitig waren die Bedingungen solche, das sie an die Bewußtseinskräfte des Einzelmenschen appellierten; der Mensch mußte hellwach, erkennend in dieses Vielvölkermysterium eindringen.

Das Erwachen der menschlichen Persönlichkeit vollzog sich seit dem späten Mittelalter in ganz Europa, aber gerade im ostmittel- und südosteuropäischen Raum wirkten die Bedingungen dahingehend, daß hier das individuelle Menschen-Ich, abgelöst von jedem staatlichen Rahmen, mit seinem Mitmenschen potentiell in eine unmittelbare Beziehung treten konnte. Nicht Staat oder Kirche konnten hier das Gemeinwesen stiften (obwohl sie es natürlich versuchten), sondern auf Dauer allein das Du-suchende und Du-sprechende Individuum. Das ist einer der geistigen Gründe, warum in diesem Raum eine solche »Völkermischung« stattfand. Man könnte dieses Phänomen die mitteleuropäische Herausforderung nennen, die in diesem Jahrhundert nicht erkannt und nicht ergriffen worden ist; stattdessen ist dieses alte Mitteleuropa in zwei Weltkriegen und einem Kalten Krieg unwiederbringlich zugrundegegangen. Die eigentliche Herausforderung jedoch besteht unvermindert weiter.

Das Spannungsfeld von Kultur und Nation

Im westlichen und nördlichen Europa sind die ethnischen Grenzen relativ klar gezogen: Kastilianer, Basken und Katalanen in Spanien; Bretonen, Elsässer, Katalanen, Basken, Occitanier in Frankreich; Angelsachsen, Waliser, Schotten und Iren im Vereinigten Königreich; Flamen und Wallonen in Belgien -- bei aller Problematik des Zusammenlebens und trotz fortschreitender Verstädterung existieren deutlich erkennbare Siedlungs- und Sprachgrenzen, und das schon seit sehr langer Zeit. In Mittel-, Südost- und Osteuropa ist dies aufgrund der historischen Prozesse anders gewesen. Seit dem Mittelalter ließen sich kontinuierlich neue Siedler in den Gebieten zwischen der Ostsee, der Adria und dem Schwarzen Meer nieder. Die Vielvölkermonarchien der Habsburger und Jagiellonen waren komplizierte Gebilde, deren Gegensätze mit Hilfe eines dynastischen Genius (Habsburgermonarchie) oder eines genauso genialischen, ständisch gebundenen Lebensgefühls (die polnisch-litauisch-ruthenische Res publica) zusammengehalten wurden -- beide Male wirkte das Genialische allerdings noch auf das Unterbewußte des Menschenwesen ein, konnte nicht in das Wachbewußtsein gehoben werden.

Der Einfluß von Herders Kulturbegriff unterstützte an der Wende des 18./19. Jahrhunderts in Ostmittel- und Südosteuropa zwar das Erwachen der Selbstempfindung der Völker, doch er beschränkte sich auf die Vorstellung, daß jedes Volk das Recht auf die freie Entfaltung und die Autonomie seiner kulturellen und sprachlichen Eigenart besitzt. Dies wäre im Rahmen einer den modernen Erforderungen angepaßten Föderation verwirklichbar gewesen. Als aber durch Napoleon der Nationalstaatsgedanke, wie er nach der Französischen Revolution in Frankreich formuliert worden war, nach Ostmitteleuropa und in den Donauraum übertragen wurde, wo er sich mit dem Herderschen Kulturbegriff vermischte, führte er auf Grund der besonderen Verhältnisse in diesem Raum zu schwer lösbaren Spannungen. Je weniger man aber in den folgenden Jahrzehnten die kulturell-sprachliche Sphäre des Volkstums, die politisch-rechtliche Sphäre der Bürgergesellschaft und die auf den vererbten Blutkräften beruhende »Abstammungsgemeinschaft« auseinanderzuhalten vermochte, desto schärfer gestalteten sich die Konflikte zwischen den einzelnen ethnischen Gruppen. Denn die nationalen Gegensätze waren zusätzlich mit religiösen und sozialen Faktoren vermischt. So war beispielsweise ein polnischer Magnat auch Katholik und Großgrundbesitzer, während ein ukrainischer Bauer dem orthodoxen bzw. unierten Glauben angehörte und leibeigen war; zugleich setzte sich das Bürgertum mehrheitlich aus Deutschen und Juden zusammen und bekannte sich zum Protestantismus bzw. Judaismus.

Es sei noch einmal betont: Im Westen und Norden Europas wird die Ausbildung der individuellen Persönlichkeit durch die Eigenschaften, die in der eigenen nationalen Kultur leben, nachhaltig gefördert. Das Nationale kommt dabei der Reifung der Persönlichkeit entgegen. Das trifft für das mittlere und östliche Europa so nicht zu. Der Individualisierung des Einzelmenschen entsprach die ethnische und sprachliche Vielfalt kleiner und kleinster Volksgruppen, die niemals in einem Melting Pot nach amerikanischem Muster aufgelöst wurden. Gerade weil hier die Menschen, als Begleiterscheinung der späten Urbanisierung und Industrialisierung, noch intensiv in Volks- und Sippenzusammenhänge hineingestellt waren, mußte die Individualität aus dem ethnischen Urgrund herauswachsen, ihre Herkunft überwinden durch die immer wieder neu zu erfahrende Begegnung mit dem fremden Du.

Es ist kein Zufall, daß am Ende dieser Phase der mitteleuropäischen Entwicklung, in der Donaumonarchie der Habsburger, eine Musikform entstand, in der sich alle Völker des Reichs wiedererkannten und die diesen musikalisch-rhythmischen Schwebezustand der Begegnung vor Augen und Ohren führte: der Walzer. Dieser Paartanz -- in dem die Tänzer zu einer Gemeinschaftsfigur verschmelzen, wo das wechselseitige Vertrauen als Grundbedingung vorhanden sein muß, damit der jeweilige Partner nicht mitten in der Bewegung losläßt, weil man sonst haltlos durch den Raum geworfen würde -- war ein künstlerisches Wahrbild für das Zusammenleben von Einzelmenschen und Völkern in diesem Teil des Kontinents.

Die »nationale Frage« -- eine Erkenntnisfrage...

Doch im gleichen Zeitraum, insbesondere nach 1843, wirkte die Ausbreitung des Nationalismus in Verbindung mit dem materialistischen Welt- und Menschenverständnis mit verheerenden Folgen. Gerade im mittleren und östlichen Europa wurde das entstehende geistige Vakuum mit Anschauungen gefüllt, die den Menschen allein aus mechanistischer und biologistischer Sichtweise beurteilen wollten. An Napoleons Eroberungszügen hatte sich in Mittel- und Osteuropa ein Nationalismus entzündet, der das politische Gedankengut der Französischen Revolution assimilierte, aber daraus eigene Schlüsse zog. Anders als in Westeuropa wurden östlich des Rheins Nation und Volkstum gleichbedeutende Begriffe. Und immer häufiger wurde das alltägliche Durch- und Miteinander der ethnischen Gruppen als konkurrierender Überlebenskampf der »Volksrassen« interpretiert. Der Walzer ließ zwar die richtige Empfindung entstehen, daß sich das Wesen eines Volkes in der seelischen Sphäre des Menschen kundtut. Doch es wäre die Aufgabe der Menschen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen, diese Empfindung in immer konkretere Begriffe überzuführen, die in eine geistige Erkenntnis münden mußte. Man ließ den Moment verstreichen.

Unter der Einwirkung des Materialismus rechnete man den physischen Leib und die Blutsabstammung zu den wichtigsten Merkmale der Volkszugehörigkeit. 1848 war der europäischen Menschheit (im Grunde nur dem europäischen Bürgertum) noch die Möglichkeit gegeben, mit Hilfe einer Bewußtseinsanstrengung günstigere Ausgangsbedingungen für eine soziale Neugestaltung zu schaffen, die den Forderungen der neuen Zeit entgegenkam. Eine Generation später war das nicht mehr genug; nun mußten die Menschen voll im Geist erwachen, um die zerstörerischen Folgen ihres Seelenschlafs auszugleichen. Denn im Jahr 1879 vollzog sich ein einschneidendes Ereignis in der geistigen Welt, in dessen Folge gehirngebundener Intellekt, Vorstellungsleben, Blut- und Vererbungskräfte des Menschen intensivst von den Kräften niederer, dunkler Wesenheiten durchsetzt wurden. Auf der anderen, zum Spirituellen gewandten Seite eröffnete sich für den geistig strebenden Menschen eine Zeit, welche unter der Impulsierung jener Erzengelwesenheit steht, die in der jüdisch-christlichen Überlieferung den Namen Michael trägt; seitdem wollen die aus der geistigen Welt zur Erde dringenden Impulse von menschlichen Bewußtseinskern aktiv ergriffen werden.[4]

Nicht umsonst hatte der weitblickende tschechische Historiker Frantisek Palacky bereits im Jahre 1849 auf die Dringlichkeit der Erkenntnisfrage und der Art ihrer Umsetzung in politisch-soziale Gestaltung hingewiesen:

»Was dem XVI. und XVII. Jahrhundert die kirchliche und religiöse Idee war, das ist für unsere Zeit das Princip der Nationalität. (...) Alle die Länder und Personen, besonders in Österreich, die heute noch in nationaler Beziehung indifferent oder apathisch sind, werden es nach zehn oder nach zwanzig oder nach dreißig Jahren nicht mehr sein, und so erlangen Motive im Staatsleben, die sich auf Nationalitätsverhältnisse gründen und Vielen jetzt noch unbedeutend zu sein scheinen, eine immer durchgreifendere Wichtigkeit. Ein jeder Regierungsmann, der die Wahrheit dieses Satzes sich verhehlen oder gar in Abrede stellen möchte, würde sich einer verhängnisvollen Täuschung hingeben; thöricht wäre auch jedwedes Eindämmen dieser Strömung der Zeit, und alle menschlichen Erfindungen und Gegenmittel gegen denselben hätten wohl keine andere Wirkung, als das Blasen gegen den Wind, durch das seine Richtung weder abgewandt noch geändert werden kann.«[5]

...oder ein »völkischer« Existenzkampf

Besonders anfällig für die geistigen Folgen dieses Versäumnisses war gerade jenes Volk, das alle Voraussetzungen hatte, auf eine Lösung der »nationalen Frage« hinzuarbeiten: die Deutschen. Hier hatte das Scheitern in der gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Materialismus deswegen so unheilvolle Konsequenzen, weil die gesamte kulturelle Entwicklung im mitteleuropäischen Raum auf das Ergreifen der geistigen Ich-Kräfte angewiesen war. Dieser Raum war sozusagen die soziale Prüfstätte der modernen Bewußtseinsentwicklung, weil hier nichts mehr dem Instinkt überlassen werden durfte, zugleich aber alle Gedanken mit der den Deutschen eigenen Gründlichkeit in die letzte existentielle Konsequenz getrieben wurden.

Obwohl der Sozialdarwinismus mit seinen Thesen vom »Recht des Stärkeren«, der »überlegenen Rasse« und ihres Staates im »Existenzkampf der Völker« dem gesellschaftlichen und sozialen Dunstkreis des viktorianischen Empire kongenial entsprach, fanden sich einige seiner radikalsten Vertreter nicht in England und Frankreich, sondern im deutschsprachigen Raum. Die Selbstverständlichkeit, mit der sozialdarwinistische Ideen im Zeitalter der Industrialisierung als Erklärung der Naturordnung angenommen wurden, hatte zur Folge, daß man das Verhältnis des »Deutschtums« zu den benachbarten Ethnien zunehmend als »Verdrängungskampf« bewertete, in welchem es nur Sieg oder Vernichtung geben konnte. Als besonders anfällig für völkische und rassistisch-sozialdarwinistische Propaganda erwiesen sich die Deutschen in Österreich-Ungarn, die schon seit geraumer Zeit das Schreckgespenst einer »Slavisierung« der Monarchie an die Wand malten. Hier tat sich zuerst der Abgrund auf, vor dem wir in den letzten Jahren auch in Bosnien und nun im Kosovo geführt wurden. Bosnien-Hercegovina und das nördliche Serbien (Vojvodina) waren damals Teil der Vielvölkermonarchie; die gedanklichen Argumentationsstränge von heute haben ihren Ausgang in den Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Slaven im Habsburgerreich.

Nicht erst 1933, sondern schon 1894 konnte man den reichsdeutschen Alldeutschen Blättern die Empfehlung entnehmen:

»Der alte Drang nach Osten soll wieder lebendig werden. Nach Osten und Südosten hin müssen wir Ellbogenraum gewinnen, um der germanischen Rasse diejenigen Lebensbedingungen zu sichern, deren sie zur vollen Entfaltung ihrer Kräfte bedarf, selbst wenn darüber solch minderwertige Völklein wie Tschechen, Slowenen und Slowaken, die das Nationalitätsprinzip anrufen, ihr für die Zivilisation nutzloses Dasein einbüßen sollten.«[6]

Eine »Daseinsberechtigung« für »diese minderwertigen Völkerschaften« gebe es nicht, es sei Aufgabe des deutschen Volks, sie durch »Verdeutschungsarbeit« »aufzusaugen«.[7] Gelänge das nicht, so müsse man den Entschluß fassen, »die nichtdeutsche Bevölkerung Zisleithaniens einfach auszuweisen, allenfalls zu entschädigen, aber tabula rasa zu machen und nun deutsch zu kolonisieren.«[8]

In nahezu gleichlautenden Worten schrieb der Serbe Vaso Cubrilovic (1897-1990), einer der Verschwörer des Attentats auf Franz Ferdinand 1914 und später Professor an der Universität Belgrad, im Jahr 1937 seine berüchtigte Abhandlung Iseljavanje Arnauta (»Die Aussiedlung der Albaner«) nieder.[9]

Adolf Harpf, ein Mitarbeiter bei den in Österreich erscheinenden, völkischen Ostara-Heften, die zur Lieblingslektüre des jungen Hitler zählten, verstieg sich 1905 in dem Buch Der völkische Kampf der Ostmarkdeutschen zu der Behauptung: »Der völkische Kampf tobt heute von der Ostsee bis zur Adria.« Das Deutschtum werde durch die slavische Offensive »von Böhmen bis Krain« zurückgedrängt; den Slaven sei es »mit dem System der Deutschenausmerzung tatsächlich blutiger Ernst«, nun käme den Deutschen »das Großpäppeln der erbittertsten Feinde unseres Volkes teuer.«[10]

Indem man in alldeutschen und völkischen Kreisen den Nationalitätenkonflikt in erster Linie als biologisch-demographisches Problem wertete, konnte man zu dem Schluß gelangen:

»Im Nationalitätenkampf kommt es nur auf die Menschenproduktion an.«[11]

Daher sei, wie es ein Leitartikel der konservativen Zeitung Reichsbote vom 14. März 1913 formulierte, »jeder deutsche Krieg der Zukunft ein Rassenkrieg, ein Krieg um rassisch-völkische Macht und Selbständigkeit, um Boden für slawische oder germanische Siedlung.«[12]

Justizrat Class, kaiserlich-reichsdeutscher Beamter und in seiner Freizeit als Vorsitzender des 'Alldeutschen Verbands' 'völkisch' engagiert, empfahl im selben Jahr 1913:

»Das fest ins Auge zu fassende Ziel heißt also: unter allen Umständen die nicht germanischen Volksfremden so schnell wie möglich aus dem Reichsgebiet entfernen und sie dann dauernd fernhalten. (...) An sich ist das Volk ewig, ewig kraft der Fortpflanzung, die es über die Einzelpersönlichkeit hinaushebt. Und es wird ewig bleiben, wenn es die Keime des Verfalls, nachdem sie einmal erkannt sind, rücksichtslos tötet.«[13]

Vertreter eines solchen materialistisch-biologistischen Weltbildes mußten gerade jene Welt hassen, in der ein noch einigermaßen intakter Ausdruck der alten Völkervielfalt lebte; der Mannigfaltigkeit und dem Individuellen, ja dem Leben schlechthin sagten sie den Kampf an. Adolf Hitler, 1889 im oberösterreichischen Braunau geboren, haßte die Habsburgische Vielvölkermonarchie, seitdem er denken konnte, und er schilderte in Mein Kampf, wie er den deutschnationalen »Kampfruf« bereits als Knabe in der Grundschule vernahm, wo die von ihren völkischen Lehrern aufgehetzte Jugend »für deutsche Heldengrüße« schwärmte, »für Südmark und Schulverein« sammelte, »undeutschen Lehrern« das Leben schwer machte, »statt des Kaiserliedes lieber 'Deutschland über alles!'« sang und mit »Heil« grüßte. Bald nach der Jahrhundertwende hatte er wie Hunderte von Gesinnungsgenossen verstanden, »daß nämlich die Sicherung des Deutschtums die Vernichtung Österreichs voraussetzte, und daß weiter Nationalgefühl in nichts identisch ist mit dynastischem Patriotismus; daß vor allem das habsburgische Erzhaus zum Unglück der deutschen Nation bestimmt war.«[14]

In seinem Roman Die Kapuzinergruft legt der jüdisch-galizische Altösterreicher Joseph Roth der Figur des Grafen Chojnicki bittere Worte bezüglich der Haltung der Deutsch-Völkischen in den Mund:

»(...) das sogenannte Merkwürdige [ist] für Österreich-Ungarn das Selbstverständliche (...). Ich will zugleich damit auch sagen, daß nur diesem verrückten Europa der Nationalstaaten und der Nationalismen das Selbstverständliche sonderbar erscheint. Freilich sind es die Slovenen, die polnischen und ruthenischen Galizianer, die Kaftanjuden aus Boryslaw, die Pferdehändler aus der Bácska, die Moslems aus Sarajevo, die Maronibrater aus Mostar, die 'Gott erhalte' singen. Aber die deutschen Studenten aus Brünn und Eger, die Zahnärzte, Apotheker, Friseurgehilfen, Kunst-Photographen aus Linz, Graz, Knittelfeld, die Kröpfe aus den Alpentälern, sie alle singen die 'Wacht am Rhein'. Österreich wird an dieser Nibelungentreue zugrunde gehen, meine Herren! Das Wesen Österreichs ist nicht Zentrum, sondern Peripherie. Österreich ist nicht in den Alpen zu finden, Gemsen gibt es dort und Edelweiß und Enzian, aber kaum eine Ahnung von einem Doppeladler. Die österreichische Substanz wird genährt und immer wieder aufgefüllt von den Kronländern.«[15]

Erwachen der Individualität und »Selbstbewußtsein des Volkstums«

Erst vor diesem Hintergrund und diesen Auseinandersetzungen wird die ganze Tragweite und spirituelle Dimension des Versuchs von Rudolf Steiner deutlich, im Jahr 1910 erste Elemente eines auf Erkenntnis gegründeten geistigen Verstehens der europäischen Völkerzusammenhänge in die Kulturwelt einfließen zu lassen. Denn die Brisanz der Nationalitätenfrage war real. Und die Wolken des Ersten Weltkriegs standen bereits am Horizont. Die Emanzipation des sich befreienden Individuums war die eine Seite, doch das Erwachen des Individuellen in Mitteleuropa benötigte bis zu einem gewissen Grad das gesunde Zusammenklingen des Völkerlebens. Rudolf Steiner, selbst in der eben evozierten »Peripherie« der Habsburgermonarchie geboren, wies 1918 rückblickend auf seine Gründe hin, die ihn zu den Vorträgen über die »Mission einzelner Volksseelen« veranlaßten:

»Für eine wirkliche Psychologie der Völkercharaktere kann die anthropologische, ethnographische, selbst die historische Betrachtung der gewöhnlichen Wissenschaft keine ausreichende Grundlage geben. (...) Wie man bei dem einzelnen Menschen vom Leibe zur Seele fortschreiten muß, wenn man sein inneres Leben kennen lernen will, so muß man für die Völkercharaktere zu dem ihnen zugrundeliegenden Seelisch-Geistigen vordringen, wenn man eine wirkliche Erkenntnis derselben anstrebt.«[16]

Am 7. Juni 1910 wies er darauf hin, warum gerade in einer Zeit, in der das Individuelle immer maßgeblicher wird, ein tieferes Verständnis der Volkszusammenhänge angestrebt werden muß:

»Es ist aus dem Grunde von einer ganz besonderen Wichtigkeit, weil die nächsten Schicksale der Menschheit in einem viel höheren Grade, als das bisher der Fall war, die Menschen zu einer gemeinsamen Menschheitsmission zusammenführen werden. Zu dieser gemeinsamen Mission werden aber die einzelnen Volksangehörigen nur dann ihren entsprechenden freien, konkreten Beitrag liefern können, wenn sie vor allen Dingen ein Verständnis haben für ihr Volkstum, ein Verständnis für dasjenige, was man nennen könnte 'Selbsterkenntnis des Volkstums'.«[17]

Diese Worte Rudolf Steiners appellierten an die Bewußtseins- und Erkenntniskräfte der europäischen Menschen zu einem Zeitpunkt, als der Völkerhaß noch nicht zu jenen größeren Exzessen geführt hatte, die sich in Massendeportationen und Vertreibungen entladen sollten. Der Zeitpunkt war nicht willkürlich. Denn schon im Oktober 1912 begann mit Ausbruch der Balkankriege die Spirale der wechselseitigen »ethnischen Säuberungen« in Europa, die seitdem nahezu ununterbrochen andauert.

Anmerkungen

[1] Karl Schlögel: Kosovo... Die ethnische Säuberung ist eine Ausgeburt des 20. Jahrhunderts. In: Die Zeit Nr. 18 vom 29. April 1999.

[2] Elias Canetti: Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend. Taschenbuchausgabe Frankfurt/M. 1979, S. 10.

[3] Czeslaw Milosz: West und Östliches Gelände. Taschenbuchausgabe München 1986, S. 22.

[4] Der Sturz der Geister der Finsternis (GA 177), 14. Oktober 1917; Innere Entwickelungsimpulse der Menschheit (GA 171), 13. November 1917; Die soziale Grundforderung unserer Zeit (GA 186), 29. November 1918.

[5] »Über Centralisation und nationale Gleichberechtigung in Österreich«, Národní Noviny vom 23. Dezember 1849, in: Frantisek Palacky: Österreichs Staatsidee. Prag 1866, S. 89f.

[6] Deutschlands Weltstellung und der Weiterbau am deutschen Nationalstaat«, Alldeutsche Blätter, Januar 1894; zit. nach Jirí Koralka: Vsenemecky svaz a ceská otázka koncem 19. století [Der Alldeutsche Verband und die tschechische Frage am Ende des 19. Jahrhunderts]. Praha 1963, S. 57.

[7] Alldeutsche Blätter, Oktober 1895, zit. ebenda 60.

[8] Deutschland bei Beginn des 20. Jahrhunderts. Von einem Deutschen. Berlin 1900, S. 212f.; zit. ebenda 63.

[9] Vaso Cubrilovic: Iseljavanje Arnauta, in: Le nettoyage ethnique. Documents historiques sur une idéologie serbe. Hrsg. v. Mirko Grmek, Marc Gjidara, Neven Simac. Paris 1993, S. 150-185. Auf deutsch online.

[10] Vgl. Friedrich Heer: Der Glaube des Adolf Hitler. Anatomie einer politischen Religiosität. München-Esslingen 1968, S. 39f.

[11] So der im Landwirtschaftsministerium tätige Oberregierungsrat Stumpfe alias Ekkehart Ostmann; zit. nach Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Paperback-Ausgabe 2. Aufl. Königstein/Ts. 1979, S. 143.

[12] Zit. nach Fritz Fischer: Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911-1914. Paperback-Ausgabe Kronberg/Ts.-Düsseldorf 1978, S. 352.

[13] Daniel Frymann (= Justizrat Class): Wenn ich der Kaiser wär'. 4. Aufl. 1913; zit. nach Die Zerstörung der deutschen Politik. Dokumente 1871-1933. Hrsg. v. Harry Pross. Frankfurt/M. 1959, S. 134ff. (Hervorhebungen im Original.)

[14] Adolf Hitler: Mein Kampf. München 181933, Bd. I, S. 10f., 14. [Hervorhebung M.O.]

[15] Joseph Roth: Die Kapuzinergruft. Taschenbuchausgabe München 1967, S. 14f.

[16] Rudolf Steiner: Die Mission einzelner Volksseelen. Dornach 51982 (GA 121), Vorrede.

[17] Ebenda, Vortrag vom 7. Juni 1910.