Rudolf Steiner und die Überwindung des Nationalismus
Eine Biographie

01.08.1997

Der Ansatz einer sozialen Dreigliederung geht von einem späten Werk Rudolf Steiners aus: Die Kernpunkte der sozialen Frage. Dort bricht er nicht nur mit vielem, was den meisten noch heute selbstverständlich ist, sondern auch mit demjenigen, was seine damaligen Anhänger von ihm erwartet haben. Im ganzen Buch ist nämlich kein Wort von Esoterik. Es hat dieselbe Nüchternheit wie sein Frühwerk: Die Philosophie der Freiheit. Nur zeigt er diesmal auf, wie sich diese Freiheit sozial umsetzen läßt, wie sie selbst sozial werden kann, ohne sich dabei zu verlieren. Was herauskommt, ist eine Philosophie der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Ein zentrales Anliegen der Kernpunkte der sozialen Frage ist die Überwindung des Nationalismus. Erste Ansätze zu dieser Überwindung gibt es schon im Frühwerk Steiners. Dort bleibt es aber meistens bei Andeutungen. Verständlich werden sie oft erst durch sein späteres Werk. Man kann sich fragen, warum Steiner solange braucht, um seine Ideen auf den Punkt zu bringen. Liegt es nur an seiner eigenen Entwicklung oder auch an äußeren Umständen? Hier lohnt es sich einen Blick auf seine Biographie zu werfen.

Österreich-Ungarn und das Problem der Nationalitäten

Steiner ist 1861 in Kraljevec geboren. Im chronologischen Lebensabriß der Herausgeber am Ende seiner Werke steht 1994 immer noch "damals Österreich-Ungarn, heute Jugoslawien". Dieses "heute" ist inzwischen schon wieder überholt. Dieser Umstand sagt einiges über die Jugend von Steiner aus. Er hat in einem Staat gelebt, der mit seinen vielen Kulturen nicht zurechtgekommen ist. Auf diese Erfahrung beruft er sich später selber. Daran soll sich die Notwendigkeit einer sozialen Dreigliederung zeigen. Zu dem Zeitpunkt bleibt es aber "beim Beobachten der außerordentlich komplizierten Verhältnisse."

Die eigene Wahl geht eindeutig zur deutschen Kultur. Julius Schröer, einer seiner Lehrer, macht ihn ab 1879 auf den literarischen Goethe aufmerksam. Steiner siedelt dann 1890 nach Weimar, um den naturwissenschaftlichen Goethe herauszugeben. Inzwischen ist er überzeugt, daß der Mensch physiologisch dreigegliedert ist. Das Gehirn ist nicht das Zentrum des Menschen überhaupt. Es ist nur das Zentrum der Kopforganisation und des Denkens. Fühlen und Wollen lassen sich daraus nicht erklären. Das Fühlen hat seinen Ursprung in der Atmungs- und Zirkulationsorganisation. Das Wollen entsteht aus der Gliedmaßen-Organisation. Der Mensch besteht aus diesen drei eigenständigen Organisationen. Wenn Steiner später von "sozialem Organismus" spricht, dann macht er es aus derselben Überzeugung. Das soziale Leben läßt sich nicht aus einer einzigen zentralen Organisation gestalten. Es muß stattdessen dreigegliedert werden. Organismus heißt also hier das Gegenteil von Zentralismus. Zu dieser politischen Idee ist er aber erst über den Umweg der Anatomie gekommen.

Steiner braucht noch über dreißig Jahre, um seine Idee einer menschlichen Dreigliederung auszuarbeiten. Um auch auf die Idee einer sozialen Dreigliederung zu kommen, muß er sich aber erst einmal für soziale Fragen interessieren.

Schon vor seiner Übersiedlung nach Weimar spricht sich Steiner für eine kulturelle Zusammenarbeit aller Deutschen aus. Er hat noch als Kind die politische Feindschaft zum Deutschen Reich erlebt. Sie darf hier aber keine Rolle spielen. Daran zeigt sich schon, wie Steiner nicht alle sozialen Fragen in einen Topf werfen will. Darin ist er sich mit Schröer einig, beruft sich sogar auf ihn. Mit Schröer teilt er auch dieselbe Auffassung der Volksseele. Sie ist ihnen beiden keine abstrakte Idee, sondern ein wirkliches geistiges Wesen. Es wirkt auf die Menschen, die zu ihm gehören. Die Volksseele bleibt eine abstrakte Idee, solange nur auf die gemeinsamen Eigenschaften dieser Menschen geschaut wird. Sie wird dann bloß aus ihren Gemeinsamkeiten extrahiert, abstrahiert. Steht die Volksseele für sich, so fällt die Fixierung auf diese Gemeinsamkeiten weg. Sie kann unter verschiedenen Umständen auch anders wirken. Besonders interessant wird das Zusammenwirken mit anderen Volksseelen. Schröer hat nicht umsonst verschiedene deutschen Mundarten erforscht. Er wollte wissen, was aus der deutschen Sprache wird in slawischen, magyarischen und italienischen Gegenden. Diese Beschäftigung mit den verschiedenen Volksseelen Österreichs hat wichtige Folgen. Jetzt fängt Steiner an, sich für "die öffentlichen Zustände" wirklich zu interessieren.

Steiner engagiert sich dann auch politisch. Die ersten Opfer seiner Kritik sind 1888 die deutschen Verfassungsliberalen, das heißt die Liberalen, die ihren Herrscher durch eine Verfassung einschränken wollen. Sie schränken aber nicht nur Kaiser und Könige ein. Mit der Freiheit des Individuums können sie noch weniger anfangen als die Klerikalen. Das ganze Schul- und Hochschulwesen bevormunden sie durch Unmengen von Paragraphen. Die Haltung Steiners zu den Deutsch-Nationalen ist dagegen zwiespältig. Sie dürfen sich nicht wie die Slawen und die deutschen Bauern auf ihre Abstammung, das heißt ihr Blut, berufen und mit den Klerikalen paktieren. Sie verraten sonst ihre eigene nationale Idee. Sie geben ihren Anspruch auf Bildung und religiöse Freiheit auf. Das Nationale lehnt er also nicht absolut ab, wenn es nur nichts mit Blutsverwandschaft und Unfreiheit, sondern allein mit der Kultur zu tun hat, die man sich selber aus eigener Kraft erringt. Als sich die Deutsch-Nationalen von diesem Ideal immer mehr entfernen, geht Steiner lieber auf Distanz.

Hier tritt schon dasselbe Problem auf wie im Ersten Weltkrieg. Seine Deutschen mißt Steiner immer wieder an Goethe. Hier macht er keine Kompromisse. Er will sie aber nicht klein machen, sondern ermutigen. Es klingt dann oft so, als ob die real existierenden Deutschen schon so weit wären. Sie müssen sich nur darüber bewußt werden, was sie eigentlich sind. Ein gefundenes Fressen für selbstzufriedene Deutsche. Sie brauchen nur einige barsche Kritiken zu überlesen, und schon wird Steiner zum bedingungslosen Anwalt Deutschlands.

In Weimar trifft Steiner auf eine ganz andere Art der Internationalität als in Österreich. Hier verkehren Menschen aus der ganzen Welt. Sie interessieren sich für Goethe und sein Umfeld. Dort begegnet er auch Hermann Grimm. Dieser ist überzeugt, daß Amerika durch seine deutschen Einwanderer immer deutscher werden wird. Vor dieser Illusion wird Steiner durch seine Erfahrungen in Österreich bewahrt. Deutsche gehen vielmehr in den anderen Kulturen auf. Nicht unter, sondern auf, und die anderen Kulturen mit. Hermann Grimm ist laut Steiner selber ein gutes Beispiel dafür. Seinen Schreibstil verdankt er einem amerikanischen Schriftsteller.

Antisemitismus und Nationalismus als Erniedrigung des Geistes

Bei seiner Übersiedlung nach Berlin setzt er sich gegen den Antisemitismus ein. Am Beispiel von Friedrich Paulsen zeigt er, wie man durch den Historismus lau gegen den Antisemitismus werden kann. Der Historismus kann sich nicht vorstellen, daß die Juden dabei sind, ihre nationale Vergangenheit zu überwinden. Seine Vorurteilslosigkeit zeigt Steiner auch während der Dreyfus-Affäre. Er widerspricht entschieden den Antisemiten und hält Dreyfus nicht schon deswegen für schuldig, weil er Jude ist. Für Dreyfus setzt sich Steiner nicht aus persönlicher Sympathie ein. Als bornierter Chauvinist ist er ihm ganz einfach zuwider. Dieser Charakterzug zeugt aber gerade von seiner Unschuld. Heutige Staatsverfassungen sind leider so, daß Richter keine Psychologen sein können. Es ist dann ein Leichtes, sie durch gefälschte Beweismittel dazu zu bringen, jemanden wie Dreyfus als Landesverräter zu verurteilen, obwohl er einer solchen Tat gar nicht fähig ist. An dieser Bemerkung zeigt sich schon, wie Steiner über die übliche Lehre der Gewaltenteilung hinausgeht. Ihm ist die Einsetzung der Richter auf Lebenszeit nicht der richtige Weg zu ihrer politischen Unabhängigkeit. Sie brauchen vor allem Lebenserfahrung.

Die von Steiner in Berlin übernommene Zeitschrift verliert innerhalb weniger Jahren seine meisten Abonnenten. Steiner erwähnt später die Begründung eines Universitätsprofessoren, um sie abzubestellen.

"Hierdurch bestelle ich das "Magazin für Literatur" ein für allemal ab, da ich ein Organ, das für den sein Vaterland verratenden Judensöldling Emile Zola eintritt, nicht in meiner Bibliothek dulden mag."

Aber auch Theodor Mommsen muß Steiners Kritik einstecken, obwohl er kein Antisemit ist. Mommsen hat die Deutschen Österreichs zur Einigkeit aufgerufen. Dieser Einigkeit weiß er aber keinen Inhalt zu geben. Die Verteidigung der deutschen Nationalität wird scheitern, solange sie Selbstzweck ist. Die Deutschen sollen sich einig sein über eine Verfassung, die unter anderem das Zusammenleben mehrerer Nationalitäten ermöglicht. Erst dann können sie trotz ihrer Minderheitsposition wieder eine politische Bedeutung bekommen. Was er für eine Verfassung gemeint hat, wird erst bei der späteren Dreigliederungsbewegung deutlich. Dort formuliert er endlich die Bedingungen eines friedlichen Zusammenlebens mehrerer Kulturen: "Die Menschen eines Sprachgebietes kommen mit denen eines andern nicht in unnatürliche Konflikte, wenn sie sich nicht zur Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation oder der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen."

Die Internationale der Arbeiter und Theosophen

In Berlin treten zwei Kreise an Steiner heran: Die Arbeiter 1899 und die Theosophen 1902. Ein stärkerer Kontrast läßt sich kaum finden. Sie treffen sich nur in ihrer internationalen Gesinnung. Gerade hier knüpft Steiner an.

In der Berliner Arbeiterbildungsschule hält er Vorträge über Universalgeschichte. Er leitet sie aber nicht aus der Wirtschaftsgeschichte ab. Was er bietet, ist eine Geschichte der Fortschritte und Rückschläge der Freiheit. Er kommt aber nicht weiter als bis zum Mittelalter. Den marxistischen Führern ist seine Freiheit ein Dorn im Auge. Trotz der Unterstützung der Arbeiter muß er 1904 gehen. Kurz später macht er sein Anliegen klar. Das Mittelalter enthält viele Ansätze zur wirtschaftlichen Brüderlichkeit. Sie sind durch den Zentralismus des Staates und der Kirche zerschlagen worden. Was zu dieser zentralistischen Rechtslehre geführt hat, ist die geistige Unfreiheit. Ohne geistige Freiheit wird auch die Arbeiterbewegung ihre wirtschaftliche Brüderlichkeit verfehlen. Sie wird den Nationalismus nicht überwinden, sondern weiterführen.

Die Theosophen versucht er dagegen für die sozialen Fragen zu interessieren. Er muß nicht gehen, findet aber damit überhaupt kein Echo, so daß er bald von selbst schweigt. Seine Aufsätze über wirtschaftliche Arbeitsteilung muß er 1905 einstellen. Sie sind reine Papierverschwendung gewesen. Auch seine Warnung vor weltweiter Überproduktion geht 1914 ins Leere. Steiner muß sich also auf die theosophische Nachfrage einstellen. Für Theosophen gilt aber die Devise: Je älter, je höher die Weisheit. Von Steiner erwarten sie also, daß er ihnen die Heiligen Schriften interpretiert. Damit scheint die Frage des Nationalismus in den Hintergrund zu treten. Dies ist aber nicht ganz der Fall. Steiner betont den Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Besonders klar wird es 1908 bei seiner Besprechung des Johannes-Evangeliums. Hier vertritt Christus das Individuum gegen die alttestamentlichen Blutsbande. Nur dieses Individuum kann zum Geist finden, der ihn mit der ganzen Menschheit verbindet. Hier greift er die Idee wieder auf, die schon 1894 im Mittelpunkt seiner Philosophie der Freiheit gestanden hat. Zum Christus kommt es durch eine Synthese der bisherigen Kulturen. Was zusammengetragen wird, sind aber nicht ihre Gemeinsamkeiten. Stattdessen finden ihre Unterschiede zusammen. Auch dieses Ideal hat Steiner schon 1892 ausgesprochen. Die Neigung der Theosophen für alte aber auch fremde Kulturen bietet hier einen Anknüpfungspunkt.

Steiner zeigt also Auswege aus dem Nationalismus. Die Arbeiterführer lehnen aber die individuelle Freiheit ab. Die Theosophen interessiert die wirtschaftliche Brüderlichkeit nicht. Für die Idee der sozialen Dreigliederung fehlt es an einem allseitig interessierten Publikum. Steiner kommt daher nicht dazu, seine sozialen Ideen in ihrem Zusammenhang darzustellen.

Steiner versucht 1910 noch einmal, das soziale Interesse der Theosophen zu erweitern. Diesmal spricht er aber nicht von Wirtschaft. Als Thema nimmt er sich die Volksseelen vor. Die Theosophen sollen sich dabei von der Notwendigkeit einer sozialen Dreigliederung überzeugen können. Dieser neue Versuch schlägt aber auch fehl. Seine Ausführungen über Volksseelen werden kaum aufgegriffen. Sie sind aber dafür entscheidend, wie Steiner selber zu seinen Antworten auf den Nationalismus kommt. Sein Interesse für soziale Fragen verdankt er nämlich der Beschäftigung mit den Volksseelen.

Es fragt sich nur, wie man von den Volksseelen auf die soziale Dreigliederung kommen soll. Bei Steiner heißt es 1910:

"Es ist von einer besonderen Wichtigkeit […], daß gerade in unserer Zeit in unbefangenster Weise auch gesprochen wird über dasjenige, was wir die Mission der einzelnen Volksseelen der Menschheit nennen […], weil die nächsten Schicksale der Menschheit in einem viel höheren Grade als das bisher der Fall war, die Menschen zu einer gemeinsamen Menschheitsmission zusammenführen werden (Hervorhebung und Auslassungen von Steiner)."

Beim "Zusammenführen" haben wahrscheinlich wenig Theosophen an die Tendenz zur Weltwirtschaft gedacht. Zur "Unbefangenheit" gehört, daß Steiner den Osten anerkennen kann. Dort wirken noch Reste alter Hochkulturen nach. Das entspricht durchaus dem theosophischen Geschmack. Steiner lenkt aber auch den Blick auf die europäischen Volksseelen. Er erwähnt zum Beispiel die Weltmission der Engländer. Das ist den Theosophen wahrscheinlich zu modern gewesen.

Im Januar 1918 hat Steiner ein Gespräch mit Max von Baden, der später für kurze Zeit deutscher Kanzler werden sollte. Dieser zeigt sich interessiert an einer Psychologie der Völker. Steiner läßt darauf seine Vorträge von 1910 drucken und schickt ihm ein Exemplar. Später wirft er Max von Baden vor, nicht daraus auf die Notwendigkeit einer sozialen Dreigliederung geschlossen zu haben. Allein wäre ich wahrscheinlich auch nie darauf gekommen. Steiner erklärt hier aber endlich, wie er es gemeint hat.

Im Westen hat man damals von den östlichen Kulturen noch wenig gehalten. Man hat sich für die eigentliche Kultur gehalten. Der Osten ist wegen seiner technischen Rückständigkeit verachtet worden. Westler haben es aber eigentlich bisher zu kaum mehr als einer Wirtschaft gebracht. Sie wollen zum Osten nur wirtschaftliche Beziehungen aufnehmen. Sie werden deswegen selber im Osten verachtet. Das stimmt auch dort, wo ihre Technik übernommen wird, wie damals in Japan. Was daraus folgt ist klar. Wird nicht zur sozialen Dreigliederung geschritten, so schlägt die kulturelle Verachtung in einen Krieg zwischen Staaten um. Zwischen den beiden Fronten steht dann meistens Mitteleuropa.

Mit seiner Völkerpsychologie will Steiner aber nicht nur auf die Probleme der zukünftigen Globalisierung verweisen. Er betont immer wieder, daß es gefährlich ist, von Volksseelen zu sprechen, ohne auch den Gedanken der Reinkarnation dazu zu nehmen. Jeder Mensch macht mehrere Volksseelen durch. Entweder gleichzeitig durch eine bewußte Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, oder zumindest nacheinander durch seine Wiederverkörperungen. Hier liegt die Grundlage für jeden Individualismus. Der Mensch ragt aus dem einen Volk, so wie er aus dem einen Leben herausragt. Jeder Mensch, der darauf eingeht, wird zu einer kulturellen Minderheit. Dem kann das Geistesleben nur dann Rechnung tragen, wenn es kompromißlos auf individuelle Freiheit setzt. Diese Freiheit gehört daher zu den Hauptanliegen der sozialen Dreigliederung.

Dreigliederungszeit und danach

Im Mai 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, wird Steiner von einem deutschen Diplomaten um Rat gebeten. Erstmals kann er seine sozialen Ideen nicht nur einzeln, sondern im Zusammenhang darstellen. Im Juli 1917 verfaßt er ein Memorandum für die deutschen und österreichischen Regierungen. Die Idee einer sozialen Dreigliederung ist darin deutlich zu erkennen. Das Memorandum wird von diesen Regierungen aber entweder gar nicht verstanden, oder im entscheidenden Moment vergessen.

Inzwischen ist Steiner aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen worden. Für die Theosophen, die sich für ihn weiter interessieren, wird eine Anthroposophische Gesellschaft gegründet. Die Theosophen werden zu Anthroposophen. Geblieben ist der Mangel an Interesse für soziale Fragen. Mit seiner sozialen Dreigliederung stößt hier Steiner meistens auf taube Ohren.

Die Betriebsrätebewegung von 1919 gibt der sozialen Dreigliederung eine neue Chance. Es gelingt aber weder die Vernetzung der Wirtschaftsräte, noch ihre Ergänzung durch einen internationalen Kulturrat. Mehr Glück hat die Initiative zur Gründung einer freien Schule, die zum Ausgangspunkt der heutigen Waldorfschulbewegung geworden ist. Bei einer Abstimmung in Oberschlesien geht es 1921 eigentlich nur noch darum, ein Zeichen zu setzen. Steiner spricht sich dafür aus, daß die Region weder Deutschland noch Polen zugeschlagen wird. Oberschlesien soll unabhängig werden und sich im Sinne der sozialen Dreigliederung um eine Überwindung der nationalen Spannungen zwischen Polen und Deutschen bemühen. Richtige Aussichten auf Erfolg gibt es nicht mehr. Hitler reicht es aber, um in Steiner zu Recht einen gefährlichen Feind zu erkennen. Dieser läßt sich nicht täuschen. Hätte sich Steiner mit seiner sozialen Dreigliederung durchgesetzt, so wäre dem Nationalsozialismus jeder Boden entzogen worden.

Da die Idee der sozialen Dreigliederung sich nicht verbreiten konnte, so sollte sie wenigstens vertieft werden. Steiner geht daher 1922 auf den Wunsch von Studenten nach einem Kurs über Nationalökonomie ein. Statt der Nationalökonomie behandelt er aber die Weltökonomie. Seine Philosophie der Freiheit versucht er damit um eine Philosophie der Brüderlichkeit zu ergänzen.

Sylvain Coiplet