Die multikulturelle Gesellschaft

01.10.1995

Wer hat heute im Bewußtsein, daß Rudolf Steiner einer der großen Vorkämpfer der multikulturellen Gesellschaft war? Vor 78 Jahren trat er mit einem politischen Programm für die Nachkriegsordnung auf. Die Nationalstaaten hatten abgewirtschaftet; sie hatten Europa ins Unglück gestürzt, Rudolf Steiner wollte nun die Völker, die Ethnien von den Staaten trennen. «Der Rechtsstaat, der Sicherheitsapparat braucht keine nationale Identität», war seine revolutionäre Einsicht, sein friedenstiftender Gedanke.

Damit eine für alle gleiche Rechtsordnung durchgesetzt und notfalls polizeilich und militärisch gesichert werden kann, tendiert alles staatliche Leben notwendig zu nach außen abgeschlossenen einheitlichen Gebieten. - Sprachen, Völker, Kulturen, Religionen, Lebensstile, kurz alles Kulturelle, hat aber immer die Tendenz, sich zu durchdringen, zu vermischen. Denn die eigentlichen Träger des Kulturellen sind nicht soziale Apparate - wie notwendig beim Staat -, sondern individuelle Menschen. Und deren Lebenswege durch die ganze Welt sind individuell. Ein Blick auf die Völkerkarte Rußlands oder Indiens, eine Straßenbahnfahrt in Basel genügen, um zu sehen, daß die kulturellen Impulse zur territorialen Durchdringung tendieren. Über 60 Prozent aller Menschen auf der Erde sind zweisprachig.

Entgegengesetzte Beziehungen zum Raum haben das staatliche und das kulturelle Leben. Deshalb müssen Staatsapparat und kulturelles Leben völlig voneinander getrennt werden.

Ein vom Staat befreites multiples Geistesleben braucht den Freiraum für alle kulturellen Bedürfnisse und Impulse. Hier sollten neben kosmopolitischen und universellen Impulsen vor allem auch alle Ethnien ihre Einrichtungen so bilden können, wie sie das wollen (solange die Teilnahme der einzelnen freiwillig ist). Am Beispiel des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn zeigte Rudolf Steiner, wie ein Freies Geistesleben jeder Volks-, jeder Sprachgruppe, jeder Religionsgemeinschaft Voraussetzungen schafft für eigene Schulen und Universitäten: Geistesleben entwickelt sich dann am freiesten, wenn es vollständig multikulturell ausgerichtet ist. - Das Rechtsleben aber hat mit den Ethnien nichts zu tun. Es hat alle Menschen, die auf einem Territorium wohnen, gleich zu behandeln, egal welcher Ethnie sie zugehören.

Der Staat eines Gebietes sollte nicht mehr einer Ethnie gehören, einer Ethnie dienen. Um es kraß zu sagen: Der Staat in Deutschland kann - nach den sozialen Impulsen Rudolf Steiners - nicht den Deutschen gehören, sondern nur allen seinen Einwohnern in gleicher Weise; der Staat in Polen, in Rumänien, Frankreich nicht den Polen, Rumänen, Franzosen. Rudolf Steiner hat für diesen Entwurf, diesen Impuls der multikulturellen Gesellschaft, im entethnisierten, ethnisch indifferenten Staat nachhaltig und mit großem Einsatz politisch gekämpft.

Ein geistiges Gebiet stellt ja auch die einem Volke eigene Sprache dar und alles, was sich in unmittelbarem Zusammenhange mit der Sprache ergibt. Das Volksbewußtsein selbst gehört in dieses Gebiet. Die Menschen eines Sprachgebietes kommen mit denen eines andern nicht in unnatürliche Konflikte, wenn sie sich nicht zur Geltendmachung ihrer Volkskultur der staatlichen Organisation oder der wirtschaftlichen Gewalt bedienen wollen. Hat eine Volkskultur gegenüber einer andern eine größere Ausbreitungsfähigkeit und geistige Fruchtbarkeit, so wird die Ausbreitung eine gerechtfertigte sein, und sie wird sich friedlich vollziehen, wenn sie nur durch die Einrichtungen zustande kommt, die von den geistigen Organismen abhängig sind.
Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage (GA 23), 1976, S. 142.

In diesen wenigen Sätzen aus seiner politischen Aktionsschrift "Die Kernpunkte der sozialen Frage" führt Rudolf Steiner das schwierigste Konfliktpotential multiethnischer Gesellschaften einer wirklichen und nicht nur einer Scheinlösung zu. Denn zu wirklicher kultureller Freiheit gehört fur jeden einzelnen Menschen die gegebenenfalls radikale ethnische Selbstbestimmung und Gruppenbildung. Frei ist man nur, wenn man mit den Seinen so radikal albanisch, serbisch, deutsch, französisch oder kurdisch zusammenleben kann, wie man es wünscht. Das gilt nicht einmal nur für die Minderheiten in Berlin, Marseille oder Diyarbakir, sondern auch für die Mehrheiten. Man braucht vor ihnen keine Angst mehr zu haben, wenn sie nicht mit den Mitteln des politischen, des Machtapparates kämpfen - die Minderheiten nicht mit Kapuzen und Sprengstoff, die Mehrheiten nicht mit Polizei und Strafgesetz -, sondern beide mit attraktiveren Lebensformen, höherer Bildung und ansprechenderen menschlichen Werten.

Die Waffen, der Staats-und Armeeapparat, sie müssen dem Zugriff kultureller Einzelinteressen entzogen sein. Sie müssen streng am Ideal der völligen Indifferenz religiösen, ethnischen und gesellschaftlichen Gruppen gegenüber ausgerichtet sein.

Das österreichisch-ungarische Staatsgebilde drängte seit mehr als einem halben Jahrhundert nach einer Neugestaltung. Sein geistiges Leben, das in einer Vielheit von Völkergemeinschaften wurzelte, verlangte nach einer Form, für deren Entwicklung der aus veralteten Impulsen gebildete Einheitsstaat ein Hemmnis war. Der serbisch-österreichische Konflikt, der am Ausgangspunkte der Weltkriegskatastrophe steht, ist das vollgültigste Zeugnis dafür, daß die politischen Grenzen dieses Einheitsstaates von einem gewissen Zeitpunkte an keine Kulturgrenzen sein durften für das Völkerleben. Wäre eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß das auf sich selbst gestellte, von dem politischen Staate und seinen Grenzen unabhängige Geistesleben sich über diese Grenzen hinüber in einer Art hätte entwickeln können, die mit den Zielen der Völker im Einklang gewesen wäre, dann hätte der im Geistesleben verwurzelte Konflikt sich nicht in einer politischen Katastrophe entladen müssen.
Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage (GA 23), 1976, S. 147.

Nicht nur auf dem Balkan werden immer noch die kulturellen Probleme mit den staatlichen Mitteln ausgefochten. Und es ist daher auch klar, daß gerade von den völkischen Gruppen der brutalste Widerstand gegen Rudolf Steiner erfolgte. Den Völkern den Staat wegnehmen, das hieß ja: die Alldeutschen entwaffnen! Rudolf Steiner formulierte vornehm:

Gegenwärtig wird der Dreigliederung des sozialen Organismus noch der schärfste Widerstand von seiten derjenigen Menschheitszusammenhänge erwachsen, die aus den Gemeinsamkeiten der Sprachen und Volkskulturen sich entwickelt haben. Dieser Widerstand wird sich brechen müssen an dem Ziel, das sich aus den Lebensnotwendigkeiten der neueren Zeit die Menschheit als Ganzes immer bewußter wird setzen müssen.
Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage (GA 23), 1976, S. 142.

Tatsächlich antworteten die völkischen Kreise und Milizen auf Rudolf Steiners politische Tätigkeit mit Terroraktionen, bei denen er knapp mit dem Leben davonkam und die ihm das öffentliche Auftreten in Deutschland endgültig verunmöglichten. Im Völkischen Beobachter kennzeichnete Adolf Hitler die Dreigliederung des sozialen Organismus als eine dieser «ganzen jüdischen Methoden zur Zerstörung der normalen Geistesverfassung der Völker». Steiners Intentionen standen Hitlers Zielen tatsächlich klarer entgegen als beispielsweise die Kommunisten, die mit eigenem Terror den Terror der Braunen konsolidierten. Rudolf Steiner wirkte darauf hin, der Hitlerei die emotionale Basis zu entziehen.

Rudolf Steiners Einsatz für die multiethnische Gesellschaft lagen wichtige okkulte Erkenntnisse zugrunde. Er hatte lange beobachtet, daß vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an "die alten Impulse, die sich auf Rassen-, Stammes-und Volkszusammenhänge, auf das Blut gründen, übergehen in die Regierung der Geister der Finsternis, daß von da ab die Geister der Finsternis ... den Menschen einzuimpfen beginnen, die Ordnungen auf Stammeszugehörigkeiten, auf Blutsbande zu begründe"[1].

Als dann im Ersten Weltkrieg, der aus dem Nationalwahn entstanden ist, das Wilsonsche «Selbstbestimmungsrecht der Völker» allgemein als das Gestaltungsprinzp für die Nachkriegsordnung aufgenommen wurde, trat Rudolf Steiner bei jeder sich bietenden Möglichkeit gegen diese Idee ein. Der einzelne braucht ein Selbstbestimmungsrecht, Schutz und Freiraum. Er, und nicht ein Volk, muß das Schutzobjekt des Staates werden. - Für die Völker, die in Mitteleuropa und im Osten in intensivster Weise in siedlerischer Durchdringung lebten, mußte die Idee ethnischer Selbstbestimmung durch Staatenbildung zu Unfrieden, Mißtrauen und letztendlich zu dem führen, was heute ethnische Säuberung heißt.

1922 sollte das ethnisch durchmischte Oberschlesien entweder zu Polen oder zu Preußen geschlagen oder - ethnisch bereinigt -aufgeteilt werden. Rudolf Steiner lancierte eine politische Aktion mit dem Ziel, daß die Oberschlesier beider Ethnien sich unter Protest weder Polen noch Preußen anschließen sollten:

Gerade in Oberschlesien schreien die Verhältnisse ganz besonders nach einer solchen Dreigliederung. Hier kämpfen zwei Kulturen, zwei Volksindividualitäten, die einander durchdringen, um die Möglichkeit, sich auszuleben. Schulwesen und richterliche Rechtsprechung sind die wichtigsten Punkte, die zu Reibungen Anlaß geben. Nur durch die Befreiung des Geisteslebens können gerade in Oberschlesien diese brennenden Fragen gelöst werden. Nebeneinander werden sich dann die zwei Kulturen, die deutsche und die polnische, entsprechend ihren Lebenskräften entwickeln können, ohne daß die eine eine Vergewaltigung durch die andere zu befürchten hat, und ohne daß der politische Staat für die eine oder andere Partei ergreift. Nicht nur eigene Bildungsanstalten, sondern eigene Verwaltungskörperschaften für das Kulturleben wird jede Nationalität errichten, so daß Reibungen ausgeschlossen sind.
Rudolf Steiner: Wie wirkt man für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus? (GA 338), Dornach 1986, S. 265.

So hieß es in dem «Aufruf zur Rettung Oberschlesiens», mit dem diese Aktion arbeitete.

Rudolf Steiner war einer der ideenreichsten Kämpfer gegen Rassismus und Chauvinismus. Das grundsätzlich Neue seines Ansatzes für die multikulturelle Gesellschaft wurde im vergangenen Jahr in Norwegen und Schweden wiederum entdeckt - nicht nur von Anthroposophen, sondern von Menschen, denen die Probleme unter den Nägeln brannten.[2] Die Bewegung, die seine Impulse aufgreifen und vor der Welt sichtbar machen will, täte gut daran, diese seine Haltung, seine Aktivitäten sich und der Öffentlichkeit ins Bewußtsein zu heben.

Anmerkungen

[1] Rudolf Steiner: Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis (GA 177), Vortrag vom 26. Oktober 1917. [2] Siehe Wochenschrift Das Goetheanum vom 7. Mai 1995.

Weiterführende Texte


Erschienen in Das Goetheanum Nr. 26, Oktober 1995