Wie funktioniert freies Geistesleben? - Eine Replik II

01.09.1994

Zum Beitrag Wie funktioniert freies Geistesleben? von Christoph Lindenberg in Heft 6/94, S. 486-489

Es ist mir an erster Stelle ein Bedürfnis, Herrn Lindenberg zu danken, daß er das, was in den Couloirs der anthroposophischen Institutionen im Brustton der geteilten Überzeugung zur sozialen Dreigliederung (und deren institutionellen Variante insbesondere) einander anvertraut wird, ins Licht der Öffentlichkeit gebracht hat. Ein Todesstrich oder ein in memoriam?

Da ich vieles, was für und gegen die Meso-Dreigliederung zu sagen ist, in meinem Buch Der anthroposophische Sozialimpuls (Schaffhausen 1984) besprochen habe und die mehr praktischen Aspekte in meinem Waldorfschule und Dreigliederung (Raisdorf 1992) ausgearbeitet sind, möchte ich mich hier auf einige Glossen zum Text Lindenbergs beschränken. Interessierte Leser möchte ich aufmerksam machen auf das 1994 in Markdorf erschienene Buch Glaube als Erkenntnis-Religion für eine neue Sozialästhetik von Stefan Karl, worin der Rechtsbegriff erkenntnisphilosophisch angegangen wird.

Wer Herrn Lindenbergs Euphorie der Freiheit des Geisteslebens liest, wird als Dreigliederer beinahe jedem Wort zustimmen können. Nur wäre zu bedenken, daß die von ihm verteidigte beinahe absolute Freiheit nur für den Privatgelehrten, Privatkünstler, Privat-Prediger gelten kann. Überall, wo Geistesleben institutionalisiert ist, tritt ein Zusammengehen mit Rechts- und Wirtschaftsleben auf. Ich darf doch wohl nicht annehmen, daß Herr Lindenberg noch ein Anhänger der kategorialen Dreigliederung ist, die nicht die Tätigkeiten, sondern die Institutionen in eines der drei Gebiete einstuft; das heißt: hat eine Organisation den Stempel Geistesleben bekommen, dann gilt für all ihre Tätigkeiten das Prinzip Freiheit. Dieser bis in die sechziger Jahre von Theoretikern eingenommene Standpunkt wurde durch die damals entstehenden ersten Experimente mit Meso-Dreigliederung sofort als unhaltbar ausgewiesen. Überall da, wo Geistesleben institutionalisiert ist, hat die Organisation ein Ziel und ist damit nach außen hin - womit keineswegs nur der Staat gemeint ist - verpflichtet, sich zielgerecht zu betätigen. Allein schon dadurch hat sie auch intern ein Wirtschaftsleben, dem das Geistesleben Rechnung zu tragen hat. Würde Herr Lindenberg z. B. dulden, daß sein Kollege die Kinder Yoga-Übungen machen läßt? Als Vater eines der Kinder würde ich es jedenfalls nicht, Freiheit hin oder her.

Und weil in einer Institution Menschen zusammenarbeiten müssen auf jenes Ziel hin, entstehen zwischen ihnen Rechtsprobleme (und welche!), die sich keineswegs von jenen im Wirtschaftsleben unterscheiden. Herr Lindenberg wird doch, weil er das für seine Klasse für pädagogisch richtig hält, nicht das Recht für sich in Anspruch nehmen, sie um fünf Uhr morgens zum Unterricht kommen zu lassen? Und wie steht es mit der pädagogischen Ohrfeige ... eines Kollegen, versteht sich? - Man begegnet den drei Gebieten also in jeder Institution, auch wenn sie nicht gedreigliedert ist; nur stottert sie dann wie der gemischte König.

Gewiß war Steiner kein Freund der Demokratie im Geistesleben. Er hat sie aber exemplarisch vorexerziert (siehe dazu mein Republikanisch und demokratisch in Erziehungskunst 1988/1). Und er wußte sie so anzuwenden, daß die Kompetenz zu ihrem Recht kam: Kompetent sind alle Mitarbeiter, um zu wissen, wer auf welchem Gebiet kompetent ist, und dadurch die Kompetenten auf ihrem Gebiet anweisen zu können. Man hat Steiners Handeln herunterspielen wollen. Es sei nur für jenen Fall (intrigierender Lehrer) gemeint. Dahingestellt sein lassend, was Steiner gemeint hat, gibt es kaum eine Institution, die keine Intriganten zu ihren Mitarbeitern zählt. Es wird niemanden überraschen, daß man unter den Intriganten, den Manipulierern viele Gegner der Demokratie findet. Die würde ihnen nämlich die Macht nehmen, auf ideologischem, auf wirtschaftlichem und auf rechtlichem (z. B. Rausschmiß) Felde.

Zu dem von Herrn Lindenberg gebrachten Ausspruch Steiners, daß das Dreigliedern der Anthroposophischen Gesellschaft das Allerunpraktischste wäre, sind mindestens zwei Fragen zu stellen. Erstens wissen wir, anders als bei der o. a. demokratischen Wahl, nicht die Begleitumstände. Was war genau mit dem Vorschlag gemeint? Zweitens aber: Es hätte Herrn Lindenberg geziert, wenn er einen vollständig gegensätzlichen Ausspruch Steiners auch zitiert hätte. Ich hole es für ihn nach. Da lesen wir im zweiten Vortrag des ersten Priesterkurses (GA 342): »Was Sie also in erster Linie werden suchen müssen, das ist schon die Gemeinschaftsbildung. Und da werden Sie nicht anders können, wenn Sie zu einem wahrhaftigen, zu einem wirklichkeitsgetränkten Ziel kommen wollen, als praktisch Dreigliederung zu treiben, sich wirklich bewußt zu sein, wie man praktisch Dreigliederung treiben kann. Sie brauchen dazu gerade in Ihrem Berufe nicht in abstrakter Weise für die Dreigliederung zu agitieren. Es ist gerade in Ihrem Beruf gut, für die Dreigliederung ganz praktisch zu arbeiten. Aber das geht nicht anders, als daß Sie den Weg suchen zu denjenigen, zu denen Sie sprechen wollen. Es muß ein wirklicher Weg gefunden werden, Gemeinden zu gründen.«

Jetzt stehts also eins zu eins, und es ist Raum da für eine andere Frage. Steiner hat uns erzählt, daß die Dreigliederung dem Menschen abgelesen ist. Soll, anders als im Makro-Bereich, der Lehrer, der die Schule betritt, sein Rechtsbewußtsein und seine Effizienz beim Pförtner abgeben?

Ich kann Herrn Lindenberg ein Stück entgegenkommen. Die soziale Dreigliederung ist für unvollkommene Menschen da. Das sind diejenigen, die den Betrieb aufhalten. Und weil es so viele Menschen gibt, die sich selber für vollkommen halten, gibt es so viele Gegner der Dreigliederung. Sie trägt, als Formprinzip innerst des sozialen Impulses, unseren Schwächen Rechnung. Sie tut das, negativ gesagt, indem sie unseren Egoismen Grenzen setzt. Positiv: Sie schenkt uns einen Freiraum. Auch jenen, die heute verschrumpeln unter der Gewalt der Alles(besser)wissenden. Ohne Dreigliederung gibt es nur Freiheit für die Besitzer der Macht - mit oder ohne Kompetenz.

Herrn Lindenbergs Aufruf bestätigt, was wie ein Fluch über dem anthroposophischen Leben ruht: die Abweisung des Sozialimpulses. In aller Deutlichkeit trat dies bereits in Steiners Leben ans Licht: zuerst 1906 im Abbruch der Reihe Theosophie und soziale Frage, dann in dem Widerwillen gegen die Dreigliederung 1919/1920 und schließlich im Unverständnis der Sozialkomponente der Weihnachtstagung. Nach seinem Tod wurde es nicht besser.

Das muß natürlich Konsequenzen haben, die von dem quantitativen Wachstum überschattet, aber nicht aus der Welt geschafft werden können.

Statt von unten getragen, wird die anthroposophische Bewegung von selbsternannten Kompetenzen geführt, die sich ihrer Macht (Anhäufung von Ämtern) wohl bewußt sind. Ihre Instandhaltung wurde unter dem Deckmantel der Kontinuität der Institutionen Zweck an sich. Weil Institutionen a-moralisch sind, sind sie besonders anfällig für Immoralität ihrer Lenker und werden dann von allen guten Geistern verlassen. In Steiners Worten: »Jedes Amt zieht dem Menschen eine luziferische Uniform an« (GA 192, S. 181). Im Kampf gegen die massiven Angriffe der Staaten gab man den das eigentliche anthroposophische Anliegen immer mehr aushöhlenden Kompromissen den Vorzug über eine gemeinschaftliche Front mit jenen, derentwegen die Institutionen entstanden waren (Eltern, Patienten, Konsumenten usw.). Das Zugeständnis deren Gleichwertigkeit könnte die Bresche werden, aus der man überrannt würde. So führte das Buhlen mit dem, den Steiner den widerrechtlichen Fürsten der Welt nannte, einerseits zum Niedergang der anthroposophischen Kernanliegen, andererseits - o Ironie der sozialen Gesetzmäßigkeiten! - zum Verlust gerade jener Freiheit, die Herrn Lindenberg so zu Herzen geht.

Freiheit des Geisteslebens auf institutioneller Ebene kann eben nur die Dreigliederung garantieren. Das ist ja der Sinn des Steiner-Wortes »Entweder Bolschewismus über die ganze Erde oder Dreigliederung« (GA 196, S. 133). Ersterer hat - beschleunigt durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und durch die Befreiung von dem Unterscheidungszwang - längst schon unsere westliche Gesellschaftsstruktur erobert und über sie den Großteil der anthroposophischen Institutionen. Der Anpassungsprozeß an das Einheitsmodell unserer Staaten ist heute so weit fortgeschritten, daß the point of no return erreicht ist. Leider bedeutet das auch, daß diejenigen, die sich in letzter Minute eine freiheitliche Struktur geben wollen, von den Angepaßten bekämpft und vom gesellschaftlichen Strom mitgerissen werden; vielleicht bis auf einige kleine Institutionen, die sich ein Winkeldasein in Windstille erlauben können. »Das ist ein überall gültiges Organisations-Struktur-Gesetz, daß Subsysteme nicht besser sein können als das ihnen darüberliegende Großsystem« (S. Karl, o. c. S. 95).

Der Kampf gegen die Meso-Dreigliederung braucht nicht mehr geführt zu werden. Er ist bereits entschieden. Es fällt nur noch etwas schwer, zu Bewußtsein zu nehmen, daß dadurch institutionelle Anthroposophie nicht über die Schwelle des Jahrtausendendes getragen werden kann. Anthroposophie meine ich, und nicht das, was als solche zur Schau getragen wird. Das ist kein Grund zum Verzweifeln. Der soziale Impuls, in die Herzen der einzelnen gelegt, wird seinerzeit die Quelle sein, woraus sich neues anthroposophisches Wirken entwickeln kann; auf sozialer Grundlage.


Quelle: Die Drei, 9/94, S.721-722