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Zur Dreigliederungs-Bewegung – Geschichtliches - Erinnerungen
Quelle
Zeitschrift „Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland“
17. Jahrgang, Weihnachten 1963, Nr. 66, S. 243–248
Bibliographische Notiz
Als Rudolf Steiner im Jahre 1917 erstmals die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus entwickelte, war es in der Form der beiden Memoranden, welche führenden Persönlichkeiten Deutschlands und Österreichs ausgehändigt wurden, um die Katastrophe eines schon damals so gut wie verlorenen Krieges abzuwenden und der Welt die Daseinsberechtigung des deutschen Volkes vor Augen zu führen. [1] Weil diese führenden Kreise aber noch vollkommen verblendet waren und von ihren Kriegszielen nicht lassen wollten, wurde die allgemeine Friedenssehnsucht nicht erfüllt und eine gewisse Friedensbereitschaft dieses schicksalbelasteten Jahres, in welchem die russische Revolution ausbrach und die Vereinigten Staaten von Amerika in den Krieg eintraten, verpaßt. Der Staatssekretär des Auswärtigen von Kühlmann, der die Denkschrift studierte, rief aus: Dann müßte ja der deutsche Kaiser abdanken! Er ahnte nicht, daß dies ein Jahr später auf weniger ehrenvolle Weise doch geschehen würde. Der österreichische Kaiser Karl ließ die Denkschrift im Archiv verwahren, von wo er sie einen Tag vor Ausbruch der Revolution wiederum hervorholte, als es zu spät war.
[Mitteilungen, Nr. 66, Weihnachten 1963, Seite 243]
In seinen öffentlichen Vorträgen am 14. und 23. November 1917 sprach Rudolf Steiner in Zürich und Basel dann vor größeren Kreisen über die Dreigliederung in Verbindung mit der dreifachen Funktion des menschlichen Leibes. Er sann nach Mitteln und Wegen, um das schwere Schicksal Mitteleuropas, das sich schon damals abzeichnete, nach Möglichkeit zu mildern, insbesondere die Verleumdung der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands zu entkräften, die der amerikanische Präsident Wilson in seiner Antwort auf den Friedensvermittlungsversuch des Papstes Benedikt XV. an Goethes Geburtstag 1917 erhoben hatte.
Im Dezember desselben Jahres bezeichnete Rudolf Steiner als eine letzte Hoffnung die voraussichtliche Berufung des Prinzen Max von Baden zum Reichskanzler. Auch diesem legte er die Denkschrift vor, gleichzeitig aber den in Oslo gehaltenen Vortragszyklus über „Die Mission einzelner Volksseelen“. Das war im Januar 1918, zur selben Zeit, als Wilson, den er den unpraktischen Weltschulmeister nannte, seine verführerischen vierzehn Punkte formuliert hatte, auf Grund deren sich alle im österreichischen Staate vereinigten Volksgruppen abspalteten und verselbständigten. Diesem unzeitgemäßen „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ sind die Menschen bis heute kritiklos verfallen. Rudolf Steiner hat Wilsons Konterfei benutzt, um in der kleinen Kuppelmalerei des ersten Goetheanum einen Kentaur zu charakterisieren.
Im Oktober 1918 hielten die Fronten der Mittelmächte nicht mehr stand. Zu spät kam Prinz Max zur Regierung. Mit seinen parlamentarischen Maßnahmen (Berufung der Sozialdemokraten in die Regierung) und der Abdankung des Kaisers konnte er die Revolution nicht mehr aufhalten. Zu einer Willensäußerung in Richtung Dreigliederung fehlte ihm der Mut. Rudolf Steiner war zutiefst enttäuscht. Es war, als müßte er jetzt die ganze Schicksalslast des deutschen Volkes auf sich nehmen, um ihm die Irrwege zu ersparen, deren Zeugen wir seither geworden sind. So trat er dafür ein, daß die Aufzeichnungen des Generaloberst von Moltke über die Vorgänge bei Kriegsausbruch 1914 in Berlin veröffentlicht würden, damit bei den Versailler Friedensverhandlungen der Feststellung der Kriegsschuld Deutschlands wirksam entgegengetreten werden könne. Durch verhängnisvolle Umstände wurde diese Absicht verhindert.
Tief befriedigt ging Rudolf Steiner auf die Bereitschaft einiger weniger Freunde ein, sich für eine öffentliche Dreigliederungsbewegung zur Verfügung zu stellen. [2] Die Revolution hatte inzwischen radikalere Formen angenommen, als Ende Januar und Anfang Februar 1919 in Dörnach die Art des Vorgehens beraten wurde. Es war ja eine merkwürdige Revolution. Sie war ausgelöst worden durch radikale Elemente der Marine und des Heeres, die nicht mehr einsatzwillig waren. Sofort bemächtigten sich die sozialistischen Führer der Bewegung und beeilten sich, eine geordnete Regierungsbildung zustande zu bringen. Sie übernahmen nicht nur den gesamten Beamtenapparat der wilhelminischen Ära, sondern auch die Generalität der Obersten Heeresleitung, mit Ausnahme Ludendorffs, der schon vom Prinzen Max seines Amtes enthoben war. Zudem bildeten sich noch freiwillige Volkswehren, die aber nicht gegen das Bürgertum, sondern gegen die radikalen Gruppen der eigenen Partei eingesetzt wurden. Diese sogenannten Unabhängigen und die Spartakisten traten in der Folge aus der Partei aus und entfachten im Frühjahr 1919, teils bis zum Jahre 1920 Streiks und Aufstände, die zu Straßenkämpfen ausarteten. Die württembergische Regierung mußte zeitweise in den Turm des neuen Bahnhofs in Stuttgart flüchten, während die sogenannten Sicherheitskompanien ihr Hauptquartiere im Alten Schloß aufgeschlagen hatten. In Bayern hatte sich unter der Leitung von Kurt Eisner eine — allerdings deutsche, d. h. gemäßigte Räteregierung gebildet. Rudolf Steiner
[Mitteilungen, Nr. 66, Weihnachten 1963, Seite 244]
hat mit Eisner anläßlich des internationalen Sozialistenkongresses in Bern im Februar 1919 gesprochen. Kurz darauf wurde Eisner auf dem Wege zum Landtag erschossen, als er gerade im Begriffe war, seinen Rücktritt zu erklären.
Dies war die Situation, in welche der bekannte „Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“ eingreifen sollte. Er war unterbaut durch einige hundert Unterschriften von Persönlichkeiten, die von Rudolf Steiner mit größter Sorgfalt ausgewählt worden waren. Fortschrittlich gesinnte und politisch unbelastete Menschen sollten zeigen, daß eine bisher verschüttete Schicht des deutschen Geisteslebens hervortreten konnte, welche auch die Westmächte interessieren könnte. Der in vielen Tageszeitungen veröffentlichte Aufruf hatte eine gewisse Wirkung; aber sie blieb weit hinter den Erwartungen zurück.
Inzwischen hatte Rudolf Steiner die bedeutenden öffentlichen Februar-Vorträge in Zürich und Bern gehalten, die danach in dem Buche „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ ihren Niederschlag fanden. Sie waren von einem begeisterten Publikum begierig aufgenommen worden, vor allem von den Studenten. An denselben Orten hielt später Winston Churchill seine aufsehenerregenden Ansprachen über die Notwendigkeit einer europäischen Zusammenarbeit. Aber seine Richtung tendierte nach einem unter angelsächsischer Hegemonie stehenden Überstaat; während Rudolf Steiner schon am 11. März 1919 im selben Berner Großratssaal darlegte, wie „die wirklichen Grundlagen eines Völkerbundes“ beschaffen sein müßten. Zwar beginnt man heute über die engen nationalen Grenzen allmählich hinauszuwachsen, doch versucht man es mit althergebrachten Denkgewohnheiten und lehnt noch immer die Vorschläge Rudolf Steiners ab, ja man prüft sie nicht einmal.
Im Frühjahr 1919 war die Situation aufgelockert, die Menschen waren empfänglich und suchten Auswege aus den sozialen Wirren der Zeit. Als Rudolf Steiner zu Ostern 1919 nach Stuttgart kam, um die neue Bewegung zu impulsieren, wandte er sich zunächst an die versammelten Unterzeichner des Aufrufs, aus deren Mitte der „Bund für Dreigliederung“ gegründet wurde. Es bildete sich ein Arbeitsausschuß, bestehend aus den Herren Emil Molt, Dr. Karl Unger, Emil Leinhas, Hans Kühn, einem Arbeitervertreter Max Benzinger, einem Angestellten-Vertreter Th. Binder und Prof. W. von Blume. Der letztere war ein geachteter Staatswissenschafter, der Schöpfer der württembergischen Landesverfassung. Er hatte Dr. Steiner vorher nie gesehen, war aber tief beeindruckt von dessen Gedankengängen und trat warm für die neue Idee ein. Der Ausschuß errichtete in der Stuttgarter Champignystraße 17 eine Geschäftsstelle. Hans Kühn war der erste Geschäftsführer.
Nun begann Rudolf Steiner mit seinen großen Vorträgen vor Arbeitern der Industrie, zunächst von führenden Betrieben, dann im Gewerkschaftshaus vor den Arbeitsausschüssen, wo er überall begeisterte Zustimmung fand bei den Massen, für deren Verständnis er meisterhaft zu sprechen verstand. Die wenigen politisch und marxistisch geschulten Funktionäre kamen dagegen nicht auf. Viele Tausende Zustimmungen lagen vor, man wollte Dr. Steiner in die Regierung berufen sehen, was er allerdings nicht ernst nahm. Das Buch „Die Kernpunkte“ wurde eifrig studiert, so daß die erste Auflage von 40000 Exemplaren bald vergriffen war. Schon 1920 erschien das 41.—80. Tausend. [3] Daneben wurden Verhandlungen gepflogen mit Industriellen, Technikern, Professoren, Studenten und Angestellten, welche Rudolf Steiner als „die schlafenden Löwen“ bezeichnete. Es war keineswegs beabsichtigt, ausschließlich eine Arbeiterbewegung hervorzurufen. Manche Mitglieder der Gesellschaft, die für ihre Vermögen bangten, verstanden die damalige radikale Sprache ihres Lehrers nicht so recht.
Von den persönlichen Besprechungen seien zwei herausgegriffen, die besonders markant
[Mitteilungen, Nr. 66, Weihnachten 1963, Seite 245]
sind: Der Fabrikant Robert Bosch, welcher ein Sozialdemokrat war, empfing Rudolf Steiner und schien einigermaßen interessiert. In späteren Jahren wurde über dieses Gespräch, dessen einziger Zeuge ich war, in der Werkzeitung der Firma die Lüge verbreitet, Dr. Steiner habe Bosch um finanzielle Beteiligung an der Dreigliederungsbewegung gebeten. Möglicherweise konnte Bosch sich als Zweck des Besuchs nichts anderes vorstellen, doch war davon mit keinem Wort die Rede. Das Gespräch bewegte sich vielmehr auf politischer Ebene über den bevorstehenden Friedensvertrag und den Vorwurf der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands. — Der andere Gesprächspartner war der Spartakistenführer Gert Haupt, welcher um eine Besprechung nachgesucht hatte. Er wurde um die Mitternachtsstunde im roten Zimmer der Landhausstraße 70 empfangen. Rudolf Steiner lieh seinen Rat jedermann, der darum ersuchte.
Der beispiellose Elan, mit dem Rudolf Steiner vor den aus einem guten Empfinden heraus mitgehenden Arbeitern sprach, führte zu einem solchen Widerhall, daß die Gewerkschaften um ihre Positionen bangten und daß sie glaubten, Gewaltmittel anwenden zu müssen, um ihre Mitglieder zur „Ordnung“ zurückzurufen. Es hatte sich vor allem darum gehandelt, die Betriebsräte der einzelnen Betriebe zu einer übergeordneten Betriebsräteschaft zusammenzuschließen, wozu auch die Unternehmer eingeladen waren. Die Regierung, mit der Dr. Steiner nie verhandelt hat, fürchtete für ihren Einfluß, weil ihre Sozialisierungspläne andere waren, als Rudolf Steiner sie vom Volke forderte. Kurz: Die Versammlungen im Gewerkschaftshaus blieben von einem Tag auf den anderen vollkommen leer. Auch die Industriellen zogen sich zurück, einerseits, weil sie gewohnt waren, sich an die Regierungsmaßnahmen zu halten, die allerdings auf sich warten ließen, andererseits, weil die Aufstände inzwischen mit Waffengewalt niedergeworfen waren, so daß die Unternehmer erneut Hoffnung schöpften, „Herr im Hause“ bleiben zu können. Im Grunde dauerte die hoffnungsvoll dynamisch begonnene Bewegung nur vier Monate lang.
Dazwischen hielt Rudolf Steiner gewaltige öffentliche Vorträge mit anthroposophischen Themen, meistens im Stuttgarter Gustav Siegle-Haus, die alle sehr stark besucht wurden. Dabei waren solche über Volkspädagogik. Schon am 2. Februar hatte er von der Notwendigkeit einer Schulgründung, einer wirklichen Einheitsschule als Beginn einer großen internationalen Schulbewegung gesprochen. Da Kommerzienrat Molt auf diese Gedankengänge einging und schon allgemein bildende Vorträge in seiner Fabrik durch Dr. Herbert Hahn halten ließ, wurde sehr bald schon eine Schulgründung ins Auge gefaßt, d. h. Lehrer, Gebäude, Konzessionen, Finanzen und Kinder wurden gesucht. So konnte in unerhört kurzer Zeit schon am 7. September 1919 die Waldorfschule mit ca. 200 Arbeiterkindern der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik eröffnet werden, von der sie den Namen erhielt. Auch bürgerliche Kinder gesellten sich dazu. Rudolf Steiner widmete sich nun stark dem Ausbau der Schule, den pädagogischen Prinzipien, der Lehrerbildung und hielt eine Anzahl der interessantesten wissenschaftlichen Kurse ab, so z. B. einen Kurs über Licht- und Wärmelehre, über Sprachwissenschaft, einen Ärzte- und einen Rednerkurs. Im Jahre 1921 folgten Kurse über Mathematik, Naturwissenschaften, Theologie u. a. Dazwischen fanden fortwährend interne Zweigvorträge in Stuttgart und an vielen anderen Orten statt.
Die Bewegung dehnte sich überhaupt auf andere Städte und Länder aus. Zeitschriften waren entstanden in Stuttgart, Wien und Zürich. Ein Aufruf zur Gründung eines Kulturrats wurde verfaßt und wieder mit wertvollen Unterschriften versehen. Darunter befanden sich Hans Thoma, Thomas Mann, Albert Steffen. Der Kulturrat aber kam nie zustande. In Stuttgart kam es Anfang 1920 zur Gründung eines assoziationsartigen Wirtschaftsunternehmens „Der Kommende Tag“, dem sich eine Reihe Betriebe verschiedener Branchen der Industrie, aber auch des Handels und Gewerbes, der Landwirtschaft, sowie ein Verlag mit Druckerei, eine chemisch-pharmazeutische Fabrik und eine Bankabteilung
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angliederten. Diesem Unternehmen oblag die weitere Finanzierung der Schule und die Gründung einer Klinik, ferner verschiedener wissenschaftlicher Institute, die von Rudolf Steiner mit bedeutenden Aufgaben betraut wurden, die er regelmäßig überwachte und oft mit wenigen Bemerkungen zu fördern verstand.
In Deutschland waren 48 Ortsgruppen des Bundes für Dreigliederung entstanden, mit denen eine lebhafte Korrespondenz zu pflegen war. Vor allem mußten sie ständig auf dem Laufenden gehalten werden über Vorträge, die Rudolf Steiner da und dort gehalten hatte und über die Entwicklung des Bundes. Schon im Herbst 1918 wurden in Dörnach die grundlegenden Vorträge über „Geschichtliche Symptomatologie“ und über die „Entwicklungsgeschichtlichen Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils“ gehalten, ferner „In geänderter Zeitlage“, dann im März 1919 in Zürich „Der innere Aspekt des sozialen Rätsels“ und im Laufe des Jahres 1919 die vielen Dornacher Vorträge über „Die geistigen Hintergründe der sozialen Frage“. [4] Weil damals noch keine Vorträge gedruckt wurden, so flogen private und offizielle Nachschriften über alle Lande. An vielen Orten kamen trotz aller Unzulänglichkeiten gute Leistungen der Mitglieder zustande, die unterstützt waren durch etwa fünfzig in Stuttgart ausgebildete Redner.
Auf diese Weise kam es auch zu der oberschlesischen Aktion vom Januar bis März 1921. Über dieses wertvolle Industriegebiet sollte nach dem Versailler Vertrag eine Abstimmung erfolgen. Polen und Deutschland rivalisierten um den Sieg. Rudolf Steiner sah aber weiter. Er wußte, daß dieses Gebiet verloren ginge, falls es nicht möglich wäre, dort eine neue Gesellschaftsform einzurichten, die in Wirtschaft und Geistesleben offene Grenzen nach beiden Seiten bieten müßte, während sich das eigenliche politische Staatsgebilde auf Rechtsfragen beschränken sollte. Von den Gegnern wurde diese Aktion nicht verstanden, ja sogar als Landesverrat ausgelegt. Trotz großer Mehrheit für Deutschland ging in der Folge dieses Gebiet doch durch Teilung an Polen verloren. Wenn es paßt, wird das Selbstbestimmungsrecht mit Füßen getreten.
Durch die umfangreiche öffentliche Tätigkeit wurde Rudolf Steiner und die anthroposophische Bewegung überall sehr bekannt. Seine eigene Vortragstätigkeit konzentrierte er immer mehr auf anthroposophische Themen. Zuletzt ließ er sich von der Konzertdirektion Wolff & Sachs zu einer großen Tournee verpflichten, die ihn in etwa fünfzig deutsche Städte führen sollte. Mittlerweile war aber die Gegnerschaft rege geworden. Die deutschnationalen Kreise hatten in der Politik immer mehr die Oberhand gewonnen. Mit der Weimarer Republik ging es dem Ende entgegen. Der Nationalsozialismus war im Anmarsch. So wurde schließlich auch die öffentliche Vortragstätigkeit unmöglich. Nicht nur Vorträge, auch Eurythmie-Vorführungen wurden gestört.
Die immer mehr aufkommende Gegnerschaft verhinderte ein weiteres Eintreten für die Dreigliederung und auch eine Ausbreitung des „Kommenden Tags“. Die Inflation tat das ihrige, den Fortbestand dieses Unternehmens zu erschweren, so daß schließlich seine Bestandteile wieder verselbständigt werden mußten. Die aus der deutschen Revolutionszeit entstandene Bewegung zur Lösung der sozialen Frage war zu Ende. Einzig die Schulbewegung breitete sich weiter aus und aus den chemischen Laboratorien entstand die Weleda A.G.
Mit der Dreigliederungsbewegung war der Welt ein Beispiel gegeben worden, dessen Bedeutung erst in der Zukunft voll erkannt werden wird. Mit michaelischem Mute und unerhörtem Einsatz war an die mitteleuropäische Menschheit appelliert worden, ihre Zielsetzungen von Grund auf zu revidieren, die überkommenen Gemeinschaftsformen zu verlassen und zu erkennen, daß das moderne Leben neue fortschrittliche Gedanken benötigt,
[Mitteilungen, Nr. 66, Weihnachten 1963, Seite 247]
um die Methoden der Vergangenheit, die in letzter Konsequenz zu immer neuen Kriegen fühen müssen, endgültig zu überwinden. Die Forderung eines freien Geisteslebens bedeutet nichts anderes als: Ändert den Sinn! Es war ein Ruf in der Wüste einer untergehenden Zivilisation. Nicht eine politisdie Bewegung war die Dreigliederungsaktion, sondern eine Aufforderung zu freiwilliger Wandlung aller Verhältnisse in der Richtung, welche ein neues Zeitalter hätte einleiten können. Denn mit dem Ablauf des Kaliyuga war der Menschheit das Überschreiten der Schwelle vorbestimmt, was immer mehr dahin führen wird, daß reale Beziehungen zu höheren Wesenheiten und zu den Toten entstehen; die naturwissenschaftlich-agnostische Weltanschauung wird überwunden werden. Die zukünftigen äußeren Lebensformen für solche Einrichtungen, welche dem Leibes-, dem Seelenund dem Geistesleben des Menschen entspricht, sind der Menschheit als ein Geschenk des Himmels vor Augen geführt worden, ohne daß dieses erkannt und verstanden wurde. Die Zeit wird dafür aber reifen; die Not wird die Menschen zwingen, sich erneut damit zu beschäftigen. Die Dreigliederung muß und wird kommen. Sie war keine Zeiterscheinung, die wieder vergehen mußte, sondern sie ist heute so aktuell wie je, denn sie behandelt die „Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft“. An uns liegt es, sie in geeigneter Form zu vertreten. So verbindet sich das Eintreten für die Dreigliederung mit demjenigen für die Anthroposophie selbst; denn beide müssen Zusammenwirken, um eine Sinnesänderung der Menschen herbeizuführen.
In seinem Neujahrsvortrag vom 1. Januar 1920 „Weltsylvester und Neujahrsgedanken“ beklagt sich Rudolf Steiner über die Flauheit gewisser Mitgliederkreise mit folgenden Worten:
„Es gibt Schwachmütige, die sich einschreiben lassen in die Anthroposophische Gesellschaft, und die da sagen: Ja, Geisteswissenschaft, das mag ich, aber von der sozialen Tätigkeit will ich nichts wissen, die gehört da nicht herein.“
Und im dritten Vortrag des Jahreskreislauf-Zyklus heißt es am Ostermontag, dem 2. April 1923 (als die Dreigliederungs-Bewegung längst abgeblasen war):
„Von der Einführung dieses (Dreigliederungs-)Impulses hängt es doch zuletzt einzig und allein ab, ob die Niedergangskräfte, die in der menschlichen Entwicklung sind, wiederum in Aufgangskräfte verwandelt werden können.“
Dazu sind in erster Linie die Anthroposophen aufgerufen. Nicht umsonst bezeichnete Rudolf Steiner die Anthroposophie als die Wurzel, die Dreigliederung aber als die Frucht der Anthroposophie!
Anmerkungen
[1] Abgedruckt in „Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus“. Dornach 1961.
[2] Dr. Steiner äußerte sich darüber im 1. Vortrag „Die geistigen Hintergründe der sozialen Frage“ in Dörnach am 15. Februar 1919.
[3] Die erste Auflage war herausgegeben von der Treuhand-Gesellschaft des Goetheanum m.b.H. Dornach/Stuttgart.
[4] Der National-ökonomische Kurs wurde erst 1922 vor Studenten in Dörnach gehalten. Zu dem ferner beabsichtigten Kurse für Wirtschafter ist es nicht mehr gekommen.
[Mitteilungen, Nr. 66, Weihnachten 1963, Seite 248]
