Das wirtschaftliche Assoziationssystem in seinem Verhältnis zum Staat und zum freien Geistesleben

01.04.1921

In dem Buche „Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft“ hat Rudolf Steiner die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus niedergelegt und begründet. Diese Idee ist, wie jedem unbefangenen Leser des Buches klar werden kann, nicht ein ausgedachtes System, sondern sie ist dem wirklichen Leben und seinen Tatsachen abgelauscht, freilich nicht mit dem Verstande allein, sondern auch mit Herz und Seele. Und so will das Buch auch gelesen, die Idee auch aufgenommen sein: mit klarem, nüchternen Verstande, gleichzeitig aber auch mit fühlendem Herzen, mit einem Herzen, das die ganze niederdrückende Last empfinden kann, unter der Deutschland, ja die ganze zivilisierte Welt zusammenzubrechen droht, mit einem Herzen, das insbesondere die tiefe Not erfühlen kann, in der sich die heutige Menschheit in ihrem sozialen Zusammenleben befindet. Wer mit solchen Gedanken und Empfindungen an das Buch herantritt, der wird bald erkennen, wie lebensvoll, wie lebenswirklich die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus ist.

Ganz besonders deutlich zeigt sich dieses in dem, was über das wirtschaftliche Glied des sozialen Organismus gesagt wird. Nachdem man in der Kriegs- und Nachkriegszeit die zerstörenden Wirkungen der staatlichen Zwangswirtschaft erlebt hat, ertönte ja von verschiedenen Seiten der Ruf nach Loslösung der Wirtschaft vom Staate, zum Unterschied von den „Kernpunkten" aber so, daß nicht daran gedacht wurde, gleichzeitig auch die notwendige Befreiung des Geisteslebens von staatlichem Zwang zu fordern. Eine solche Zweigliederung würde aber nicht eine Lösung der sozialen Frage bedeuten, sondern nur zur Folge haben, daß nun mehr die Wirtschaft den Zwang ausüben würde, der bis jetzt im Einheitsstaat vom Rechtsstaate über die anderen Glieder des sozialen Organismus ausgeführt wurde; diese Folge würde entstehen, unabhängig von der Tatsache, daß nur ein Teil derer, die eine solche Zweigliederung anstreben, diese Folge bewußt herbeiführen wollen.

Eine wirkliche Lösung der sozialen Frage ist nur dann zu erwarten, wenn ein freies, vom Staate unabhängiges Geistesleben ermöglicht wird, von dem wieder Ideen und Fähigkeiten hervorgebracht werden, die das Staats- und Wirtschaftsleben befruchtend beeinflussen. An anderer Stelle wird noch besonders darauf hinzuweisen sein, in welcher Weise das wirtschaftliche Glied mit dem freien Geistesleben organisch verbunden ist; es kann überhaupt nicht oft und nicht eindringlich genug betont werden, daß es sich nicht um eine Dreiteilung, sondern um eine Dreigliederung handelt, also darum, daß die drei Glieder durch Entwirrung aus dem heutigen Einheitsstaate zwar zu ihrer naturgemäßen Selbständigkeit gelangen, aber gerade dadurch ihre Wesenskräfte in gesunder Weise zusammenwirken lassen können, statt daß sie chaotisch durcheinander und gegeneinander arbeiten.

In einem auf sich selbst gestellten Wirtschaftsleben handelt es sich nur um Warenproduktion, Warenkonsum und Warenzirkulation. Etwas anderes darf auch nicht darinnen sein, weil eine Lösung nicht nur der wirtschaftlichen, sondern auch der sozialen Frage angestrebt werden muß, wenn aus dem sozialen über die ganze Welt verbreiteten Wirrwarr sich wieder ein Ausweg zeigen soll. Im Einheitsstaate haben sich in die Wirtschaft Rechtsverhältnisse, besonders in Bezug auf das Arbeitsrecht hineingedrängt, und zwar so, daß sie dort zum Kampf zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geführt haben. In Wirklichkeit aber dürfen sich innerhalb der Wirtschaft nur Warenproduktion, -konsum und -zirkulation abspielen, während die Rechtsfragen auf dem Boden des politischen Rechtsstaates zu lösen sind. Stellt man die Wirtschaft in Selbstverwaltung, ohne daß Rechtsfragen in ihrer Sphäre in störender Weise sich abspielen, dann erst ist die Gewähr geboten, daß die Wirtschaft in gesunder Weise gemäß den ihr innewohnenden Gesetzen ablaufen kann. Die heutige privatkapitalistische Wirtschaft ist ganz und gar eingestellt auf Produktions- und Profitinteresse; auf den Konsum wird im Grunde überhaupt keine Rücksicht genommen, jedenfalls nie mehr, als es das Produktionsinteresse erfordert. Gerade an diesem Punkte kann und muß angesetzt werden. Im Laufe der Zeit, besonders aber in den letzten Jahrzehnten ist der Sinn für den Bedarf des Nächsten nach und nach vollständig verloren gegangen; dieser Sinn muß wieder geweckt werden. Man muß sich bemühen, die Bedürfnisse der andern kennen zu lernen, sie festzustellen, nicht wie es heute üblich ist, durch nachträgliche Statistiken, sondern durch die vorhandenen Beziehungen von Mensch zu Mensch, in erster Linie durch die heutigen Agenten, Reisenden, Vertreter. So wie diese Menschen heute arbeiten müssen, können sie sich freilich nicht für den wahren Bedarf interessieren, da gibt es für sie nur eines, nämlich die Produktionsfähigkeit ihres Auftraggebers zu steigern. Diese einfache wirtschaftliche Verbindung zwischen Menschen ist schon ein Anfang zur Assoziation, die dadurch zustande kommt, daß Produzenten und Konsumenten sich in solchen realen geschäftlichen Beziehungen zusammenschließen. Auszugehen wäre dabei freilich nicht vom Produktions- und Profitinteresse, sondern von den Bedürfnissen des andern; diese muß man feststellen, um dann zu entscheiden, wie viel produziert werden soll, wie viel Menschen in den einzelnen Produktionszweigen innerhalb eines bestimmten Wirtschaftsterritoriums beschäftigt werden sollen.

Es muß aber besonders betont werden, daß die Bedürfnisbefriedigung eine freie sein muß; die menschlichen Bedürfnisse sind eine Angelegenheit des freien Geisteslebens; die Wirtschaft ist nur dazu da, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Als schädlich angesprochene Bedürfnisse sind deshalb nicht vom Wirtschafts- oder Staatsleben, sondern vom freien Geistesleben aus zu bekämpfen. Durch Gesetze kann man Bedürfnisse, die als schädlich angesehen werden, nicht in wirksamer Weise bekämpfen, sondern nur durch Erziehung und Unterricht in einem freien Geistesleben. Polizeiverbote nützen im Grunde gar nichts, und gerade im Kriege und in der Nachkriegszeit konnte man so recht beobachten, wie z. B. durch die ganze staatliche Wucherbekämpfung und -gesetzgebung der Wucher erst recht großgezogen wurde. Der Jenaer Nationalökonom Terhalle hat als Ergebnis seiner Untersuchungen über Kriegs- und Zwangswirtschaft u. a. ausgeführt, daß die Preisbildung den Gewerben geschadet, nicht genützt habe und daß das ehrliche Handwerk und Gewerbe auf Kosten des Schiebertums geschädigt wurde. Es ist eine furchtbare Kritik, die hier ein offizieller Vertreter der heutigen Nationalökonomie an den Verhältnissen übt, die der Privatkapitalismus im Einheitsstaate herbeigeführt hat. Man darf nun aber nicht behaupten, daß etwa die Vertreter der Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus sich vorstellten, daß durch deren Einführung ein Paradies auf Erden entstünde; davon kann natürlich gar keine Rede sein, und die Vertreter der Dreigliederungsidee sind sich darüber ganz klar. In Wirklichkeit handelt es sich darum, durch diese Dreigliederung diejenigen Verhältnisse herzustellen, in denen sich die drei Glieder am besten ihrer Natur gemäß entwickeln können, diejenigen Verhältnisse, die doch nach Verwirklichung drängen, die aber in chaotischer Weise heraufkommen, wenn nicht rechtzeitig und in richtiger Weise der Boden dafür vorbereitet wird.

Haben wir so die Bedarfsfeststellung und die auf Grund der festgestellten Bedürfnisse geregelte Produktion, so müssen wir noch als drittes betrachten den Warenverkehr, durch den dafür gesorgt wird, daß die Waren an den Ort kommen, wo sie gebraucht werden. Es handelt sich hier um eine sehr wichtige Angelegenheit der Wirtschaft, weil eine Ware eigentlich erst dadurch zur Ware wird, daß sie dahin gebracht wird, wo sie konsumiert werden kann; solange sie nicht dahin gebracht ist, muß sie vielmehr als Gegenstand betrachtet werden. Ein Gegenstand wird eben dadurch zur Ware, daß menschliche Arbeit an ihm getan wird, wozu insbesondere auch diese Verbringung an den Verbraucher gehört. Das was durch einen Zusammenschluß derer, die gewisse Waren produzieren, konsumieren und zirkulieren lassen, entsteht, ist eine Assoziation, d. h. ein Zusammenschluß von Menschen, die ihren Teil der Wirtschaft deren inneren Gesetzen gemäß im Interesse der Allgemeinheit führen und durch Verbindung mit anderen Assoziationen die ganze Wirtschaft in diese neue Wirtschaftsform, die den wirtschaftlichen Liberalismus ablösen muß, überleiten. Man kann sich sehr wohl vorstellen, daß sich solche Assoziationen nicht nur über ein einzelnes Wirtschaftsgebiet, sondern über viele Gebiete, ja derart über die Welt ausdehnen, daß die ganze Weltwirtschaft in Form von Assoziationen zusammen gefaßt wäre. Dieser Gedanke ist sehr kühn und weitreichend, aber durchaus wirklichkeitsgemäß, und es ist interessant, festzustellen, daß Ähnliches auch in anderen Köpfen lebt. So schreibt der laut Frankfurter Zeitung als Wirtschafts- und Finanzsachverständiger anerkannte Herausgeber der Kopenhagener „Finanstidende“, Carl Thalbitzer, einen Artikel im ersten Morgenblatt der „Frankfurter Zeitung“ vom 27. März 1921 über:„Sanktionspolitik und der Wiederaufbau Europas“. Da heißt es gegen das Ende hin wie folgt: „Meinem Erachten nach gibt es nur einen Weg: die Vereinigung der gesamten europäischen Industrie. . . . Es gilt die Gründung eines Kartells, das unter gemeinsamer Oberleitung die intensivste Ausnutzung der europäischen Produktionskräfte zu sichern vermag. Dieser Plan mutet gigantisch an, ist aber im Grunde genommen nicht weit entfernt von dem Endziele, wonach die industrielle Entwicklung während des 19. und 20. Jahrhunderts besonders nach dem Kriege in Europa gestrebt hat.“ Diese Ausführungen ― später wird auch noch von einem europäischen Trust geschrieben ― sind in mehr als einer Beziehung höchst interessant; erstens wird von einer Vereinigung der europäischen Industrie gesprochen; zweitens findet der Verfasser, daß die Entwicklung der Industrie nach solcher Vereinigung geradezu strebt und drittens werden nur Produktivkräfte erwähnt, wieder einer der vielen Beweise, daß, wie schon erwähnt, das heutige wirtschaftliche Denken und Handeln ganz erfüllt ist von Produktionsinteressen.

In den Assoziationen muß die Leitung der einzelnen Wirtschaftsbetriebe solchen Menschen anvertraut werden, welche die nötigen Sach- und Fachkenntnisse und wirtschaftlichen Fähigkeiten eben sowohl als die nötigen menschlichen, moralischen Qualitäten besitzen, so daß Sicherheit vorhanden ist, daß sie die ihnen anvertrauten Produktionsmittel im Interesse der Gesamtheit richtig verwalten werden. In der Wirtschaft im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus wird der Besitz der Produktionsmittel abgelöst durch die Verwaltung der Produktionsmittel; auch die Produktionsmittel werden in Zirkulation erhalten und bleiben in der Hand des einzelnen nur solange als er fähig ist, sie zu verwalten; ist er dazu nicht mehr imstande oder nicht mehr willens, so wird aus dem freien Geistesleben heraus von dessen Organen der Nachfolger gesucht und den im Betriebe Arbeitenden vorgeschlagen werden. Da man annehmen darf, daß derjenige, der seither einen Betrieb gut verwaltet hat, auch dessen Verhältnisse am besten kennt, so wird man ihm gerne ein erstes Vorschlagsrecht einräumen. Wenn nun befürchtet wird, daß er dann doch auch seinen Sohn vorschlagen würde, so steht dem entgegen, daß dieser erstens nicht angenommen werden muß und bei einigermaßen ersichtlicher Unfähigkeit sicherlich von den Organen des freien Geisteslebens nicht angenommen werden wird, zweitens aber wird er sicher bald durch einen anderen ersetzt werden, wenn es sich in der Praxis erweist, daß er nicht der richtige Mann ist. Im Allgemeinen aber wird sich eine solche Befürchtung aus der Praxis eines freien Geisteslebens heraus als an und für sich unnötig erweisen.

Bei der Verwaltung der Produktionsmittel müssen deren Leiter so gestellt sein, daß sie in der Lage sind, aus eigener Initiative und auf eigene Verantwortung zu handeln; aus der wahren Natur des Wirtschaftslebens heraus ist dies eine unbedingte Notwendigkeit. Den staatlichen Beamten kann man hinter Paragraphen setzen; wo man dasselbe in der Wirtschaft tut, zerstört man diese, dafür gibt es aus der Geschichte der Kriegs- und Nachkriegswirtschaft genügend Beispiele, und daran scheitert ja auch die sozialistische Staatswirtschaftsweise, wie im Osten durch den Bolschewismus klar bewiesen wird. Die Wirtschaft kann nur dann blühen, wenn ihre Leiter in der Lage sind, jeden Tag und jede Stunde aus der Situation des Augenblicks heraus ihre Entscheidungen zu treffen, ungehindert durch Paragraphen, nur geleitet von ihrem wirtschaftlichen Verantwortlichkeitsgefühl, ihrem sozialen Gewissen und durch das Rechtsverhältnis, in dem sie zu den innerhalb des Betriebes tätigen Menschen stehen.

So sehen wir das Kapital, seine Verwaltung, seine Zirkulation in lebendiger Beziehung zum freien Geistesleben; so sehen wir, wie gerade durch alles das, was mit der Kapitalgrundlage der Wirtschaft zu tun hat, eine organische Verbindung zu dem zweiten der drei Glieder des sozialen Organismus hergestellt ist. Haben wir ferner in den Natur- und Bodenschätzen eines Wirtschaftsterritoriums die eigentliche Wirtschaftsgrundlage zu sehen, so finden wir auch zum dritten Gliede, dem politischen Staatsrechtsleben eine ebenso wirksame wie organische Verbindung. Auf dem Boden dieses staatlichen Rechtslebens wird nämlich das Arbeitsrecht festgesetzt, so daß der Arbeiter die Fabrik erst betritt, nachdem sein Recht an der Arbeit, Art und Maß der Arbeit bereits festgesetzt ist. Heute werden diese Fragen ja nur zu häufig durch die wirtschaftliche Übermacht der Unternehmer entschieden, statt eben in Unabhängigkeit von solchen wirtschaftlichen Machtfaktoren innerhalb des staatlichen Gliedes, in dem alle mündig gewordenen Menschen mitzusprechen, mitzuentscheiden haben. Hier zeigt sich so recht deutlich, wie segensvoll die Dreigliederung des sozialen Organismus wirken kann, wie durch richtiges Gliedern und organisches Inverbindungsetzen gesunde Verhältnisse herbeigeführt werden, in denen die Menschen wieder ein menschenwürdiges Dasein führen können. Wie sehr die Dreigliederung dem wirklichen Leben abgelauscht ist und wie stark sie sich an die Oberfläche drängt, das können wir gerade in dem Verhältnis zwischen Recht und Wirtschaft beobachten; in der Arbeiterschutzgesetzgebung, in Alters- und Invalidenversicherung u. dgl. sehen wir halbe und deswegen unbrauchbare Versuche, das Rechtsleben vom Wirtschaftsleben wieder loszulösen; aber man muß, wenn es einen Sinn haben soll, den ganzen Schritt tun.

Auch nach anderer Seite können wir noch solche Tendenzen beobachten; so wie die Einzelunternehmungen allmählich immer mehr von Klein- zu Großunternehmen übergegangen sind, so hat sich auch das Bedürfnis nach Assoziationen gezeigt, und wir finden Konventionen, Kartelle, Trusts, die freilich in einseitigster Weise aus Produktions- und Profitinteresse heraus entstanden sind und in denen gewiß alles eher berücksichtigt wird als der Konsument (siehe oben Thalbitzer in der „Frankfurter Zeitung“). Immerhin bleibt die Tatsache des Strebens nach Assoziierung und es handelt sich eben darum zu suchen und festzustellen, wie die Assoziationen beschaffen sein müssen, mit deren Hilfe wir unsere Wirtschaft wieder aufbauen können. Dabei ist es gewiß nicht ein Zufall, daß wir die Trusts, die schärfste Ausartung des modernen privatkapitalistischen Wirtschaftssystems, gerade in Amerika finden, und wir können darin schon einen Hinweis darauf erblicken, daß diese moderne Wirtschaftsweise westlichem Denken entsprungen ist, ebenso wie, nebenbei bemerkt, unser nachrevolutionärer Parlamentarismus (deswegen können selbst seine begeistertsten Anhänger bei uns keine rechte Freude daran haben).

Wenn wir nach der rechten Form der Assoziationen suchen, so müssen wir in erster Linie vermeiden, daß Machtverhältnisse entstehen, wie es heute in den Zusammenschlüssen der Branchen der Fall ist; sie müssen sich vielmehr ergeben aus den tatsächlichen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Produzenten und Konsumenten, wobei der Begriff der letzteren nicht so eng gefaßt werden darf, wie es gewöhnlich geschieht, daß man dabei nur an Essen, Trinken, Sichkleiden und Wohnen denkt; sondern man muß schon ins Auge fassen, daß auch innerhalb der einzelnen Betriebe eine fortgesetzte Wechselwirkung zwischen Produktion und Konsum stattfindet. Besonders wichtig wird allerdings sein die Verbindung von Industrie und Landwirtschaft in den Assoziationen, weil gerade in dem Verhältnis zwischen Stadt und Land eine soziale Lücke, ja ein Abgrund klafft, der heute nahezu unüberbrückbar scheint. Wenn aber in den Assoziationen zuerst geschaut wird auf die Feststellung des Bedarfs und wenn durch Ausschaltung des reinen Profitinteresses die in der Assoziation in den verschiedensten Wirtschaftszweigen leitend und arbeitend tätigen Menschen sich so fühlen können, daß sie für ein gemeinsames Ziel arbeiten, dann ist es möglich, wieder zur Verständigung zu gelangen auch mit denen, die sich heute aus einseitigen Produzenten- und dadurch beim andern Teil herausgelockten einseitigen Konsumenteninteressen heraus als feindliche Brüder gegenüberstehen und bekämpfen; aus einer solchen Verständigung heraus wird man wieder verhandeln können z. B. auch über Preise, die dann durch solch verständnisvolles Verhandeln der beteiligten Sachverständigen der Warenproduktion, des -konsums und des -verkehrs wieder in vernünftiger, sachgemäßer Weise sich werden bilden können. Die Festsetzung von wirtschaftsgerechten Preisen wird ein Erfolg der Assoziationen sein, der tief in das soziale Leben eingreifen wird, und es muß gesagt werden, daß überhaupt nur solche wirtschaftliche Reformen Berechtigung und Aussicht auf Erfolg haben, die unser soziales Zusammenleben heilend und fördernd beeinflussen können. Rein wirtschaftliche Maßnahmen mochten in Friedenszeiten gegenüber Krisen genügen, in der heutigen Weltwirtschaftskrise ist es damit nicht mehr getan, da müssen neue Wege gesucht, neue Bahnen beschritten werden, wenn wir aus dem wirtschaftlichen und sozialen Chaos herauskommen wollen.

In Stuttgart wurde ein Schritt auf diesem Wege getan, als am 13. März 1920 „Der Kommende Tag A.-G. zur Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte“ von Anhängern der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und der Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus gegründet wurde. In schwerster Zeit wurde hier aus dem Gefühl stärkster Verantwortung, aus Einsicht in die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge und aus dem Wunsche, der Welt ein Beispiel zu geben, ein Wirtschaftsunternehmen gegründet, das sich auf assoziativer Grundlage entwickeln soll. Nicht kann es sich darum handeln, daß wir der Ansicht wären, etwas Ideales damit hinzustellen, das wäre eine Illusion, die uns so gerne von denen unterschoben wird, welche sich selbst in stärkstem Maße solchen Illusionen hingeben, obgleich sie (vielleicht gerade, weil sie nur?) alte Wirtschaftspraktiker sind. Nein, wir sind keine Illusionisten, sondern wir stehen mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Wirklichkeit und wissen deshalb, daß man in der Wirtschaft nicht am idealen Ende, sondern an der sich gerade bietenden Wirklichkeit anfangen muß. Wir wissen aber auch, daß alles Reden allein nichts hilft, sondern daß zu gegebener Zeit Taten folgen müssen. In dieser Gründung „Der Kommende Tag“ wurde versucht, dasjenige aus der Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus zu verwirklichen, was sich innerhalb der privatkapitalistischen Wirtschaftsweise und innerhalb der heutigen Gesetze und Verordnungen als möglich erwies. Mußte auf der einen Seite die Form der Aktiengesellschaft als die am wenigsten ungeeignete für das Unternehmen gewählt werden, so mußten anderseits Bestimmungen in den Gesellschaftsvertrag aufgenommen werden, die die Nachteile dieser Geschäftsform nach Möglichkeit wieder aufhoben.

So mußten wir den Gründern für einen Teil der Aktien ein Mehrstimmenrecht geben, um „Überfremdung“ zu vermeiden, womit nicht Überfremdung mit ausländischem Kapital allein gemeint ist, sondern mit Kapital von Menschen, die, falls sie die Macht hätten, die Absicht hegen könnten, unsere neuen wirtschaftlichen und sozialen Ziele zu bekämpfen oder gar in ihr Gegenteil zu verkehren. Davor müssen wir uns unbedingt schützen, und es bleibt kein anderer Weg als der der Vorzugsaktien.

Ferner dürfen unsere Aktien selbstverständlich nicht an die Börse kommen, überhaupt nicht zu einem Spekulationsobjekt werden. Heute ist ja nicht nur die menschliche Arbeitskraft Ware geworden, sondern auch der Unternehmergeist; denn was ist es im Grunde anderes als Spekulation mit Unternehmergeist ― und spekulieren kann man doch nur mit einer Ware ―, wenn man Aktienpapiere an der Börse handelt? Die Börse ist eine der beklagenswertesten Auswüchse des heutigen privat-kapitalistischen Systems, in dem selbst das Geld, das doch nur eine Anweisung auf Ware sein sollte, zur Ware wird. Besonders viel haben sogar die Banken, die an der Börse und durch die Börse ihr meistes Geld verdienen, über sie zu klagen, siehe Angestelltenspekulation, Devisenspekulation u. dgl. Aber es nützt natürlich nichts, wenn man im politischen oder handelsredaktionellen Teil der Zeitungen über diese Dinge stöhnt, während man im Inseratenteil das Publikum auf die großen eigenen Devisenabteilungen verweist und damit das Publikum zu dem einlädt, was man wirklich oder angeblich beklagt. Nützen können nur solche Maßnahmen, die der Börse das Blut entziehen, und das tut „Der Kommende Tag“ dadurch, daß er seine Aktien nur mit Zustimmung des Vorstands und Aufsichtsrats veräußern oder verpfänden läßt, so daß er eine wirkliche Kontrolle darüber ausüben kann, wo seine Aktien sich befinden, sowie darüber, daß sie zu keinem höheren Kurse als pari den Besitzerwechseln.

Tantiemen gibt es nicht im Kommenden Tag, nicht für den Aufsichtsrat, der sein Amt überhaupt ehrenamtlich ausübt, und nicht für die leitenden Angestellten; diese begnügen sich mit einem festen Gehalt gemäß ihren Fähigkeiten und Leistungen.

Dividenden, d. h. fette Dividenden gibt es auch nicht, sondern nur eine angemessene Verzinsung des Nominalbetrags der Aktien, entsprechend den jeweiligen Zeitverhältnissen.

Der sogenannte Mehrgewinn fällt also weder in die Tasche der Unternehmer, noch in diejenige von am Unternehmen nicht mit arbeitenden Aktionären, sondern er kommt durch Förderung geistiger Werte, wie es schon im Unterteil der Firma heißt, der Allgemeinheit (nicht bloß etwa der des Betriebs, sondern der wirklichen Allgemeinheit) zugute. „Der Kommende Tag“ betreibt nämlich nicht nur rein wirtschaftliche Unternehmungen in Industrie, Handel und Landwirtschaft, sondern auch u. a. ein naturwissenschaftliches Forschungsinstitut und ein therapeutisches Institut mit Klinik. Eine freie Schule nennt er noch nicht sein eigen; doch ist darin der stellvertretende Vorsitzende seines Aufsichtsrats, der Generaldirektor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik A.-G., Herr Emil Molt, durch Begründung seiner Freien Waldorfschule bahnbrechend vorangegangen. Durch entsprechende Assoziierung ist „Der Kommende Tag“ in der Lage, die Kinder seiner Angestellten und Arbeiter in die Freie Waldorfschule zu schicken, wo die Tatsache, daß die Kinder des Direktors und des einfachsten Arbeiters auf der gleichen Schulbank einer wirklichen Einheitsschule sitzen und unentgeltlich die gleiche Ausbildung erfahren, wahrhaft fördernd auf das soziale Leben einwirkt.

„Der Kommende Tag“ ist ja nicht eigentlich eine Assoziation, sondern nur ein Anfang, ein Versuch, allerdings ein mutiger Versuch, ein assoziatives Wirtschaftsleben aufzubauen. Es handelt sich nur darum, daß dieses Beispiel genügend Nachahmung findet, so viel Nachahmer, daß ein in sich begrenztes Wirtschaftsgebiet von ihnen verwaltet wird, dann ergibt sich die Möglichkeit wirklicher Assoziationen, in denen Warenproduktion, -konsum und -verkehr in sach- und fachgemäßer Weise von Menschen geleitet werden, die ihre Anlagen und Fähigkeiten in einem freien Geistesleben ausgebildet und von den Organen dieses freien Geisteslebens Kapital zur Verwaltung übertragen bekommen haben; Assoziationen, in denen die Arbeit geleistet wird von Menschen, deren Recht bezüglich der Arbeit unabhängig von wirtschaftlichen Machtfaktoren im selbständigen Staatsleben geregelt wird. In einem solchen Zusammenarbeiten von Arbeitsleitern und Arbeitenden wird wieder die Möglichkeit zu menschenwürdigen Verhältnissen gegeben sein. Den Mangel solcher Verhältnisse empfindet ja heute die weit überwiegende Mehrzahl der Arbeitenden, in allen Stellungen bis zu den Direktoren, weil das Wirtschaftsleben alles zur Ware macht, auch Kapital und menschliche Arbeit, weil durch die Betonung des einseitigen Produktions- und Profitinteresses die Arbeitenden als Konsumenten in einen solchen Gegensatz zu den Produzenten gedrängt werden, daß sie sich gar nicht mehr als am Produktionsprozeß beteiligt fühlten.

Zuletzt kann man aber nicht übersehen, wie durch den ewig gleichlautenden Ruf nach mehr Produktion, der in der ganzen Welt ertönte, eine der Hauptursachen des Weltkrieges geschaffen wurde. Welcher Ruf ertönte nun in den letzten Monaten wieder besonders eindringlich durch die Welt? Wieder von allen Seiten der Welt der Ruf nach mehr Produktion! Und was liegt da näher als der sorgenbringende Gedanke, daß wieder Kriegskatastrophen heraufziehen? Und sind nicht die Sanktionen der Entente des gleichen Geistes Kinder? (Siehe wieder Thalbitzer in der „Frankfurter Zeitung“ auch in anderen Teilen seines Artikels als den oben zitierten, z. B.: „Eine derartige Kartellbildung wäre das beste Abwehrmittel gegen die drohende Kriegsgefahr in Europa.“)

Wie nahe müßte doch da der Gedanke liegen, gerade in Deutschland, eine neue Idee aufzugreifen, von der man einsehen könnte, ja einsehen müßte, daß sie der Menschheit Heil und Rettung aus dem heutigen und noch bevorstehenden Chaos bringen kann. Das ist die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus, geboren aus freiem deutschen Geistesleben, mit dem Keime in sich zu einem wahrhaft demokratischen Staatswesen und mit den Assoziationen als Grundlage einer neuen sozialen Wirtschaftsform.