Der Durst der Zeit nach Gedanken

01.12.1919
[820/01]Gutgemeinte Gedanken schaffen doch kein Brot. Das ist der Kern der Weisheit, die heute oftmals zu hören ist, wenn von Ideen gesprochen wird, wie sie der Forderung nach Dreigliederung des sozialen Organismus zugrunde liegen. Man möchte angesichts des Ernstes der Zeit diese Weisheit zu einer anderen stellen, die man heute auch des öfteren vernehmen kann: wenn die Leute erst wieder arbeiten werden, dann wird die soziale Frage ein anderes Gesicht bekommen.
[820/02]Wem diese beiden Weisheiten gegenwärtig nicht in den Ohren klingen, der hat keine Ohren für die Sprache, die in vielen Kreisen zur alltäglichen geworden ist. Werden sie auch nicht unmittelbar ausgesprochen, so klingen sie doch hindurch durch vieles, das öffentlich geredet wird.
[820/03]Man kommt gegen Einwände, die aus diesen Weisheitsquellen stammen, mit den von der Zeit geforderten Ideen deshalb so schwer zur Geltung, weil sie ja so unvergleichlich « einleuchtend » sind. Es braucht jemand nur zu sagen: widerlege mir doch diese Einwände; und der beste Denker wird seine Ohnmacht bekennen müssen. Denn sie sind natürlich nicht zu widerlegen. Sie sind selbstverständlich richtig.
[820/04]Aber kommt es denn im Leben nur darauf an, daß man in irgendeiner Lage etwas Richtiges sagt? Hängt nicht vielmehr alles davon ab, daß man die Gedanken findet, die Tatbestände in Bewegung bringen können? Es ist eine Erscheinung im heutigen öffentlichen Leben, die diesem zum schwersten Schaden gereicht, daß man mit dem Denken nicht Wirklichkeitssinn verbinden will.
[820/05]Nur dieser Mangel an Wirklichkeitssinn ist es, der sich hemmend entgegenwälzt, wenn man den sozialen Nöten der Gegenwart beikommen will durch fruchtbare Ideen. Aber man hat sich lange gewöhnt an ein Denken im Zeichen dieses Mangels. Jetzt tut es wahrlich not, gerade an dieser Stelle des menschlichen Lebens gründlich umzulernen.
[820/06]Man muß nur erst sehen, wie man in ein solches Denken sich hat hineingleiten lassen. Man muß sich beliebte Gedankengänge der neueren Zeit vor Augen führen.
[820/07]Ein solch beliebter Gedankengang ist im Gebiete des Sozialen derjenige, der sich aus den Lebensgewohnheiten primitiver Völker ergibt. Man sucht zu erforschen, wie in « Urzeiten » ein gewisser Kommunismus und dergleichen geherrscht hat, und zieht daraus gewisse Schlüsse für dasjenige, was man heute machen soll. In Schriften, die von der sozialen Frage handeln, ist ein solcher Gedankengang sehr gebräuchlich geworden. Und er hat sich von da aus breiter Kreise bemächtigt. Er lebt heute in vielem, was in der « sozialen Frage » gerade von den Massen gedacht wird.
[820/08]Man hätte diesen Gedankengang wirklich billiger haben können, als man ihn auf vielen Seiten errungen hat. Man hätte das soziale Leben der Menschen vergleichen können mit den Lebensgewohnheiten wild lebender Tierformen. Da hätte man gefunden, wie Instinkteinrichtungen zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse führen, und wie diese Instinkteinrichtungen auf die entsprechende Aneignung desjenigen gehen, was die Natur den Lebensbedürfnissen entgegenbringt.
[820/09]Das Wesentliche ist, daß der Mensch die Instinkteinrichtung durch das bewußte, zielgetragene Denken ersetzen muß. Auf die Naturgrundlage muß er bauen, wie jedes Wesen, das zu seinem Leben essen muß. In der Brotfrage steckt eine Frage der Naturgrundlage. Aber die ist für jedes nahrungsbedürftige Wesen vorhanden. In bezug auf sie kann von « sozialem Denken » gar nicht gesprochen werden. Dieses beginnt erst bei den Verrichtungen, denen der Mensch die Naturgrundlage durch sein Denken unterwirft. Durch sein Denken bemeistert er die Naturkräfte, durch sein Denken bringt er sich mit andern Menschen in einen Arbeitszusammenhang, der das der Natur abgerungene « Brot » in das soziale Leben hineinwebt. Für dieses Leben ist die Brotfrage eine Gedankenfrage. Es kann sich nur darum handeln, zu antworten auf die Frage: Welches sind die fruchtbaren Gedanken, die, zur Verwirklichung gebracht, aus der Menschenarbeit die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse hervorgehen lassen?
[820/10]Man kann jedem Recht geben, der nun, nachdem er der gleichen Auseinandersetzungen gehört hat, sagt: das ist doch wahrlich eine primitive Weisheit. Wozu spricht man dergleichen Selbstverständlichkeiten erst aus? Oh, man unterließe das Aussprechen recht gerne, wenn nicht diejenigen Menschen, welche finden, daß sie auszusprechen überflüssig ist, dieselben wären, die zum Schaden des gesunden sozialen Denkens sie in den Wind schlagen mit ihrer Weisheit, daß « doch Gedanken kein Brot erzeugen können ».
[820/11]Und so steht es auch mit der anderen Weisheit, durch die man sich von dem Ernste der sozialen Frage hinwegdrücken möchte: es handle sich vor allem darum, daß die Leute wieder arbeiten. Der Mensch arbeitet, wenn in seiner Seele der Gedanke keimt, der ihn zur Arbeit treibt. Soll er im Zusammenhange des sozialen Lebens arbeiten, so empfindet er sein Dasein nur als menschenwürdig, wenn in diesem Leben Gedanken walten, die ihm sein Mitarbeiten im Lichte dieser Menschenwürde erscheinen lassen. Gewisse, auch sozialistisch orientierte Kreise möchten allerdings diesen Antrieb zur Arbeit durch den Arbeitszwang ersetzen. Das ist eben ihre Art, sich von der Einsicht in die Notwendigkeit fruchtbarer sozialer Ideen hinwegzudrücken.
[820/12]Die Welt ist in die Lage, in der sie sich befindet, durch diejenigen gekommen, welche die Wirksamkeit der Ideen unmöglich machen durch ihre Flucht vor denselben. Eine Rettung ist nur möglich, wenn diejenigen zu einer starken Macht sich sammeln, die noch in sich ein hinlängliches Bewußtsein von diesem Tatbestande entwickeln können. Diese dürfen in dieser ernsten Zeit nicht kleinmütig werden. Sie werden heute noch die Hohnworte: unpraktischer Idealist, phantastischer Utopist umbrausen. Sie werden ihre Pflicht tun, wenn sie bauen, während die Höhnenden zerstören. Denn fallen wird, vorinnen es « so herrlich weit gebracht » haben diejenigen, die im Zeichen der Ideenflucht ihre « Praxis » auf den Sumpfboden einer täuschenden « Wirklichkeit » gebaut haben oder noch bauen wollen. Deren einziges Denken erschöpft sich heute darinnen, sich über ihre « Praxis » Illusionen zu machen, und sich durch das Verhöhnen wahrer Lebenspraxis eine billige innere Befriedigung zu schaffen. Klar in das zu schauen, was sich dem unbefangenen Verstande in dieser Richtung darbietet, ist heute wichtigste Lebensaufgabe all derer, die nicht davor zurückschrecken, über vieles umzudenken. Nach schaffenden Gedanken dürstet das Leben der Zeit; der Durst wird nicht verschwinden, wenn das gedankenlose Sich-Gebärden der Gedankenfeinde auch noch so laut für seine Betäubung sorgen möchte.

Rudolf Steiner