Zur Geschichte der Dreigliederung

08.07.1919

Nach 4 1/2 Jahren, in welchen das Staatswesen die ganze Wirtschaftskraft seiner Menschen an sich gerissen hatte, um einem furchtbaren Zerstörungswerk zu dienen, brach mit seiner Wirtschaft der deutsche Machtstaat zusammen. Mit diesem Zusammenbruch verband sich aber eine völlige Kapitulation des Geisteslebens vor den 14 Punkten Wilsons, die noch kurz zuvor mit allem Hohn zurückgewiesen worden waren. Das war das Ergebnis eines Geisteslebens, das ebenfalls in stärkstem Maße von den Interessen des Staates beschlagnahmt worden war. Das Volksleben war nun wie besessen von dem Alp der 14 Punkte, gerade in einer Zeit, wo sie ihre Abstraktheit und Lebensfremdheit in aller Welt bewiesen.

Als am 9. November 1918 nach der Meinung breiter Massen der Tag der Freiheit anbrach, lebte in einem kleinen Kreis von Menschen aus langjähriger Vertrautheit mit wirklich freiem Geistesleben die Überzeugung, daß ein Neuaufbau der deutschen Angelegenheiten nur möglich ist, wenn die rettenden Ideen ergriffen werden, die längst darauf warteten, ins wirkliche Leben eingeführt zu werden. Es sind die Ideen des dreigliedrigen sozialen Organismus, welche Dr. Rudolf Steiner aus seiner anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft entwickelt und seit Jahren vertreten hat. In den verschiedenen Zeitpunkten, als Wichtiges zur Entscheidung stand, suchte und fand der Gelegenheit, seine Vorschläge an diejenigen Persönlichkeiten heranzubringen, welche in der Lage waren, sie zur Heilung der Kulturkrankheit der Gegenwart zu verwenden. In ihnen lag für ein verständiges Erfassen der Aufgaben Mitteleuropas, insbesondere Deutschlands, zwischen Ost und West ein Weltfriedensprogramm, das dem Wilsonianismus entgegengestellt werden mußte. - Es war vergebens!

Nun da eine breite Bresche für neue Gedanken geschlagen war, begannen ein paar Menschen aus anthroposophischem Wollen heraus eine emsige Tätigkeit, um den Ideen der Dreigliederung des sozialen Organismus verständiges Entgegenkommen zu werben. Damals fiel die Äußerung eines sehr bekannten Politikers, der die Unmöglichkeit, mit dem offiziellen Programm der sozialdemokratischen Partei etwas vernünftiges anzufangen, offen zugab: "Geben Sie uns eine neue Idee, die Rettung verheißt, und ich bin bereit, mein ganzes Parteiprogramm über den Haufen zu werfen." Dieses mutig klingende Wort blieb Phrase, wie so manches andere. Durch Wochen hin wurde die württembergische Regierung immer wieder darauf hingewiesen, daß eine Berufung Steiners namentlich mit Rücksicht auf die allgemeine politische Lage von größter Bedeutung werden müßte. Die größte Mühe wurde aufgewandt, um die Industrie auf Grund einer umfassenden Wirtschaftsverständigung für eine Rettung der Wirtschaft aus eigener Kraft zu gewinnen. Von diesen beiden Seiten erfuhren wir Zurückweisung im Grunde aus dem gleichen Vorurteil heraus, weil wir nämich - Anthroposophen sind. Das muß an dieser Stelle einmal rückhaltlos ausgesprochen werden. Es kann noch bemerkt werden, daß der Bund der geistigen Arbeiter Leitgedanken angenommen hat, welche den Lehren Steiners enstammen; sie konnten jedoch nicht zur Wirksamkeit gelangen, weil ihnen das gleiche Vorurteil ihrer geisteswissenschaftlichen Quelle im Wege war.

Dann kamen die Wahlen, die mit ihren Folgeerscheinungen die Unfähigkeit der Parteien zu fruchtbarem Neuaufbau, trotz ihrer schönen neuen Namen und leichtfertig gemodelten Programmen bewiesen. Da reifte der Entschluß, den Versuch mit einer großen Volksbewegung zu machen.

Im Januar begab sich eine Abordnung in die Schweiz, um Dr. Steiner, welcher am Goetheanum in Dornach (Freie Hochschule für Geisteswissenschaft) arbeitete, zu bitten, den Impuls für diese Volksbewegung zu geben, und ihn nach Deutschland einzuladen. Er verfaßte nun den Aufruf "An das Deutsche Volk und an die Kulturwelt", zu dessen Ideen sich eine große Anzahl Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bekannten. In der Schweiz selbst hielt Dr. Steiner eine Anzahl Vorträge über die Lösung der sozialen Frage. Diesen Vorträgen konnte eine mehr internationale Auswirkung gegeben werden, wenn es gelang zu beweisen, daß sich eine große Bewegung für die darin verkündigte Dreigliederung des sozialen Organismus einsetzte. So konnte dann bei dem letzten dieser Vorträge in Zürich Dr. Steiner auf den Anfang dieser Bewegung hinweisen.

Nun galt es, dem Aufruf, der in den größten Tageszeitungen veröffentlicht wurde, weiteste Verbreitung zu verschaffen und zu erproben, wie weit Verständnis für seinen Inhalt gefunden werden könnte. Das Komitee des Aufrufs, das sich nicht auf sogenannte Anhänger Steiners beschränkte, eine rasch gebildete Geschäftsstelle und viele Freunde der Sache wirkten zusammen, um eine Volksbewegung zustande zu bringen. Der Aufruf schlug gut ein, wenn auch schon damals mancher seine Sprache dunkel fand, weil er die Geisteskraft, die dahinter stand, nicht erkennen konnte oder wollte. Die Tagespresse hat den Aufruf wenig beachtet, und mit ganz geringen Ausnahmen kam es zu keiner eigentlichen Besprechung. Zustimmungserklärungen liefen verhältnismäßig zahlreich ein, und bis Mitte April zählten wir etwa zweitausend Unterschriften. Unterdessen blieb Dr. Steiner in der Schweiz, er arbeitete an dem im Aufruf versprochenen Buch und hielt Vorträge in Basel, Dornach, Bern, Winterthur, St. Gallen; er war beim Völkerbundkongreß in Bern und erweckte überall, namentlich unter der industriellen Arbeiterschaft, große Begeisterung für seine Ideen. So mußte sich seine Reise nach Deutschland verzögern. Das Komitee des Aufrufs blieb durch seine Geschäftsstelle mit den Unterzeichnern in Fühlung unter anderem durch die als Flugblatt herum gesandten «Vorschläge zur Sozialisierung» als Entgegnung auf die Leitsätze einer Sozialisierungskommission von Dr. Rudolf Steiner, denen ein Aufsatz «Der Neubau» von Ernst Uehli beigedruckt war, der am 11. März im «Stuttgarter Neuen Tagblatt» erschien. Am 21. März wurde von dem Komitee ein Abend über den Aufruf veranstaltet, wobei der Schreiber dieser Zeilen in einem Vortrag den Inhalt des Aufrufs aus dem Seelenimpuls der Freiheit und den Entwickelungstendenzen der Geschichte und des menschlichen Bewußtseins heraus zu erläutern versuchte und Professor Dr. von Blume auf die Notwendigkeit eines Neuaufbaues Deutschlands hinwies. Bemerkenswert ist, daß der Aufruf, der insbesondere auch im Proletariat verbreitet wurde, gerade hier aufmerksamste Beachtung fand. Es liegen Zeugnisse vor, daß er von geistig regsamen Arbeitern wirklich studiert wurde und daß ihnen die Sprache nicht «dunkel» blieb. Mit größter Spannung wurde dem Erscheinen des Buches entgegengesehen. Ende März lagen schon die Einladungen der Arbeiter- und Angestelltenausschüsse einer Reihe von großen und kleinen Betrieben vor, daß Dr. Steiner für die Arbeiterschaft Vorträge über seine Vorschläge halten möge. Anfang April bildeten sich aus dem Verständnis für den Aufruf heraus einige Betriebsräte im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus. Am Ostersonntag, den 20. April traf Dr. Steiner in Stuttgart ein, und wenige Tage später erschien sein Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der Zukunft». Sogleich am 22. April fand eine Versammlung der Unterzeichner des Aufrufs von Stuttgart und Umgebung statt, in welcher Dr. Steiner die Zuhörer zu begeisterter Zustimmung hinriß mit seinen Ausführungen, welche in großen Zügen schilderten, was in seinem Buche ausführlicher dargestellt ist. Einstimmig wurde die Gründung des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus beschlossen mit einem Arbeitsausschuß, zu welchem sich das Komitee des Aufrufes ergänzt hatte. Damit war eine fortlaufende Reihe von Vorträgen eröffnet, die Dr. Steiner teils vor der Arbeiterschaft einzelner Betriebe und Industriezentren, teils vor der allgemeinen Öffentlichkeit hielt. Diese Vorträge haben sich bis auf den heutigen Tag fortgesetzt. Die Arbeitervorträge wurden am 23. April eröffnet im Betriebe der Waldorf-Astoria. Die Zuhörer, die mit den Grundideen schon etwas vertraut waren, wurden tief ergriffen und hingerissen. Die Versammlung faßte eine Resolution an die württembergische Regierung welche einstimmig die Berufung Steiners zwecks sofortiger Inangriffnahme der Dreigliederung forderte. Diese Resolution wurde in der Folge in über zwanzig großen Arbeiterversammlungen und in mehreren Veranstaltungen im überfüllten Gustav-Siegle-Haus vorgelegt und im Ganzen von zehn- bis zwölftausend Menschen angenommen. Dadurch war bewiesen, daß der Gedanke der Dreigliederung bei einer unbefangenen Hörerschaft gezündet hatte und eine Volksbewegung im besten Sinne des Wortes im Gange war. Diese Tatsache rief auch die Gegnerschaft auf den Plan, der sich die Presse bereitwilligst öffnete, nachdem sie sich anfangs verhältnismäßig wohlwollend verhalten hatte. Es kamen die typischen Einwände, die zunächst etwas spöttisch vorgebracht wurden: «Utopie, Ideologie».

Im Verfolg der Resolution fanden verschiedene Unterredungen zwischen Dr. Steiner und Mitgliedern der württembergischen Regierung statt. Dr. Steiner gab der Regierung den Rat, den Weg der Dreigliederung zu beschreiten durch Liquidierung derjenigen Gebiete, welche aus dem Einheitsstaat herausgelöst werden müssen, wenn wir gesunde soziale Verhältnisse erhalten wollen, nämlich einerseits das kulturelle, andererseits das wirtschaftliche. Die Unterredungen führten jedoch zu keinem Ergebnis — warum sei hier nicht näher erörtert. Jedenfalls war der Augenblick gekommen, wo der Bund für die Dreigliederung des sozialen Organismus aus eigener Initiative zu praktischer Arbeit kommen mußte, da die Zeit drängte. Der Weg war gegeben: Diejenigen Menschen, welche aus dem Wirtschaftsleben zur Dreigliederung kamen, insbesondere die Arbeiter und Angestellten, mußten zu produktiver Erörterung des Wirtschaftlichen aufgerufen werden mit dem Ziele der Verselbständigung des Wirtschaftslebens unter Beteiligung aller darin produktiv Tätigen. Diejenigen Menschen, welche aus vorwiegend geistigen Interessen zur Dreigliederung kamen, also nach der gegenwärtigen Tage vorwiegend die bürgerlichen Kreise, mußten ein Verständnis für ein neues, freies Geistesleben betätigen. Die Arbeiterschaft meldete sich alsbald: Aus verschiedenen Betrieben bekundeten Arbeiter, welche das Vertrauen ihrer Kollegen besaßen, den Willen mitzuarbeiten, und es wurde der am 22. April gebildete Arbeitsausschuß durch ihre Aufnahme erweitert. Nun kam die Frage der Betriebsräte in Fluß. In wenigen wichtigen Sitzungen des Arbeitsausschusses wurden die Grundlagen geschaffen. Unter maßgebender Mitwirkung von Dr. Steiner wurde rasch Übereinstimmung erzielt, daß die Frage der Betriebsräte nicht einseitig vom Standpunkt der physischen Arbeiter aus gelöst werden könnte, sondern daß auch die geistigen Arbeiter einschließlich der Betriebsleiter zur Lösung der schwierigen wirtschaftlichen Probleme eingeladen werden müßten. Ferner ergab sich, daß der damals veröffentlichte Regierungsentwurf über die Betriebsräte nicht geeignet sei, die unbedingt nötige Wirtschaftsverständigung zu erzielen, sondern bestimmt die Kluft zwischen den sogenannten Arbeitgebern und Arbeitnehmern erweitern würde. Aus dieser Erkenntnis entstand der «blaue» Aufruf an die Handarbeiter, an die geistigen Arbeiter, an die Fabrikanten zur Bildung der Betriebsräte, der das stärkste Interesse für die Betriebsräte erweckte, aber auch die Gegner herauslockte.

Der Arbeitsausschuß veranstaltete in der Folge besondere Diskussions- und Instruktionsabende mit Dr. Steiner, zu denen die Arbeiter- und Angestelltenausschüsse sowie die bereits gebildeten Betriebsräte von Stuttgart und Umgebung eingeladen wurden und in denen die Bildung von Betriebsräten im Sinne der Dreigliederung erörtert wurde, namentlich in der Richtung daß vor allen Dingen die Betriebsräteschaft, das heißt die Zusammenfassung der Betriebsräte aller wichtigen Industriezweige zu einer Urversammlung angestrebt werden sollte. In dieser Urversammlung sollten alle unmittelbar aus der wirtschaftlichen Praxis stammenden Erfahrungen ausgetauscht und aus der Einsicht in die Gesamterfahrung eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes die durchgreifenden, rein auf Wirtschaftserfahrung beruhenden Maßnahmen getroffen werden, für deren Durchführung die in ihre Betriebe zurückgekehrten, vom Vertrauen der Arbeiter getragenen Betriebsräte zu sorgen hätten. Eine auf umfassender Wirtschaftserfahrung beruhende Betriebsräteschaft sollte also die erste praktische Maßnahme sein zur Wiederaufrichtung der zerstörten Wirtschaft. Ein Wirtschaftszentralrat oder Wirtschaftsministerium, das nicht von oben, sondern von unten her auf organisierter Wirtschaftserfahrung aufgebaut ist, sollte den Schlußstein bilden. In dieser Körperschaft hätte nichts anderes zu walten als auf zusammengefaßte Wirtschaftserfahrung gestützte Wirtschaftsmaßnahmen. Das erwähnte Flugblatt, dem noch einige andere folgten, wurde von «Führern» der verschiedensten Richtungen in merkwürdiger Übereinstimmung der Mittel zum Gegenstand von Angriffen gemacht. Führer der Gewerkschaften warnten vor «wilden» Betriebsräten. Führer der links stehenden Parteien arbeiteten mit Verdrehungen und leichtfertigen Unterstellungen gegen die Dreigliederung. Zwar hieß es immer noch «Utopie, Ideologie», Einwände, die Steiner schon im Voraus in seinem Buche widerlegt hatte, aber die Sache war doch real genug, um die Parteimaschine gegen unbequeme Mitglieder in Bewegung zu setzen. Seitens der Industrie genau dieselben Mittel! Die industriellen Gegner wurden eingeladen, ihre Einwände in öffentlicher Aussprache zu vertreten, sie sind nicht erschienen. Die Gegner unter den Arbeiterführern wurden eingeladen, an einem der Erörterungsabende teilzunehmen, sie sind ebenfalls nicht erschienen. Also eine öffentliche Auseinandersetzung wo nur geistige Waffen gelten, wo Sachkenntnis und Urteilsfähigkeit den Ausschlag geben, wird gescheut. Aber im geschlossenen Verband, in der Verschwiegenheit der Partei kann man bei einer gut gedrillten Gefolgschaft auf geschäftsordnungsmäßigem Wege manches erreichen. Schon begann auch die Presse mit persönlichen Verunglimpfungen, und es ist ein trübes Kapitel, daß gerade diejenigen, welche als Vertreter des Geistigen Verständnis haben sollten für Vorschläge, die aus echtem, freien Geistesleben stammen, sich hierin besonders hervortun. Was in dieser Beziehung im Schoße der Landesuniversität sich vollzieht, wird einmal in einer besonderen Darstellung veröffentlicht werden müssen. Es muß leider festgestellt werden, daß die Anregungen des Bundes für die Dreigliederung des sozialen Organismus, die als Gegengewicht für die Betätigung auf wirtschaftlichem Gebiet gegeben worden sind, bis jetzt auf wenig fruchtbaren Boden fielen. Ein Aufruf zur Gründung eines Kulturrates, dessen Aufgaben sich eine große Anzahl Vertreter aus allen geistigen Berufen durch Unterschrift angeschlossen haben, wird in diesen Tagen der Öffentlichkeit übergeben werden. Für die künftige Gestaltung unseres Geisteslebens wird viel davon abhängen, ob dieser Vorschlag zum Impuls einer geistigen Bewegung werden kann. Aus anthroposophischen Impulsen unternahm Emil Molt die Gründung der Waldorfschule, einer freien Einheitsschule im Sinne der Dreigliederung für die Kinder der Angehörigen der von ihm geleiteten Waldorf-Astoria. Als Beispiel für die Früchte eines freien Geistesstrebens unternahm Frau Marie Steiner mit einigen Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft im kleinen Haus des Landestheater eurythmische Darbietungen, die von Dr. Steiner in seiner Einführung ausdrücklich als ein Anfang bezeichnet wurden. Aber die gesamte Kritik hat mit unglaublicher Spießerhaftigkeit diesen Versuch freier Geistigkeit niedergeknüppelt. Solchem Philistertum muß man allerdings ins Gesicht springen, und es schadet durchaus nichts, wenn einige Zipfelmützen verschlafenen Bürgertums ins Wackeln kommen.

Die Entbindung eines freien Geisteslebens wird zum Kampfaufruf an alle diejenigen Menschen, in denen ein freies, wahrhaft produktive Menschen erzeugendes Geistesleben als undiskutierbare Forderung lebt. Dieser Entbindung werden sich alle diejenigen entgegenstellen, welche sich zum Geistesleben in keine andere Beziehung zu setzen vermögen als in diejenige eines irgendwie gearteten Untertanenverhältnisses. Die Vertreter der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wissen, daß sie in diesen Geisteskampf einzutreten haben. Den Kampf zu führen für ein neudurchpulstes freies Geistesleben, sehen sie als ihre Aufgabe an.

Dieselbe Bewegung hat sich in Deutsch-Österreich (Wien) gebildet, und in Zürich ist kürzlich die Gründung eines schweizerischen Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus vollzogen worden.
Der Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus ist sich klar darüber, daß einseitige Maßnahmen auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens zum Unheil, zur Zerstörung führen müssen. Es müssen sich diesen Maßnahmen andere zur Seite stellen auf dem Gebiete des Geisteslebens und des Rechtslebens.
Von Anfang an hat der Bund mit klarster Entschiedenheit die Dreigliederung und nur die Dreigliederung des sozialen Organismus vor aller Öffentlichkeit vertreten. Mit Parteiinteressen lassen sich seine Ideen nicht verknüpfen, da eine gewisse Gefahr droht, daß das Wirtschaftsleben, namentlich die Frage der Betriebsräte einseitig im Interesse von irgendwelcher Partei zum Gegenstand von Experimenten gemacht werden könnte, sah sich der Arbeitsausschuß des Bundes zu einer entsprechenden Erklärung in Form eines Flugblattes veranlaßt.
Der Bund vertritt auf dem politischen Gebiet keine anderen Ideen als die der Gleichheit, nämlich des gleichen Rechtes für alle. Auf dem Wirtschaftsgebiet keine andern als die der Brüderlichkeit, nämlich auf freies Vertragsverhältnis und Assoziationen gestellte Leistung und Gegenleistung statt Kauf und Verkauf von Arbeitskraft.
Auf dem geistigen Gebiet keine anderen als die Entbindung freien Menschentums.

Veröffentlichungen

Wochenschrift »Dreigliederung des Sozialen Organismus«, Eröffnungsnummer, Juli 1919
Nachdruck in »Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe«, 1989, Nummer 103, S. 27-32