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Hier geht es um den praktischen Versuch für einen konkreten Menschen für einen feststehenden Zeitraum die Idee der Trennung von Arbeit und Einkommen zu verwirklichen.
Gerade im Bereich des Kultur- und Geisteslebens führt die Abhängigkeit der Geldempfänger von z.B. staatlichen oder wirtschaftlichen Entscheidungsträgern nach und nach zur Verkrustung und zum Absterben einer wirklich fruchtbaren Kultur- und Bildungsarbeit.
Die Idee wurde initiiert von den zwei Redakteuren der anthroposophischen Zeitschrift Info3, von Felix Hau und Sebastian Gronbach. Nutznießer der Initiative ist Jens Prochnow, bekannt durch die ZDF-Serie "Risiko" und durch seine quirligen Nachrichten aus Dornach. Näheres zur Person und zur Initiative finden Sie auf der Homepage www.kauft-prochnow-frei.de
Herr Prochnow war so freundlich für das hier behandelte Thema "Praxis Dreigliederung" mir einige Fragen zu beantworten:

WB: Wie würden Sie den Entstehungsimpuls zu dieser Initiative schildern?
JP: Die Idee entstand im Frühjahr 2004 im Unternehmen Mitte, einem
Kulturbetrieb im Herzen von Basel. Ich hatte dort eine Gesprächsreihe
mit ganz unterschiedlichen Denkern, die sich individuell mit dem Werk
Rudolf Steiners beschäftigen, um einmal die Vielfalt aufzuzeigen, die
die Beschäftigung mit diesem Werk hervorbringen kann. Denn in Basel
denkt man bei Rudolf Steiner natürlich schnell: Ah ja, Goetheanum,
Dornach, habe ich schon gesehen. Ich wollte etwas zeigen, was die noch
nicht gesehen hatten: Frische, wilde Ideen. Dort kam es auch zu
Gesprächen von Felix Hau (Info3) mit Daniel Häni (Unternehmen Mitte)
zur Trennung von Arbeit und Einkommen. Insbesondere Herr Häni hat sich
lange und intensiv mit diesem Komplex beschäftigt. Und da haben die
sich eben gedacht: Da reden wir jetzt gar nicht lange drüber, das
probieren wir einfach mal aus! Und so bin dann ich ins Spiel gekommen.
Es ist wirklich ein Experiment.
WB: Können Sie in dieser Art Existenzsicherung ihre individuelle Umsetzung des sozialen Hauptgesetzes sehen?
JP: Es ist ja nicht meine Umsetzung, sondern die der Leute, die diese
Initiative tragen. Prinzipiell würde ich aber sagen: Es geht ganz klar
in diese Richtung! Das "soziale Hauptgesetz" ist ja von Steiner in den
beiden Essays "Theosophie und soziale Frage" in seiner Hauszeitung
Luzifer-Gnosis" bereits 1905/06 veröffentlicht worden. Das sind jetzt
fast 100 Jahre. Da ist es doch an der Zeit, sich über diese Ideen
nicht mehr nur zu unterhalten, sondern sie einfach mal auszuprobieren
und zu schauen, was passiert. Ich klebe ja nicht an Steiner, diese
Ideen springen einem ja heute überall entgegen - Wilhelm Schmundt zum
Beispiel, überall finden Sie das.
WB: Halten Sie die möglichst freie Einkommensübertragung für eine notwendige Voraussetzung für die Befreiung des heutigen Geisteslebens?
JP: Nein. Ich persönlich denke, wir brauchen erst einmal Menschen, die
nicht theoretisch über solche Fragen nachdenken, sondern Sie
ausprobieren. Das kann ich ihnen vielleicht sagen, wenn die Initiative,
die sich ja jetzt eben erst gerade gründet, läuft. Ich möchte solche
Fragen empirisch beantworten, und nicht in einem Buch nachschlagen um
mir eine möglichst schlaue Antwort - am besten noch im Sinne Steiners
- auszudenken.
WB: Ist die bedingungslose Geldüberlassung nicht entfernt vergleichbar mit einer dynamischen Delegation wie sie Hermannstorfer beschreibt für den Schulbereich?
Auszug aus einer Vortrag Hermanntorfers dazu: "Und das auszuhalten, dass eben eine Handlung so wird, wie der andere sie macht, wenn wir ihm die Aufgabe übertragen haben, das ist die wirkliche Probe, vor der wir heute stehen. Sich selbst auszuhalten, ist ja gelegentlich schon ein Problem, aber den anderen auszuhalten, das ist noch viel schwieriger. Wenn wir nicht lernen, eine Handlung eines anderen so mitzutragen, als ob es unsere eigene wäre, dann werden wir keine Gemeinschaftsbildung erreichen. Anderenfalls machen wir nämlich im Grunde unser Urteil zum Maßstab. Wenn der andere das macht, was wir sowieso gemacht hätten, was wir uns vorgestellt haben, was er zu machen hat, dann finden wir das gut. Wenn es davon abweicht, dann finden wir es schlecht. Die Originalität jedes anderen anerkennen heißt: „Es ist eben so, wie es geworden ist, weil es die Handschrift dieses Kollegen trägt und nicht die von irgend jemandem." Dieses Durchindividualisieren der Gemeinschaft ist eine ganz zentrale Frage."
(s. S. 17 in http://www.sozialimpulse.de/pdf-Dateien/Delegation.pdf
)
JP: Ja, das ist eine sehr schöne Stelle, denn sie spricht Probleme an, die
wir jetzt schon in der Initiative haben! Da ist dann jemand und der
will zwar mitmachen, dem gefällt aber vielleicht die Webpage nicht.
Und dann entschliesst er sich, nicht mehr mitzumachen. So eine
Initiative kann nur dann funktionieren, wenn man die Individualität
des anderen vollständig respektiert. Das bedeutet: Vielleicht gefällt
mir die Webpage nicht, vielleicht hätte ich sie selber ganz anders
gestaltet, aber sie ist nun so wie sie ist, weil sie eben "die
Handschrift dieses Kollegen trägt und nicht die von irgend jemandem."
Das muss man erst mal aushalten können! Da entstehen neue Welten, wenn
das klappt.
WB: Welche Forderung würden Sie sich selbst in Korrelation zur der geforderten Bedingungslosigkeit bei den anderen stellen?
JP: Ersteinmal keine. Das wäre ja dann keine Bedingungslosigkeit, wenn ich
mir dazu im Gegenzug irgendwelche Zwänge auferlegen würde. Ich habe
natürlich Ansprüche an mich selber. Das ist aber etwas anderes. Wenn
ich mir zum Beispiel die Forderung an mich selber stellen würde, jeden
Tag von 8 bis 18 Uhr im Büro zu sitzen, mit zwei Stunden Mittagspause,
dann wäre das extrem kontraproduktiv. Dann würde ich vielleicht drei
Tage im Büro sitzen und nur auf den leeren Monitor schauen. Aber wenn
ich mir selber beispielsweise das Ziel setze, jetzt innerhalb von zwei
bis vier Wochen einen grösseren Essay zu schreiben, dann ist das etwas
ganz anderes. "Schreiben" ist ja nicht herumsitzen und schreiben, das
ist ja ein kreativer Prozess, da zählt alles! Vielleicht habe ich die
Idee ja zu Hause beim Spülen, und nicht, während ich im Büro die Zeit
absitze!
WB: Welche Funktion soll die Rubrik Download auf der Internetseite
zur Initiative gegenüber möglichen Geldgebern übernehmen?
JP: Meine Vision ist, das Geldgeber der Initiative sich dort Material
herunterladen können, das entweder exklusiv für sie bereitsteht oder
das sie eben mit einem zeitlichen Vorlauf erhalten. Ich hatte in der
Info3 eine Serie, "Expedition nach Dornach", die war ja ziemlich
umstritten. Ich möchte daraus einen "Remix" machen, die Texte etwas
überarbeiten, ergänzen, neue Details einbeziehen. Ein einziger, ganz
harmloser Satz in dieser Serie hat ja quasi ein Höllenfeuer in Dornach
ausgelöst, da hatte ich dann plötzlich schreiende
Goetheanum-Sekretärinnen am Telefon! Ich möchte jetzt einmal "das
Ganze" dieses Aufenthalts in Dornach schildern, "wie es wirklich war".
Natürlich frech und unterhaltsam, aber nicht ehrverletzend oder
destruktiv - was mir ja oft unterstellt worden ist.
Diesen "Remix" möchte ich machen, aber nicht unbedingt
veröffentlichen, zumindest jetzt noch nicht. Ich werde das erst einmal
auswerten, schreiben, und dann können sich das die Mitglieder der
Initiative - also die Geldgeber - downloaden. Und nur die. Wer kein
Geldgeber ist und das lesen will, der muss es sich eben auf
kriminellen Wegen besorgen und die Konsequenzen tragen.
Daneben hat mich aber auch ein Verlag um ein kleines Buch gebeten, und
da hätte ich es gerne, das die Initiativmitglieder fertige Kapitel oder
Auszüge downloaden können, bevor das ganze Buch überhaupt fertig ist.
Da erwarte ich auch Hilfe, also Kritik. Da kann, wer will, mein Lektor
sein. Man erlebt die Entwicklung von Projekten hautnah mit.
WB: Wie wichtig ist es Ihnen ein persönliches Verhältnis zu den Geldgebern zu entwickeln?
JP: Das kann ich nicht pauschal sagen. Es sind Leute darunter, die will
ich gar nicht kennen lernen, andere kenne ich schon seit Jahren.
Natürlich bin ich neugierig auf diese Leute, aber das muss eben von
mir ausgehen. Es muss klar sein: Nur weil ich hier Geld gebe, heisst
das nicht, das ich ein Recht darauf habe, diesen Prochnow mal
persönlich kennen zu lernen. Prinzipiell aber ist mir ein persönliches
Verhältnis zu den Geldgebern wichtig, denn wir arbeiten ja zusammen in
die selbe Richtung! Ich treffe mich zur Zeit sehr häufig mit
Geldgebern, mit Leuten, die die Initiative tragen. Das sind ganz neue
Schicksalsfäden, die da entstehen, nicht nur bei mir, bei allen. Das
ist gerade das erstaunliche, manchmal auch fast schon beängstigende:
Wie real das alles wird - bis in kleinste Details des Lebens, des
Empfindens hinein.
WB: Gibt es weitere Gesichtspunkte der Initiative, die Sie zur Frage "Wie Dreigliederung verwirklichen" ergänzen wollen?
JP: Ich kann ja nicht für die Initiative sprechen, ich bin da ja nicht mal
Mitglied. Ich bin sozusagen der "Nutzniesser". Mein Wunsch wäre
natürlich, dass die Initative weiter wächst und vielleicht irgendwann
nicht mehr nur mich fördert. Im Grunde genommen gibt es sehr viele
Menschen, die man freikaufen könnte. Auch Tiere, Pflanzen und Boden
kann man kaufen - noch. Dreigliederung verwirklichen, das heisst immer
auch zu handeln und nicht nur zu Reden. Ich bin jetzt in einem
Stadium, wo ich sagen kann: Bloss keine Ideen, Ideen haben wir genug -
die gibt's wie Sand am Meer. Ich will keine Ideen mehr, ich will Geld.
Aber Geld sondern die meisten Leute nicht so gerne ab wie Ideen - man
muss sie überzeugen. Und diese Initiative hat erstaunlicherweise schon
eine ganze Menge Menschen überzeugt, aber noch lange nicht genug
Menschen.
Mein Dank an Jens Prochnow, an den Begründern und Unterstützern der Initiative. Möge es viele geben, die sich auf den Weg machen und praktische Erfahrungen mit den Ideen der Dreigliederung sammeln.
Werner Breimhorst
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