Organische Architektur

Die organische Architektur fasst unterschiedliche Architekturströmungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen. Zu den frühesten Vertretern gehören Antoni Gaudí und Louis Sullivan, der Schöpfer der These „form follows function“.

Organische Architektur - Versuch einer Definition

Ausgangspunkt der organischen Architektur war die Suche nach zeitgemässen Formen, welchen die neuen technischen Möglichkeiten einbeziehen und sich von historisierenden Architekturstilen befreien sollten. Dabei wurden die Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt. Wichtige Merkmale sind der bewusste Umgang mit Baumaterialien und zunehmend auch die Integration des Baus in die Landschaft. Gemeinsam ist den Vertretern die Orientierung an der lebendigen Natur. Dabei ging es nicht bloss um die vordergründige Nachahmung von Formen der Natur, sondern um eine Bauform, welche dem Menschen als organische Lebensform angemessen ist. Die organischen Formen werden zum Teil auch als Absetzung von einer mechanisch-additiven Formgebung und damit auch von einem mechanisch-materialistischen Denken aufgefasst.

Organische Architektur - Geschichte und Vertreter

Es finden sich Parallelen und Einflüsse der organischen Architektur durch den Jugendstil und den Expressionismus. Beispiele dafür bilden Bauten von Gaudí und Erich Mendelsohn. Beispiele für einen Einbezug des Baus in die Landschaft sind Häuser von Frank Lloyd Wright und Hans Scharoun. Als Gegenstück zur organischen Architektur kann man die Bauten von Mies van der Rohe mit der Raumschaffung für einen spezifischen Flächenbedarf nennen. Bei ihm steht eine Ästhetik der geometrischen Formen und funktionale Materialien ganz im Dienste der aufkommenden technischen Innovationen. Ein Vertreter der organischen Architektur ist dagegen Rudolf Steiners Architektur, dessen Ästhetik neben dem funktionalen Einsatz der Materialien auch ein Interessen am Einfluss der Formen auf die menschliche Psyche hat. Der Tod wichtiger Pioniere wie Sullivan, Steiner und Gaudí, sowie die wirtschaftliche Rezession in Europa und der zweite Weltkrieg führen zu einem allgemeinen Rückgang im Bauwesen. In den fünfziger und sechziger Jahren wird die organische Architektur wiederaufgegriffen. Nicht zuletzt von den Vertretern des Funktionalismus, wobei die geometrische Formensprache der Moderne vermehrt einer expressiveren und organischeren weicht. Hierzu zählen Le Corbusier, Alvar Aalto und Scharoun. In den achtziger und neunziger Jahren erfährt die organische Architektur ebenfalls eine Renaissance, welche durch die zeitgenössischen Technologien erweitert wird. Die organische Architektur ist zunehmend verbunden mit Anliegen wie Ökologisches und Gesundes Bauen, Kulturelle Identität und Bauerlebnis. Durch Förderung der Gemeinschaftsbildung soll dem Rückgang traditioneller Zusammenhänge und die damit einhergehende Anonymität eine zeitgemässe Form entgegengestellt werden. Im Zeichen der Individualisierung wird dem Bedürfnis nach Mitgestaltung des Einzelnen entgegengekommen. Weitere wichtige Vertreter der organischen Architektur sind Eero Saarinen, Hugo Häring, Chen Kuen Lee und der Entwickler leichter Tragwerke Frei Otto. Erwähnenswert sind auch die Vertreter der ungarischen organischen Architektur, etwa der anthroposophisch orientierte Imre Makovecz und die so genannte Pécser Gruppe um György Csete.

Andrey Albrecht

Organische Architektur und soziale Dreigliederung

In der Praxis stößt die organische Architektur immer wieder an Grenzen. Durch die Verkäuflichkeit von Grund und Boden ist es schwierig, die Form der Funktion anzupassen, weil die Funktion mit dem Besitzer bzw. Mieter beliebig wechseln kann. Versucht nicht die Politik auch noch hereinzupfuschen, ist nämlich das Portemonnaie entscheidend und nicht, was man konkret mit dem Grund und Boden vorhat. Aus diesem Grund gibt es in der modernen Architektur die entgegengesetzte Tendenz, Räume so zu konzipieren, daß sie mehrzweckfähig sind und nach Belieben umgestaltet werden können. So elegant die Lösung im Einzelfall auch sein kann, sie geht meistens doch auf Kosten der Aussagekraft der architektonischen Formen. Zum Glück gehört die Unverkäuflichkeit von Grund und Boden zu den Aspekten der sozialen Dreigliederung, die schon jetzt wenigstens im Kleinen umgesetzt werden, ohne auf die entsprechende Gesetzänderung warten zu müssen. Projekte können durch bestimmte Rechtskonstruktionen ihren Grund und Boden "neutralisieren" und an der Funktion binden. Wer die Funktion verläßt, kann den Boden nicht einfach mitnehmen. Fortschritte in die Richtung einer sozialen Dreigliederung im Bereich Eigentumsrecht verschaffen also der organischen Architektur ganze neue Möglichkeiten. Kulturelle oder wirtschaftliche Initiativen können ihre Räume künstlerisch so frei gestalten, daß man ihnen ansieht, was darin stattfindet. Probleme bekommen sie erst, wenn sie dann wirklich wachsen und merken, daß der Boden nicht aus Gummi ist. Da hilft auch keine soziale Dreigliederung ...

Sylvain Coiplet