Johannes Kiersch Entwurf
Annener Berg 15 Stand: 15.09.2000
58454 Witten
Schulreform "von unten" (I)
Das Leistungsprofil der Schönen Schule
Thesenpapier zur Vorlage in der Arbeitsgruppe ≥Schöne Schule„
des Europäischen Forums für Freiheit im Bildungswesen (E/F/F/E)
Ihr Leistungsprofil in zehn Thesen
Zur Situation
Im gegenwärtigen Entwicklungsstadium
des Projektes ≥Schöne Schulen„ ist es notwendig, zu einem differenzierten Leitbild zu kommen, an welchem sich Lehrerkollegien
und Eltern, die mitwirken wollen, für ihre spezielle eigene Arbeit orientieren
können. Ein erster Schritt dahin könnte es sein, für die geplante Tagung in
Tiflis/Tbilissi 2001 eine Reihe von Arbeitsgruppen einzurichten, mit dem Ziel,
einzelne Aspekte der Idee der ≥Schönen Schule„ gesondert zu diskutieren,
weiteres Material zusammenzutragen und entsprechende Forschungs- und
Entwicklungsvorhaben vorzubereiten.
Unabhängig davon könnte das vorliegende
Thesenpapier, sobald es vollständig ausgearbeitet ist, als Informationsmaterial
verwendet werden.
Der kritische Leser wird um Verständnis
dafür gebeten, dass die mit den einzelnen Themen dieses Papiers berührten sehr
komplexen Forschungsprobleme hier nur stark vereinfacht behandelt werden
können. Das Leistungsprofil der Schönen Schule muss klare Konturen behalten.
Deshalb war angesichts der Fülle des zu berücksichtigenden Materials eine
gewisse exemplarische Fokussierung auf wenige Punkte unvermeidlich. Außerdem
geht die vorliegende Darstellung in vielen Einzelheiten von der gegenwärtigen
Situation in Deutschland aus. Für die
Verwendung in anderen Ländern wird der Text entsprechend zu überarbeiten sein.
Das Vorbild
Jason, so
berichtet der Mythos, fährt über das Schwarze Meer nach Kolchis,
um das Goldene
Vlies zurückzuholen, die Haut des Sonnenwidders, ohne
deren Glanz
die Kultur der Griechen verdorren müsste. Ihn begleiten
allgemein
anerkannte Experten: Theseus, Herakles, Odysseus, Orpheus.
Die
entscheidenden Ratschläge gibt eine liebende Frau.
Der Zug der
Argonauten war ein koordiniertes Unternehmen.
Etwas Vergleichbares brauchen wir für die Schule der nächsten Zukunft
Als gewisse
Reptilien der Kreidezeit infolge übermäßigen Wachstums an Bodenhaftung verloren
hatten, starben sie aus. Ähnlich geht es heute, im Zeitalter von TIMSS und
PISA, dem weltweit verbreiteten System der zentralen Verwaltung des Schulwesens
durch Organe des Staates. Als Relikt älterer Herrschaftsverhältnisse, die
Sicherheit und Fortschritt von allgemeinverbindlichen Ideologien garantiert
sahen, kann es die individualisierten Bedürfnisse moderner Menschen nicht mehr
zufrieden stellen. Lehrer und Lehrerinnen, Eltern, Vertreter des öffentlichen
Lebens, stellenweise auch schon einsichtige Fachleute in der Verwaltung, gehen
deshalb in vielen Ländern der Welt dazu über, Schulentwicklung ≥von unten„ zu
betreiben, aus den authentischen Bedürfnissen des Lebens, und zwar keineswegs
nur an Reformschulen in freier Trägerschaft oder an privilegierten Versuchsschulen.
Sie verändern schon jetzt, wo es sich machen lässt, Schritt für Schritt den
pädagogischen Alltag.
Das
leergewordene Ritualsystem bürokratisierten Lernens, das zur Zeit noch regiert,
ist ein Auslaufmodell. Es fördert Gleichgültigkeit und Gewalttätigkeit in
unseren Schulen, isoliert die Menschen voneinander, verschüttet wertvolle
Traditionen, blockiert das unbefangene
Wahrnehmen,
instrumentalisiert alle Lernvorgänge für den vordergründigen Examenszweck.
Alles Schöne und Wertvolle, alles, was sich lohnt, gelernt zu werden, wandert
aus und wird privat. Übrig bleiben die Ärmsten der Armen, die außerstande sind,
privatisierte Bildung zu bezahlen.
Was lässt sich
demgegenüber tun? Es gibt in den unterschiedlichsten Gebieten des pädagogischen
Lebens und der dafür bedeutsamen Fachwissenschaften eine Fülle von Ideen und
Initiativen, die wir gemeinsam aufgreifen können. Sie konvergieren in der Idee
der Schönen Schule. Mit dem vorliegenden Thesenpapier laden wir alle
Interessierten dazu ein, sich an der Weiterentwicklung und Konkretisierung
dieser Idee selber zu beteiligen, ganz gleich, ob sie innerhalb oder außerhalb
des staatlich verwalteten Schulwesens pädagogisch engagiert sind. Für die Idee
der Schönen Schule kann man von jedem Ort und von jeder Position aus tätig
werden.
Das hier vorgestellte Material ist seit 1997 auf einer Reihe von internationalen Kolloquien einer Arbeitsgruppe des Europäischen Forums für Freiheit im Bildungswesen (E/F/F/E) zusammengetragen und diskutiert worden. Es handelt sich hier um eine Art Zwischenbilanz einer Folge von Gesprächen, die weiter fortgesetzt werden. Die Idee der Schönen Schule ist in Rußland konzipiert worden und hat zunächst dort, der einheimischen Bildungstradition besonders entgegenkommend, ein breiteres Echo gefunden. Eginhard Fuchs und Nina Petrovna Litvinova haben in den Jahren 1996 bis 2000 durch Wettbewerbe und die Organisation gut besuchter Kongresse in St. Petersburg, Ufa, Sotschi und dem unmittelbar bevorstehenden in Sewastopol dieser Idee weitere Impulse gegeben und ihr zu größerer Wirksamkeit verholfen. Auch international fanden die Kongresse Interesse, und die neue Idee ist inzwischen dabei, sich über Gesprächspartner in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in Korea, in Südafrika, in den Niederlanden und in Deutschland weltweit auszubreiten. Ihr weiter Erfolg wird davon abhängen, ob das überall aufkeimende pädagogische Leben ≥von unten„ sich darauf einzulassen vermag.
Die Entwicklung der Wissenschaften seit
dem Beginn der Neuzeit hat das Leben der zivilisierten Menschheit tiefgreifend
verändert, zum einen durch Entdeckungen und Erfindungen und ihre
technisch-industrielle Verwertung, zum anderen durch die Ermittlung eindeutiger
Kriterien für das Eingrenzen und Bestimmen wissenschaftlicher Wahrheiten und
Tatsachen. Insofern ist sie unverzichtbare Grundlage allen Lernens auch in der
Schule. Sie hat aber ihren Fortschritt teuer bezahlt, nämlich mit dem Verzicht
auf alle ästhetischen und werthaften Qualitäten des Wissens, oder platonisch
gesagt: mit der Entfernung des Schönen und des Guten aus dem Bereich der
Wahrheit. Infolge dieses Verzichts, dieses Verlustes sind ihre Ergebnisse als
Inhalte schulischen Lernens von zweifelhaftem Wert. Die Lebens- und
Lernbedürfnisse von Kindern und Heranwachsenden lassen sich mit ästhetisch und
ethisch ≥neutralem„ Wissen nicht befriedigen, auch dann nicht, wenn es auf dem
Wege ≥didaktischer Reduktion„ altersgemäß vereinfacht und ansprechend aufbereitet
wird.
Gegenüber diesem Dilemma allen
≥wissenschaftsorientierten„ Unterrichts ist es von Nutzen, an neuere
Forschungsergebnisse der philosophischen Anthropologie und der
Wissenschaftstheorie zu erinnern, die sich mit den Problemen des Erkennens und
Wissens unabhängig von pädagogischen Fragestellungen befasst haben. Die alte
Frage nach dem Wesen des Menschen, seiner Stellung in der Welt und den Formen
seines Erkennens und Wissens wird gegenwärtig an vielen Orten neu gestellt. Wir
halten uns hier, der Einfachheit halber, an die von Ernst Cassirer und seinen Schülern begründete ≥Philosophie der
symbolischen Formen„, die zeigt, dass wissenschaftliches Denken und Erklären
nur eine der möglichen Weisen
bewussten Weltverstehens ist. Cassirer nennt ˆ ohne Anspruch auf
Vollständigkeit ˆ als weitere Formen den Symbolismus der Sprache, den der Technik
und den des Rituals (vermutlich die
historisch ältesten Formen), sodann Mythos,
Religion und Kunst. Sie alle
bestimmen, wie sich zeigen lässt, noch heute, neben dem wissenschaftlichen
Erkennen, unser bewusstes und unbewusstes Leben. Wo sie verdrängt werden oder
verwahrlosen, bedrohen sie die Kräfte der Vernunft. Ihren psychologischen
Ursprung haben sie, beim archaischen Menschen ebenso wie beim Kinde, im
Erlebnis sinnerfüllten Ausdrucks. Aus
diesem Grund-Erlebnis entfaltet sich im Lauf der Menschheitsgeschichte, wie der
Entwicklung jedes einzelnen Menschen ein ganzes Spektrum von Sinnwelten, mit
denen sich eine aufgeklärte Rationalität in Wechselbeziehungen zu sehen hat.
≥Der Begriff der Vernunft„, schreibt Cassirer, ≥ist höchst ungeeignet, die
Formen der Kultur in ihrer Fülle und Mannigfaltigkeit zu erfassen. Alle diese
Formen sind symbolische Formen. Deshalb sollten wir den Menschen nicht als animal
rationale, sondern als animal
symbolicum definieren„ (Versuch über den Menschen, 1990, S. 51).
Die bahnbrechenden Einsichten Cassirers
für die wissenschaftliche Klärung der Formen unseres Weltverstehens sind von
anderen Forschern aufgegriffen und weitergeführt worden, für den Symbolmodus
der Künste besonders durch Susanne K.
Langer. Sie werden gegenwärtig in Deutschland zum ersten Mal gründlich
diskutiert. Wenden wir sie auf die Idee der Schönen Schule an, so ergibt sich
daraus als erste Schlussfolgerung für das hier vorgestellte Konzept:
Literatur:
Gernot Böhme:
Weltweisheit ˆ Lebensform ˆ Wissenschaft. Einführung in die Philosophie.
Frankfurt a. M.:
Suhrkamp, 1997
Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen
Formen. 3 Bde. (1923-29). Darmstadt.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1954
u. ö. (Bd. 3), 1964 u. ö. (Bde. 1 und 2)
Ernst Cassirer: An
Essay on Man (1944). Deutsch: Versuch über den Menschen.
Frankfurt a. M.:
S. Fischer, 1990
Susanne K.
Langer: Philosophy in a New Key (1942).
Deutsch:
Philosophie auf neuem Wege.
Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch, 1984
Susanne K.
Langer: Feeling and Form. New York: Charles Scribner‚s Sons, 1953
Keine Wahrheit ohne Schönheit
Die einseitige
Bindung an den Symbolmodus des mathematisch-logischen Denkens und an die
Methoden einer mechanistisch orientierten Naturwissenschaft hat in den Schulen
dazu geführt, dass originäres Wahrnehmen und Beobachten gegenüber dem bloßen
Entgegennehmen systematisierter Wissensinhalte zu kurz kommen. Vielen
Didaktikern der Naturwissenschaften ist dieses Problem seit langem bewusst. Im
Anschluss an Hugo Kükelhaus, Martin
Wagenschein und verwandte Neuerer suchen sie andere Wege. Leitende
epistemologische und anthropologische Gesichtspunkte dafür finden sie in der
philosophischen Phänomenologie Edmund
Husserls und seiner Schule, bei Maurice
Merleau-Ponty, Hermann Schmitz und neuerdings auch bei Goethe, dessen Leitsatz ≥Man suche nur nichts hinter den
Phänomenen„ besonders von den Didaktikern der Waldorfpädagogik vertreten wird. Gernot Böhme, einer der maßgeblichen
Naturphilosophen der Gegenwart, hat erst kürzlich das ≥Projekt einer
Phänomenologie der Natur„ offensiv ins Gespräch gebracht. Für ihn sind die
ästhetischen Qualitäten von Wahrnehmungen genau so wichtig wie alles, was man
daran wissenschaftlich messen und definieren kann. Mit ähnlicher Suchrichtung
wird gegenwärtig, im Anschluss an die moderne Rezeptionsästhetik, neu darüber
nachgedacht, wie sich persönliche Kreativität, Phantasie, Imaginationsvermögen
für einen lebendigen, erfahrungsgesättigten Unterricht in Geschichte und
Literatur mobilisieren lassen.
Von allen
diesen Bemühungen her lässt sich unsere zweite These begründen:
Die Schöne
Schule leitet ihre Schüler zu originärer Erfahrung an. Sie geht dabei von der
Einsicht aus, dass Wahrnehmungen ästhetische Qualitäten haben und dass diese
Qualitäten für ein vernunftgeleitetes Weltverstehen unentbehrlich sind.
Literatur:
Gernot Böhme /
Gregor Schiemann (Hrsg.): Phänomenologie der Natur. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1997
Peter Buck / Ernst-Michael
Kranich (Hrsg.): Auf der Suche nach dem erlebbaren Zusammenhang.
Übersehene Dimensionen der Natur und ihre Bedeutung für die Schule. Weinheim und
Basel: Beltz, 1995
Peter Buck / Manfred
von Mackensen: Naturphänomene erlebend verstehen. Köln: Aulis, 51994
Horst Rumpf:
Belebungsversuche. Ausgrabungen gegen die Verödung der Lernkultur. Weinheim und
München: Juventa, 1987
Hans Rudolf
Schweizer: Vom ursprünglichen Sinn der Ästhetik. Oberwil-Zug: Kugler, 1976
Mins
Minssen: Der
sinnliche Stoff. Stuttgart: Klett-Cotta, 1986
Peter Fauser /
Dorothee von Wulffen (Hrsg.): Einsicht und Vorstellung. Imaginatives Lernen in
Literatur und Geschichte. Seelze-Velber: Kallmeyer, 1999
Erweiterte Intelligenz
Warum sehen
Schulen heute so oft wie Fabriken aus, grau und eintönig, phantasielos,
nüchtern zweckmäßig? Weil sie vom Geist der Logik des
naturwissenschaftlich-mathematischen Denkens geprägt sind, dem unser
technisches Zeitalter seine allgemein anerkannten Maßstäbe und Werte verdankt.
Inzwischen wissen wir, dass dieses Denken den zunächst mit ihm verbundenen
Fortschrittsglauben nicht vollständig hat einlösen können. Wir genießen die
Vorteile moderner Technik. Zugleich wird sichtbar, dass der technische
Fortschritt infolge seiner Einseitigkeit neue Probleme schafft: Kriegsgefahren,
die weltweite Armut, Gesundheitsprobleme, Notlagen im Bereich des sozialen
Zusammenlebens. Könnte es sein, dass wir die Welt unter dem harten Denkzwang
der positivistischen Naturwissenschaften zu einseitig und zu eng
interpretieren? Und dass unser Schul- und Bildungswesen dementsprechend, ohne
kritische Reflexion, Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen tradiert, die wir
längst hätten überprüfen und womöglich erweitern müssen? Dann wäre es Zeit,
dass ganz besonders die Lehrerschaft und alle anderen, die für Kinder
verantwortlich sind, über eine Änderung dieses verklemmten Zustands
nachdächten.
Dass es sich
in der Tat so verhält, macht besonders der gegenwärtige rasche Fortschritt in
den Kognitionswissenschaften
deutlich. Als symptomatisch sei hier die wegweisende Entdeckung des
Harvard-Psychologen Howard Gardner hervorgehoben,
die seit nunmehr fünfzehn Jahren als ≥Rahmentheorie der multiplen
Intelligenzen„ diskutiert und inzwischen weltweit an einer Reihe von
Versuchsschulen erprobt wird. Gardner vertritt die Ansicht, dass die
menschliche Intelligenz sehr viel mehr umfasst als die im IQ-Test messbaren
sprachlichen und mathematisch-logischen Fähigkeiten, die im heutigen
Ausbildungswesen absoluten Vorrang genießen. In seinem bahnbrechenden Werk
≥Frames of Mind„ von 1983 (deutsch 2. Aufl. 1998) beschreibt Gardner fünf
weitere Intelligenzen, auf die in unseren Schulen nur ganz beiläufig oder gar
nicht geachtet wird: eine räumliche, eine musikalische, eine
körperlich-kinästhetische oder Bewegungs-Intelligenz und zwei ≥personale„
Intelligenzen: die der Einfühlung und die der Selbstkontrolle (≥interpersonale„
und ≥intrapersonale„ Intelligenz). In seiner neuesten Veröffentlichung fügt er
noch eine Intelligenz der Naturwahrnehmung hinzu (Gardner 1999, S. 47 ff.). Er hat damit den Fortschritt der
Kognitionswissenschaften und der pädagogischen Anthropologie um einen in
höchstem Grade aktuellen Beitrag erweitert, der denn auch in den USA und bald
auch in anderen Ländern lebhafte Debatten ausgelöst hat. Insbesondere hat
Gardner mit seinem neuen Denkansatz die Begrenztheit der weithin anerkannten Entwicklungstheorie
des Schweizer Psychologen Jean Piaget
erfolgreich kritisiert und aufgelöst, für den die einzelnen Stadien der
kindlichen Bewusstseinsentwicklung nur als primitive, unvollkommene Vorstufen
des naturwissenschaftlich orientierten Erwachsenenbewusstsein zu verstehen
waren.
Mit Gardner
können wir heute sehen, dass voll bewusstes Erkennen und Handeln sich auch
außerhalb von Sprache und mathematischer Logik vollzieht, dass die Auffassung
von Formen im Raum, von Musik und Bewegung, die Einfühlung in andere Menschen
oder in Naturerscheinungen und schließlich der Umgang mit der eigenen Person
hinter diesen ≥traditionellen„ Intelligenzen an Klarheit und Wert nicht
zurückstehen, ja dass sie für ein erfolgreiches und befriedigendes Leben
womöglich wichtiger sind und deshalb in der Schule mindestens gleichrangige
Aufmerksamkeit verdienen. Gardner konnte auch nachweisen, dass jede dieser
Intelligenzen, ähnlich wie Sprache und Logik, einen komplexen Symbolismus
eigener Art entwickelt, der hohe Ansprüche an Begabung und kontinuierlichen
Lernfortschritt stellt. Damit werden die schulpädagogischen und curricularen
Gewichte völlig neu verteilt. Neue Evaluationsverfahren werden nötig. Es ist
jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis sich auch das Examens- und
Berechtigungswesen an diese neuen Perspektiven anpasst. Wer hier beizeiten
zugreift, wird unter den Schulen des 21. Jahrhunderts an der Spitze des
Fortschritts sein.
Die Schöne Schule
beschränkt sich nicht auf die Förderung des
mathematisch-logischen
Denkpotentials. Sie nimmt das breite
Spektrum aller
Intelligenzen in Anspruch.
Literatur:
Howard Gardner: Frames of Mind (1985).
Deutsch: Abschied vom IQ. Die Rahmen-Theorie
der vielfachen
Intelligenzen. Stuttgart: Klett ˆ Cotta, 21998
Howard Gardner:
Multiple Intelligences: The Theory in Practice. New York: Basic Books, 1993
Howard Gardner: Intelligence Reframed. New
York: Basic Books, 1999
Klimapflege
Die
pädagogischen Reformer des 20. Jahrhunderts in Europa wie in den USA gingen
zunächst von der optimistischen Erwartung aus, dass schulische Bildung, sofern
sie nur mit der richtigen Methode, in geeigneten Institutionen und mit
hinreichend großzügiger materieller Ausstattung stattfinde, gesellschaftliche
Ungleichheiten, Milieuschäden und Begabungsschwächen ausgleichen und im Prinzip
allen Kindern die gleichen Lebenschancen eröffnen könne. Erst zu Beginn des
letzten Jahrhundertdrittels erhoben sich hiergegen von Seiten der inzwischen in
Gang gekommenen wissenschaftlichen Schulforschung grundsätzlich Bedenken
(nähere Angaben zu den folgenden Hinweisen bei Mortimore 1997, S. 172 ff. Siehe auch Fend 1998, S. 220 f.). Der berühmte Coleman-Report über ≥Chancengleichheit im Bildungswesen„ führte zu
dem unerwarteten Ergebnis, dass es keinen nachweisbaren Zusammenhang zwischen
der Höhe der für Schulen aufgewandten Fördermittel und den von den Schülern
dieser Schulen erbrachten Lernleistungen gebe. Offenbar hängt die Qualität
einer Schule nicht primär vom Geld ab. Weitere Studien fanden heraus, dass
Erfolg in der Schule hauptsächlich von außerschulischen Einflüssen abhängt, vom
Elternhaus, von Freundschaften, von Freizeit-Aktivitäten, vom
gesellschaftlichen Milieu überhaupt. ≥Schools cannot compensate for society„,
schreibt B. Bernstein im Jahre 1970 (Mortimore 1997, S. 172). Eine gänzlich
andere Perspektive ergab sich jedoch, als die angloamerikanische Schulforschung
auf die Idee kam, nicht nur allgemeine Statistiken mit Angaben über die Größe
der Schule, die vorhandenen Einrichtungen und die verfügbaren Mittel zugrunde
zu legen, sondern sich den konkreten Verhältnissen in einzelnen Schulen oder
Klassenzimmern zuzuwenden. Jetzt wurde klar: Schulen sind nicht imstande, alle
Nachteile aus Begabung und Herkunft auszugleichen; sie können aber durchaus das
Leben und den Lernerfolg ihrer Schüler positiv verändern. In den letzten
zwanzig Jahren wurden besonders in den USA, aber auch in England, in Norwegen,
in Israel eine Vielzahl von Untersuchungen durchgeführt, die zu hochgradig
übereinstimmenden Ergebnissen über die wirksamen Faktoren der ≥Effektivität„
von Schulen gekommen sind. Hierbei wurden auch Daten über das
Anwesenheitsverhalten der Schüler (Häufigkeit des ≥Schwänzens„), über soziales
Verhalten und Delinquenz (Jugendkriminalität) einbezogen. Man spricht
inzwischen in der Schulforschung von einem ≥school effectiveness movement„ in
den genannten Ländern.
Worin bestehen
nun die entscheidenden Faktoren der Wirkung (≥effectiveness„) von Schulen? Ein
Forscherteam an der University of London fand in 160 einschlägigen
Untersuchungen vor allem die folgenden:
≥ - Eine positive Schulleitung
mit angemessenen Leitbildern,
- eine positive Lernkultur,
- verbindliche hohe
Erwartungen,
- eine gemeinsame Vision und
eine Anzahl hieraus abgeleiteter Ziele,
- konsistente Methoden und
Einstellungen,
- klar definierte Rechte und
Verantwortlichkeiten der Schüler
sowie
- Kooperation zwischen Schule
und Familie„ (Mortimore 1997, S.
178).
Erfahrene
Pädagogen werden von dieser Liste nicht besonders überrascht sein. Dennoch sind
die Ergebnisse keineswegs selbstverständlich oder banal. Mortimore schreibt dazu:
≥Gute Leitbilder und hohe
Erwartungen sind sowohl für Schüler als auch
für Lehrer von besonderer
Bedeutung ˆ doch bedarf es einer ganz be-
sonders mutigen Lehrerschaft,
um die Schülerschaft dazu zu bringen, ihre
Erwartungen zu formulieren.
Wenn aber eine solche Vertrauensebene erst
einmal innerhalb der Schulgemeinschaft besteht, ist es
relativ leicht, eine
gemeinsame Vision und davon
abgeleitete Ziele zu entwickeln. Auch eine
funktionierende Teamarbeit
erscheint absolut notwendig. Hiermit verknüpft
ist ein Gefühl der
Gleichberechtigung, das sowohl in der Schüler- wie auch
in der Lehrerschaft die
Gegenseitigkeit von Vereinbarungen festigt„
(a. a. O., S. 178 f.).
Für das
≥effektive Klassenzimmer„ fand die Forschung verwandte Merkmale:
≥ - hohe Erwartungen von Lehrern
und Schülern,
- eine Konzentration auf Lernen und Lehren,
- eine laufende Beobachtung des individuellen Leistungsfortschritts,
- ein aktives Engagement und Aufmerksamkeit der Schüler,
- einen zielgerichteten Einsatz von Methoden„ (a. a. O., S. 179 f.).
Auch das
Gegenbild der Merkmale wenig effizienter, ≥scheiternder„ Schulen war
aufschlussreich. Zu deren Merkmalen gehören:
≥nicht-rationale Einschätzung der
Gründe des Scheiterns; Furcht vor
Menschen, die von außen kommen;
das Gefühl der Bedrohung durch
Wandel; die Neigung,
Rahmenbedingungen für das Scheitern verantwort-
lich zu machen; interne
Cliquen-Bildung„ (a. a. O., S. 180).
Eine etwas andere Wendung nahm
die Erforschung der besonderen Qualität ≥guter„ Schulen in Deutschland. Hier
hatte es im Zusammenhang mit der großen Bildungsreform der 60er Jahre einen
erbitterten Streit über das ≥richtige„ Schulsystem gegeben. Auf der einen Seite
standen die Vertreter des Modells der ≥Gesamtschule„, die Kinder aller
Begabungen und sozialen Schichten gleichmäßig fördern wollten, auf der anderen
Seite die konservativen Befürworter des traditionellen dreiklassigen
Schulwesen, die für Auslese und soziale Elitebildung eintraten und die
Vorrangstellung des alten Gymnasiums erhalten wissen wollten. Beide Parteien
sahen sich nun durch die empirische Schulforschung mit dem verblüffenden
Ergebnis konfrontiert, dass die Qualität einer Schule nicht vom System abhängt.
Es gibt gute und schlechte Gesamtschulen, ebenso, wie es gute und schlechte
Gymnasien gibt. Über die anglo-amerikanische Forschung hinaus wurde in
Deutschland, besonders durch den jetzt an der Universität Zürich lehrenden
Schulpädagogen Helmut Fend, als
wesentlicher Faktor einer guten Schule das Schulklima
ermittelt. Fend hat seine langjährigen Forschungen vor kurzem (1998) in einem
gewichtigen Band über ≥Qualität im Bildungswesen„ noch einmal zusammengefasst
(siehe auch die von ihm aufgestellten ≥15 Merkmale„ in Steffens/Bargel 1993, S. 80 f.). Er stellt fest, dass schwer
messbare Faktoren wie das ≥Ethos„ einer Schule, die gemeinsamen Ideale von
Lehrern, Schülern und Eltern, die Freude am gemeinsam Erreichten, am
gemeinsamen Fortschritt, das Miteinander-lernen-wollen wichtig sind, aber auch
der Ton, in dem man übereinander redet, die Aufmerksamkeit, die man der
Gestaltung des Schulhauses und seiner Umgebung zuwendet, also eher ästhetische und ethische Faktoren. Anschaulich beschreibt er die Schule, die ihm
besonders gefallen hat, und fasst zusammen:
≥Was mich hier beeindruck hat,
dürfte kaum zu verbergen sein: das reichhalti-
ge soziale Leben und der ästhetische
Eindruck der schulischen Umgebung.
Was ansonsten vielfach die Regel war,
dass Klassenräume kahle Zimmer sind,
in denen sich niemand gern aufhalten
kann, war hier eindrucksvoll vermieden.
In den meisten Schulen machten Klassenzimmer den Eindruck rein lernbe-
stimmter Zweckräume, für deren ästhetische Gestaltung niemand
verantwort-
lich schien. Der zweite
beeindruckende Punkt war die Reichhaltigkeit von Tä-
tigkeiten außerunterrichtlicher
Art: die angeschlagenen Mitbestimmungsrege-
lungen, die Hinweise auf empfehlenswerte Fernsehprogramme, die
Organisa-
tion von Theaterbesuchen, die von
Schülern weitgehend selber übernommen
wurde, die verantwortlichen
Tätigkeiten, was Pflege von Tieren und Pflanzen
angeht, die Selbstorganisation sogenannter
≥niedriger Tätigkeiten„, wie Abfall
zusammenräumen, der Einbezug der
Eltern in Veranstaltungen der Schule
usw. Dies alles war in zwei Tagen sichtbar, ohne dass irgend
jemand darüber
eigens berichtet oder es als außerordentlich empfunden
hätte. Beeindruckend
war dies besonders auf dem Hintergrund
der anderen Schulen, die wir be-
sucht hatten, wo nur allzu häufig
der Eindruck entstand, dass die Schule und
die Klasse Orte sind, für deren
Gestaltung sich niemand verantwortlich fühlt
und an denen nichts geschieht als
Unterrichten und Lernen. An der hier ge-
schilderten Schule hatte ich den
Eindruck, dass ein Rahmen geschaffen wur-
de, der den Aufbau von ästhetischem
Empfinden, von sozialen Tugenden und
von bewusster Gestaltung der Umwelt
fördert„ (Fend 1998, S. 27).
Ausdrücklich weist Fend auf ≥weibliche„
Qualitäten hin, die in den USA als wesentlich für eine erfolgreiche
Schulführung erkannt worden sind: ≥nurturance, respect, responsiveness, caring„
(a. a. O., S. 40). Seine eigenen diesbezüglichen Forschungen zusammenfassend,
schreibt er darüber.
≥Besonders vielfältig waren die
Ergebnisse zu den Folgen des Schul- und
Klassenklimas in der Sichtweise der
Schüler für ihre Haltungen zur Schule
und ihre psychosoziale Entwicklung
generell. Die Beziehungskultur in der
Gestalt des empfundenen Einbezugs in
den schulischen Lebens- und Lern-
prozess und des Vertrauens und der
Fürsorglichkeit wirkte sich nachweis-
lich positiv auf die Haltungen der
Schule aus. Die damit gleichzeitig indi-
zierte Gesprächskultur stand in deutlichem Zusammenhang mit der Schul-
freude bzw. der Schulverdrossenheit
der Schüler. Hier wurde für mich
erstmals überdeutlich sichtbar,
welche Bedeutung der Beziehungspflege
im ≥pädagogischen Geschäft„ zukommt.
Das Gefühl, in den schulischen
Lebens- und Lernprozess positiv
eingebunden zu sein, die Wahrnehmung
von Wohlwollen und Fürsorge
(Amerikaner nennen dies ≥caring„)
korre-
lierte mit Haltungen des Vertrauens
den Lehrern gegenüber und einer Zu-
wendung zur Schule„ (a. a. O., S.
82).
In den Ergebnissen Helmut Fends und anderer
Experten der deutschen ≥Schulgüte-Forschung wird besonders deutlich, dass
Schulqualität von einem gewissen Niveau ab eine fortwährend neu zu bewältigende
anspruchsvolle Gestaltungsaufgabe
wird, die nicht durch Verordnung von bürokratischen Instanzen ein für allemal
gelöst werden kann, sondern der immer wieder neuen einfühlsamen gemeinsamen
Bemühung aller Beteiligten bedarf, eine ästhetische
Aufgabe, wie das immer wieder neue Zubereiten einer schmackhaften Mahlzeit aus
den jeweils verfügbaren Produkten, wie das Arrangieren von Festlichkeiten für
immer wieder neue Menschen, oder gar wie das Malen eines Bildes, das
Einstudieren eines musikalischen oder dramatischen Kunstwerks.
Dazu kann auch eine so unspektakuläre
Tätigkeit wie das tägliche Putzen des Schulhauses gehören. Die Schüler der
Helene-Lange-Schule in Wiesbaden besorgen das selbst und können mit dem
eingesparten Geld ihren Theaterpädagogen bezahlen. In vielen Schönen Schulen,
staatlichen wie solchen in freier Trägerschaft, ist es inzwischen üblich, dass
die Klassenräume beim Schuljahreswechsel durch engagierte Eltern frisch
gestrichen werden. In vielen der Freien Alternativschulen oder Tolstoi-Schulen,
wie sie sich jetzt gern nennen, sind Eltern ehrenamtlich beim Kochen oder bei
der Nachmittagsbetreuung tätig, oder sie helfen Kindern bei den Hausaufgaben.
Auch das wirkt klimabildend auf den Unterricht zurück.
Die
Schöne Schule schafft eine für alles Lernen produktive Atmosphäre
durch
konsequente Pflege ihres Milieus.
Literatur:
Helmut
Fend: Schulklima.
Weinheim und Basel: Beltz, 1977
Helmut
Fend:
Qualität im Bildungswesen. Weinheim und München: Juventa, 1998
Klaus-Jürgen
Tillmann (Hrsg.): Was ist eine gute Schule? Hamburg: Bergmann u.
Helbig, 1989
Ulrich Steffens /
Tino Bargel: Erkundungen zur Qualität von Schule. Neuwied:
Luchterhand, 1993
Peter
Mortimore: Auf
der Suche nach neuen Ressourcen: Die Forschung zur Wirksamkeit
von Schule
(School effectiveness). In: Wolfgang
Böttcher u. a. (Hrsg.): Wege zu einer
neuen
Bildungsökonomie. Weinheim und München: Juventa, 1997, S. 171-192
Haus und Garten
Aus der
schulpädagogischen Forschung Nord-Amerikas ist seit längerem bekannt, dass die
in den dort üblichen Tests messbaren schulischen Leistungen mit der Qualität
von Schulbauten zusammenhängen (das Folgende nach Earthman 1999). Alle möglichen Faktoren hat man dabei untersucht:
die Anordnung der Baukörper, die Beleuchtungsverhältnisse, Geräusch- und
Temperatureinflüsse, unterschiedliche Typen von Mobiliar. Die Schulbauplanung
in den Vereinigten Staaten hat von den Ergebnissen beträchtlich profitiert.
Aber auch die sozialen Verhältnisse einer Schule und damit ihr ≥Klima„ (siehe
oben) werden durch solche Faktoren geprägt. Lehrerbefragungen ergeben, dass die
Zweckmäßigkeit, die Solidität und der gepflegte Zustand von Mobiliar und Gerät
für das allgemeine Wohlbefinden und damit für die Qualität des Unterrichts von
nicht zu unterschätzender Bedeutung sind. Das Selbstwertgefühl steigt, wenn der
Unterrichtsraum eine befriedigende Akustik hat, wenn die Heizung zuverlässig
funktioniert, wenn die Wandtafel in einem benutzbaren Zustand ist. Man fühlt
sich dann als pädagogische Fachkraft ernstgenommen. Wichtig ist auch, was man
in den USA die ≥kosmetischen„ Faktoren nennt: der Pflegezustand der Räume, eine
harmonische Abstimmung der Wandfarben, die liebevolle Ausstattung bis ins
Detail.
Eine weitere,
womöglich noch wichtigere und für weitere Untersuchungen besonders
vielversprechende Dimension der Frage nach den physischen Milieubedingungen des
Lernens erschließen die wahrnehmungspsychologischen Untersuchungen des
Göttinger Erziehungswissenschaftlers Christian
Rittelmeyer. Dieser hat durch physiologische Messungen und begleitende
Befragungen festgestellt, welche seelischen Stimmungen
durch gewisse Bauformen, Farben und Beleuchtungsverhältnisse hervorgerufen
werden. Häuser können als bedrohlich oder anheimelnd, abweisend oder einladend
erlebt werden, asymmetrische Bauelemente können verunsichernd, aber auch
herausfordernd oder anregend wirken, Farben und Beleuchtungseffekte können
beruhigen oder aufmuntern, können die Konzentration fördern oder lahm legen.
Auf jeden Fall sind derartige Faktoren des Wahrnehmens hochgradig
atmosphärebildend. Ihre sachgerechte ≥Komposition„ fördert oder behindert das
soziale Leben einer Schule, damit aber zugleich auch alles anspruchsvolle
Lernen.
Ähnliches gilt
für die Gestaltung des Pausenhofs, des Gartens, des umgebenden Geländes jeder
Schönen Schule. Blumenrabatten, Steinsetzungen, originell gepflasterte Wege,
Wasserspiele, womöglich ein Wintergarten oder ein Park sind in pädagogischer
Hinsicht kein Luxus. Sie erziehen zur Behutsamkeit und zur Rücksichtnahme
gegenüber der Natur wie im wechselseitigen Umgang der beteiligten Menschen.
All diese
Dinge bedürfen der fortgesetzten Aufmerksamkeit und Pflege. Menschliche
Bedürfnisse sind sehr verschieden. Wer auf dem Lande lebt, sucht ein anderes
Lernmilieu als jemand in der Großstadt. Bei Kindern besonders spielen häusliche
Verhältnisse in die Erwartungen und Bedürfnisse mit hinein. Auch verändern sich
Wahrnehmungen und Stimmungen mit der Zeit. Wie angenehm etwa ist es, wenn man
bestimmte Wände oder Räume hin und wieder neu streichen, neue
Beleuchtungskörper oder anderes Mobiliar anschaffen, das Gelände umgestalten
kann. Darüber wird man sich in der Schönen Schule kontinuierlich verständigen.
Besonders aufregend wird es, wenn neue Bauvorhaben anstehen. Die fruchtbare
Bewältigung solcher Sozialprozesse innerhalb der Schulgemeinschaft erzeugt das
tief befriedigende Gefühl gemeinsamen Fortschritts, schafft ganz von selbst
≥corporate identity„, das in der Industrie so hoch geschätzte Gefühl
produktiver Zusammengehörigkeit. Es ist deshalb in der Schönen Schule
selbstverständlich, dass Planungen jeder Art nicht von außen verordnet, sondern
in durchaus aufwendigen Verhandlungsprozessen von der Schule selbst besorgt
werden.
Zur Pflege des Milieus gehört für die Schöne
Schule auch, dass sie
als Gemeinschaft von Eltern,
Schülern und Lehrern ihre Häuser
und ihr Gelände
eigenverantwortlich plant, ausbaut und versorgt.
Sie berücksichtigt dabei die
Forschungsergebnisse der neueren
Physiologie
und Psychologie der Sinne.
Literatur:
Glen I. Earthman: The Quality of School
Buildings, Student Achievement, and Student
Behavior.
In: Bildung und Erziehung 1999, Heft 3, S. 353-372
Christian
Rittelmeyer: Schulbauten positiv gestalten. Wie Schüler Farben und Formen erleben. Wiesbaden
und Berlin: Bauverlag, 1994
Die Künste im Zentrum
Nach einer neueren Umfrage ist der bevorzugte Traumberuf junger Leute zwischen 16 und 24 in Deutschland nicht mehr Pilot oder Kapitän, Ärztin oder Krankenschwester, wie in früheren Zeiten, sondern ≥Künstler„ und ≥Künstlerin„. Man mag das als Ausdruck eines neuen Willens zur Selbstverwirklichung verstehen, vielleicht auch als narzisstische modische Entgleisung. Vielleicht steckt dahinter aber auch ein Gespür für die Lebensbedingungen einer veränderten Welt, in der Flexibilität, Einfallsreichtum, kreative Dynamik und andere in der Arbeit des ≥Künstlers„ beheimatete Fähigkeiten wichtiger werden als alles schulisch gesicherte Wissen und Können der alten Art.
Die Pflege
künstlerischer Fähigkeiten war früher eine Angelegenheit des Lebens außerhalb
der Schule, im Handwerk etwa, im Brauchtum, bei der Einübung in soziale
Verhaltensweisen auf allen Ebenen der menschlichen Gesellschaft, ≥bei
Hofe„ ebenso wie auf dem Dorf oder im
Handwerkermilieu. Man brauchte keine gesonderte Einrichtung dafür. Mit dem
Verfall aller alten Werte und Traditionen wird das anders. Jetzt sind die
Schulen gefragt, methodisch bewusst zu leisten, was in traditionsorientierten
Verhältnissen wie von selbst geschah. Sie sind von den veränderten
Lebensumständen aufgerufen, umsichtig wieder herzustellen, was in älteren
Zeiten als Einheit von Wissen und Leben noch ganz selbstverständlich gegeben
war. Die theoretischen Voraussetzungen hierfür sind heute schon in weitem
Umfang erarbeitet. Wegweisende Erfahrungen in den Schulen der europäischen und
der nordamerikanischen Reformpädagogik sind inzwischen breit dokumentiert.
Bedeutende Ergebnisse der modernen Entwicklungspsychologie, der Neurologie, der
Psychologie des Lernens haben neue Perspektiven erschlossen. Was fehlt, sind
Mut und Phantasie und ein breiterer Spielraum für individuelle Experimente.
Die Schöne
Schule der nächsten Zukunft wird ein Ort sein, wo alles Lernen in Prozesse
künstlerischer Produktion eingelagert ist, in ihnen seinen Anfang nimmt und
schließlich auch seinen gültigen Ausdruck findet. Ein Ort, wo Kunst um ihrer
selbst willen betrieben wird, nicht bloß zur Entspannung und als Ausgleich für
die Anstrengungen des ≥eigentlichen„ Lernens. Kunst wird dort als Zentrum der
Sinnfindung für alles Lernen betrachtet werden. Die ≥administrative Verstörung
der Schule„ (Horst Rumpf) hat den
natürlichen Zusammenhang des Wissens und Könnens in Fächer und Lektionen
zerteilt, hat ihn durch ihr bürokratisches Planungs- und Berechtigungswesen
fremdbestimmt und unwirklich werden lassen. Es kann nicht darum gehen, diesen
beklagenswerten Zustand durch die Einrichtung musischer ≥Kuschelecken„ zu
korrigieren. Im Medium der Künste lernen Kinder, wenn sie anspruchsvoll
herausgefordert werden, ohne Fremdbestimmung und sekundäre Motivation, weil der
Sinn ihres Tuns unmittelbar evident
wird. Hier üben sie Aufmerksamkeit, vorurteilsloses Eingehen auf unbekannte
Sachverhalte, Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz, hier lernen sie das
Ordnen und Verbinden ˆ ≥Entzweiung und Vereinigung„ in der Sprache Goethes ˆ, den energischen Zugriff, die
Gewissenhaftigkeit, aber auch die kreative Flexibilität, die heute in allen
Berufen gefordert sind. Übung in den Künsten schult auf diese Weise zugleich
die wesentlichen Elemente wissenschaftlicher Forschungskompetenz. Sie ist wissenschaftliche
Propädeutik, mehr als jede theoretische Einführung in die Methoden einer
Fachwissenschaft.
Es ist deshalb
nicht überraschend, zu lesen, dass an den US-amerikanischen Elite-Universitäten
viel musiziert wird. Musikalisches Können scheint eine Schlüsselkompetenz für
wissenschaftliche Fachstudien jeder Art zu sein. Wie breit angelegte Versuche
in Österreich und in der Schweiz erwiesen haben, fördert ein verstärkter
Musikunterricht die Sozialkompetenz der Schüler. Außenseiter werden wieder in den
Zusammenhang der Schulklasse eingebunden, die Neigung zu Aggressivität und
Gewalttätigkeit geht zurück. Der Musikdidaktiker Hans Günther Bastian hat in einer Langzeit-Studie an Berliner
Grundschulen nachgewiesen, dass mehr Musik sogar die Messwerte beim IQ-Test
signifikant steigen lässt.
Im jüdischen
und islamischen Kulturkreis hat das Auswendiglernen und Rezitieren bedeutender
religiöser und literarischer Texte einen hohen Stellenwert. In Rußland schätzt
man das öffentliche Vortragen lyrischer Dichtung. Wörtliche Anspielungen auf
die großen Klassiker werden dort noch mühelos verstanden. Die dadurch
verfügbare Sprachkompetenz darf als wesentliche Ursache des hohen
Bildungsstandards gelten, den man im Rußland antrifft. Auch in der
kulturtragenden dänischen ≥Volkshochschul„-Bewegung war das ≥lebende Wort„ (Grundtvig) ein zentrales Element.
Im Hinblick
auf die von Howard Gardner
ausgearbeitete Psychologie der
≥multiplen„ Intelligenz (siehe oben Seite 8f.) darf angenommen werden, dass
Vergleichbares auch von anderen Künsten zu erwarten ist: vom Malen und
Zeichnen, von den raumgestaltenden Künsten, von Akrobatik, Tanz und Schauspiel,
vielleicht sogar von der ≥Kunst„ des Umgangs mit der Natur. Die Schöne Schule
ist bestrebt, allen diesen Möglichkeiten nachzugehen.
In der Schönen Schule werden die bildenden
und die musischen Künste
nicht nur als erfreuliches Beiwerk,
sondern als zentrale Faktoren aller Lern-
prozesse aufgefasst.
Literatur:
Josef Scheidegger /
Hubert Eiholzer (Hrsg.): Persönlichkeitsentfaltung durch Musikerziehung. Aarau
(Schweiz): Musikedition Nepomuk, 1997
Hans Günther
Bastian: Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Mainz: Schott, 2000
Schöne Schulgemeinschaft
In Rußland ist
jeder 1. September, der erste Tag des neuen Schuljahres, traditionell ein
Festtag. Die Kinder kommen aus diesem Anlass mit ihren schönsten Kleidern in
die Schule und bringen Blumen mit. Während der dunklen Zeit der stalinistischen
Diktatur mag das eine letzte Erinnerung an die Festlichkeiten des Kirchenjahres
gewesen sein, die das Regime verpönt hatte. Heute hält sich der Brauch, weil er
Freude macht und einen feierlichen Schritt auf dem Weg des Lernens markiert.
Kinder, aber auch ihre Eltern und Lehrer, brauchen solche feierlichen Schritte.
Sie lassen fühlen, dass man gemeinsam weiterkommt, auch wo es schwer fällt.
In älteren
Kulturen war die gewohnte Reihe religiöser Festlichkeiten ein Band des sozialen
Zusammenhalts. Das Bedürfnis nach solchen Ereignissen ist so stark, dass unsere
säkularisierte Kultur sich kommerziell initiierte Ersatzformen dafür sucht: das
Stadtteil-Fest, eine ≥Kirmes„ zu jeder Jahreszeit, Schlager-Festivals oder
Woodstock-Imitationen wie die Berliner Love Parade.
Sollten unsere
Schulen, wenn man ihnen Zeit und Raum dafür freilässt, nicht in der Lage sein,
ihrerseits Feste zu feiern und damit Traditionen neu zu begründen? Wo religiöse
oder volkstümliche Überlieferung noch lebendig sind, wird man sie gern
aufgreifen. Die Schulen der Reformpädagogik haben zu Beginn des 20.
Jahrhunderts in vielfältigen Formen gezeigt, wie man das macht. Wo so etwas
gänzlich fehlt, mag der Jahreslauf Anlass zum Feiern geben, die Vergabe der
Zeugnisse, die Wahl und Amtseinführung der Verantwortungsträger einer Schule,
die wechselseitige Präsentation der Ergebnisse des gemeinsamen Lernens, wie sie
in den Waldorfschulen als ≥Monatsfeier„ gebräuchlich ist, die feierliche
Begrüßung der Schulanfänger und die Verabschiedung der Absolventen.
Tanzveranstaltungen, Theateraufführungen, Konzerte gehören ohnehin zum Programm
jeder Schönen Schule. An vielen Schulen in freier Trägerschaft, die Spenden
sammeln müssen, sind das Sommerfest oder der Weihnachtsbasar willkommener
Anlass, die Ehemaligen und den befreundeten Umkreis der Schule anzuziehen und
neu zu motivieren. Eine von Eltern, Schülern und Lehrern gemeinsam redigierte
Hauszeitschrift mag helfen, die Interessen aller Beteiligten zu artikulieren,
zurück- oder vorauszublicken, Pläne zu machen, sich miteinander auszutauschen.
Das gemeinsame Gefühl: ≥So macht man das bei uns!„ kann zwar mit der Zeit
erstarren und lästig werden. Für längere oder kürzere Zeit ist es jedoch ein
unentbehrliches Element des sozialen Zusammenhalts einer Schule. Und bei Bedarf
lässt es sich durch geänderte Formen leicht erneuern.
Die
Schöne Schule gibt dem gemeinsamen Leben von Eltern, Schülern und
Lehrern eine ästhetisch befriedigende
äußere Form. Sie pflegt dabei lokale
Traditionen.
Autonomie
Wie einleitend
schon bemerkt, sind Bemühungen um die Idee der Schönen Schule nicht an ein
bestimmtes schulorganisatorisches System gebunden. Sie können, wenn
hinreichende curriculare Spielräume und einigermaßen günstige klimatische
Bedingungen gegeben sind, an staatlich verwalteten Schulen ebenso gut einsetzen
wie an kirchlichen oder an Schulen in freier Trägerschaft. Dies darf aber nicht
darüber hinwegtäuschen, dass jede Art von bürokratisch-hierarchischer
Außensteuerung die Tendenz hat, Freiheit und Selbstentfaltung bis zur völligen
Lähmung einzugrenzen. Die Bürokratie entwickelt ihre spezifische Eigenart,
schreibt Max Weber, ≥um so
vollkommener, je mehr sie sich ≠entmenschlicht‚, je vollkommener, heißt das
hier, ihr die spezifische Eigenschaft, welche ihr als Tugend nachgerühmt wird,
die Ausschaltung von Liebe, Hass und allen rein persönlichen, überhaupt allen
irrationalen, dem Kalkül sich entziehenden, Empfindungselementen aus der
Erledigung der Amtsgeschäfte gelingt„ (zitiert nach Rumpf 1981, S. 143). Die Schöne Schule stellt nun aber gerade diese
≥rein persönlichen Empfindungselemente„ in den Mittelpunkt ihrer pädagogischen
Aufmerksamkeit. Sie kann deshalb mit bürokratisch-hierarchischen Organisationsstrukturen
zeitweilig Kompromisse eingehen; auf
die Dauer zusammenfinden kann sie
sich mit ihnen nicht.
Glücklicherweise
wird nun inzwischen immer deutlicher, dass bürokratisch-hierarchische
Lenkungsstrukturen im Schul- und Bildungswesen sich überlebt haben. Wir können damit
rechnen, dass sie in absehbarer Zeit ganz von selbst verschwinden werden,
entweder durch stille Adaption an die veränderten sozialen Verhältnisse, oder
durch irreparable Funktionsunfähigkeit. Wir brauchen keine zentral organisierte
generelle Strukturreform im Schul- und Bildungswesen, wie so viele Fachleute
immer noch meinen. Warum nicht? Die soziologische Begründung für diese Einsicht
ist nicht zufällig im Zusammenhang mit der Endphase der bolschewistischen
Diktaturen in Osteuropa entdeckt worden.
Kurz vor
seiner Inhaftierung im Jahre 1978 wegen seiner Aktivitäten für die ≥Charta 77„
erkannte der tschechische Dissident Václav
Havel, warum es sinnlos war, das System des real existierenden Sozialismus,
in welchem er zu leben hatte, auf dem Wege einer Revolution gewaltsam ändern zu
wollen. In seinem Buch über die ≥Macht der Machtlosen„ (1978) beschreibt er,
warum dieses System in absehbarer Zeit wie ein abgelaufenes Uhrwerk ganz von
selbst stehen bleiben und einfach nicht mehr weiter funktionieren werde. Man
habe es hier nicht mit einer gewöhnlichen Diktatur zu tun. Von einer solchen
unterscheide sich das sozialistische System durch drei besondere Merkmale: eine
ehrwürdige und moralisch hochstehende Tradition,
eine hieraus hervorgegangene anspruchsvolle Ideologie
und ein von dieser Ideologie getragenes gesellschaftliches Ritualsystem, das nur im Ausnahmefall auf direkter Gewaltanwendung,
im Wesentlichen aber auf der Wirkung von Spielregeln
beruht, deren Einhaltung als unvermeidbar empfunden wird. Dies Ritualsystem ˆ
so Havel ˆ entwickelt mit der Zeit eine von niemandem mehr beherrschte Eigenbewegung, die sich von der
Wirklichkeit des Lebens immer weiter entfernt. Währenddessen geht diese Wirklichkeit
eigene Wege. Es entsteht, ohne zentrale Koordination, ein bewegliches Netzwerk
eigenverantwortlicher Initiativen. ≥Ich glaube„, schreibt Havel, ≥an
Strukturen, die sich nicht an der ≠technischen‚ Seite der Machtausübung
orientieren, sondern an dem Sinn ihrer
Ausübung... Es können und müssen offene,
dynamische und kleine Strukturen sein... Diese Strukturen sollten
selbstverständlich von unten
entstehen, als Ergebnisse der authentischen gesellschaftlichen
≠Selbstorganisation‚... Auf die bunte und wechselhafte Zusammenarbeit solcher
dynamisch entstehenden und sich auflösenden, vor allem aber aus ihrem aktuellen
Sinn zehrenden und durch menschliche Bindungen zusammengehaltenen Organismen
sollte sich das politische Leben wie auch das Wirtschaftsleben gründen„ (Havel 1990, S. 87 f.).
Es kann hier
offen bleiben, ob Havel mit seiner Zukunftsvision einer am Prinzip der
Eigenverantwortung orientierten ≥postdemokratischen„ Gesellschaftsordnung
ebenso die Realität getroffen hat wie mit seiner genialen Vorhersage der
≥Wende„ von 1989, die ihn wider jedes Erwarten zum Staatspräsidenten seines
Landes erhoben hat. Die von Soziologen wie Anthony
Giddens und Ulrich Beck
beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre stützen seine
Vorhersagen in breitem Umfang (vgl. etwa Beck
1997). Uns muss hier vor allem interessieren, wie Havel das Scheitern des real
existierenden Sozialismus als systemimmanente Notwendigkeit erklärt. Denn die
von ihm beschriebenen drei Merkmale der sozialistischen Gesellschaftsordnung
sind auch in andren ideologisch fundierten Systemen anzutreffen, in Religions-
und Weltanschauungsgemeinschaften zum Beispiel, und besonders deutlich im
sozialen Subsystem unseres staatlich verwalteten Schul- und Bildungswesens.
Auch hier finden sich bedeutende Traditionen (religiöse, humanistische,
liberale, sozialistische) und die entsprechenden gewichtigen Ideologien, vor
allem aber, bei aller Unterschiedlichkeit der Standpunkte in anderen Fragen,
das durch den gemeinsamen Glauben an die Unentbehrlichkeit staatlicher
Verwaltung legitimierte Ritualsystem:
in Gestalt des Zeugnis-, Prüfungs- und Berechtigungswesens, der Laufbahnordnung
im öffentlichen Dienst und zahlloser Verwaltungsvorschriften, deren
sinnentleerte Eigendynamik von den daran beteiligten Mitspielern als
unvermeidbarer ≥Sachzwang„ gedeutet wird. Die Grundstrukturen dieses
Ritualsystems stammen noch aus dem 19. Jahrhundert, aus der Kaiserzeit. Sie
haben die Weimarer Republik und die faschistische Diktatur im Wesentlichen
unverändert überstanden und sind dann im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts
weiter verfeinert und befestigt, nicht aber ˆ im Gegensatz zu den
wirtschaftlichen und rechtlichen Strukturen, in denen sich nach dem
Zusammenbruch von 1945 freiheitliche Elemente durchsetzen konnten ˆ grundlegend
revidiert worden.
Wie wird die
Entwicklung weitergehen? Wird das Ritualsystem des staatlich verwalteten
Bildungswesens, durch die gegenwärtigen Sparzwänge (Böttcher u. a. 1997) und die Interessen der globalisierten
Wirtschaft unter zusätzlichen Druck gesetzt, über Erwarten schnell an sein unvermeidliches
Ende kommen? Oder wird es sich in kleinen Schritten an die veränderten
gesellschaftlichen Verhältnisse anpassen (auch Havel spricht von der
Möglichkeit der ≥Adaption„ des Systems an das ≥Leben von unten„), auf seine
heute noch für unentbehrlich gehaltene Gestaltungskompetenz
im Schulwesen verzichten und sich auf die im Grundgesetz der Bundesrepublik
Deutschland verankerte legitime Funktion der Rechtsaufsicht beschränken? So, dass das ≥Leben von unten„ sich
auch in den der Form nach staatlichen Schulen so frei entfalten kann wie heute
an wenigen Versuchsschulen und Schulen in freier Trägerschaft? In Deutschland
ließ die wohl nicht zufällig nach der ≥Wende„ von 1989 aufgebrochene lebhafte Diskussion
über Möglichkeiten von mehr Autonomie im Schul- und Bildungswesen für kurze
Zeit an so etwas denken (Vogel 1991).
Inzwischen scheint man sich hier darauf geeinigt zu haben, dass es nur um
≥Teil-Autonomie„ gehen kann, d. h. dass die Gestaltungs- und Weisungsrechte der
staatlichen Zentralverwaltung im Wesentlichen unangetastet bleiben (Daschner u. a. 1995, Döbert / Geißler 1997). So wird sich
möglicherweise die ≥Eigenbewegung„ des Ritualsystems fortsetzen und die ganze
Autonomie-Debatte ähnlich wirkungslos bleiben wie seinerzeit die in eine
ähnliche Richtung zielenden Reformvorschläge des Deutschen Bildungsrats (1973) und des Deutschen Juristentages (1981).
Das ≥Leben von
unten„ jedenfalls wird sich, unabhängig hiervon, im Sinne Václav Havels weiterentwickeln. Auch im pädagogischen Raum ist
heute die Idee einer ≥Bürgergesellschaft„ breit im Gespräch. Sie beginnt
bereits, grundsätzliche Überlegungen im Bereich des Schulrechts auszulösen (Jach 1999). Die Zahl der Schulen in
freier Trägerschaft wird zunehmen (Borchert/Maas
1998. Klaßen / Skiera 1993).
Möglicherweise wird die in den USA entdeckte Rechtsform der ≥Charter School„
auf Europa übergreifen. Im Zuge der europäischen Integration könnte sich das
relativ fortschrittliche Schulrecht Dänemarks und der Niederlande wohltätig
ausbreiten. Nicht-Regierungs-Organisationen wie das Europäische Forum für Freiheit im Bildungswesen oder OIDEL (Fernandez / Jenkner 1995) oder die Aktion mündige Schule (Kullak-Ublick
2000) könnten an Einfluss gewinnen. Vielleicht wird die von Horst Hensel (1995) ins Gespräch
gebrachte Idee der ≥Autonomen Öffentlichen Schule im Kammersystem„ neu
aufgegriffen werden.
Die Schöne Schule jedenfalls wird über kurz
oder lang eine autonome Schule sein. Das gehört zu ihren elementaren Lebensbedingungen.
Sie wird sich dabei gern durch die Rechtsaufsicht
des Staates schützen lassen. Ihre
Schüler, Eltern und Lehrer brauchen für ihre Zusammenarbeit rechtlich
gesicherte Vereinbarungen und gesetzliche Rahmenbedingungen, deren Einhaltung
staatlich überwacht werden muss. Eine Fach-
und eine Dienst-Aufsicht braucht die
Schöne Schule nicht. Auch muss es ihr freistehen, nach bestem Vermögen für die
Sicherung ihrer wirtschaftlichen Grundlagen selbst zu sorgen: durch die
Einrichtung von Nebenbetrieben, durch soziale Dienstleistungen, durch die
Einwerbung von Spenden und Fördermitteln (Fundraising). Hierfür bestehen
inzwischen auch an Staatsschulen breite Spielräume (Böttcher 1999). Unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen und
rechtlichen Verhältnissen kann jedoch auch die autonome Schöne Schule nicht auf
eine wirtschaftliche Grundsicherung durch die öffentliche Hand verzichten. In
Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Finanzhilfe-Urteil von
1987 einen dahingehenden Rechtsanspruch ausdrücklich anerkannt (Müller
/ Jeand‚Heur 1996). Bei fortschreitender Autonomisierung des Schulwesens
werden entsprechende gesetzliche Regelungen nach dem Subsidiaritätsprinzip
anzustreben sein.
Für Eltern, Lehrer und Schüler gemeinsam ist
die Schöne Schule eine
permanente Gestaltungsaufgabe. Sie
wird deshalb über kurz oder lang
notwendig eine Schule in eigener
Verantwortung, eine autonome Schule
sein. Als solche kümmert sich die
Schöne Schule möglichst weitgehend
selbst um die Sicherung
ihrer wirtschaftlichen Grundlagen.
Die Schöne Schule befürwortet und
erwartet den Rückzug der staatli
chen Verwaltung aus allen
curricularen Gestaltungsaufgaben und aus
der Kontrolle des laufenden
Betriebs im Schul- und Bildungswesen.
Zugleich befürwortet sie die verfassungsgemäße Einhaltung
und Siche-
rung der Rechtsaufsicht durch
Organe des Staates.
Literatur:
Ulrich Beck (Hrsg.):
Kinder der Freiheit. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1997
Jens-Uwe Böttcher:
Sponsoring und Fundraising für die Schule. Ein Leitfaden zur alternativen
Mittelbeschaffung. Neuwied: Luchterhand, 1999 (mit weiteren Literaturhinweisen zum Thema)
Wolfgang Böttcher u.
a. (Hrsg.): Wege zu einer neuen Bildungsökonomie. Weinheim und
München:
Juventa,
1997
Manfred Borchert /
Michael Maas (Hrsg.): Freie Alternativschulen. Bad Heilbrunn:
Klinkhardt, 1998
Peter Daschner u. a.
(Hrsg.): Schulautonomie ˆ Chancen und Grenzen. Weinheim und
München:
Juventa,
1995
Deutscher
Bildungsrat (Hrsg.): Zur Reform von Organisation und Verwaltung im
Bildungswesen.
Teil I: Verstärkte Selbständigkeit der Schule und Partizipation der
Lehrer, Schüler
und Eltern. Bonn 1973
Deutscher Juristentag (Hrsg.):
Schule im Rechtsstaat, Bd. I. Entwurf für ein Landesschulgesetz.
München: C. H. Beck1981
Hans Döbert / Gert
Geißler (Hrsg.): Schulautonomie in Europa. Baden-Baden: Nomos
Verlagsgesellschaft,
1997
Alfred Fernandez /
Siegfried Jenkner (Hrsg.): Internationale Erklärungen und Übereinkommen zum
Recht auf Bildung und zur Freiheit der Erziehung. Frankfurt a. M.:
Info3 Verlag,
1995
Václav Havel: Moc
Bezmocn‡ch (1978). Deutsch: Versuch, in der Wahrheit zu
leben. Reinbek
bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1990
Horst
Hensel: Die
Autonome Öffentliche Schule. Lichtenau: AOL-Verlag, München:
Lexika-Verlag,
1995
Frank-Rüdiger
Jach:
Schulverfassung und Bürgergesellschaft in Europa. Berlin:
Duncker &
Humblot, 1999
Theodor F. Klaßen /
Ehrenhard Skiera (Hrsg.): Handbuch der reformpädagogischen
und alternativen
Schulen in Europa. Hohengehren: Schneider, 21993
Henning
Kullak-Ublick (Hrsg.): Erziehung zur Freiheit ˆ in Freiheit. Flensburg:
Flensburger Hefte
Verlag, 2000.
Friedrich Müller /
Bernd Jeand‚Heur (Hrsg.): Zukunftsperspektiven der Freien
Schule. Berlin:
Duncker und Humblot, 21996
Horst Rumpf: Die
übergangene Sinnlichkeit. München: Juventa, 1981
Johann Peter Vogel: Die
Privatschulbestimmungen des Grundgesetzes ˆ ein Verfassungsmodell
für das gesamte Schulwesen. In: Hans Christoph Berg / Ulrich Steffens
(Hrsg.):
Schulqualität und Schulvielfalt. Das Saarbrücker Schulgüte-Symposion ‚88.
Wiesbaden:
Hessisches Institut für Bildungsplanung und Schulentwicklung (HIBS),
1991, S. 73-79
Evaluation in eigener Verantwortung
Ohne es von
sich aus zu wollen, sind unsere Schulen durch veränderte gesellschaftliche
Rahmenbedingungen Institutionen für die Zuteilung von Sozialchancen geworden.
Bei dieser Zuteilung muss es ≥gerecht„ zugehen, und so wird alles Erfahren und
Lernen in der Schule heute nahezu erdrückt von Kontrollbestimmungen, Tests und
Prüfungen, vom Ritualsystem des Berechtigungswesens und dem damit verbundenen
sozialen Elend. Die Scheinsicherheiten des mit verrechenbaren Messdaten, nach
dem über alle Zweifel erhabenen Vorbild der exakten Naturwissenschaften,
operierenden Ritualsystem sind derart eindrucksvoll, dass sie ˆ entgegen allen
Zweifeln und Vorbehalten in der Lehrerschaft ˆ von den betroffenen Schülern und
Eltern klaglos hingenommen, ja oft sogar ausdrücklich gefordert werden. Die
Gründe für dieses irrationale Verhalten sind seit langem bekannt. Dennoch sehen
auch kundige Fachleute und verantwortliche Bildungspolitiker keinen Spielraum
für Veränderungen. Mächtige gesellschaftliche Interessen sichern heute mehr
denn je die Unantastbarkeit des etablierten Berechtigungswesens.
Die Schöne
Schule wird sich einstweilen mit diesem sozialen Missstand arrangieren müssen.
Angst braucht sie davor nicht zu haben. Insbesondere dort nicht, wo sie ihre
Schüler zu Übergangs- und Abschlussprüfungen zu führen hat. Die Vielseitigkeit
ihrer Forderungen an die Schüler und ihr Vertrauen in deren persönliche
Selbständigkeit hebt ihre Lehr- und Lernprozesse ganz von selbst auf ein für
konkurrenzfähige Abschlüsse hinreichendes Niveau.
Wohl aber
sollten sich Lehrer, Eltern und Schüler der Schönen Schule darüber Gedanken
machen, welche Formen der Evaluation ihrer Arbeit für sie selbst wichtig und angemessen sein könnten. Hierbei gilt zunächst
die klassische Bemerkung des bekannten Bildungstheoretikers Hellmut Becker: ≥Je weiter die
Zensurengebung von dem Arbeitszusammenhang wegrückt, je mehr sie scheinbar
objektiv ist, um so mehr ist sie in Wahrheit unrichtig und hilft in der Sache
nicht weiter. Die Aufrechterhaltung des Arbeitszusammenhanges ist das
Entscheidende„ (Becker / von Hentig 1983,
S. 23). Der unaufdringliche mündliche Kommentar, der alles künstlerische Üben
begleitet, die Korrekturen des Meisters in der Werkstatt, der gemeinsame
Rückblick auf den eben abgeschlossenen Arbeitsprozess, die Präsentation
ausgereifter Leistungsergebnisse, etwa in Form eines sorgfältig vorbereiteten
Referats in der Schulklasse, einer Ausstellung oder Vorführung für die Eltern,
für Freunde und Gäste der Schule, für das Dorf oder die Stadt evaluiert die
darin zutage tretende Leistung, ohne den Arbeitszusammenhang zu verlassen.
Punktuelle Tests, schriftliche Klassen- oder Hausarbeiten sind damit nicht
überflüssig, aber sie rücken an den Rand des Geschehens und verlieren ihre
Schüsselrolle für die Abschlussbewertung. Natürlich wird die Schöne Schule auch
moderne Verfahren wie das Lern-Tagebuch, die Portfolio-Evaluation und die in
der Industrie schon weit verbreiteten Methoden des Self Assessment einsetzen.
Für die Information der Eltern wird sie das regelmäßige Gespräch und
verbalisierte Lernberichte vorziehen. Ob sie dabei auf Notenzeugnisse ganz
verzichten will, ist eine eher nebensächliche Frage. Dem gegenwärtigen
Zahlenfetischismus im Prüfungs- und Zeugniswesen wird sie in geduldiger Aufklärungsarbeit
entgegenzuwirken versuchen.
Die Schöne Schule braucht die
Überprüfung ihrer Arbeit von außen
durch standardisierte
Leistungsmessung nicht zu scheuen. Sie wird für
eine
unvermeidliche Übergangszeit die notwendigen Kompromisse ein-
gehen. Von sich aus sorgt sie für die
Dokumentation der Arbeitsergeb-
nisse und des Lernfortschritts ihrer
Schüler und Lehrer durch moderne
Verfahren der Präsentation und der
Selbstevaluation.
Literatur:
Hellmut Becker /
Hartmut von Hentig (Hrsg.): Zensuren. Lüge ˆ Notwendigkeit ˆ Alternativen.
Frankfurt/M. u. a.: Ullstein, 1983
Karlheinz Ingenkamp:
Lehrbuch der pädagogischen Diagnostik. Weinheim und Basel:
Beltz, 1988
Barbara Grünig u.
a.: Leistung und Kontrolle. Die Entwicklung von Zensurengebung und
Leistungsmessung
in der Schule. Weinheim und München: Juventa, 1999
Rupert Vierlinger:
Leistung spricht für sich selbst. Heinsberg 1999
Felix Winter:
Schüler lernen Selbstbewertung. Frankfurt/M. 1991
Ihr
Leistungsprofil in zehn Thesen
Vielfalt des Weltverstehens
Die Schöne
Schule vermeidet die reduktionistische Einengung von Weltbildern. Sie arbeitet
mit allen denkbaren Formen des Weltverstehens.
Keine Wahrheit ohne Schönheit
Die Schöne
Schule leitet ihre Schüler zu originärer Erfahrung an. Sie geht dabei von der
Einsicht aus, dass Wahrnehmungen ästhetische Qualitäten haben und dass diese
Qualitäten für ein vernunftgeleitetes Weltverstehen unentbehrlich sind.
Erweiterte Intelligenz
Die Schöne
Schule beschränkt sich nicht auf die Förderung des mathematisch-logischen
Denkpotentials. Sie nimmt das breite Spektrum aller Intelligenzen in Anspruch.
Klimapflege
Die Schöne
Schule schafft eine für alles Lernen produktive Atmosphäre durch konsequente
Pflege ihres Milieus.
Haus und Garten
Zur Pflege des
Milieus gehört für die Schöne Schule auch, dass sie als Gemeinschaft von
Eltern, Schülern und Lehrern ihre Häuser und ihr Gelände eigenverantwortlich
plant, ausbaut und versorgt. Sie berücksichtigt dabei die Forschungsergebnisse
der neueren Physiologie und Psychologie der Sinne.
Die Künste im Zentrum
In der Schönen
Schule werden die bildenden und die musischen Künste nicht nur als erfreuliches
Beiwerk, sondern als zentrale Faktoren aller Lernprozesse aufgefasst.
Schöne Schulgemeinschaft
Die Schöne
Schule gibt dem gemeinsamen Leben von Eltern, Schülern und Lehrern eine
ästhetisch befriedigende äußere Form. Sie pflegt dabei lokale Traditionen.
Autonomie
Für Eltern,
Lehrer und Schüler gemeinsam ist die Schöne Schule eine permanente
Gestaltungsaufgabe. Sie wird deshalb über kurz oder lang notwendig eine Schule
in eigener Verantwortung, eine autonome Schule sein. Als solche kümmert sich
die Schöne Schule möglichst weitgehend selbst um die Sicherung ihrer
wirtschaftlichen Grundlagen.
Die Schöne
Schule befürwortet und erwartet den Rückzug der staatlichen Verwaltung aus
allen curricularen Gestaltungsaufgaben und aus der Kontrolle des laufenden
Betriebs im Schul- und Bildungswesen. Zugleich befürwortet sie die
verfassungsgemäße Erhaltung und Sicherung der Rechtsaufsicht durch Organe des Staates.
Evaluation in eigener Verantwortung
Die Schöne
Schule braucht die Überprüfung ihrer Arbeit von außen durch standardisierte Leistungsmessung
nicht zu scheuen. Sie wird für eine unvermeidliche Übergangszeit die
notwendigen Kompromisse eingehen. Von sich aus sorgt sie für die Dokumentation
der Arbeitsergebnisse und des Lernfortschritts ihrer Schüler und Lehrer durch
moderne Verfahren der Präsentation und der Selbstevaluation.
Kooperation
Die Schöne Schule bemüht sich um eine produktive Zusammenarbeit mit verwandten Initiativen. Hierbei können regionale und überregionale Netzwerke wechselseitiger Förderung entstehen.