![]() |
|||||||||
|
|
|
- - Auszug - - DER ANTHROPOSOPHISCHE SOZIALIMPULSStellen aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners Zusammengestellt und kommentiert durch Sylvain Coiplet Soziologisches GrundgesetzSieht man das soziologische Grundgesetz im Lichte späterer Aussagen Rudolf Steiners, so bezieht es sich auf die zunehmende Individualisierung im Geistesleben. Die Formulierung lässt es aber damals offen. Es fehlt zu der Zeit noch eine systematische Darstellung der sozialen Dreigliederung. Es wird daher nur von der Individualisierung gesprochen und nicht erwähnt, dass sie sich nicht auf das Soziale im Allgemeinen, sondern auf das Geistige bezieht. Dies wäre auch missverstanden worden, weil viele - sogar noch heute - das Geistige enger fassen als Steiner. Steiner setzt sich daher damals lieber der Gefahr aus, den Bogen zu überspannen und spricht sich für einen geistigen, politischen und wirtschaftlichen Anarchismus. "Anarchismus" steht hier für die individuelle Freiheit und "Politik" sowie "Wirtschaft" für all dasjenige, was beide jeweils für sich beanspruchen aber eigentlich zum Geistesleben gehört.
Zum soziologischen GrundgesetzDas von mir errechnete Datum für die beiden vorigen Aufsätze stimmt vielleicht nicht. Es passt wenigstens nicht zum Datum des folgenden Briefes.
Soziales HauptgesetzDas Verhältnis zwischen dem sozialen Hauptgesetz und der sozialen Dreigliederung zu bestimmen, stellt viele Interpreten vor schwierige Probleme. Die Hauptfrage ist dabei, wie weit das soziale Hauptgesetz mit der wirtschaftlichen Selbstlosigkeit geht und ob es dabei sogar noch weiter geht als die soziale Dreigliederung. Ist bei der sozialen Dreigliederung die Trennung zwischen Arbeit und Einkommen so absolut wie im sozialen Hauptgesetz? Das Problem liegt in der mangelnden Schärfe des sozialen Hauptgesetzes, das sich zwar deutlich auf das Wirtschaftsleben bezieht, aber außerhalb des Wirtschaftlichen keine klare Differenzierungen vornimmt. Zu der Zeit spricht Steiner aber schon von einer sozialen Dreigliederung. Allerdings unter anderen Vorzeichen als später. Zu dieser älteren Fassung der sozialen Dreigliederung gehört - neben der Brüderlichkeit im Leibe, die im Mittelpunkt des sozialen Hauptgesetzes steht - die Gleichheit im Geiste und die Freiheit der Seele - die hier auch angedeutet werden. Beide rechnet Steiner zu den Bedingungen des sozialen Hauptgesetzes. Wer sich im Sinne des sozialen Hauptgesetzes einsetzen will, muß nämlich eine vom Einkommen unabhängige Arbeitsmotivation schaffen. Diese Arbeitsmotivation sucht Steiner später nicht mehr in der Gleichheit im Geiste und in der Freiheit der Seele, sondern im demokratischen Rechtsleben und im freien Geistesleben. Die Frage des Verhältnisses zwischen dem sozialen Hauptgesetz und der sozialen Dreigliederung ist daher - näher gesehen - eine Frage des Verhältnisses zwischen den beiden Varianten der sozialen Dreigliederung (siehe dazu auch Band 7: "Soziale Ideale: Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit")
Soziologisches Grundgesetz und soziales Hauptgesetz
Soziales UrphänomenDas "Urphänomen der Sozialwissenschaft", wie es Steiner selber nennt, spielt innerhalb der anthroposophischen Bewegung eine vielleicht noch größere Rolle als der Ansatz der sozialen Dreigliederung. Er läßt sich leichter so umdeuten, daß es sich bei einer sozialen Gesundung nicht um soziale Einrichtungen, sondern nur um den Menschen handeln kann. Nicht umsonst legen die Interpretationen ihren Schwerpunkt auf das soziale Urphänomen im Denken, und verwechseln diesen Spezialfall oft mit dem sozialen Urphänomen überhaupt. Dieses gilt aber nicht nur für das Denken, sondern genauso für das Fühlen und das Wollen. Der Sache kommt man schon näher, wenn man erstmal klärt, warum Steiner hier von einem Urphänomen spricht. Der Ausdruck "Urphänomen" stammt von Goethe - was Steiner selber ausdrücklich hervorhebt - und kommt aus seiner Farbenlehre. Anders als Newton führt Goethe die Farben nicht allein auf das Licht zurück, sondern auf ein Zusammenspiel von Licht und Finsternis. Dieses Zusammenspiel nennt er "Urphänomen" und versucht zu zeigen, wie sich kompliziertere Phänomene, wie der Regenbogen, durch dieses Urphänomen erklären lassen. Steiner macht dasselbe mit der Sozialwissenschaft. Die Gesellschaft läßt sich für ihn nicht erklären, wenn man nur vom sozialen Menschen ausgeht. Sie besteht vielmehr aus einem Zusammenspiel von Sozialität und Antisozialität. Er versucht daher zu zeigen, daß sowohl im Denken, als im Fühlen und Wollen, der Mensch auch eine starke antisoziale Seite hat. Nun stellt sich aber die Frage der sozialen Gesundheit. Um sich persönlich weiterzuentwickeln braucht der Mensch gegenwärtig eine gehörige Portion an Antisozialität. Dies muß von Einrichtungen aufgefangen werden, die durch ihre Sozialität einen Ausgleich schaffen. Darin sieht Steiner die Aufgabe der sozialen Dreigliederung, die daher zeitbedingt ist - oder positiv gesagt: aktuell. Die eigene Antisozialität durch Selbsterziehung selber auszugleichen ist natürlich auch möglich. Dieser Weg wird von den meisten Anthroposophen eingeschlagen, die lieber vom sozialen Urphänomen als von der sozialen Dreigliederung reden. Es fragt sich nur, ob es Sinn macht, diesen Weg der übrigen Menschheit zu raten. Wer diesen Weg wirklich geht, müßte eigentlich am besten wissen, was das für eine Anstrengung bedeutet und seinen Mitmenschen etwas anderes gönnen.
Soziales Kausalitätsgesetz |
![]()
|