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- - Auszug - - GRUNDFRAGEN DER SOZIALEN DREIGLIEDERUNGStellen aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners Zusammengestellt und kommentiert durch Sylvain Coiplet EinleitungIn dieser Sammlung "Grundfragen der sozialen Dreigliederung" geht es um übergreifende und grundsätzliche Themen, die zum Teil kontrovers diskutiert werden. Abgrenzung der drei GliederEine erste Frage ist, wie sich die verschiedenen Lebensbereiche voneinander abgrenzen lassen. Gibt es ein Prinzip, wonach sich Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben im Sinne von Steiner sicher unterscheiden lassen? Was gehört eigentlich zum Geistesleben, was zum Rechtsleben, und was zu Wirtschaftsleben? Zu dieser Frage kommt man schon allein deswegen, weil Steiner bei seinen konkreten Zuordnungen ziemlich unkonventionell vorgeht. Kapital und Arbeitszeit rechnet er zum Beispiel nicht wie erwartet zum Wirtschaftsleben, sondern zum Geistesleben bzw. Rechtsleben. Verwendet man trotzdem diese Bezeichnungen im Sinne der sozialen Dreigliederung, läuft man dadurch die Gefahr, mißverstanden zu werden. Aber vielleicht gibt es andere Bezeichnungen, die besser nachvollziehbar machen, was Steiner gemeint hat? Danach wird hier gesucht. Nur bringen diese Bezeichnungen oft neue, eigene Probleme und Mißverständnisse mit sich. Geist - Seele - LeibDie Gleichsetzung von Geist mit Geistesleben, Seele mit Rechtsleben und Leib mit Wirtschaftsleben ist naheliegend, und wird oft auch von Steiner so vorgenommen. Allerdings nicht immer. Es gibt bei Steiner auch Zusammenhänge, wo die Seele nicht unbedingt mit dem Rechtsleben, sondern mit der Religions- und Gedankenfreiheit in Verbindung gesetzt wird. Siehe dazu Stellen aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners, Bd.7, Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit. Kapital - Arbeit - WareSowohl in seinen "Kernpunkten" als in seinen pädagogischen Vorträgen deutet Steiner darauf, daß die Unterscheidung zwischen Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben zu den grundlegenden Fertigkeiten gehört, die jeder sich schon in der Schule aneignen sollte, wie das Rechnen, Lesen und Fremdsprechen. In diesem pädagogischen Zusammenhang spricht er auch vom Unterschied zwischen Kapital, Arbeit und Ware. Denkt man ein wenig darüber nach, so merkt man in der Tat, daß sich diese drei nicht unterscheiden lassen, ohne die Grundzüge der sozialen Dreigliederung darzustellen. Ohne soziale Dreigliederung sind Kapital und Arbeit nämlich eine Ware. Nicht umsonst spricht man von einem Kapital- und Arbeitsmarkt. Nur fragt sich, wie diese zweite Art der Unterscheidung - Kapital, Arbeit und Ware - zur ersten Art der Unterscheidung - Geist, Seele, Leib - steht. Ratschlag - Gesetz - VertragDie vielleicht griffigste und plastischste Unterscheidung zwischen den drei verschiedenen Lebensbereichen ist Steiner an einigen wenigen Stellen gelungen, wo er vom Unterschied zwischen dem Ratschlag, dem Gesetz und dem Vertrag spricht. Dies wird im zweiten Zitat besonders deutlich. Ausführlicher ist zwar das vierte hier angeführte Zitat aus dem"Nationalökonomischen Kurs". Dort führt Steiner den Vergleich aber nicht zu Ende aus, sondern konzentriert sich auf den Unterschied zwischen Gebot und Gesetz, wobei Gebot für das alte Geistesleben steht. Der freilassende Ratschlag ist eben eine Errungenschaft des neueren Geisteslebens. Beim neueren Wirtschaftsleben wird in diesem Zitat aus dem "Nationalökonomischen Kurs" nicht direkt von Vertrag gesprochen, sondern von der Arbeitsteilung, welche aber einen neuen Warenverteilungsvertrag zwischen Arbeitsleiter und Arbeitleister notwendig macht. Dies wurde nicht nur - wie hier erwähnt - durch das zurückgebliebene Geistesleben, sondern auch - wie in den "Kernpunkten der sozialen Frage" ausführlich beschrieben - durch das römisch gebliebene Eigentumsrecht verhindert.
Fähigkeit - Mündigkeit - BedürftigkeitBesonders beliebt unter Dreigliederern ist seit den siebziger Jahren die Unterscheidung zwischen Fähigkeit als Angelpunkt des Geisteslebens, Mündigkeit als Ausgangspunkt des Rechtslebens und der Bedürftigkeit als Begründung des Wirtschaftslebens. Steiner benutzt zum Teil selber diese Unterscheidung, um sich von der Diktatur des Proletariats abzusetzen, die zwar Fähigkeiten und Bedürnisse berücksichtigen will, dafür aber das Demokratische verneint oder verdreht. Eine wichtige Frage, die sich dabei stellt, ist wiederum das Verhältnis zu anderen Unterscheidungen wie Geist - Seele - Leib und Kapital - Arbeit - Ware. Kann man von geistigen, seelischen und leiblichen Bedürfnissen immer sagen, daß sie durch das Wirtschaftsleben befriedigt werden müssen? Oder werden seelische Bedürfnisse durch das Rechtsleben und geistige Bedürfnisse durch das Geistesleben gedeckt? Haben Bedürfnisse erst dann mit Wirtschaftsleben zu tun, wenn sie durch Waren befriedigt werden müssen?
Fähigkeiten und Geistesleben
Bedürfnisse und Wirtschaftsleben
Wirtschaftsleben als Befriedigung geistiger Bedürfnisse
Entstehung der Bedürfnisse aus dem Geistesleben
Befriedigung der Bedürfnisse aus dem Geistesleben
Geistesleben als Bedürfnis
Bedürfnisse im Sinne von InteressenDen Ausdruck « Bedürfnisse » benutzt Steiner nicht immer im Sinne von etwas, was möglichst befriedigt werden sollte. Er kann auch einfach im Sinne von Interessen gemeint sein, sei es wirtschaftliche, staatliche oder geistige Interessen. Mit solchen « Bedürfnissen » geht Steiner hart zu Gericht, sobald bei ihrer Befriedigung keine Rücksicht auf die Notwendigkeit einer sozialen Dreigliederung genommen wird.
Abgrenzung der DreigliederungDie soziale Dreigliederung muß immer wieder von anderen politischen Ansätzen abgegrenzt werden. Hier soll es um Ansätze gehen, die deswegen leicht mit der Dreigliederung zu verwechseln sind, weil sie auch von einer Dreifachheit ausgehen. Dreigliederung oder DreiteilungSteiner lehnt es ab, wenn seine soziale Dreigliederung mit einer sozialer Dreiteilung verwechselt wird. Glieder sind zwar eigenständig, wirken aber aufeinander, was bei Teilen nicht unbedingt der Fall ist.
Der Gerechtigkeit halber muß allerdings gesagt werden, daß nicht nur die Übersetzer daneben getroffen haben. Neben den drei bereits erwähnten Stellen, wo Steiner ausdrücklich auf den Unterschied zwischen Dreigliederung und Dreiteilung aufmerksam macht, hat er sich selber über zwanzig Ausrutscher erlaubt. Es wäre müssig alle diese Stellen hier zu zitieren. Wer doch wissen möchte, wo sich diese befinden, der kann auf das «Register zur sozialen Dreigliederung» zurückgreifen, wo sie unter dem Stichwort «Dreiteilung» aufgeführt werden. Wichtiger als diese vielen Versprecher ist eine Stelle, wo Steiner erklärt, daß seine «Kernpunkte der sozialen Frage» nicht bloß übersetzt, sondern für die einzelnen Länder umgeschrieben werden sollten. Der entscheidende Grund dazu liegt gerade in der Frage, was bei der Dreigliederung betont werden soll. Soll der Schwerpunkt auf die Entflechtung, also auf das Moment der Teilung, oder auf das zweite Moment der Verbindung, der eigentlichen Gliederung gelegt werden? Darauf gibt es keine allgemeine, sondern nur länderspezifische Antworten.
Hat man dieses Zitat einmal gelesen, dann läßt sich folgende Behauptung Michael Wolffs besser einschätzen: «Hatte nicht Steiner selbst (...) beklagt, daß er mißverstanden wurde, indem die Nebensache - die Entflechtung der Gesellschaftsbereiche der Kultur, des Rechtes und der Wirtschaft - zur Hauptsache und die Hauptsache - die Gliederung des Geisteslebens, des Rechtslebens und des Wirtschaftslebens als lebendige Funtionen - zur Nebensache gemacht wurde?» (Info3, 12/1998, S.47). Hier wird stillschweigend eine Aussage verallgemeinert, die Steiner ausdrücklich nicht auf das damalige Deutschland, sondern auf das damalige England bezogen hat. Wie es um das heutige Deutschland (und England) steht, müsste erst einmal unvoreingenommen untersucht werden, bevor man sich auf diese Aussage Steiners stützen kann. Warum es im damaligen Deutschland zu einer solchen Verzwickung zwischen den verschiedenen Lebensbereichen gekommen ist, wird von Steiner an einer anderen Stelle dargestellt.
Der hier gemeinte juristische Romanismus spricht sich auch im römischen Eigentumsbegriff aus. Und dieser Eigentumsbegriff ist es gerade, der die notwendig gewordene Zirkulation des Kapitals verhindert. Dadurch wird das Kapital heute nicht den Fähigen verschenkt, sondern dem Zufall vererbt. Ein weiterer Grund, neben der klassischen Bildung, warum das Geistesleben, das heißt hier die individuellen Fähigkeiten, sich nicht voll auf das Wirtschaftsleben auswirken kann. Es bleibt bei der Trennung der Glieder, ohne daß eine richtige Verbindung hergestellt werden kann. Dreigliederung oder StändeordnungHätte nicht Steiner selber die Ständeordnung eindeutig abgelehnt, so hätten sich wahrscheinlich viele Anthroposophen dafür begeistert. Der Grund ist einfach: Es wird häufig von drei Ständen gesprochen und wo Anthroposophen eine Dreiheit gefunden haben, halten sie es meistens für unnötig, weiter zu denken. Steiner hat aber ein Machtwort gegen die Ständeordnung gesprochen, also sind Anthroposophen gegen die Ständeordnung. So auch Christof Lindenau. Bei ihm tritt aber die verjagte Ständeordnung wieder durch die Hintertür herein. Fangen wir aber beim Anfang der Ständeordnung an. Historischer Ursprung der StändeordnungÜber die Entstehung der Ständeordnung macht Steiner verschiedene Angaben. Als historischer Ursprung der Ständeordnung gibt er oft Griechenland an.
An anderen Stellen geht aber Steiner weiter zurück und sucht den Ursprung der Ständeordnung in Indien. Hier spricht er allerdings nicht von drei, sondern von vier Ständen.
Der Anfang der Ständeordnung läßt sich aber auch auf den dritten nachatlantischen Zeitraum setzen.
Heutige Dekadenz der StändeordnungWann die Ständeordnung auch immer entstanden sein mag, sicher ist, daß sie der Vergangenheit gehört. Die Zurechnung der Ausbildung der ökonomischen Struktur zur heutigen Kulturepoche darf nicht darüber hinwegtäuschen. Zeitgemäß ist nicht die Übermacht des Ökonomischen, die über das Ziel hinausschießt, sondern die soziale Dreigliederung. Die Ständeordnung hat ihre Aufgabe schon erfüllt. Sie wirkt aber weiter. Was nicht rechtzeitig wieder abgeschafft wird, tritt aber in die Dekadenz.
Überwindung der Ständeordnung durch soziale DreigliederungWie soll nun die Ständeordnung Geschichte werden? Steiner sieht in der sozialen Dreigliederung die einzige Möglichkeit, die Ständeordnung zu überwinden. Von den Sozialisten muß er deswegen immer wieder Abstand nehmen. Mit ihrem Ziel, die Klassenunterschiede abzuschaffen, ist er zwar einverstanden, von ihren Mitteln hält er aber nichts.
Das Individuum bringt Einheit in die soziale DreigliederungSteiner setzt also zur Überwindung der Ständeordnung nicht auf den Sozialismus, sondern auf die soziale Dreigliederung. Nun sieht es aber zunächst so aus, als ob die soziale Dreigliederung genauso wie die Ständeordnung zur Zersplitterung der Menschheit führt. Es soll sich nämlich jeder Lebensbereich verselbständigen, ein eigenes Leben führen. Der Mensch ist aber nicht mehr an einem bestimmten Lebensbereich gebunden. Durch diese Beweglichkeit bekommt er die Möglichkeit, Vermittler zwischen den verschiedenen Lebensbereichen zu werden. Das Individuum ist es also, das die Ständeordnung überwindet und damit die Einheit in die soziale Dreigliederung bringt.
In der vorangehenden schriftlichen Fassung beschränkt sich Steiner auf das Wesentliche, so daß Christof Lindenau ihn später (in "Soziale Dreigliederung - Der Weg zu einer lernenden Gesellschaft", 1983, S.84) leicht uminterpretieren konnte. In der ursprünglichen Form (GA 328) sind seine Aussagen dagegen unmißverständlich: Die eindeutige Zuordnung einer Einrichtung zu einem bestimmten Lebensbereich, zum Beispiel die Zuordnung der Assoziation zum Wirtschaftsleben, braucht kein Rückfall in die alte Ständeordnung zu sein. Der Mensch lebt eben nicht nur in der Assoziation und daher nicht nur im Wirtschaftsleben. Wenn Christof Lindenau das Gegenteil behauptet, so setzt er gerade die Ständeordnung voraus, die er eigentlich überwinden möchte.
Andere Vortragsstellen sind genauso eindeutig und zum Teil noch genauer, konnten aber von Lindenau für sein Buch nicht berücksichtigt werden, weil sie erst später erschienen sind. Eine solche Stelle wurde schon oben erwähnt GA 329, S.108, 11985, 19.3.1919.
Eine dieser Stellen macht den Bezug zum Geistesleben deutlicher. Hier wird ausdrücklich gesagt, daß die Schulen der geistigen Organisation gehören, daß es aber von den Eltern nicht gesagt werden kann, da Eltern auch im Rechts- und Wirtschaftsleben stehen. Dasselbe läßt sich, entgegen der Behauptung von Lindenau, auch von den Lehrern sagen: Ihre Schule gehört zwar zum Geistesleben, sie selbst aber nicht.
Folgen für das Geistesleben: Einheitsschule statt StändeschulenDie Überwindung der Ständeordnung durch die soziale Dreigliederung hat auch Folgen für das Geistesleben. Es wird keine Ständeschulen mehr geben, sondern nur noch Einheitsschulen, daß heißt Schulen, die nicht auf eine Klasse, sondern auf den Menschen zielen. Die Waldorfschule ist in Deutschland nicht nur die erste freie Schule, sondern auch die erste Einheitsschule gewesen. Man kann natürlich unter Freiheit des Geisteslebens verstehen, daß es allerlei Schulen geben wird, also auch Ständeschulen. Es zeigt aber nur, daß man die Folgen der Freiheit unterschätzt. Ständeschulen wie die heutigen deutschen Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen werden durch diese Freiheit an Boden verlieren, ohne daß man sie durch Verbot oder wirtschaftliche Benachteiligung zu bekämpfen braucht. Das versuchen natürlich auch die Sozialisten mit ihren staatlichen Gesamtschulen. Das Ergebnis wird aber immer hinter ihren Erwartungen zurückbleiben, weil sie dem Geistesleben das von außen verordnen wollen, was es von sich aus viel besser erreichen könnte.
Dreigliederung oder heutige OrdnungViele Dreigliederer berufen sich leider nur zu gerne auf die Stellen, wo Steiner von der sozialen Dreigliederung meint, daß es sie schon gibt. Was braucht man sich noch für eine Dreigliederung einzusetzen, meinen sie, wenn man nur besser hinschauen muß! Würden sie wirklich so gut hinschauen, so würden sie schon sehen, daß es massiven Handlungsbedarf gibt. Man kann höchstens sagen, daß der natürliche Mensch dreigegliedert ist, und die Gesellschaft deswegen nach einer Dreigliederung verlangt. Da der Mensch aber gedanklich nicht mitkommt, und die Gesellschaft nicht naturgegeben, sondern von Menschen gemacht wird, so bleibt die Gesellschaft bisher noch hinter dem Menschen zurück. Hat er sich einmal selber verstanden, so wird er sie endlich auch dreigliedern.
Größenordnung der DreigliederungUnter den Dreigliederern, die sich wirklich für eine Dreigliederung einsetzen wollen, und sich nicht nur hinsetzen und zuschauen wollen, wie alles doch schon alles dreigegliedert ist, gibt es leider manche Praktiker, die es sich zu einfach machen wollen. Unter dem Vorwand, zunächst bei sich anzufangen, versuchen sie einzelne Einrichtungen dreizugliedern, obwohl die soziale Dreigliederung gerade darin besteht, die Einrichtungen auf jeweils einen einzigen Lebensbereich zu spezialisieren. Diese "innerbetriebliche" Dreigliederung wird oft Meso-Dreigliederung oder Neugliederung genannt. Solche dreigegliederten Einrichtungen sind aber nichts anderes als Miniausgaben der bisherigen Einheitsstaates. Small Dreigliederung ist not beautiful. Es bleibt aber die Frage, wie groß oder wie klein die Dreigliederung anfangen muß, eine Frage worauf Steiner wiederholt eingegangen ist. Um es kurz zu fassen: Die Frage der Größenordnung ist selber dreigegliedert und muß anders beantwortet werden, je nachdem es um das Geistesleben, das Rechtsleben oder das Wirtschaftsleben geht. Stehen einem keine Gesetze im Wege, so läßt sich - zum Beispiel in der Form der Christengemeinschaft - mit dem freien Geistesleben im Kleinen anfangen. Dies gilt auch - schon eingeschränkter - für die Waldorfschule. Bei der Frage des Abiturs müßte man aber schon ein Gesetz kippen, was nur auf Landes- bzw. Bundesebene möglich wäre. Bei der Wirtschaft, kann man sich dieselbe Frage stellen. Hier geht es darum zu bestimmen, wie weit das Vertrauen reicht. Dies wird nicht unbedingt die EU- oder Weltebene sein, sondern eher zwischen wenigen Unternehmen sein. Aber vielleicht gerade Unternehmen an zwei anderen Enden der Welt, wie bei den heutigen Ansätzen zu einem Fairhandel. Welt, Land, Einrichtung
Dreigliederung der GrößenordnungDie Frage der Größenordnung läßt sich nicht allgemein beantworten. Und das es immer wieder versucht wird, zeigt vielleicht, wie schwer man es hat, dreigliedrig zu denken. Wenn Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben eigene Zielgrößen haben (siehe Stellen aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners, 6. Band, Nationalismus und Volksseelen), warum sollten sie nicht auch andere Einstiegsgrößen haben? Geltungsdauer der Dreigliederung
Kernpunkte der DreigliederungEin weiterer Streitpunkt unter Dreigliederern ist die Frage nach den Prioritäten. Was ist das Wichtigste, bzw. das Dringendste an der sozialen Dreigliederung. Während die Frage nach dem Wichtigsten sich schon allgemein beantworten läßt, ist die Frage nach dem Dringendsten stärker zeitlich bedingt. Die Antwort vom Frühjahr 1919 war wenige Monate später schon wieder ungültig. Das heißt aber vielleicht auch, daß die Antwort von 1922 heute nicht mehr gültig ist. Hier muß man seine Zeit kennen. Und vielleicht ist das Erwachen der Zivilgesellschaft in den letzten Jahren die lang ersehnte Gelegenheit, die Dreigliederung in die Welt zu setzen. Prinzip oder IllustrationBei seinen Darstellungen der sozialen Dreigliederung hat Steiner von vornherein davor gewarnt, das Prinzip mit seiner Illustration zu verwechseln. Die Warnung hat aber nichts geholfen. Steiner mußte sich daher später beschweren, daß viele Menschen an den von ihm angeführten Beispielen geklammert haben. Diese nachträgliche Kritik Steiners haben sich spätere Anthroposophen zu Herzen genommen und versucht, weniger sklavisch mit den « besonderen Angaben » Steiners umzugehen. Sie sind aber so gründlich vorgegangen, daß sich oft die Frage stellt, ob sie sich darauf beschränkt haben « keinen Stein auf dem anderen » zu lassen, oder ob sie nicht ganz einfach den Boden, das Prinzip der sozialen Dreigliederung verlassen haben. Man kommt also nicht umhin, sich die entsprechenden Stellen genauer anzuschauen, um herauszukriegen, wo für Steiner die Illustration anfängt und das Prinzip aufhört. Die erste Stelle gehört in die Zeit vor der eigentlichen Dreigliederungsbewegung.
Eine weitere Warnung findet sich in den « Kernpunkten » selber, gegen Ende des dritten Kapitels, also gerade im Anschluß an der Stelle, wo er am stärksten auf Einzelfragen der sozialen Dreigliederung eingeht, wie die Zirkulation des Kapitals und das Altern des Geldes.
Diese Warnung wurde nicht besonders beachtet, vielleicht gerade weil sie erst hinter den « besonderen Angaben » kam, also eigentlich fast zu spät. Als Steiner 1920 für eine Neuauflage der « Kernpunkte » die Einleitung schrieb, wiederholte er dort die Warnung, so daß sie seitdem ganz am Anfang des Buches, mitten in den « allgemeinen Angaben » steht.
Wenn die Beispiele so leicht mit dem Prinzip verwechselt werden, dann kann man sich fragen, warum sich Steiner überhaupt auf Beispiele einläßt. Hätte er sich auf die Darstellung des Prinzips beschränkt, so hätte er vielleicht die vielen Mißverständnisse vermeiden können. Auf diese Frage gibt Steiner dankenswerterweise selber eine Antwort, nur ist sie alles anders als schmeichelhaft.
Diese Schwäche für Beispiele haben allerdings nicht nur übliche Menschen gezeigt. Sie scheint auch bei den eigenen Anthroposophen vorhanden gewesen zu sein.
Es bleibt aber die Frage, wo Steiner die Grenzen zwischen Illustration und Prinzip eigentlich zieht. Um sie zu klären, reicht es nicht aus, darauf zu achten, was Steiner zur Illustration rechnet. Noch entscheidender ist es, herauszuarbeiten, welches Prinzip dadurch illustriert werden soll. Dies erklärt, warum die Auszüge ziemlich großzügig geraten sind: das Prinzip ergibt sich meistens erst aus dem Kontext, der von den heutigen Dreigliederern daher oft lieber ausgelassen wird. Nimmt man alle Stellen zusammen, so kommt heraus, daß Steiner unter dem Prinzip der sozialen Dreigliederung nicht nur die Entflechtung (oder Befreiung) und Verbindung (oder Ausgleich) der drei Lebensbereiche meint, sondern auch die drei Ideale, die von den einzelnen Lebensbereichen erstrebt werden, sobald sie sich verselbständigt haben. Das Prinzip der sozialen Dreigliederung ist also, entgegen der Behauptung von Dieter Brüll, kein rein formales Prinzip, das in sich noch keinen bestimmten Inhalt hat ("Der Anthroposophische Sozialimpuls", 1984, S.163). Die soziale Dreigliederung führt vielmehr von selbst zu ganz bestimmten Inhalten, im Rechtsleben zur Demokratie, im Wirtschatsleben zum Fachlichen. Diesen Inhalt braucht man daher nicht außerhalb der sozialen Dreigliederung zu suchen, wie zum Beispiel im Brüllschen anthroposophischen Sozialimpuls.
Wichtig ist auch, daß Steiner seine unübliche und unbequeme Zuordnung des Kapitals zum Geistesleben und der Arbeit zum Rechtsleben nicht zur Illustration, sondern zum Prinzip der sozialen Dreigliederung rechnet. Wer diese Zuordnungen zur Disposition stellt, hat bereits mit der sozialen Dreigliederung gebrochen.
Bei der folgenden Stelle wird angedeutet, daß auch die Ideale der Lebensbereiche zum Prinzip der sozialen Dreigliederung zu rechnen sind, nämlich der Kollektivismus für das Wirtschaftsleben und der Individualismus für das Geistesleben. Zur vollen Klarheit fehlen allerdings Verbindungsglieder, die hier nicht angesprochen werden: die Zuordnung des Kapitals und der Konsumtion zum Geistesleben (siehe dazu Band 4: Assoziation und Wirtschaftsleben/Assoziation als Einrichtung des Wirtschaftslebens/Assoziation und Bedarfsorientierung/Produktion als geistige, Konsum als wirtschaftliche Frage und Bedürfnisse als freie geistige Frage).
An einer anderen Stelle legt Steiner den Schwerpunkt auf die Verbindung, den Ausgleich der verschiedenen Lebensbereiche. Sie verhalten sich zueinander wie Aufbau und Abbau. Diese Verbindung wird hier eindeutig zum Prinzip der sozialen Dreigliederung gerechnet.
Nun kommt eine Stelle, die von Dieter Brüll selber ausführlich zitiert wird ("Der Anthroposophische Sozialimpuls", 1984, S.72-74), obwohl sie deutlicher als manche anderen Stellen seine Theorie widerspricht, wonach die soziale Dreigliederung eine reine Formsache sei und den Inhalt der einzelnen Lebensbereiche völlig offen lasse. Hier wird nämlich ausdrücklich erwähnt, daß das Rechtsleben durch die soziale Dreigliederung demokratischer (Gleichheit) und im Wirtschaftsleben die Preisbildung gesunder (Brüderlichkeit) werden. Die entsprechenden Passagen fehlen im Zitat von Dieter Brüll. Da der Vortrag damals in der Gesamtausgabe noch nicht erschienen war, läßt sich nur noch schwer ermitteln, ob er diese Passagen selber ausgelassen hat, oder ob sie schon in seiner (inoffiziellen) Vorlage gefehlt haben.
Reihenfolge oder Gleichzeitigkeit
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