Rudolf Steiner – Grundfragen der sozialen Dreigliederung

Zitatensammlungen, Band 1

Vorwort

In dieser Sammlung „Grundfragen der sozialen Dreigliederung“ geht es um übergreifende und grundsätzliche Themen, die zum Teil kontrovers diskutiert werden.

Abgrenzung der drei Glieder

Eine erste Frage ist, wie sich die verschiedenen Lebensbereiche voneinander abgrenzen lassen. Gibt es ein Prinzip, wonach sich Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben im Sinne von Steiner sicher unterscheiden lassen? Was gehört eigentlich zum Geistesleben, was zum Rechtsleben, und was zu Wirtschaftsleben? Zu dieser Frage kommt man schon allein deswegen, weil Steiner bei seinen konkreten Zuordnungen ziemlich unkonventionell vorgeht. Kapital und Arbeitszeit rechnet er zum Beispiel nicht wie erwartet zum Wirtschaftsleben, sondern zum Geistesleben bzw. Rechtsleben. Verwendet man trotzdem diese Bezeichnungen im Sinne der sozialen Dreigliederung, läuft man dadurch die Gefahr, mißverstanden zu werden. Aber vielleicht gibt es andere Bezeichnungen, die besser nachvollziehbar machen, was Steiner gemeint hat? Danach wird hier gesucht. Nur bringen diese Bezeichnungen oft neue, eigene Probleme und Mißverständnisse mit sich.

Geist – Seele – Leib

Die Gleichsetzung von Geist mit Geistesleben, Seele mit Rechtsleben und Leib mit Wirtschaftsleben ist naheliegend, und wird oft auch von Steiner so vorgenommen. Allerdings nicht immer. Es gibt bei Steiner auch Zusammenhänge, wo die Seele nicht unbedingt mit dem Rechtsleben, sondern mit der Religions- und Gedankenfreiheit in Verbindung gesetzt wird. Siehe dazu Stellen aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiner, Band 7, „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“.

Kapital – Arbeit – Ware

Sowohl in seinem Werk „Kernpunkte der sozialen Frage“ als in seinen pädagogischen Vorträgen deutet Steiner darauf, daß die Unterscheidung zwischen Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben zu den grundlegenden Fertigkeiten gehört, die jeder sich schon in der Schule aneignen sollte, wie das Rechnen, Lesen und Fremdsprechen. In diesem pädagogischen Zusammenhang spricht er auch vom Unterschied zwischen Kapital, Arbeit und Ware. Denkt man ein wenig darüber nach, so merkt man in der Tat, daß sich diese drei nicht unterscheiden lassen, ohne die Grundzüge der sozialen Dreigliederung darzustellen. Ohne soziale Dreigliederung sind Kapital und Arbeit nämlich eine Ware. Nicht umsonst spricht man von einem Kapital- und Arbeitsmarkt. Nur fragt sich, wie diese zweite Art der Unterscheidung – Kapital, Arbeit und Ware – zur ersten Art der Unterscheidung – Geist, Seele, Leib – steht.

Physische und geistige Güter

Ratschlag – Gesetz – Vertrag

Die vielleicht griffigste und plastischste Art zwischen den drei verschiedenen Lebensbereichen zu unterscheiden ist Rudolf Steiner an einigen wenigen Stellen gelungen, wo er vom Unterschied zwischen dem Ratschlag, dem Gesetz und dem Vertrag spricht. Dies wird im zweiten Zitat „Vertrag als Prinzip des Wirtschaftslebens“ besonders deutlich. Ausführlicher ist zwar das vierte hier angeführte Zitat aus dem sogenannten „Nationalökonomischen Kurs“ mit dem Titel „Emanzipation des Gesetzes und der Arbeitsteilung vom Gebot“. Dort führt Steiner den Vergleich aber nicht zu Ende aus, sondern konzentriert sich auf den Unterschied zwischen Gebot und Gesetz, wobei Gebot für das alte, nicht mehr zeitgemäße Geistesleben steht. Der freilassende Ratschlag ist eben eine Errungenschaft des neueren Geisteslebens. Beim neueren Wirtschaftsleben wird in diesem Zitat aus dem „Nationalökonomischen Kurs“ nicht direkt von Vertrag gesprochen, sondern von der Arbeitsteilung, welche aber einen neuen Warenverteilungsvertrag zwischen Arbeitsleiter und Arbeitsleister notwendig macht. Dies wurde nicht nur – wie hier erwähnt – durch das zurückgebliebene Geistesleben, sondern auch – wie in den „Kernpunkten der sozialen Frage“ ausführlich beschrieben – durch das römisch gebliebene Eigentumsrecht verhindert.

Wirklicher Vertrag setzt Verrechtlichung der Arbeitszeit voraus

Vertrag als Prinzip des Wirtschaftslebens

Erkenntnis, Gesetz und Vertrag

Emanzipation des Gesetzes und der Arbeitsteilung vom Gebot

Veränderbare geistige Autorität statt starres Gesetz

Individuelles Urteil – demokratisches Urteil – Kollektivurteil

Eine weitere Art, die drei Lebensbereiche auseinanderzuhalten, findet sich in den Vorträgen, wo Rudolf Steiner zwischen individuellem, demokratischem und kollektivem Urteil unterscheidet. Die Anklänge an den entsprechenden Idealen der Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben sind zwar deutlich. Aber die Argumentation klingt irgendwie sachlicher, nüchterner, als wenn er von Idealen sprechen würde.

Das späteste Zitat „Individuelles Urteil, demokratisches Urteil und Kollektivurteil“ wird hier vorangestellt, weil in diesem öffentlichen Vortrag die einzelnen Urteilsarten am ausführlichsten charakterisiert und gegenübergestellt werden.

Im zweiten Zitat, „Kollektivurteil zwischen Wirtschaftserkenntnis und Wirtschaftspsychologie“, das aus einem öffentlichen Vortrag mit dem Titel „Die Kardinalfrage des Wirtschaftslebens“ entnommen ist, geht es Rudolf Steiner darum zu zeigen, dass in Wirtschaftsfragen das individuelle Urteil, sei er auch noch so wissenschaftlich und statistisch begründet, niemals stimmen kann. Einige Formulierungen, die so im ersten Zitat nicht zu finden sind, können helfen zu verstehen, warum es grundsätzlich eines Kollektivurteils bedarf, um zu den richtigen Preisen zu kommen.

Im dritten Zitat, „Die Polarität zwischen individuellem Urteil und Kollektivurteil“ legt Rudolf Steiner den Schwerpunkt auf die Unzulänglichkeit des individuellen Urteils im Wirtschaftsleben, nachdem er kurz angedeutet hat, warum dieses individuelle Urteil im Geistesleben das einzig Maßgebende sein sollte: „Denn durch die Geburt bringen wir aus der geistigen Welt unsere Anlagen mit.“ Hier klingt ein übersinnlicher Aspekt herein, der in den beiden ersten Zitaten nicht auseinandergesetzt wurde – vielleicht deswegen weil sie beide aus öffentlichen Vorträgen stammen.

Im vierten Zitat, „Die Entwicklung zum individuellen Urteil und heutigen Kollektivurteil“, der aus einem Mitgliedervortrag stammt, geht es dezidiert übersinnlich zu. Rudolf Steiner setzt hier auseinander, wie sich diese beiden Urteilsarten aus der bisherigen Menschheitsentwicklung ergeben haben. Das Verhältnis der Menschen zu den Göttern hat sich nämlich verändert und dadurch auch die Art, wie soziale Urteile gebildet werden müssen.

Auch das fünfte und letzte Zitat, „Wirtschaftliches Urteil lässt sich nicht aus Individualität heraus bilden“, stammt aus einem Mitgliedervortrag. Rudolf Steiner geht hier auf die Geschichte des Kollektivurteils ein und betont, dass es heute nicht mehr instinktiv, sondern bewusst entstehen muss. Aber besonders hilfreich für den philosophisch Interessierten ist folgende Aussage: „[Das wirtschaftliche Urteil] wird natürlich erkenntnistheoretisch aus der Individualität stammen, aber gebildet werden wird es nicht aus der Individualität heraus.“ Wirtschaftliches Kollektivurteil und individuelles Urteil stammen also beide „erkenntnistheoretisch“ aus der Individualität, aber nur vom individuellen Urteil im geistigen Leben kann man auch noch sagen, dass es aus der Individualität heraus gebildet wird.

Individuelles Urteil, demokratisches Urteil und Kollektivurteil

Kollektivurteil zwischen Wirtschaftserkenntnis und Wirtschaftspsychologie

Die Polarität zwischen individuellem Urteil und Kollektivurteil

Die Entwicklung zum individuellen Urteil und heutigen Kollektivurteil

Wirtschaftliches Urteil lässt sich nicht aus Individualität heraus bilden

Fähigkeit – Mündigkeit – Bedürftigkeit

Besonders beliebt unter Vertretern der sozialen Dreigliederung ist seit den siebziger Jahren die Unterscheidung zwischen Fähigkeit als Angelpunkt des Geisteslebens, Mündigkeit als Ausgangspunkt des Rechtslebens und der Bedürftigkeit als Begründung des Wirtschaftslebens. Steiner benutzt zum Teil selber diese Unterscheidung, um sich von der Diktatur des Proletariats abzusetzen, die zwar Fähigkeiten und Bedürnisse berücksichtigen will, dafür aber das Demokratische verneint oder verdreht. Eine wichtige Frage, die sich dabei stellt, ist wiederum das Verhältnis zu anderen Unterscheidungen wie Geist – Seele – Leib und Kapital – Arbeit – Ware.

Es entstehen aber auch ganz neue Fragen. Kann man von geistigen, seelischen und leiblichen Bedürfnissen immer sagen, daß sie durch das Wirtschaftsleben befriedigt werden müssen? Oder werden seelische Bedürfnisse durch das Rechtsleben und geistige Bedürfnisse durch das Geistesleben gedeckt? Haben Bedürfnisse erst dann mit Wirtschaftsleben zu tun, wenn sie durch Waren befriedigt werden müssen?

Was passiert, wenn man mit den Begriffen Fähigkeit, Mündigkeit und Bedürftigkeit hantiert, ohne erst einmal diese Fragen geklärt zu haben, zeigt sich besonders deutlich am Beispiel von Christof Lindenau. Seine soziale Dreigliederung verkommt zu einer rein geistigen Gliederung, und wirkt gerade deswegen verführerisch auf manche anthroposophisch Interessierten, denen die ursprüngliche soziale Dreigliederung zu äußerlich vorkommt. Durch die Einbeziehung der Unterscheidung zwischen Ratschlag, Gesetz und Vertrag liesse sich eine solche Vereinseitigung leicht vermeiden.

Fähigkeiten, Gefühle und Bedürfnisse

Jedem nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen als allgemeines Ideal

Jedem nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen als sozialistische Unmöglichkeit

Jedem nach seinen Fähigkeiten, Gefühlen und Bedürfnissen

Fähigkeiten und Geistesleben

Geistesleben als geistige und körperliche Fähigkeiten

Geistesleben von individuellen Fähigkeiten abhängig

Geistesleben als Anwendung von individuellen Fähigkeiten

Kapital und individuelle Fähigkeiten

Unternehmertätigkeit als Gebrauch individueller Fähigkeiten

Eigentum befristet da individuelle Fähigkeiten aus Vergangenheit

Kein demokratischer Gesamtwille bei individuellen Fähigkeiten

Bedürfnisse und Wirtschaftsleben

Produktion soll sich den Bedürfnissen anpassen

Wirtschaft befriedigt menschliche Bedürfnisse

Menschliche Bedürfnisse sind international

Wirtschaftsleben befriedigt menschliche Bedürfnisse nach Waren

Warenpreis soll Kosten sämtlicher Bedürfnisse der Produzenten decken

Je differenzierter die Bedürfnisse, je schwieriger die Preisbildung

Marktprinzip läßt menschliche Bedürfnisse verkümmern

Wirtschaftsleben soll alle Bedürfnisse befriedigen

Den rechtmäßigen Bedürfnissen Rechnung tragen

Menschliche Bedürfnisse bisher durch Recht und Konkurrenz geregelt

Keine Beurteilung der Berechtigung von Bedürfnissen

Produktion soll sich auch ungerechtfertigten Bedürfnissen anpassen

Nationalismus wie menschliche Bedürfnisse eine Form des Egoismus

Menschliche Bedürfnisse sollen eingeschätzt statt tyrannisiert werden

Lebendige Bedürfnisse studieren, mögliche Bedürfnisse befriedigen

Wirtschaftsleben muß zukünftige Bedürfnisse befriedigen

Wirtschaftsleben als Befriedigung geistiger Bedürfnisse

Leibliches und geistiges Bedürfnis nach physischen und geistigen Gütern

Leibliche und geistige Bedürfnisse als Wertmaßstab

Leibliche und seelische Bedürfnisse

Eigene leibliche und seelische Bedürfnisse als Wertmaßstab

Ausgaben für Vergnügen oder für leibliche und geistige Bedürfnisse

Entstehung der Bedürfnisse aus dem Geistesleben

Geistig-seelische Forderung nach Befriedigung materieller Bedürfnisse

Wirtschaftsleben soll Bedürfnisse befriedigen statt sie zu schaffen

Befriedigung der Bedürfnisse aus dem Geistesleben

Geistige Fähigkeiten und Bedürfnisse als Maßstab für Wert der geistigen Arbeit

Die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse ist eine Gedankenfrage

Kindliche Nachahmung Vorbereitung für wirtschaftliche Anpassung an Bedürfnisse

Geistesleben als Bedürfnis

Freies Geistesleben kann Bedürfnisse der Menschheit befriedigen

Weltanschauung befriedigt seelische Bedürfnisse

Mensch sucht im Geistesleben Befriedigung seelischer Bedürfnisse

Geistesleben soll Bedürfnisse der Seele befriedigen

Denkart sollte Bedürfnisse des menschlichen Bewußtseins befriedigen

Geistesleben soll praktischste und geistigste Bedürfnisse befriedigen

Bedürfnisse im Sinne von Interessen

Den Ausdruck „Bedürfnisse“ benutzt Steiner nicht immer im Sinne von etwas, was möglichst befriedigt werden sollte. Er kann auch einfach im Sinne von Interessen gemeint sein, sei es wirtschaftliche, staatliche oder geistige Interessen. Mit solchen „Bedürfnissen“ geht Steiner hart zu Gericht, sobald bei ihrer Befriedigung keine Rücksicht auf die Notwendigkeit einer sozialen Dreigliederung genommen wird.

Staatliche und wirtschaftliche Bedürfnisse im Sinne von Interessen

Staatliche Bedürfnisse sind einseitig

Geistesleben entwickelt sich nicht aus eigenen Bedürfnissen heraus

Geistesleben mußte sich nach staatlichen Bedürfnissen richten

Bedürfnisse des Rechtslebens tyrannisieren das Geistesleben

Bedürfnisse des Wirtschaftslebens sind einseitig

Keine Rechte aus wirtschaftlichen Bedürfnissen heraus

Bedürfnisse des Geisteslebens sind einseitig

Abgrenzung der Dreigliederung

Die soziale Dreigliederung muß immer wieder von anderen politischen Ansätzen abgegrenzt werden. Hier soll es um Ansätze gehen, die deswegen leicht mit der Dreigliederung zu verwechseln sind, weil sie auch von einer Dreifachheit ausgehen.

Dreigliederung oder Dreiteilung

Steiner lehnt es ab, wenn seine soziale Dreigliederung mit einer sozialer Dreiteilung verwechselt wird. Glieder sind zwar eigenständig, wirken aber aufeinander, was bei Teilen nicht unbedingt der Fall ist.

Dreigliederung statt Dreiteilung von Montesquieu

Richtiges Zusammenwirken durch Dreigliederung statt Dreiteilung

Dreiteilung als falsche Übersetzung für Dreigliederung

Der Gerechtigkeit halber muß allerdings gesagt werden, daß nicht nur die Übersetzer daneben getroffen haben. Neben den drei bereits erwähnten Stellen, wo Steiner ausdrücklich auf den Unterschied zwischen Dreigliederung und Dreiteilung aufmerksam macht, hat er sich selber – oder diejenigen, die seine Vorträge aufgeschrieben haben – über zwanzig Ausrutscher erlaubt. Es wäre müssig alle diese Stellen hier zu zitieren. Wer doch wissen möchte, wo sich diese befinden, der kann auf das „Register zur sozialen Dreigliederung“ zurückgreifen, wo sie unter dem Stichwort „Dreiteilung“ aufgeführt werden.

Wichtiger als diese vielen Versprecher ist eine Stelle, wo Steiner erklärt, daß seine „Kernpunkte der sozialen Frage“ nicht bloß übersetzt, sondern für die einzelnen Länder umgeschrieben werden sollten. Der entscheidende Grund dazu liegt gerade in der Frage, was bei der Dreigliederung betont werden soll. Soll der Schwerpunkt auf die Entflechtung, also auf das Moment der Teilung, oder auf das zweite Moment der Verbindung, der eigentlichen Gliederung gelegt werden? Darauf gibt es keine allgemeine, sondern nur länderspezifische Antworten.

In Deutschland Entflechtung, in England Verbindung der Glieder betonen

Hat man dieses Zitat einmal gelesen, dann läßt sich folgende Behauptung Michael Wolffs besser einschätzen: „Hatte nicht Steiner selbst (...) beklagt, daß er mißverstanden wurde, indem die Nebensache – die Entflechtung der Gesellschaftsbereiche der Kultur, des Rechtes und der Wirtschaft – zur Hauptsache und die Hauptsache – die Gliederung des Geisteslebens, des Rechtslebens und des Wirtschaftslebens als lebendige Funtionen – zur Nebensache gemacht wurde?“ (Info3, 12/1998, S.47). Hier wird stillschweigend eine Aussage verallgemeinert, die Steiner ausdrücklich nicht auf das damalige Deutschland, sondern auf das damalige England bezogen hat. Wie es um das heutige Deutschland (und England) steht, müsste erst einmal unvoreingenommen untersucht werden, bevor man sich auf diese Aussage Steiners stützen kann. Warum es im damaligen Deutschland zu einer solchen Verzwickung zwischen den verschiedenen Lebensbereichen gekommen ist, wird von Steiner an einer anderen Stelle dargestellt.

Notwendigkeit der Dreigliederung durch Fremdheit der Glieder verdeckt

Der hier gemeinte juristische Romanismus spricht sich auch im römischen Eigentumsbegriff aus. Und dieser Eigentumsbegriff ist es gerade, der die notwendig gewordene Zirkulation des Kapitals verhindert. Dadurch wird das Kapital heute nicht den Fähigen verschenkt, sondern dem Zufall vererbt. Ein weiterer Grund, neben der klassischen Bildung, warum das Geistesleben, das heißt hier die individuellen Fähigkeiten, sich nicht voll auf das Wirtschaftsleben auswirken kann. Es bleibt bei der Trennung der Glieder, ohne daß eine richtige Verbindung hergestellt werden kann.

Dreigliederung oder Ständeordnung

Hätte nicht Steiner selber die Ständeordnung eindeutig abgelehnt, so hätten sich wahrscheinlich viele Anthroposophen dafür begeistert. Der Grund ist einfach: Es wird häufig von drei Ständen gesprochen und wo Anthroposophen eine Dreiheit gefunden haben, halten sie es meistens für unnötig, weiter zu denken. Steiner hat aber ein Machtwort gegen die Ständeordnung gesprochen, also sind Anthroposophen gegen die Ständeordnung. So auch Christof Lindenau. Bei ihm tritt aber die verjagte Ständeordnung wieder durch die Hintertür herein. Fangen wir aber beim Anfang der Ständeordnung an.

Historischer Ursprung der Ständeordnung

Über die Entstehung der Ständeordnung macht Steiner verschiedene Angaben. Als historischen Ursprung der Ständeordnung gibt er oft Griechenland an.

Ständeordnung als Rest aus dem Griechentum

Ständeordnung als Verwirklichung des platonischen Staates

An anderen Stellen geht aber Steiner weiter zurück und sucht den Ursprung der Ständeordnung in Indien. Hier spricht er allerdings nicht von drei, sondern von vier Ständen.

Ständeordnung als Rest aus den indischen Kasten

Der Anfang der Ständeordnung läßt sich aber auch auf den dritten nachatlantischen Zeitraum setzen.

Ständeordnung seit der dritten Kulturepoche als Veräußerlichung des Menschen

Heutige Dekadenz der Ständeordnung

Wann die Ständeordnung auch immer entstanden sein mag, sicher ist, daß sie der Vergangenheit gehört. Die Zurechnung der Ausbildung der ökonomischen Struktur zur heutigen Kulturepoche darf nicht darüber hinwegtäuschen. Zeitgemäß ist nicht die Übermacht des Ökonomischen, die über das Ziel hinausschießt, sondern die soziale Dreigliederung. Die Ständeordnung hat ihre Aufgabe schon erfüllt. Sie wirkt aber weiter. Was nicht rechtzeitig wieder abgeschafft wird, tritt aber in die Dekadenz.

Vorteile der Ständeordnung kehren sich in Gegenteil um

Ständeordnung als Unwissenheit, Gewalt und Ungerechtigkeit

Überwindung der Ständeordnung durch soziale Dreigliederung

Wie soll nun die Ständeordnung Geschichte werden? Steiner sieht in der sozialen Dreigliederung die einzige Möglichkeit, die Ständeordnung zu überwinden. Von den Sozialisten muß er deswegen immer wieder Abstand nehmen. Mit ihrem Ziel, die Klassenunterschiede abzuschaffen, ist er zwar einverstanden, von ihren Mitteln hält er aber nichts.

Überwindung der Ständeordnung durch Dreigliederung statt Sozialisten

Bolschewistische Ausrotter des Bürgertums denken selber bürgerlich

Befreiung von der Ständeordnung durch Proletariat

Statt Ständeordnung wirkliche Demokratie durch Dreigliederung

Das Individuum bringt Einheit in die soziale Dreigliederung

Steiner setzt also zur Überwindung der Ständeordnung nicht auf den Sozialismus, sondern auf die soziale Dreigliederung. Nun sieht es aber zunächst so aus, als ob die soziale Dreigliederung genauso wie die Ständeordnung zur Zersplitterung der Menschheit führt. Es soll sich nämlich jeder Lebensbereich verselbständigen, ein eigenes Leben führen. Der Mensch ist aber nicht mehr an einem bestimmten Lebensbereich gebunden. Durch diese Beweglichkeit bekommt er die Möglichkeit, Vermittler zwischen den verschiedenen Lebensbereichen zu werden. Das Individuum ist es also, das die Ständeordnung überwindet und damit die Einheit in die soziale Dreigliederung bringt.

Dreigliederung nach Gesichtspunkten statt nach Ständen

Jeder Mensch ist ein Vermittler der drei Glieder

In der vorangehenden schriftlichen Fassung beschränkt sich Steiner auf das Wesentliche, so daß es für Christof Lindenau später ein Leichtes war, seine Aussagen völlig auf den Kopf zu stellen. In der ursprünglichen Form (GA 328) sind seine Aussagen dagegen unmißverständlich: Die eindeutige Zuordnung einer Einrichtung zu einem bestimmten Lebensbereich, zum Beispiel die Zuordnung der Assoziation zum Wirtschaftsleben, braucht kein Rückfall in die alte Ständeordnung zu sein. Der Mensch lebt eben nicht nur in der Assoziation und daher nicht nur im Wirtschaftsleben. Wenn Christof Lindenau das Gegenteil behauptet, so setzt er gerade die Ständeordnung voraus, die er eigentlich überwinden möchte.

Abgeordneter dürfen auch im Wirtschaftsleben tätig sein

Landwirte dürfen auch ins Parlament

Andere Vortragsstellen sind genauso eindeutig und zum Teil noch genauer, konnten aber von Lindenau für sein Buch nicht berücksichtigt werden, weil sie erst später erschienen sind. Eine solche Stelle wurde schon erwähnt: „Ständeordnung als Unwissenheit, Gewalt und Ungerechtigkeit“.

Mensch kann im Parlament und zugleich im Wirtschafts- und Geistesleben stehen

Eine dieser Stellen macht den Bezug zum Geistesleben deutlicher. Hier wird ausdrücklich gesagt, daß die Schulen der geistigen Organisation gehören, daß es aber von den Eltern nicht gesagt werden kann, da Eltern auch im Rechts- und Wirtschaftsleben stehen. Dasselbe läßt sich, entgegen der Behauptung von Lindenau, auch von den Lehrern sagen: Ihre Schule gehört zwar zum Geistesleben, sie selbst aber nicht.

Schule gehört zum Geistesleben, Eltern verbinden dagegen alle Glieder

Wahlberechtigter darf unabhängig davon auch wirtschaftlichen Kredit genießen

Folgen für das Geistesleben: Einheitsschule statt Ständeschulen

Die Überwindung der Ständeordnung durch die soziale Dreigliederung hat auch Folgen für das Geistesleben. Es wird keine Ständeschulen mehr geben, sondern nur noch Einheitsschulen, daß heißt Schulen, die nicht auf eine Klasse, sondern auf den Menschen zielen. Die Waldorfschule ist in Deutschland nicht nur die erste freie Schule, sondern auch die erste Einheitsschule gewesen. Man kann natürlich unter Freiheit des Geisteslebens verstehen, daß es allerlei Schulen geben wird, also auch Ständeschulen. Es zeigt aber nur, daß man die Folgen der Freiheit unterschätzt. Ständeschulen wie die heutigen deutschen Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen werden durch diese Freiheit an Boden verlieren, ohne daß man sie durch Verbot oder wirtschaftliche Benachteiligung zu bekämpfen braucht. Das versuchen natürlich auch die Sozialisten mit ihren staatlichen Gesamtschulen. Das Ergebnis wird aber immer hinter ihren Erwartungen zurückbleiben, weil sie dem Geistesleben das von außen verordnen wollen, was es von sich aus viel besser erreichen könnte.

Ständeschulen als Ergebnis der Verquickung von Geistes- und Rechtsleben

Zur Einheitsschule braucht es keinen Staatszwang

Dreigliederung oder Marxismus

Die Überzeugungskraft des Marxismus erklärt sich Rudolf Steiner zufolge auch dadurch, daß sie als Theorie auf die drei Lebensbereiche – Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben – ausdrücklich eingeht. Sie basiert nämlich auf die materialistische Geschichtsauffassung, auf den Klassenkampf und auf die Mehrwerttheorie. Damit macht sie leider die gegenwärtige Übermacht des Wirtschaftslebens über die beiden anderen Lebensbereiche zum integralen Bestandteil der zukünftigen Sozialordnung, statt sie – wie die soziale Dreigliederung – zu überwinden.

Marxismus als Dreigliederungsersatz

Dreigliederung oder heutige Ordnung

Viele Vertreter der sozialen Dreigliederung berufen sich leider nur zu gerne auf die Stellen, wo Rudolf Steiner von der sozialen Dreigliederung meint, daß es sie schon gibt. Was braucht man sich noch für eine Dreigliederung einzusetzen, meinen sie, wenn man nur besser hinschauen muß! Würde sie wirklich so gut hinschauen, so würden sie schon sehen, daß es massiven Handlungsbedarf gibt. Man kann höchstens sagen, daß der natürliche Mensch dreigegliedert ist, und die Gesellschaft deswegen nach einer Dreigliederung verlangt. Da der Mensch aber gedanklich nicht mitkommt, und die Gesellschaft nicht naturgegeben, sondern von Menschen gemacht wird, so bleibt die Gesellschaft bisher noch hinter dem Menschen zurück. Hat er sich einmal selber verstanden, so wird er sie endlich auch dreigliedern.

Dreigliederung ist keine Utopie

Größenordnung der Dreigliederung

Unter den Dreigliederern, die sich wirklich für eine Dreigliederung einsetzen wollen, und sich nicht nur hinsetzen und zuschauen wollen, wie alles doch schon alles dreigegliedert ist, gibt es leider manche Praktiker, die es sich zu einfach machen wollen. Unter dem Vorwand, zunächst bei sich anzufangen, versuchen sie einzelne Einrichtungen dreizugliedern, obwohl die soziale Dreigliederung gerade darin besteht, die Einrichtungen auf jeweils einen einzigen Lebensbereich zu spezialisieren. Diese „innerbetriebliche“ Dreigliederung wird oft Meso-Dreigliederung oder Neugliederung genannt. Solche dreigegliederten Einrichtungen sind aber nichts anderes als Miniausgaben der bisherigen Einheitsstaates. Small Dreigliederung ist not beautiful. Es bleibt aber die Frage, wie groß oder wie klein die Dreigliederung anfangen muß, eine Frage worauf Steiner wiederholt eingegangen ist. Um es kurz zu fassen: Die Frage der Größenordnung ist selber dreigegliedert und muß anders beantwortet werden, je nachdem es um das Geistesleben, das Rechtsleben oder das Wirtschaftsleben geht. Stehen einem keine Gesetze im Wege, so läßt sich – zum Beispiel in der Form der Christengemeinschaft – mit dem freien Geistesleben im Kleinen anfangen. Dies gilt auch – schon eingeschränkter – für die Waldorfschule. Bei der Frage des Abiturs müsste man aber schon ein Gesetz kippen, was nur auf Landes- bzw. Bundesebene möglich wäre. Bei der Wirtschaft, kann man sich dieselbe Frage stellen. Hier geht es darum zu bestimmen, wie weit das Vertrauen reicht. Dies wird nicht unbedingt die EU- oder Weltebene sein, sondern eher zwischen wenigen Unternehmen sein. Aber vielleicht gerade Unternehmen an zwei anderen Enden der Welt, wie bei den heutigen Ansätzen zu einem fairen Handel.

Welt, Land, Einrichtung

Christengemeinschaft als praktische Dreigliederungsarbeit

Im kleinen Maßstab läßt sich nichts erreichen

Es geht nicht um die Verbesserung kleiner Einrichtungen

Propaganda durch Initiativen statt durch große Zahl

Dreigliederung braucht zur Praxis möglichst viele Köpfe

Dreigliederung der Größenordnung

Die Frage der Größenordnung läßt sich nicht allgemein beantworten. Und das es immer wieder versucht wird, zeigt vielleicht, wie schwer man es hat, dreigliedrig zu denken. Wenn Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben eigene Zielgrößen haben (siehe Stellen aus dem Gesamtwerk Rudolf Steiners, 9. Band, Nationalismus und Volksseelen), warum sollten sie nicht auch andere Einstiegsgrößen haben?

Im Parlament Machtmißbrauch verhindern

Geltungsdauer der Dreigliederung

Charakteristisch für das Dritte Reich war das Denken in Endlösungen. Und dasjenige, was verewigt werden sollte, war noch dazu von vornherein völlig veraltet. Das Ergebnis war nur Vernichtung. Im Unterschied dazu geht es bei der sozialen Dreigliederung nicht darum, irgend etwas Veraltetes wie die Blutsbanden in die Zukunft zu retten, sondern darum, entwicklungsfähig zu bleiben. Eine Folge davon ist, daß gerade die soziale Dreigliederung über sich selber hinausweist. Gelingt es, sie in die Realität umzusetzen, kommt es dadurch von selbst zu etwas, was keine soziale Dreigliederung mehr sein wird, sondern eine Weiterentwicklung.

Man muß nur genau aufpassen, wer von Weiterentwicklung spricht. Es ist seit einigen Jahrzehnten zu einer Mode geworden, die soziale Dreigliederung weiterzuentwickeln. Wer sich aber Autoren wie Wilhelm Schmundt oder Dieter Brüll vornimmt, wird schnell enttäuscht. Ihren Anspruch, die soziale Dreigliederung weiterzuentwickeln, haben sie nicht eingelöst. Ihr Werk zeigt vielmehr, daß sie vor der sozialen Dreigliederung zurückgeschreckt sind, weil sie selber veraltet waren. Noch bequemer machen es sich diejenigen, welche die soziale Dreigliederung seit dem Scheitern der Dreigliederungsbewegung im Jahre 1922 für überholt halten.

Demgegenüber muß man klar machen: Die soziale Dreigliederung ist nicht überholt. Dafür müßte sie zuerst einmal verwirklicht worden sein. Wer das aber trotzdem behauptet, sollte sich erst einmal selbst prüfen, ob er in unsere Zeit wirklich angekommen ist.

Ich baue hier auf die Vorarbeiten von Karl Heyer, der die folgenden Zitate zur Geltungsdauer der sozialen Dreigliederung 1949 zusammengetragen und in einem ähnlichen Sinne kommentiert hat.

Jahrzehnte für die Dreigliederung

Zunächst geht es um zwei Stellen, wo Rudolf Steiner die Dringlichkeit der sozialen Dreigliederung für die nächsten Jahrzehnte betont. Er warnt dabei vor weiteren Katastrophen, die leider eingetreten sind.

Dreigliederung will sich in den nächsten Jahren verwirklichen

Entwicklungskräfte streben in den nächsten Jahren nach Dreigliederung

Jahrhunderte für die Dreigliederung

In den nächsten Jahrzehnten hat sich in Europa bekanntlich nicht die soziale Dreigliederung, sondern der Nationalismus verwirklicht. Dies bedeutet aber nicht, daß die soziale Dreigliederung zum alten Eisen gehört. Sie bleibt das Ideal „unserer Zeit und der nächsten Zukunft“. Auch wenn immer wieder neue Wege genommen werden müssen, um auf ihre Notwendigkeit aufmerksam zu machen.

Michael-Zeit ist Dreigliederungszeit

Was ist aber unsere Zeit? Was ist seit den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts denn passiert? Und wer ist der Geist der Zeit, auf den sich Rudolf Steiner hier bezieht?

Nimmt man die vorige Stelle zusammen mit der nächsten Stelle, wird klar, daß er eine Michael-Zeit, und damit eine kosmopolitische Zeit meint. Also eine Zeit, welche die Blutsbande und den Nationalismus überwinden muß. Nicht umsonst warnt er im letzten Kapitel der „Kernpunkte der sozialen Frage“ eindrücklich vor dem Nationalismus als stärksten Widerstand gegen die soziale Dreigliederung. Dies fällt den Menschen umso schwerer, als die vorigen Jahrhunderte gerade unter dem Zeichen der Vererbung groß geworden sind. Gabriel, Jeanne d'Arc und dergleichen sind aber jetzt Vergangenheit. Diese tiefe Zäsur ist es, welche jedes Hängen an der Vergangenheit gerade heute so gefährlich macht.

Michael-Zeit ist kosmopolitisch

Nationalisten als schärfste Gegner der Dreigliederung

Während Rudolf Steiner in den „Kernpunkten der sozialen Frage“ absichtlich Bezüge auf irgendwelche Erzengel vermeidet, läßt er es sich nicht nehmen, Schlüsse aus dieser unausgesprochenen Annahme zu ziehen und schon damals in Vorträgen vor Mitgliedern der anthroposophischen Gesellschaft zu erklären, daß die soziale Dreigliederung für die drei bis vier nächsten Jahrhunderten gültig bleiben wird.

Dreigliederung für einige Jahrhunderte richtig

Jahrtausende für die Dreigliederung

Geht Rudolf Steiner allerdings nicht allein auf die soziale Dreigliederung als soziale Struktur des Michael-Zeitalters ein, sondern auf die sozialen Ideale, die dadurch im Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben verwirklicht werden, so ergeben sich größere Zeiträume. Zur Verwirklichung der Freiheit bedarf es nämlich der ganzen fünften Kulturepoche, also weit mehr als Tausend Jahre. Für jedes weitere Ideal kommt noch eine Kulturepoche dazu.

Umsetzung der sozialen Dreigliederung braucht drei Zeiträume

Kernpunkte der Dreigliederung

Ein weiterer Streitpunkt unter Dreigliederern ist die Frage nach den Prioritäten. Was ist das Wichtigste, bzw. das Dringendste an der sozialen Dreigliederung. Während die Frage nach dem Wichtigsten sich schon allgemein beantworten läßt, ist die Frage nach dem Dringendsten stärker zeitlich bedingt. Die Antwort vom Frühjahr 1919 war wenige Monate später schon wieder ungültig. Das heißt aber vielleicht auch, daß die Antwort von 1922 heute nicht mehr gültig ist. Hier muß man seine Zeit kennen. Und vielleicht ist das Erwachen der Zivilgesellschaft in den letzten Jahren die lang ersehnte Gelegenheit, die Dreigliederung in die Welt zu setzen.

Prinzip oder Illustration

Bei seinen Darstellungen der sozialen Dreigliederung hat Steiner von vornherein davor gewarnt, das Prinzip mit seiner Illustration zu verwechseln. Die Warnung hat aber nichts geholfen. Steiner mußte sich daher später beschweren, daß viele Menschen an den von ihm angeführten Beispielen geklammert haben. Diese nachträgliche Kritik Steiners haben sich spätere Anthroposophen zu Herzen genommen und versucht, weniger sklavisch mit den „besonderen Angaben“ Steiners umzugehen. Sie sind aber so gründlich vorgegangen, daß sich oft die Frage stellt, ob sie sich darauf beschränkt haben „keinen Stein auf dem anderen“ zu lassen, oder ob sie nicht ganz einfach den Boden, das Prinzip der sozialen Dreigliederung verlassen haben. Man kommt also nicht umhin, sich die entsprechenden Stellen genauer anzuschauen, um herauszukriegen, wo für Steiner die Illustration anfängt und das Prinzip aufhört. Die erste Stelle gehört in die Zeit vor der eigentlichen Dreigliederungsbewegung.

Wirklichkeitsgemäße Ideen lassen die Art ihrer Ausführung offen

Eine weitere Warnung findet sich in den „Kernpunkten der sozialen Frage“ selber, gegen Ende des dritten Kapitels, also gerade im Anschluß an der Stelle, wo er am stärksten auf Einzelfragen der sozialen Dreigliederung eingeht, wie die Zirkulation des Kapitals und das Altern des Geldes.

Besondere Angaben nur Beispiele, fest ist bei Dreigliederung nur die Richtung

Diese Warnung wurde nicht besonders beachtet, vielleicht gerade weil sie erst hinter den „besonderen Angaben“ kam, also eigentlich fast zu spät. Als Steiner 1920 für eine Neuauflage der „Kernpunkte“ die Einleitung schrieb, wiederholte er dort die Warnung, so daß sie seitdem ganz am Anfang des Buches, mitten in den „allgemeinen Angaben“ steht.

Schwerpunkt auf Wege (Prinzip) statt auf Ziele (Illustration) gelegt worden

Wenn die Beispiele so leicht mit dem Prinzip verwechselt werden, dann kann man sich fragen, warum sich Steiner überhaupt auf Beispiele einläßt. Hätte er sich auf die Darstellung des Prinzips beschränkt, so hätte er vielleicht die vielen Mißverständnisse vermeiden können. Auf diese Frage gibt Steiner dankenswerterweise selber eine Antwort, nur ist sie alles anders als schmeichelhaft.

Heutige denkfaule Menschen verlangen Illustration der Dreigliederung

Diese Schwäche für Beispiele haben allerdings nicht nur übliche Menschen gezeigt. Sie scheint auch bei den eigenen Anthroposophen vorhanden gewesen zu sein.

Illustration wird leicht zum Programm gemacht

Steiner beschwert sich also darüber, daß dasjenige, was er zur Illustration einer Sache gesagt hatte, schon am nächsten Tag zum Programm gemacht worden ist. Es bleibt aber die Frage, wo Steiner die Grenzen zwischen Illustration und Prinzip eigentlich zieht. Um sie zu klären, reicht es nicht aus, darauf zu achten, was Steiner zur Illustration rechnet. Noch entscheidender ist es, herauszuarbeiten, welches Prinzip dadurch illustriert werden soll. Dies erklärt, warum die Auszüge ziemlich großzügig geraten sind: das Prinzip ergibt sich meistens erst aus dem Kontext, der von den heutigen Dreigliederern daher oft lieber ausgelassen wird. Nimmt man alle Stellen zusammen, so kommt heraus, daß Steiner unter dem Prinzip der sozialen Dreigliederung nicht nur die Entflechtung (oder Befreiung) und Verbindung (oder Ausgleich) der drei Lebensbereiche meint, sondern auch die drei Ideale, die von den einzelnen Lebensbereichen erstrebt werden, sobald sie sich verselbständigt haben. Das Prinzip der sozialen Dreigliederung ist also, entgegen der Behauptung von Dieter Brüll, kein rein formales Prinzip, das in sich noch keinen bestimmten Inhalt hat. Die soziale Dreigliederung führt vielmehr von selbst zu ganz bestimmten Inhalten, im Rechtsleben zur Demokratie, im Wirtschaftsleben zum Fachlichen. Diesen Inhalt braucht man daher nicht außerhalb der sozialen Dreigliederung zu suchen, wie zum Beispiel im Brüllschen anthroposophischen Sozialimpuls.

Nach der Emanzipation von Wirtschafts- und Geistesleben stellen sich Detailfragen anders

Kapitalzirkulation als Illustration zum Prinzip „Befreiung des Geisteslebens“

Wichtig ist auch, daß Steiner seine unübliche und unbequeme Zuordnung des Kapitals zum Geistesleben und der Arbeit zum Rechtsleben nicht zur Illustration, sondern zum Prinzip der sozialen Dreigliederung rechnet. Wer diese Zuordnungen zur Disposition stellt, hat bereits mit der sozialen Dreigliederung gebrochen.

Illustration zum Prinzip „Kapital gehört zum Geistes-, Arbeit zum Rechtsleben“

Bei der folgenden Stelle wird angedeutet, daß auch die Ideale der Lebensbereiche zum Prinzip der sozialen Dreigliederung zu rechnen sind, nämlich der Kollektivismus für das Wirtschaftsleben und der Individualismus für das Geistesleben. Zur vollen Klarheit fehlen allerdings Verbindungsglieder, die hier nicht angesprochen werden: die Zuordnung des Kapitals und der Konsumtion zum Geistesleben. Siehe dazu Band 4: Assoziation und Wirtschaftsleben / Assoziation als Einrichtung des Wirtschaftslebens / Assoziation und Bedarfsorientierung / Produktion als geistige, Konsum als wirtschaftliche Frage und Bedürfnisse als freie geistige Frage.

Illustration zum Prinzip „Ausgleich von Kollektivismus und Individualismus“

An einer anderen Stelle legt Steiner den Schwerpunkt auf die Verbindung, den Ausgleich der verschiedenen Lebensbereiche. Sie verhalten sich zueinander wie Aufbau und Abbau. Diese Verbindung wird hier eindeutig zum Prinzip der sozialen Dreigliederung gerechnet.

Illustration zum Prinzip „Selbstausgleichende Dreigliederung statt Einheitsstaat“

Nun kommt eine Stelle, die von Dieter Brüll selber ausführlich zitiert wird, obwohl sie deutlicher als manche anderen Stellen seine Theorie widerspricht, wonach die soziale Dreigliederung eine reine Formsache sei und den Inhalt der einzelnen Lebensbereiche völlig offen lasse. Hier wird nämlich ausdrücklich erwähnt, daß das Rechtsleben durch die soziale Dreigliederung demokratischer (Gleichheit) und im Wirtschaftsleben die Preisbildung gesunder (Brüderlichkeit) werden. Die entsprechenden Passagen fehlen im Zitat von Dieter Brüll.

Da der Vortrag damals in der Gesamtausgabe von Rudolf Steiner noch nicht erschienen war, würde sich nur noch schwer ermitteln lassen, ob er diese Passagen selber ausgelassen hat, oder ob sie schon in seiner (inoffiziellen) Vorlage gefehlt haben.

Illustration zum Prinzip „Spezialisierte Einrichtung erstrebt von selbst eigenes Ideal“

Reihenfolge oder Gleichzeitigkeit

Während der Dreigliederungsbewegung betont Rudolf Steiner immer wieder, daß darauf geachtet werden muß, daß sich nicht nur Wirtschaftsräte, sondern im Gegenzug auch Kulturräte bilden. Eine Verselbständigung des Wirtschaftslebens allein hält er nämlich nicht für einen ersten Schritt in Richtung soziale Dreigliederung.

Zweigliederung ist das Gegenteil der Dreigliederung

Zweigliederung noch schlimmer als Einheitsstaat

Nach dem Scheitern der Rätebewegung gibt Rudolf Steiner das Ziel einer Umwandlung des Wirtschaftslebens nicht sofort auf. Er setzt nun auf Musterinstitutionen, die aber natürlich den Nachteil haben, zu klein zu sein, um den wirtschaftlichen Niedergang aufhalten zu können. Siehe dazu die Stelle „Propaganda durch Initiativen statt durch große Zahl“. Geholfen hätten diese Musterinstitutionen nur, wenn sie schnell genug Anhänger gebracht hätten. Sie wurden stattdessen kurz danach durch die Weltwirtschaftskrise hinweggefegt.

Nach dem Scheitern der Dreigliederungsbewegung gibt Rudolf Steiner das Ziel einer Verselbständigung des Geisteslebens nicht auf. Offenbar sieht er darin ein geeigneter erster Schritt in Richtung soziale Dreigliederung.

Priorität nach Ende der Dreigliederungsbewegung bei Befreiung des Geisteslebens

Deutsches Geistesleben anders als Politik und Wirtschaft noch zu retten

Geistige Arbeit trotz wirtschaftlichem Scheitern weiter möglich