Was ist Geld ?

Rudolf Steiner im Wortlaut über Geld und Währungen sowie die Idee einer assoziativen Weltwirtschaft

14.08.2017

«Die Währungsfrage wird niemals ein Staat in befriedigender Art durch Gesetze lösen; gegenwärtige Staaten werden sie nur lösen, wenn sie von ihrer Seite auf die Lösung verzichten und das Nötige dem von ihnen abzusondernden Wirtschaftsorganismus überlassen.»

Wer diese Aussage Rudolf Steiners ernst nimmt, muss nicht nur die heute herrschende Wirtschafttheorie, sondern auch die heute herrschenden Interpretationen der sozialen Dreigliederung in Frage stellen. Die Lösung der Währungsfrage durch den Wirtschaftsorganismus gehört nicht destotrotz zu den Kernpunkten der sozialen Dreigliederung und würde in letzter Konsequenz zur Überwindung des Nationalismus durch eine wirklich brüderliche Weltwirtschaft beitragen.

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Rudolf Steiner: Was ist Geld? (PDF)

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Vorwort

In seiner Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage» stellt Rudolf Steiner 1919 die Funktion des Geldes wie folgt dar:

«Geld kann im gesunden sozialen Organismus nichts anderes sein als eine Anweisung auf Waren, die von andern erzeugt sind und die man aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens deshalb beziehen kann, weil man selbst erzeugte Waren an dieses Gebiet abgegeben hat.»

Das klingt auf dem ersten Blick harmlos. Aber eigentlich müssten bei allen, die sich irgendwie mit dem Geld beschäftigt haben, die Alarmglocken läuten. Es ist nämlich die Rede vom «Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens», und nicht etwa vom Staatsgebiet. Rudolf Steiner hat nämlich kurz davor ausdrücklich ausgeschlossen, dass irgendwelche Staatsverwaltung das Geld als gesetztliches Zahlungsmittel anerkennen könnte. Gehe es einem um die Gesundheit des sozialen Organismus, so müsse man sich von der Idee verabschieden, dass es überhaupt gesetzliche Zahlungsmittel geben könne. Diese Gesundheit setze nämlich voraus, dass die Anerkennung des Geldes als Zahlungsmittel, als Anweisung auf Waren, allein von der Verwaltung der Wirtschaft ausgehe.

«Da wird […] nicht mehr die Staatsverwaltung das Geld als gesetzliches Zahlungsmittel anzuerkennen haben, sondern diese Anerkennung wird auf den Maßnahmen beruhen, welche von den Verwaltungskörpern der Wirtschaftsorganisation ausgehen.»

Wie radikal diese Ansicht ist, das zeigt sich auch daran, dass die meisten Autoren, die viel auf Rudolf Steiner geben, ihm in diesem Punkt nicht folgen können. Sie bleiben doch beim Geld als einem gesetzlichen Zahlungsmittel. Auf die hier erwähnten Ausführungen in der Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage» können sie sich dabei nicht stützen. Diese sind einfach zu eindeutig. Es gibt aber andere Ausführungen, die nicht so eindeutig sind. Das liegt meistens daran, dass es dort Rudolf Steiner in erster Linie darum geht, die zwei damals konkurrierenden Theorien über das Geld auseinanderzusetzen. Ergänzt man Rudolf Steiners Ausführungen in diesen Vorträgen um eigene Kurzschlüsse, bekommt man schon eher einen Rudolf Steiner, der so denkt, wie man selber schon immer gedacht hat.

Ich habe nicht immer so gedacht wie Rudolf Steiner. Die Anerkennung des Geldes allein den «Verwaltungskörpern der Wirtschaft» anzutrauen, das ist für mich zunächst eine ziemlich arge Herausforderung gewesen. Es schien mir viel dagegen zu sprechen, diesen Verwaltungskörpern irgend etwas zu vertrauen. Die letzten Jahrzehnte sind voll von Wechselkursschwankungen, von denen nur ganz wenige Menschen profitiert und die dafür unzähligen Menschen geschadet haben. Die wirtschaftliche Macht ist inzwischen in den Händen von so wenigen Menschen konzentriert, die kein Hehl daraus machen, Wechselkurse nach Belieben zu manipulieren. Und ihnen soll die Anerkennung des Geldes als Zahlungsmittel, die Anerkennung der Währung selber, übergeben werden?

Staaten mögen ihre Währungen in der Vergangenheit noch so gründlich manipuliert haben, diese Manipulationen sind doch nichts gegenüber den Manipulationen durch die heutigen Finanzmärkte! Könnte es sein, dass Rudolf Steiner mit seinen Aussagen nicht mehr aktuell ist? Könnte es sein, dass für das Geld die staatliche Verwaltung inzwischen das kleinere Übel darstellt?

Diese Frage kann man sich schon stellen. Bei der näheren Untersuchung der Aussagen Rudolf Steiners wird aber klar, dass sie aktueller sind als sie zunächst den Anschein haben. Er warnt selber immer wieder vor den bevorstehenden Wechselkursschwankungen, macht aber die Wurzel des Übels genau in dieser staatlichen Verwaltung des Geldes aus, die man versucht ist für das kleinere Übel zu halten. Den Grund sieht er darin, dass die staatliche Verwaltung gar nichts anders kann, als dem Geld nur einen Scheinwert zu geben – und dieser Scheinwert ist dann die beste Voraussetzung für Manipulationen aller Art.

Daher spricht Rudolf Steiner in seiner Schrift jedem Staat, sei er auch noch so demokratisch oder modern, die Fähigkeit ab, irgendwas zur Lösung der Währungsfrage beitragen zu können:

«Die Währungsfrage wird niemals ein Staat in befriedigender Art durch Gesetze lösen; gegenwärtige Staaten werden sie nur lösen, wenn sie von ihrer Seite auf die Lösung verzichten und das Nötige dem von ihnen abzusondernden Wirtschaftsorganismus überlassen.»

Währung als Frage der Wirtschaftsverwaltung

Was soll nun die Körperschaften des Wirtschaftlebens eher als die Staaten dazu befähigen, dem Geld einen echten Wert zu geben, so dass es vor Manipulationsversuchen geschützt ist?

Diese Frage lässt sich nicht losgelöst von der Frage der Gestaltung des Wirtschaftslebens behandeln. Genauso wenig, wie sich diese letztere von der Frage der gesunden Beziehung zwischen diesem Wirtschaftsleben und den beiden anderen Gliedern des sozialen Organismus – dem Staat und dem Geistesleben – loslösen lässt.

Wer verstehen will, was Rudolf Steiner über das Geld sagt, der braucht dazu ein Grundverständnis dessen, was Rudolf Steiner unter Dreigliederung des sozialen Organismus versteht. Und das ist die Tragik vieler Praktiker, die sich sonst gerne auf Rudolf Steiner berufen, dass sie die Geldfrage für die einzig praktische Frage halten und jahrelang daran rumpfuschen, dabei aber genau dasjenige ausblenden, was sie zu derem Verständnis brauchen würden.

Wie eng bei Rudolf Steiner die Geldfrage mit der Wirtschaftsfrage verbunden ist, zeigt diese weitere Stelle aus der Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage»:

«Der Geldwert einer Ware wird der Ausdruck dafür sein, daß diese Ware in der den Bedürfnissen entsprechenden Menge durch die Einrichtungen des Wirtschaftsorganismus erzeugt wird. Würden die in dieser Schrift dargelegten Voraussetzungen verwirklicht, so wird im Wirtschaftsorganismus nicht der Impuls ausschlaggebend sein, welcher durch die bloße Menge der Produktion Reichtum ansammeln will, sondern es wird durch die entstehenden und sich in der mannigfaltigsten Art verbindenden Genossenschaften die Gütererzeugung sich den Bedürfnissen anpassen.»

Was den Wert des Geldes ausmacht, ist also die Tatsache, dass man sich damit genau dasjenige leisten kann, was man braucht. Die dafür notwendigen Genossenschaften nennt Rudolf Steiner bei anderen Gelegenheiten Assoziationen. Entscheidend ist hier aber weniger der Name an sich als die Tatsache, dass für ihn die Lösung der Geldfrage unmittelbar mit der Frage der Umgestaltung der gesamten Wirtschaft verbunden ist. Die Geldfrage führt zur Wirtschaftsfrage, zur Frage der Bedürfnisorientierung der Wirtschaft.

Der Geldpraktiker, der glaubt, dass etwas ganz anderes den Wert einer Währung ausmacht, nämlich das Verhältnis zwischen Geldmenge und Geldumlaufgeschwindigkeit, der braucht keine Assoziationen. Als Geldreformer könnte er das Geld in der staatlichen Verwaltung und das Wirtschaftsleben beim Alten lassen. Wenn er doch eine Komplementärwährung nach der anderen in die Welt setzt, dann nur um selber Staat zu spielen. Der Unterschied wird höchstens sein, dass er – anders als der Staat – nicht versuchen wird, die Geldmenge zu erhöhen, sondern stattdessen die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes zu beschleunigen. Mit einem echten Wert des Geldes wird es nichts zu tun haben, umso mehr aber mit den altbekannten Währungsmanipulationen.

Die Einführung einer absoluten Währung, einer Währung, die sich nicht mehr manipulieren lässt, ist bei Rudolf Steiner untrennbar verbunden mit einer assoziativen Gestaltung der Wirtschaft. Und die Wirksamkeit dieser assoziativen Gestaltung der Wirtschaft ist wiederum untrennbar damit verbunden, dass nicht mehr alles käuflich sein kann, was heute noch käuflich ist.

In der Vortragnachschrift, die der Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage» zugrunde liegt, heisst es: «Das Geld […] ist ebensowahr in einem gesunden Organismus Ware, wie die Arbeitskraft nicht Ware ist.» Wer sich mit der Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage» vertraut macht, kann diesen Satz wie folgt ergänzen: Das Geld ist ebensowahr in einem gesunden sozialen Organismus Ware, wie die Arbeit und das Kapital – inklusive Grund und Boden als Produktionsmittel – nicht Ware sind. Arbeit und Kapital können insofern keine Waren sein, als auch die assoziativste Wirtschaft ihren Wert nicht ermitteln kann. Ermitteln kann sie nur den Wert derjenigen Waren, die mithilfe von Arbeit und Kapital erzeugt werden. Der Wert von Arbeit und Kapital an sich ist dagegen rein spekulativer Natur und muss den Wert jeder Währung fälschen, wenn er gegen Waren getauscht wird.

Rudolf Steiner betont immer wieder, dass die Geldfrage nicht gelöst werden kann, solange Arbeit und Kapital wie Waren behandelt werden.

Bezüglich der Arbeit beschreibt Rudolf Steiner wie Lohnkämpfe zu einer Lohn-Preis-Spirale führen. Trotz Lohnerhöhungen können sich Arbeitnehmer doch nicht dasjenige leisten, was sie brauchen. Die Lohnerhöhungen werden nämlich durch Preiserhöhungen aufgefressen. Um trotz der Preiserhöhungen einen Produktionsrückgang und damit höhere Produktionskosten zu vermeiden, verkaufen die Kartelle im Ausland unter Preis, was den dortigen Produzenten massiv schadet und zu internationalen Konflikten führt.

Bezüglich des Kapitals setzt Rudolf Steiner auseinander, wie es in Deutschland schon 1914, also vor dem Ersten Weltkrieg, zu einer Überbewertung gekommen ist. Neue Emissionen hätten das tatsächlich ersparte Kapital schon damals um das Zweifache überstiegen. Und wie bei der Lohn-Preis-Spirale führt es Rudolf Steiner ausdrücklich darauf zurück, dass die Geldfrage nicht richtig gelöst worden sei.

Der Praktiker, der also glaubt, dass eine assoziative Wirtschaft zu richtigen Preisen führen kann, völlig unabhängig davon, wie sonst Arbeit und Kapital behandelt werden, der gleicht demjenigen, der trotz scharfer Brille gegen die Wand fährt, weil er eine Sonnenbrille gebraucht hätte, um nicht geblendet zu werden.

Arbeit und Kapital hören erst auf, die Preise und damit die Währung zu stören, wenn sie selber keinen Preis mehr haben. Die Arbeitsfrage wird nur der Staat durch Gesetze in befriedigender Weise lösen. Um zu betonen, dass es ihm um dasjenige geht, was sich durch Gesetze lösen lässt, vermeidet Rudolf Steiner oft den Ausdruck Staat, mit dem die meisten sonst noch allerlei verbinden und spricht stattdessen lieber von Rechtsleben. Die Zirkulation des Kapitals soll an die individuellen Fähigkeiten gebunden werden und damit einer dritten Verwaltung überantwortet werden, die Rudolf Steiner Geistesleben nennt.

Exkurs: Von der Goldwährung zur wandelnden Buchführung

Was ich bis jetzt ausgeführt habe, müsste eigentlich reichen, um sich zu überzeugen, dass Rudolf Steiner auf die noch zu bildende Selbstverwaltung des Wirtschaftslebens setzt, um die Währungsfrage zu lösen. Dass das Geld von Staaten verwaltet wird, hält er für nicht mehr zeitgemäß. Und doch trifft man in der Literatur zur sozialen Dreigliederung, die sich ausdrücklich auf Rudolf Steiner beruft, immer wieder auf die Behauptung, Geld sei ein Recht oder das Geld gehöre ins Rechtsleben.

In den meisten Fällen lässt sich eine solche Behauptung nur dann in den Mund Rudolf Steiners legen, wenn man Nachschriften von Vorträgen nutzt, wo dieser darauf verzichtet, seine eigene Ansicht zum Geld herauszuarbeiten. Dort kritisiert er einerseits die naive Vorstellung, Geld würde arbeiten, distanziert sich aber gleichzeitig mehr oder weniger deutlich von den zwei damals konkurrierenden wissenschaftlichen Ansichten über das Geld, dem Nominalismus und dem Metallismus.

Gegenüber der Behauptung, das eigene Geld würde für einen selbst arbeiten, betont Rudolf Steiner, dass das Geld doch vom Staat abgestempelt werde und damit für das Recht stehe, andere Menschen zu zwingen, für einen selbst zu arbeiten. Rudolf Steiner geht es aber hier erstmal darum, dass man überhaupt anfängt, sich für das Schicksal seiner Mitmenschen zu interessieren. Das Geld könne nicht arbeiten, sondern nur Menschen. Daraus zu folgern, dass das Geld weiterhin vom Staat abgestempelt werden sollte, wäre aber ein Kurzschluss. Nicht umsonst heisst es bei Rudolf Steiner: «Der gesunde soziale Organismus wird das Geld jedes Rechtscharakters entkleiden».

Wer Waren – statt gegen Waren – gegen Geld tauscht, hat damit einen Vertrag mit der gesamten Wirtschaftsverwaltung geschlossen. Nicht der Staat, sondern die Wirtschaftsverwaltung ist eine Verbindlichkeit ihm gegenüber eingegangen. Die Wirtschaftsverwaltung hat nun ihren Teil des Vertrages zu erfüllen, nämlich dass er mit diesem Geld Waren aus dem Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens beziehen kann. Nur insofern spielt das Recht in das Geld hinein, als beide Vertragspartner den von ihnen geschlossenen Vertrag zu erfüllen haben. Das gilt genauso, wenn der Vertrag bloss darin besteht, dass Ware gegen Ware getauscht wird. In diesem Sinne gilt es aber bei jedem anderen Vertrag auch. Es heisst weder, dass der Staat zum Vertragspartner wird und selber für die Verbindlichkeit einstehen kann, noch dass er einen Einfluss auf den konkreten Inhalt des Vertrages – auf die Höhe der Verbindlichkeit – nehmen kann. Ob sich der Wert des Geldes wirklich halten lässt, das wird allein von der Zweckmässigkeit der Wirtschaftsverwaltung abhängen. Das Rechtsleben selber kann nur Gesetze beschliessen, aber keine Verträge schliessen. Konkrete Verbindlichkeiten lassen sich nur im Wirtschaftsleben eingehen, während das Rechstsleben mit seinen Gesetzen nur auf Eventualitäten hin arbeiten kann.

Warum gibt es aber in den Vortragsnachschriften Stellen, wo Rudolf Steiner meint, das Geld dürfe keine Ware sein? Daraus zu folgern, das Geld müsse also ein Recht sein, ist schon wieder ein Kurzschluss, der nur zeigt, wie man selbst doch immer wieder in ein altes Denken zurückfällt. Aber die Frage bleibt. Warum sagt Rudolf Steiner einerseits, in einem gesunden Organismus sei das Geld Ware, um in anderen Zusammenhängen zu behaupten, das Geld dürfe keine Ware sein?

Die Behauptung, Geld dürfe keine Ware sein, bezieht sich darauf, dass es in einem gesunden sozialen Organismus keiner zusätzlichen Ware bedarf, um den Wert des Geldes zu decken. Dies wurde nämlich nicht nur zur Zeit Rudolf Steiners, sondern bis 1971 zwischen den meisten Staaten so praktiziert, dass die eigene Währung oder wenigstens die Leitwährung durch eine entsprechende Menge Gold gedeckt wurde. Diese Goldwährung – oder genauer gesagt, diese durch Gold gedeckte Währung – sollte das Vertrauen zwischen den Staaten und damit den internationalen Warenaustausch ermöglichen. Diese Goldwährung lehnt Rudolf Steiner deswegen ab, weil diese zusätzliche Ware den Wert des Geldes verzerren kann, je nach dem wie stark sie selber produziert und nachgefragt wird. Als Wertmesser sollte das Geld aber möglichst verlässlich sein.

Rudolf Steiner lehnt also einerseits den Nominalismus, die staatlich gedeckte Währung ab, die durch ihren Wertverlust, die sogenannte Inflation, doch zeigt, dass sie nur den Betrug deckt. Er lehnt aber auch andererseits den Metallismus ab, das heisst eine Währung, die durch eine andere zusätzliche Ware gedeckt ist, weil ihr Wert dann mit dem Wert dieser Ware schwanken kann. Die Währung, das Geld soll allein für Waren stehen, bloss eine wandelnde Buchführung sein. In diesem Sinne ist das Geld eine Ware insofern es für Waren steht, und keine Ware insofern es selber nicht konsumiert werden soll. Ein Recht – im Sinne eines gesetzlichen Zahlungsmittels – wird das Geld in einem gesunden sozialen Organismus dagegen niemals sein können.

Das Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens

Von einer solchen wandelnden Buchführung als absoluter Währung verspricht sich Rudolf Steiner, dass sie in sich das Potenzial hat, sich über die ganze Erde zu verbreiten. Er ist natürlich nicht so naiv zu glauben, dass die damals weltweit führende Volkswirtschaft diese Währung übernehmen würde. Er betont stattdessen, dass im internationalen Austausch die Goldwährung erst einmal maßgeblich bleiben würde – so wie sich der Dollar noch heute als Leitwährung weiter behauptet, weil jeder Wirtschaftende, der Erdöl braucht, auf Dollar angewiesen ist.

Wenn aber Staaten auf die Verwaltung ihrer Währungen zugunsten der Körperschaften des Wirtschaftslebens verzichten, spricht nichts gegen ein Zusammengehen dieser Währungen. Rudolf Steiner meint es ernst, wenn er davon spricht, dass Geld im gesunden sozialen Organismus nichts anderes sei, als eine Anweisung auf Waren die man aus dem \emph{Gesamtgebiet des Wirtschaftslebens} beziehen könne. Dieses wirtschaftliche Gebiet unterscheidet sich nicht nur funktional vom Staatsgebiet, sondern es kann sich auch geographisch vom Staatsgebiet unterscheiden. Es braucht nur an verschiedenen Stellen in der Welt die Dreigliederung des sozialen Organismus soweit gebracht worden zu sein, dass – wie weiter oben erwähnt – sowohl Arbeit als Kapital keine Waren mehr sind und Geld nur noch gegen Waren getauscht wird. Dann können solche Gebiete problemlos dieselbe Währung benutzen.

Europäische Staaten haben die letzten Jahre versucht, ihre Währungen zusammenzuführen, in der Hoffnung sich gemeinsam besser gegen andere führende Währungen behaupten zu können. Der Konkurrenzkampf der Staaten, der laut Rudolf Steiner zur Abwertung des Geldes im einzelnen geführt hat, wurde also nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Und innerhalb dieser Währungsunion entfiel auch noch die Möglichkeit, sowohl Exportüberschüsse wie Importüberschüsse durch Auf- beziehungsweise Abwertungen der eigenen Währung entgegenzuwirken. Im Ergebnis können sich inzwischen in Europa Millionen von Menschen noch weniger als zuvor dasjenige leisten, was sie brauchen.

Es wäre Zeit zu merken, dass wir von falschen Voraussetzungen ausgegangen sind und zu erkennen, wie wir die wahren Grundlagen für eine gemeinsame Währung schaffen könnten. Entkleiden wir das Geld seines Rechtscharakters, dann kann es seinen Weltcharakter zur Geltung bringen. Dadurch würden wir unseren Beitrag dazu leisten, dass die Erde – wirtschaftlich gesehen – zu einem Ganzen zusammenwachsen kann.

Es heisst nicht, dass Waren frei zirkulieren sollen. Zölle sollen aber nicht mehr die Staaten, sondern die Körperschaften des Wirtschaftslebens erheben. Solche Auf- und Abschläge auf die Preise einzelner Produkte haben den Vorteil, dass ganz gezielt bestimmten wirtschaftlichen Schäden entgegengewirkt werden kann, statt sich auf Wechselkursschwankungen zu verlassen, die nicht anders können, als nach dem Rasenmäherprinzip zu funktionieren.

Ausblick

Es wurde dargestellt, dass das Geld erst dann anfangen kann, die Wahrheit über das Wirtschaftsleben zu sagen, wenn es gelingt, dass Arbeit und Kapital selber keinen Preis mehr haben, sondern erst die Waren, die mithilfe von Arbeit und Kapital erzeugt werden. Wenn alles käuflich ist, dann spinnt das Geld.

Was die Arbeit mit dem Rechtsleben und was das Kapital mit dem Geistesleben zu tun haben, wurde nicht näher auseinandergesetzt. Es wurde auch nicht näher darauf eingegangen, wie das Wirtschaftsleben dafür sorgen soll, dass es dasjenige, was käuflich sein kann, zu Preisen zu kaufen gibt, die bezahlbar sind. Viel mehr als der Hinweis auf die Notwendigkeit von Assoziationen wurde nicht gegeben. Der Schwerpunkt der Darstellung sollte nämlich auf dem Geld selbst liegen.

Vom Geld wurde aber bisher nur in seiner Funktion als Kaufgeld gesprochen. Davon unterscheidet aber Rudolf Steiner noch das Geld in seiner Funktion als Leihgeld und als Schenkungsgeld. Das Besondere dieser beiden anderen Funktionen soll in einer weiteren Broschüre ausgearbeitet werden.

Nur vielleicht so viel als Vorausblick:

Bei dem Kaufgeld ging es in erster Linie darum, dass Rechtsleben und Geistesleben aus dem Wirtschaftsleben heraus müssen, damit die Geldfrage vom Wirtschaftsleben selber gelöst werden kann. Beim Leihgeld und Schenkungsgeld geht es umgekehrt darum, dass sich das Rechtsleben und das Geistesleben richtig, nämlich von aussen, auf das vom Wirtschaftsleben verwaltete Geld auswirken können. Diese Auswirkung erfordert aber eine Befristung des Geldes.

Solange dieser Zusammenhang nicht klar ist, wird man einzelne Äusserungen von Rudolf Steiner immer so missdeuten können, dass er die Verwaltung des Geldes nicht dem Wirtschaftsleben, sondern dem Rechtsleben – oder gar dem Geistesleben – überantworten will.

Sylvain Coiplet, 14.08.2017