Toleranz: Das Paradoxon von Freiheit und Individualisierung

02.06.2015

Aus dem Englischen von Ariane Eisenhut und Lydia Fechner. Der Artikel ist erstmals erschienen in der Zeitschrift Die Drei, Ausgabe 6/2015, und kann hier auch als PDF heruntergeladen werden.

Der US-amerikanische Autor Nathaniel Williams arbeitet vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise der westlichen Gesellschaften mit ihrem einseitig verstandenen Individualismus die Wurzeln des amerikanischen Freiheitsideals heraus. Dabei zeigt sich, wie eine Besinnung auf das Ideal der Toleranz zu einem neuen Bewusstsein für die Möglichkeiten einer freien Bildungslandschaft führen kann, die ganz auf das Individuum baut. Nur dadurch kann der Egoismus als Zerrbild der Freiheit durch Solidarität und Vertrauen in die tieferliegenden Kräfte im Menschen überwunden werden.

... And I don’t know a soul who’s not been batteredI don’t have a friend who feels at easeI don’t know a dream that’s not been shattered or driven to its kneesBut it’s all right, it’s all rightWe’ve lived so well so longStill, when I think of the roadwe’re traveling onI wonder what went wrongI can’t help it, I wonder what went wrong

And I dreamed I was dyingAnd I dreamed that my soul rose unexpectedlyAnd looking back down at meSmiled reassuringlyAnd I dreamed I was flyingAnd high up above my eyes could clearly seeThe Statue of LibertySailing away to seaAnd I dreamed I was flying

We come on the ship they call the MayflowerWe come on the ship that sailed the moonWe come in the age’s most uncertain hourand sing an American tuneBut it’s all right, it’s all rightYou can’t be forever blessedStill, tomorrow’s going to be another working dayAnd I’m trying to get some restThat’s all I’m trying to get some restPaul Simon/American Tune

... Und ich kenne keine einzge Seele, die nicht ramponiert ist/ich habe nicht einen Freund, dem es gut geht/ich weiß nicht einen Traum, der nicht zerbrochen ist/oder in die Knie gegangen/Aber es ist in Ordnung, es ist in Ordnung/denn wir lebten so lange so gut/Dennoch, wenn ich an den Weg denke/ auf dem wir unterwegs sind/ich frage mich, was schief gelaufen ist/ Ich kann mir nicht helfen, ich frage mich, was schief gelaufen ist//Und ich träumte, ich würde sterben/ich träumte, dass meine Seele unerwartet aufsteigt/Und zurückblickend auf mich /herablächelt, beruhigend/Und ich träumte, ich flöge/Und hoch über meinen Augen deutlich sehen konnte/Die Freiheitsstatue/ Segelnd hinweg zum Meer/ Und ich träumte, ich flöge// Wir kommen auf dem Schiff, das sie Mayflower nennen/ wir kommen auf dem Schiff, das den Mond ersegelte/wir kommen in der unsichersten Stunde des Zeitalters/und singen eine amerikanische Melodie/Aber es ist in Ordnung ist, es ist in Ordnung/sie können nicht ewig gesegnet sein/Dennoch, morgen wird ein neuer Arbeitstag sein/und ich versuche, etwas Ruhe zu bekommen/das ist alles, was ich versuche, etwas Ruhe zu bekommen (Übersetzung: Lydia Fechner).

Diese melancholischen Zeilen schrieb Paul Simon in den frühen 70er Jahren. Martin Luther King jr. und John F. Kennedy waren ermordet worden, der Vietnamkrieg endete und der Watergate-Skandal begann. In diesen Jahren kam es in Frankreich zu massiven Unruhen und Streiks, die Angst vor einem möglichen weltweiten Atomkrieg lauerte am Rande des Bewusstseins. Bei Woodstock, New York, spielte sich das legendäre Kulturund Musikfestival ab. In Frankreich wurde inmitten von Studentenprotesten und Aufständen die Zeitschrift Charlie Hebdo gegründet. Viele jüngere Menschen hinterfragten leidenschaftlich die »Weisheit« der etablierten Lebensformen, und die unausgesprochenen Glaubensgrundsätze der Vergangenheit verloren an Respekt. Verehrte Führungsfiguren und Helden wurden hinterfragt und lächerlich gemacht.

Der hohe Grad an individueller Autonomie, den viele junge Leute genossen, war ein einzigartiges Erbe, ebenso wie das Recht auf Widerstand. Sie machten Gebrauch von Rechten, die eine Gesellschaft für sie bewahrt hatte, der sie zutiefst misstrauten, gegen die sie protestierten. Und so waren sie in Wirklichkeit mit manchen negativen Zügen derselben inniger verbunden als sie ahnten.[1]

Die Freiheitsstatue, die aufs Meer hinaussegelte...

In der Tat sind die Forderungen eines Aufklärungsidealismus, der die möglichst ungehinderte Entfaltung der Individualität rühmt, für viele, die die tiefe Unzulänglichkeit des gegenwärtigen Lebens empfinden, nicht leicht zu schlucken. So fassten Soziologen in den USA kürzlich eine auf fünf Jahre angelegte Studie zu gegenwärtigen Ängsten vor den Idealen der Aufklärung und des Individualismus folgendermaßen zusammen:

»Eine Aufklärungs- und Freiheitsbewegung, die uns von Aberglauben und Tyrannei hätte befreien sollen, hat uns im 20. Jahrhundert zu einer Welt geführt, in der ideologischer Fanatismus und politische Unterdrückung Extreme bisher unbekannten Ausmaßes erreicht haben. Die Wissenschaft, die uns die Schätze der Natur erschließen sollte, hat uns die Macht verliehen, alles Leben auf der Erde zu vernichten. Der Fortschritt, die Lieblingsidee der Moderne, erscheint weniger bezwingend, wenn sich herausstellt, dass es ein Fortschritt in den Abgrund sein könnte. Und der Globus spaltet sich in eine liberale Welt, die so widersprüchlich ist, dass sie die Bedeutung ihrer eigenen Ideale zu verlieren scheint, ein archaisches, kommunistisches Unterdrückungsstaatswesen und eine arme, oft tyrannische Dritte Welt, welche die Errungenschaften der Moderne selbst anstrebt.«[2]

Für Bellah und seine Mitarbeiter wird die moderne Welt »so widersprüchlich«, »dass sie die Bedeutung ihrer eigenen Ideale zu verlieren scheint« – ein Echo auf Paul Simons Imagination, »And high up above my eyes could clearly see/ The Statue of Liberty/ Sailing away to sea«. Tatsächlich muss man, um dies zu bemerken, nicht lange suchen oder Hunderte von Menschen befragen. Das irrationale, den eigenen Idealen widersprechende Misstrauen gegenüber dem hohen Wert der Redefreiheit in den USA äußert sich gerade jetzt, wo das größte Überwachungsnetzwerk der Menschheitsgeschichte konstruiert wird. 2013 wurden über 500 Schriftsteller in den USA zu ihren Recherchenund Schreibpraktiken seit dem öffentlichen Bekanntwerden der Staatsüberwachung befragt. Die Zusammenfassung war: »Die Ergebnisse dieser Umfrage ... untermauern [unsere] Bedenken: Die Schriftsteller sind nicht nur in überwältigendem Ausmaß besorgt über die Überwachung der Regierung, sondern beginnen, sich als Ergebnis derselben, selbst zu zensieren.«[3]

Man könnte ebenso gut auf die mit der eigenen Gesellschaft im Widerspruch stehende Tendenz zu oligarchischen Verhältnissen in den USA hinweisen, wo »in Hunderten jüngst geschehener Fälle« Interessengruppen wohlhabender Bürger selbst Gesetze schrieben, um ihre eigenen Unternehmen[4] oder die Finanzierung von politischen Kampagnen zu begünstigen. Bemerkenswert dabei ist der freizügige und zusammenhanglose Stil einer Tyrannei, eines pervertierten Gipfels der Freiheit, in dem jegliches Interesse am Schutz der Freiheit anderer[5] in der Obsession von Nationalismus und Sicherheit untergeht. Ebenso kommen die Erosion der Mittelschicht[6] und das Anhäufen von Kapital von einer kleinen Gruppe von Menschen, die dieses weder fruchtbar machen noch integer handhaben können, mehr und mehr ans Licht. Gleichzeitig wird eine unfassbare Menge an Nahrungsmitteln weggeworfen, und zwar nicht, weil es keine hart arbeitenden und hungrigen Menschen gäbe, sondern weil diese die Nahrungsmittel ohne Lebensmittelmarken[7] nicht legal vor dem Ablaufdatum erhalten können. Eine Tatsache, die das Gewissen all derer belastet, die empfinden, »dass ja die Erde an Fruchtbarkeit in keinem Zeitalter den Menschen das, was sie geben kann, vorzuenthalten in der Lage ist, wenn die Menschen nur jene sozialen Gestaltungen finden, durch die das, was die Erde geben kann, in der richtigen Weise in diese sozialen Gestaltungen hineinfließen und innerhalb dieser sozialen Gestaltungen erarbeitet werden kann.«[8]

Sind diese Gesellschaft und ihre Ideale nachahmenswert? Nicht nur die selbsternannten Feinde des westlichen Individualismus haben ihre Abgründe geahnt:

»Ich erblicke eine Menge einander gleichgestellter, ebenbürtiger Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller anderen fremd gegenüber ... Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen ...«[9]

Das sind Worte aus der 1835 verfassten klassischen Studie zur amerikanischen Demokratie von Alexis de Tocqueville, einem Bewunderer und Liebhaber des demokratischen, freien Geistes. Ihn bedrückte diese Vision eines möglichen zukünftigen oberflächlichen Individualismus und einer oberflächlichen Toleranz, die schlicht auf Dumpfheit gegenüber Nachbarn und Mangel an Eigeninitiative beruhen.

Wenn wir die Freiheit nicht fruchtbar machen können, außer in einem engen, erbärmlichen Sinn, sind wir selbst die Unglücklichen. Unsere einzige Möglichkeit, Angriffe auf die besseren Seiten des westlichen politischen Denkens abzuwehren, sind dann Gewalt und Propaganda. Wenn sich unsere Gesellschaft auf dem Weg zu Leere, Konsum und Narzissmus befindet, kann keine Armee der Welt sie sichern.

Diese Überlegungen sind vor dem Hintergrund der Morde in Frankreich Anfang des Jahres gewiss dringlich. Vergossenes Blut zieht immer Aufmerksamkeit auf sich, doch dieses Jahr waren es die Motive, die Ermordeten und der Ort selbst, die uns empfindlich berührten. Im Januar griffen Islamisten Menschen bei Charlie Hebdo tödlich an. In aller Welt wurden Bilder gezeigt, auf Bildschirmen und Papier, die Blut auf französischem Boden zeigten – und dann denselben Boden bedeckt von Millionen Füßen. Marschierende, die ihre Haltung zum Ausdruck bringen wollten. Sie protestierten mit Schildern und Liedern gegen Intoleranz, sie verkörperten Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und Gedankenfreiheit.

Doch wozu diese Freiheit? Sind die sozialen Früchte der Freiheit überhaupt noch zu erwarten? Sind diese Ideale vielleicht selbst selbstzerstörerisch?

Echte Toleranz und die Entstaatlichung der Kultur

Möglicherweise ist das Denken über die Freiheit noch nicht ausgereift. Das wäre keine Überraschung, wurde das Individuum doch oft in seiner paradoxen Natur gesehen, als Zusammentreffen von Extremen:

»Abgesehen davon, dass Zwang und Beherrschung niemals Tugend hervorbringen, schwächen sie auch noch die Kraft. Was sind aber Sitten ohne moralische Stärke und Tugend? Ferner, wie groß auch das Übel des Sittenverderbnisses sein mag, so dürfen wir nicht vergessen, dass es auch der heilsamen Folgen nicht ermangelt. Nur durch die Extreme können die Menschen zum mittleren Pfad von Weisheit und Tugend gelangen.«[10]

Die subtilen Absichten, die Ethik, Überzeugung und Denken gestalten, sind eine heikle Angelegenheit (wie auch die o.g. Befragung von Schriftstellern nahelegt). Jene Epoche der Entstaatlichung, die Thomas Jefferson mit der Trennung von Staat und Kirche vor beinahe 200 Jahren in den USA einleitete, war ein Akt des Glaubens an diesen am wenigsten regulierten Bereich der Zivilgesellschaft. Es war Glaube an den menschlichen Geist. Jefferson sah, dass die Verbindung von Staat und spiritueller Kultur letztere korrumpierte. Die Subventionierung durch Steuern und die dadurch bewirkte scheinbare Legitimität der Staatskirchen würden die Wahrheit entkräften. Eine mit dem Staat verbundene Kirche hat Zwang und Gesetz als Helfer, nicht nur die freiwillige Einsicht des Einzelnen. Allerdings beschreibt Jefferson auch die Hinneigung jüngerer Generationen zur orthodoxen und etablierten Kirche, die auf sanktioniertem Ansehen und garantiertem Lebensunterhalt beruhe. Er hielt letzteren für ebenso korrumpierend wie Steuern, da beide nicht freiwillig seien. Solange der Klerus einen garantierten Lebensunterhalt vom Staat erhielte, würde das Band der Solidarität, das den Klerus mit der Gemeinde verbinde, geschwächt. Es bestünde keine Notwendigkeit mehr, jeden Menschen aufzufordern, freiwillig seine »Gaben demjenigen Pastor zu geben, dessen moralische Überzeugung er sich zum Vorbild nimmt und dessen Rechtschaffenheit er am überzeugendsten findet.«[11]

Gegenwärtig verbindet man Freiheit in den USA mit der Deregulierung von Arbeitsgesetzen, Privatisierung und den damit verknüpften finanziellen Interessen von Händlern und Unternehmen. Ursprünglich wurden Freiheit, Wahrheit und ethische Qualitäten jedoch weder primär im Staat noch im Bereich des Marktes wahrgenommen, sondern im sogenannten dritten Sektor, der Zivilgesellschaft, die »Sozialleistungen hervorbringt durch private, freiwillige Anstrengungen.«[12] Diese »Sozialleistungen« sind sicherlich nicht nur Güter und Dienstleistungen, sondern soziale, ethische Kräfte. Die Aktivitäten im freiwilligen Sektor bergen ein nicht zu unterschätzendes Potenzial.

Wenn Freiheit und Individualität eine Quelle sind, »die erhabenen Gedanken eine starke Richtung verleiht, die Gefühle erhebt und Bindungen stärkt, die jedes Individuum mit der Rasse verbinden, indem sie die Rasse unendlich viel würdiger machen, ihr anzugehören«,[13] und wenn sie eine Quelle der »Kraft [sind], vielleicht etwas wild, aber robust, und ein Leben, von Missgeschicken bedroht, jedoch voller Streben und Lebendigkeit« geben,[14] oder – wie es ein anderer Verfechter des Individualismus ausdrückte – »[e]ine Geistesanschauung, die in die Wesenheit des Menschen eindringt, findet da Antriebe zum Handeln, die unmittelbar im sittlichen Sinne gut sind. Denn der Trieb zum Bösen entsteht im Menschen nur dadurch, dass er in seinen Gedanken und Empfindungen die Tiefen seines Wesens zum Schweigen bringt. Werden daher die sozialen Ideen durch die hier gemeinte Geistesanschauung gewonnen, so müssen sie ihrer eigenen Natur nach auch sittliche Ideen sein.«[15] – dann müssen wir uns mit Paul Simon wundern: »Still, when I think of the road we’re travelling on / I wonder what went wrong / I can’t help it, I wonder what went wrong.«

Freiheitsphilosophen predigen keine dumpfe Toleranz gegenüber Verschiedenartigkeit und Irritationen im Zusammenleben und keinen immer stärker werdenden Egoismus, sondern wollten wirklich die soziale und ethische Dimension der Seele befreien. Toleranz als Gleichgültigkeit oder nur gegenseitigen Respekt entfremdeter Individuen ist bloß ein Schatten der tieferen Toleranz, die die Freiheit verspricht.

Der relative Mangel an ethischer Fülle, den die Freiheitsphilosophie voraussagte, kann mit mindestens einer entscheidenden Herausforderung in Verbindung gebracht werden. In den Vereinigten Staaten und im größten Teil Europas hat der einflussreichste Zweig des gesellschaftlichen Kulturlebens nie eine Befreiung vom Staat erlebt. Unabhängigkeit in der Erziehung wurde nie verwirklicht. Hier kann keine historische Betrachtung dieser zentralen Stütze der US-amerikanischen Gesellschaft gegeben, sondern nur festgestellt werden, dass, während die Märkte gewachsen sind, viele Orte, die die Gemeinschaften befruchteten und inspirierten, damit nicht Schritt halten konnten. Religiöse Versammlungsorte wie z.B. Kirchen sind seit Jahrzehnten im Niedergang. Dabei ist es eine gesunde Erkenntnis, dass »Schulen durch den strategischen Platz, den sie in der Gesellschaft einnehmen, wirklich zu der Reduzierung – wenn nicht gar Lösung – vieler sozialer Probleme beitragen können.«[16] Staatliche Schulen tendieren grundsätzlich dazu, sich auf das zu beschränken, was alle gemeinsam haben, und das bedeutet oft den kleinsten Nenner der Gemeinsamkeiten der Bevölkerung. Bereiche unterschiedlicher, individueller Moralauffassungen werden ausgeschlossen zugunsten von Effizienz und Leistung als richtungweisende Ideale. In der Tat »kann in der heutigen pluralistischen Gesellschaft das staatliche Erziehungsmonopol nur aufrechterhalten werden, indem die Erziehung ihrer kulturellen und symbolischen Aspekte beraubt wird, d.h. nur durch die Trennung von Moral und Erziehung. Aber ein von Kultur und identitätsstiftenden Symbolen abgespaltenes Wissen ist eine schwache Grundlage für die Ausbildung eines Sinnes für Solidarität und Gemeinschaft in den großen Organisationen, zu denen Schulen, insbesondere städtische Highschools sich entwickelt haben.«[17]

Wenn man »nur durch die Extreme ... zum mittleren Pfad von Weisheit und Tugend gelangen« kann – wer könnte erwarten, diese geistigen, mit Freiheit und wirklichem Pluralismus[18] verbundenen Qualitäten zu erreichen, ohne die Entstaatlichung der Schulen (was nicht dasselbe wie die Abschaffung der Schulpflicht für alle Kinder ist)? Heute gehen nur zehn Prozent der US-amerikanischen Kinder auf freie Schulen. Trotzdem sich viele angesichts eines vom Staat gewährleisteten Rechtes auf Bildung sofort entmutigt fühlen, wenn diese Bildung nicht vom Staat selbst eingefordert werden soll (und aus diesem Grund auch gewinnorientierte Unternehmen herausgehalten werden müssen), ist die Herausforderung zu bewältigen.

Das Paradoxon von Freiheit und Individualisierung ist, dass es letztlich zu einer vertieften Toleranz führt, nicht nur zu einer, die die Extreme von Dummheit und Rohheit kalt erträgt, sondern freiwillige Impulse der Solidarität, Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung anregt. Fanatischer religiöser Konservativismus kann letztlich nur überwunden werden, wenn die Würde des menschlichen Individuums einen Platz in der Gesellschaft hat und sich selbst rechtfertigt durch ethische Fruchtbarkeit und unantastbare Widerstandskraft, »which ever to its sway/Will win the wise at once/And by degrees/May into uncongenial spirits flow.«[19]

In einem Jahrzehnt mit so vielen existenziellen Herausforderungen sollte nicht unterschätzt werden, wie wichtig es ist, für die Entstaatlichung von Schulen zu arbeiten, die allen finanziell zugänglich sind. Die anderen schon genannten Abgründe fordern unsere unmittelbare Aufmerksamkeit, sind aber mit diesem Missstand zutiefst verknüpft. Möglicherweise gibt es heute keinen wichtigeren Ort, die Quellen freiwilliger Zusammenarbeit und Mannigfaltigkeit freizulegen, als Lerngemeinschaften und -netzwerke. Sie versprechen nicht nur eine vertiefte Toleranz, sondern auch das soziale Kapital, das wir benötigen, um den globalen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte ins Auge zu sehen.

Über den Autor:

Nathaniel Williams ist 1979 im Südosten der USA geboren. Er studierte Kunst an der Neuen Kunstschule Basel und lebt heute in New York, wo er an der University of Albany Politische Theorie studiert. Er ist Mitgründer von Free Columbia: www.freecolumbia.org.

Anmerkungen

[1] Theodore Roszak: The Making of a Counter Culture, Oakland 1995.
[2] Robert Bellah et al.: Habits of the Heart, Oakland 1985), S. 277.
[3] http://www.pen.org/chilling-effects
[4] John Nichols: ALEC Exposed, in: The Nation, 1.-8. August 2001.
[5] Sam Levine: Tom Cotton: U.S. Should Be ›Proud‹ Of How It Treats Guantanamo Detainees, in: The Huffington Post 2/9/2015.
[6] Siehe George Packer: The Great Unwinding, Farrar, 2013; Jakob Hacker: The Great Risk Shift, Oxford 2006.
[7] http://www.washingtonpost.com/news/wonkblog/wp/2014/09/23/americans-throw-out-more-food-than-plastic-paper-metal-or-glass/;http://www.feedingamerica.org/hunger-in-america/impact-of-hunger/hunger-and-poverty/hunger-and-poverty-fact-sheet.html;http://www.welt.de/wall-street-journal/article114918996/47-Millionen-US-Buerger-lebenvon-Essensmarken.html
[8] Rudolf Steiner: Westliche und östliche Weltgegensätzlichkeit (GA 83), Dornach 1981, Vortrag vom 7. Juni 1922.
[9] Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, 2. Bd., IV. Teil, 6. Kapitel, Abs. 13 und 14.
[10] Wilhelm v. Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen, 8. Kapitel, S. 36: http://docs.mises.de/Humboldt/Humboldt_Grenzen_des_Staates.pdf
[11] The Life and Selected Writings of Thomas Jefferson The Modern Library 1944, S. 312.
[12] Heinz Dieter-Meyer (Hg.): Education Between States, Markets and Civil Society, Laurens Erlbaum 2001, S. 10.
[13] John Stuart Mill: On Liberty, in: Encyclopedia Britannica 2003, S. 297.
[14] Tocqueville, a.a.O.
[15] Rudolf Steiner: Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915-1921 (GA 24): »Geistesleben, Rechtsordnung, Wirtschaft«, Dornach 1972, S. 118f.
[16] William Lowe Boyd: Education Reform in England and the US, in: Heinz Dieter-Meyer, a.a.O., S. 205.
[17] A.a.O., S. 31.
[18] A.a.O.
[19] Alfred, Lord Tennyson, aus dem Sonnet Mine be the strength of spirit: »... welche für seine Herrschaft/die Weisen sofort gewinnen wird/Und nach und nach/Auf weniger kongeniale Geister übergehen könnte«.