Kollegiale Selbstverwaltung und Dreigliederung

01.02.2015

Was genau verstand Rudolf Steiner unter einer „freien“ Einrichtung?

Nachbearbeitung eines Vortrags für die jährliche Regionaltagung der Hamburger Waldorferzieher vom 07.02.2015 in der Rudolf Steiner Schule Hamburg-Altona.

Sehr verehrte Anwesende,

Wenn man unbefangen auf die sozialen Verhältnisse der Gegenwart hinblickt, und dabei ganz allgemein bleibt, für keine der sich streitenden Kräfte Partei ergreift, kann man doch immerhin so viel feststellen: das soziale Leben zerfällt gegenwärtig in ein Wirrwarr, in ein Chaos sich bekämpfender Kräfte. Mit Entsetzen sehen wir, wie sich in der Ukraine, auf europäischem Boden, Volksgruppen bekämpfen. Im Süden, in Griechenland, Spanien, bald vielleicht auch in Italien sehen wir ökonomische Zustände hereinbrechen, die weite Teile der Bevölkerung verarmen lassen. In breiten Kreisen wird darüber diskutiert, ob diese Länder überhaupt noch zur europäischen Union gehören sollen. Vor wenigen Jahren hätte man solche Zustände noch für undenkbar gehalten. Und so könnte man Beispiel an Beispiel reihen.

Viele Menschen beginnen zu ahnen, dass das erst der Anfang ist, dass das, was wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebten, erst das Wetterleuchten einer sozialen Katastrophe ist, auf die wir zugehen. Junge Deutsche, Engländer und Franzosen reisen nach Syrien, um dort freiwillig die „freiheitlich-demokratische Ordnung“ des Westens zu bekämpfen. Und die Anhänger der „freiheitlich-demokratischen Ordnung“ haben noch gar nicht realisiert, was da geschieht. Da wird immer noch über den Islam diskutiert, dabei hat das mit Religion nicht das Geringste zu tun. Bei Osama Bin Laden konnte man noch mit gewissem Recht einen Zusammenhang zur Religion sehen, obwohl das eigentlich auch nicht mehr stimmte, aber hier spricht nun wirklich etwas ganz anderes, wofür der Islam nur eine Maske ist. Das hier ist die Stimme von Menschen, die durchaus im Westen sozialisiert wurden, selbst wenn sie nicht alle extra aus dem Westen eingereist sind, die aber doch auch Zöglinge der westlichen Weltkultur sind. Und diejenigen, die extra in den Krieg gereist sind, haben vielleicht gerade dadurch, dass sie vielfach als Migranten nach Europa gekommen waren, das europäische System konkreter kennengelernt als manche Alteingesessene. Sie konnten aber offensichtlich in diesem System nichts finden, das sie erfüllt, im Gegenteil, die freiheitliche Ordnung war gerade gut genug dafür, den Hass dieser jungen Menschen auf alles Individuelle, auf alles Freiheitliche zu einer dunklen, aber doch wirklichen Kraftquelle werden zu lassen. Hier spricht eben nicht ein bestimmter kultureller Inhalt, eine Religion, sondern hier spricht die Absage an alle Kultur, die Absage an den Menschen als solchen.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die Frage der Reaktion, die Frage, wie wir uns den Herausforderungen unserer Zeit stellen können. Und da gibt es auch wieder die verschiedensten Lager. Die gröbste, die plumpeste Form der Reaktion besteht darin, ein Feindbild zu suchen, den Bösen, der das alles zu verantworten hat, und den man folglich nur loszuwerden braucht. Das sehen wir zum Beispiel in Griechenland und Spanien, wie da insbesondere auf Grund des Hasses gegen Deutschland eine nationale Einheit erzeugt wird. Vielleicht haben Sie das ja verfolgt, da wird ja inzwischen sogar ganz offen im Wahlkampf gegen das „Merkel-Imperium“ polemisiert. Dasselbe natürlich auch in Deutschland, weg mit den Pleite-Griechen, raus aus dem Euro. Oder denken Sie an die Pegida. Also, auf der einen Seite werden alte, längst überwunden geglaubte Gespenster wach. Dann gibt es aber auch immer mehr Menschen, die weiter denken, die sich sagen: es gibt gar nicht die schuldige Person oder das schuldige Volk. Jeder von uns ist schuldig, auch ich bin schuldig, denn wir stecken alle in den Verhältnissen drinnen und gestalten sie mit. Uns fehlt aber eine Idee dafür, wie wir unser Zusammenleben menschenwürdig gestalten können. Und nach solchen Ideen, die nicht nur das persönliche oder das volksmäßige Interesse beinhalten, sondern den Menschen als solchen umschließen können, sucht man. Das ist auch ein Zeitphänomen. Immer mehr Menschen denken gar nicht rassistisch oder nationalistisch, sondern immer mehr Menschen suchen etwas Allgemein-Menschliches, etwas Soziales, das wirklich jeden Menschen meint. Und darauf möchte ich jetzt Ihre Aufmerksamkeit lenken, denn man erkennt den Irrtum oft am besten, wenn man ihn dort beobachtet, wo auch eine Wahrheit ist, wo gerade etwas Schönes und Gutes wirken will. Wenn man sich nämlich gerade diese wirklich ehrliche soziale Strömung der Gegenwart genauer ansieht, dann entdeckt man, dass sie, zwar nicht in Gedanken, aber dann in der Praxis, etwas mit dem Nationalismus teilt, dass sie im entscheidenden Punkt sogar zusammenfällt mit dem Wesen des Nationalismus.

Das können wir bemerken, wenn wir wiederum nur ganz äußerlich, nur beschreibend auf die sozialen Initiativen der Gegenwart hinsehen. Es spielt keine Rolle, ob Sie da an das bedingungslose Grundeinkommen denken, oder an Attac, oder an irgendetwas anderes, denn aller sozialer Aktivismus der Gegenwart hat eine Sache gemein. Wie gehen wir nämlich als sozial denkende Menschen heute vor? Nun, zunächst bringt der Idealismus einen Kreis von Menschen zusammen, die eben den selben Idealismus haben. Man trifft sich, gründet vielleicht einen Verein, und dann denkt man zusammen. Man denkt sich was aus für das Zusammenleben der Menschen, eine soziale Idee. Wie gesagt, es ist mir gleich, woran Sie dabei denken, Sie können das Grundeinkommen nehmen, die Finanztransaktionssteuer, oder die soziale Dreigliederung. Auf den Inhalt kommt es mit jetzt nicht an, sondern auf den Prozess. Also, man denkt etwas, und dann hat man im Ergebnis eine Idee, die man für eine soziale Idee hält. Aber davon hat man ja noch nicht viel, die existiert ja nur im Kopf. Jetzt muss also das, was man da im Kopf hat, außer dem, dass es im Kopf ist, auch eine Wirklichkeit sein. Was aber heisst das? Das heisst, die Idee muss heraus aus dem Kopf und in irgendeiner Weise zwischen uns hier im Raum da sein, und zwar so, dass wir das Handeln des Einzelnen, sofern er sozial handelt, uns bewirkt denken können durch die Idee. Die Idee setzt sich dann gewissermaßen in das Handeln des Einzelnen hinein fort, so dass wir auch sagen können, das Handeln sei die Wirkung der Idee. Und wie macht man das? Man muss die Idee „einführen“. Was aber bedeutet das eigentlich, eine Idee „einführen“? Das heisst, man trägt die Idee zu demjenigen, der das Gewaltmonopol hat, also zum Staat. Der muss diese Idee vertreten. Dann kann nämlich derjenige, der im Sinne dieser Idee handelt, belohnt werden, und derjenige, der dagegen handelt, bestraft werden. Dazu muss der Staat natürlich auch die Idee interpretieren. Dann geht er hin, und belohnt, wer im Sinne der Idee handelt, und bestraft, wer in einem anderen Sinn handelt. Das heisst, das Bindeglied von Mensch zu Mensch, dasjenige, was sozialisiert, das ist der Zwang, die physische Gewalt. Das ist dann die „Wirklichkeit“ dessen, was man als sozialen Idealismus im Kopf hatte.

Die soziale Idee wird Wirklichkeit dadurch, dass sie in ihr Gegenteil umschlägt, dass sie das Individuum negiert. Ich will jetzt nicht darüber theoretisieren, ob Zwang auch manchmal sein Gutes hat, sondern ich wollte Sie darauf aufmerksam machen, dass alles soziales Denken in dem Augenblick, da es Wirklichkeit wird, umschlägt in sein Gegenteil. Und dagegen muss der Mensch sich wehren, dagegen muss er revoltieren. Die Grünen haben es ja erlebt, als sie ihren Vegetarier-Tag einführen wollten. Das war ein PR-Desaster, nicht weil der Vegetarismus etwas schlechtes ist, sondern weil die Menschen Ideen nicht annehmen möchten, wenn sie sich mit dem Gewaltmonopol verbinden. Das ist ein harmloses Beispiel für das, was im Augenblick grundsätzlich geschieht. Meistens geschieht es noch gar nicht bewusst. Auch da, wo Menschen scheinbar die Ideen mitmachen, entwickelt sich doch in den Instinkten etwas, das sich gegen den Zwang wehrt, das sich dann unbewusst gegen die gute Idee richtet, bis es irgendwann herausbricht. Wer dafür ein Auge hat, kann das jetzt überall wahrnehmen, in den Nuancen, in den Färbungen der Gedanken. Überlegen Sie mal, was das bedeutet. Das bedeutet, dass man gerade dann, wenn man die höchsten Ideale der Menschheit unters Volk bringt, auf eine Weise, dass diese Ideale den Hass auf sich ziehen müssen, dass man dann das Furchtbarste an diesen Menschheitsidealen verbricht.

Diese Zusammenhänge müssen wir durchschauen, wenn wir darüber sprechen wollen, was Rudolf Steiner als „Selbstverwaltung“ anstrebte, was er für die Schule, den Kindergarten, ja für jede Einrichtung des Kultur- und Bildungslebens als gemeinschaftsbildend erachtete, so, dass es sich wirklich auch in der ganz äußeren Verwaltungsstruktur niederschlagen sollte. Es handelt sich nämlich nirgendwo darum, etwas einzuführen, weder im Staat, noch im Betrieb, noch sonstwo. Die soziale Dreigliederung ist keine Idee in diesem Sinn, dass man sie irgendwie „umsetzen“ oder „einführen“ könnte. Man kann sogar behaupten: sie ist überhaupt keine Idee. Vielmehr setzt Rudolf Steiners Sozialimpuls genau an dem Punkt an, den ich eben charakterisierte, nämlich an dem Verhältnis zwischen Idee und Wirklichkeit. Und er sagt: Man kann heute nicht mehr von Ideen ausgehen, wenn man wirklich etwas erreichen will. Man kann durch Ideen überhaupt nicht sozial wirken. Das sagt er verschiedentlich, und das sagt er sogar in den ersten Sätzen seines sozialwissenschaftlichen Hauptwerks, in den Kernpunkten der sozialen Frage. So fängt das Buch an. Ich lese vor:

„Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, muss derjenige verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie herantritt. Man kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, diese oder jene Einrichtungen, die man sich in seinen Ideen zurechtgelegt hat, müsse die Menschen beglücken; dieser Glaube kann überwältigende Überzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwärtig die «soziale Frage» bedeutet, kann man doch völlig vorbeireden, wenn man einen solchen Glauben geltend machen will. Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das scheinbar Unsinnige treiben, und man wird doch das Richtige treffen. Man kann annehmen, irgend jemand wäre im Besitze einer vollkommenen theoretischen «Lösung» der sozialen Frage, und er könnte dennoch etwas ganz Unpraktisches glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm ausgedachte «Lösung» anbieten wollte. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soll, auf diese Art im öffentlichen Leben wirken zu können. Die Seelenverfassung der Menschen ist nicht so, dass sie für das öffentliche Leben etwa einmal sagen könnten: Da seht einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen nötig sind; wie er es meint, so wollen wir es machen. In dieser Art wollen die Menschen Ideen über das soziale Leben gar nicht an sich herankommen lassen.“

„In dieser Weise wollen die Menschen Ideen nicht mehr an sich rankommen lassen.“ - Nun sind das aber die ersten Sätze eines Buches. Dann kommt ja noch das ganze Buch, in dem Rudolf Steiner die Idee der sozialen Dreigliederung entwickelt, genau beschreibt, was wie eingerichtet werden solle, teilweise klingt das sogar recht utopistisch, wenn er z.B. im Futurum schreibt, wenn er erklärt, was sich in Zukunft auf welche Weise ändern werde, sobald dieses und jenes so und so eingerichtet sei. Ist das nicht ein Selbstwiderspruch? Das ist doch ein Paradox, er widerspricht doch mit dem Buch den ersten Sätzen dieses Buches, finden Sie nicht? Also entweder, Rudolf Steiner hat diese ersten Sätze in einem Anfall von Schwachsinn geschrieben, oder aber, der ganze Rest des Buches ist gar keine Idee in dem Sinn, wie wir uns das vorstellen. Diese zwei Möglichkeiten sehe ich da.

Dieses Paradox wollte ich zu Beginn vor Sie hinstellen, und wir wollen zusammen sehen, ob es sich im Laufe des Vortrags auflöst. Jedenfalls, wenn wir nur die Aussage nehmen, dass die Ideen, auch wenn sie die perfekte Lösung sind, doch von den Menschen abgelehnt werden, dann müssen wir zugeben: diese Aussage wird immer wahrer, je mehr wir der Zukunft entgegen gehen. Sie wird aber immer unwahrer, je weiter wir in die Vergangenheit zurückschauen. Gehen wir zurück zu frühen Gesellschaften, zu den alten Hochkulturen, da finden wir ein ganz anderes Verhältnis des Einzelnen zur Idee. Erinnern wir uns vielleicht kurz an das alte Ägypten, um einen Vergleich zu haben. Wie waren die Verhältnisse da? Da stand vorne der Pharao. Ich sage „vorne“, weil er nicht nur oben stand, sondern weil auch hinter ihm die Priester standen. Der Pharao war schon irdischer, war schon die Vermittlung zum äußeren Leben für das, was hinter ihm als Tempelweisheit stand. Hinter ihm standen die Eingeweihten der Tempel. Und jetzt kann man ja fragen, unter dem ganz äußeren Gesichtspunkt der gewöhnlichen Wissenschaft: was war denn im alten Ägypten das Geistesleben, was war das Rechtsleben, und was war das Wirtschaftsleben?

Nun, das Geistesleben, und alles, was dazu gehört, also insbesondere auch die Bildung, das gestaltete sich so, dass der Pharao seine Beamten losschickte, die gingen in die Häuser und bestimmten dort die Kinder, die zur höheren Bildung vorgesehen waren. Das Bildungswesen war in der Hand des Pharaos; der Tempel entschied, wer was werden sollte im Leben. Das war nicht so wie heute, dass da einer dies sein wollte, der andere das, und jeder nach Selbstverwirklichung strebte. Und das Rechtsleben? Was war Recht im alten Ägypten? Nun, Recht war einfach das, was der Pharao setzte. Recht war das Wort des Pharaos. Das Rechtsleben fiel zusammen mit dem Geist eines Menschen; der Pharao, ein Mensch, war selber das Recht. Und das Wirtschaftsleben, was war das Wirtschaftsleben im alten Ägypten? Das ist nun außerordentlich interessant. Die Menschen arbeiteten natürlich auch damals. Aber die Erträgnisse ihrer Arbeit, die wurden nicht etwa getauscht, sondern die sammelte der Pharao ein, und gab sie wieder aus. Und dadurch, dass der Pharao sie wieder ausgab, definierte der Pharao, wo sich Einkommen bildete, in welchem Umfang also in der einen, in welchem Umfang in der anderen Branche produziert werden konnte. Es gab auch anfängliche Tauschgeschäfte, später sogar ein anfängliches Geld, aber gerade hier bewahrheitet sich, was ich eben sagte. Das Verhältnis, in dem die eine Ware gegen die andere getauscht wurde, der Preis also, dieser Preis entstand nämlich nicht zwischen den Menschen, sondern den definierten die Tempel. Der Pharao definierte das gegenseitige Wertverhältnis der Waren. Das heisst, das Wirtschaftsleben lag ebenfalls vollständig in der Hand des Pharaos.

Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben waren in den alten Hochkulturen gewissermaßen ineinander gefaltet, fielen in eins zusammen. Der Geist des Pharaos war Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben zugleich. Das heisst, die Gesellschaftsform der alten Hochkulturen, das war der Einheitsstaat. Das ist alles eins gewesen. Jetzt werden Sie vielleicht sagen: So ein Einheitsstaat ist eine furchtbare Unterdrückung. Da müssen die Menschen schrecklich gelitten haben unter dem Pharao, müssen sich furchtbar unterdrückt gefühlt haben. Das ist jedoch ein Trugschluss. Man kann eben nicht einfach den heutigen Menschen nehmen und sich diesen zurückversetzt denken in die alten Zeiten, sondern man muss den Menschen nehmen, wie er damals war. Und für den damaligen Menschen war der Einheitsstaat kein Zwang. Um den Einheitsstaat nämlich als Zwang erleben zu können, muss ja etwas da sein, was sich dem, was aus den Tempeln kommt, entgegensetzt. Da muss aus dem einzelnen Menschen die Stimme sprechen: ich kann das, was so von Außen an mich herankommt, gar nicht als Geist anerkennen, denn der Geist spricht in mir selber. Ich will mich selbst bilden, so wie es mir entspricht, ich bin mein eigener Herr.

Diese Stimme war aber, wenigstens für die breite Masse, damals nicht vorhanden. Das Individuum war ganz anders organisiert als heute. Dasjenige, was er in seinem Inneren erlebte, was er da drinnen hatte als sein eigenes Seelenleben, das war gar nicht getrennt von dem, was draußen das soziale Leben gestaltete. Innerlich lebte das Individuum mit, was in der Gemeinschaft vorging. Und indem er sich verbunden wusste mit dem Pharao, mit den Tempeln, wusste er sich zugleich verbunden mit dem Geist, der dem eigenen Leben Sinn, ja Berechtigung gab. Da war noch nicht diese Scheidewand zwischen dem individuellen Erleben und dem sozialen Prozess. Da wirkten die Ideen durchaus noch äußerlich.

Heute hat sich das radikal geändert. Genau genommen haben sich die Verhältnisse sogar umgestülpt, das, was Innen war, ist nach Außen gekommen, und was vorher Außen war ist Innenwelt geworden. Da hat im Laufe der menschlichen Entwicklung wirklich eine Umstülpung stattgefunden. Wenn wir den Zeitpunkt dieser Umstülpung historisch festmachen wollen, dann müssen wir ins 15., 16. Jahrhundert blicken. Zumindest ist das der Zeitpunkt, an dem diese Umstülpung für den großen Teil der Bevölkerung eintritt. In großartiger Weise hat die Geschichte diese Umstülpung der geistigen Organisation des Menschen mit der kopernikanischen Wende vor unser Auge gestellt. Bis dahin schauten die Menschen die Erde ja so an, dass sie sagten: die Erde ist der Mittelpunkt des Kosmos. Die Sonne, die Planeten, was sich am Himmel zeigt, das kreist um die Erde. Die Erde ist eingebettet in das kosmische Geschehen, sie ist der Schauplatz dessen, was vom Kosmos aus herein wirkt. Der Mensch ist eingebettet in die göttliche Ordnung, er lebt gewissermaßen in Gott. Dann kommt Kopernikus, und dreht das um. Er sagt: Nein, die Sonne ist das Zentrum, und die Erde ist nur ein Planet, der um die Sonne kreist. Dass es uns anders erscheint, liegt nur an der Perspektive. Das wird jetzt perspektivisch, der Raum wird perspektivisch, und vom Betrachter aus konstruiert. Jeder hat einen Bezug zur Sonne, aber von seinem eigenen Standpunkt aus. Der Mensch ruht nicht in Gott, sondern Gott ruht im Menschen. Der Mensch als Mensch verfügt über einen göttlichen Funken, und wir sehen ja, wie das dann in der Aufklärung mündet: In jedem Menschen wohnt das Göttliche, jeder Mensch ist von Natur aus vernunftbegabt, nicht vermöge seines Verbundenseins mit einer Obrigkeit, sondern einfach als Mensch.

Jetzt gerät der Mensch in einen Konflikt mit den Einrichtungen des sozialen Lebens. Und auf diesen Konflikt lenkt Rudolf Steiner die Aufmerksamkeit. Warum nämlich gerät der Mensch in neuerer Zeit mehr und mehr in einen Konflikt mit den Einrichtungen des sozialen Lebens, warum reihen sich, je mehr wir in die Gegenwart kommen, Revolutionen an Revolutionen? Weil die sozialen Einrichtungen, die heute unsere gegenseitigen Verhältnisse regeln, die Überbleibsel jener alten Hochkulturen sind. Sie rechnen nicht mit der Umstülpung, sie sind gar nicht aus dem gegenwärtigen Menschen hervorgegangen, sondern sie bauen auf einen Menschentypus, der nicht mehr existiert. Wenn wir verstehen wollen, was unser Eigentumsrecht ist, dann müssen wir zurück ins alte Rom reisen, wenn wir verstehen wollen, was der Beamtenapparat ist, was die EU ist, müssen wir sogar noch weiter reisen, nämlich letztendlich sogar ins alte Ägypten.

An vielen Erscheinungen des sozialen Lebens könnte ich Ihnen das sehr leicht zeigen, aber ich will wieder etwas nehmen, an das man nicht gleich denkt, das einem vielleicht sogar sympathisch ist, weil ich eben denke, dass man das Falsche am besten da versteht, wo auch was Richtiges ist. Ich denke dabei an die juristische Person, die GmbH, den Verein, usw. Der Verein ist ja eine juristische Person, und die Vereinsmeierei ist vielen Menschen sehr sympathisch. Wenn wir das Vereinsrecht verstehen wollen, müssen wir zunächst ins 17., 18. Jahrhundert zurückgehen. Da bildet sich die Idee der Personenvereinigung im Sinne einer freien Gemeinschaft. Das klingt im Naturrecht noch an, lebt aber eigentlich mehr in einer Strömung, die dem Deutsch-Recht und dem Naturrecht vorgelagert war, die bis in die deutsche Mystik des Mittelalters zurückgeht. Man stellte sich unter einer Personenvereinigung allerdings etwas vor, das man heute ganz verrückt finde würde. Man war nämlich der Ansicht, dass sich zwischen Menschen, die in gemeinsamer Sache frei zusammenkämen, etwas bildete, das nun nicht eine abstrakte Idee war, sondern ein wirkliches geistiges Wesen. Im freien Zusammenwirken der Menschen senkte sich etwas in die Gemeinschaft hinein, das nun nicht nur die Summe der Individualitäten, sondern etwas Drittes war, ein wirkliches geistiges Wesen, eine „Persona Mystica“. Dieses Wesen floss aber aus dem freien Willen der versammelten Menschen, und verschwand, sobald diese Menschen auseinander gingen. Es war nicht neutral gegenüber den konkreten Individualitäten, und konnte daher auch nicht konserviert werden.

Wie die Mitglieder ihre gegenseitigen Verhältnisse gestalteten, wie sie sich verwalteten, das war ganz frei, und ergab sich eben aus der Natur dieses Wesens. Das änderte sich dann allerdings grundsätzlich. Im 19. Jahrhundert entstand nämlich die sogenannte „Pandektenwissenschaft“, das war die Erforschung der römischen Gesetzbücher von 533 nach Christus, die wiederum noch älteres Recht, zum Teil vorchristliches Recht versammelten. Und diese Pandektenwissenschaft machte sich daran, das gewachsene Recht römisch zu interpretieren, und stifteten dann dem deutschen Volk, im Auftrag der Grundbesitzer, das BGB. Dabei wandten sich die Pandektenforscher auch der „mystischen Person“ zu. Und sie sagten: ja, das gibt es schon, dieses Höhere, aber das ist eine juristische Person, die wird durch den Staat geschaffen. Und dann lebt diese Person auch unabhängig von den konkreten Menschen weiter. Aber sie muss dann die und die Eigenschaften haben, da muss es z.B. einen Wahlmodus geben, da muss ein Vorstand gewählt werden, der hat dann diese und jene Kompetenzen, usw. Also, das, was sich vorher aus den zusammenkommenden Menschen frei ergab, das wurde jetzt von Außen vor-definiert. Das macht jetzt der Staat. Und der Staat zwingt die Menschen seither, in eine der wenigen Hülsen zu schlüpfen, in Verein, GmbH, Genossenschaft usw. Die Menschen sind nicht frei, in ihrem Miteinander diese oder jene Verhältnisse auszubilden, sondern der Staat definiert die gegenseitigen Verhältnisse, die Hierarchien vor. Da haben wir es also mit einem Übergreifen des Rechtslebens auf das Geistesleben zu tun. Und Sie können sich nun sicher denken, wie Rudolf Steiner dazu stand – er forderte die Abschaffung der juristischen Person, also des Vereins, der GmbH usw. Dem Staat gegenüber könne nur der einzelne Mensch Rechtssubjekt sein, damit sich das, was sich dann zwischen den Rechtssubjekten als geistige Gemeinschaft bilde, vollkommen frei gestalten könne, bloß auf dem freien Willen der Mitglieder beruhe.

Das nur als Beispiel dafür, wie unserem Zusammenleben die alten Formen übergestülpt sind. Und so rechnet alles, was unser heutiges Zusammenleben bestimmt, nicht mit der Realität. Das tut alles so, als wäre der Mensch noch eingebettet in eine Idee, in ein „System“, so als wäre noch irgendwo da draußen ein Tempel der Weisheit, als könne diese Weisheit noch von Außen an den Menschen herankommen. Das ganze soziale Leben ist so eingerichtet, als hätte es jene Umstülpung nie gegeben, als wäre da noch keine Scheidewand zwischen unserem Innenleben und den äußern Vorgängen. Das ist aber keine Realität mehr. Der Mensch ist ein anderer geworden. Die Tempel sind nicht mehr da draußen, sondern die sind hineingewandert in den Menschen. Das ist eine Tatsache. Die Tempel sind verschwunden. Dasjenige aber, was in den Tempeln war, das ist hinausgewandert. Wo also ist das, was vorher in den Tempeln eine Einheit war, was da zusammengefaltet war als Geistesleben, Rechtsleben, Wirtschaftsleben? Wo ist das heute?

Das ist hinausgewandert und zwischen die Menschen getreten. Zwischen uns, in der Begegnung von Mensch zu Mensch, urständet heute das Geistesleben, und da urständet auch das Rechtsleben, und da urständet auch das Wirtschaftsleben. Das ist in Abhängigkeit von der einzelnen menschlichen Individualität geraten, das erhält heute sein Gepräge durch das, was Menschen miteinander tun. Aber dadurch ist es unsichtbar geworden. Natürlich, manche machen aus der sozialen Dreigliederung eine Einteilung der äußeren Welt, also etwas so: Schule = Geistesleben, Staat=Rechtsleben, Bank=Wirtschaftsleben. Dann kann man das sehen. Aber so ist es eben nicht, sondern Geistesleben, Wirtschaftsleben und Rechtsleben wirken so zusammen, dass sich aus der Art ihres Zusammenwirkens die äußere Bank ergibt. Da entstehen drei verschiedenartige Prozesse zwischen uns Menschen, und aus der Art ihres Zusammenwirkens ergibt sich das, was wir da draußen als soziale Erscheinungen wahrnehmen. Aber das ist unsichtbar. Genau so notwendig nämlich, wie unter dem Einfluss des Ich-Bewusstseins das soziale Leben dreigliedrig wird, genau so notwendig sinken diese drei Glieder dadurch ins Unbewusste. Mit dem Erwachen der inneren Stimme geht einher, dass es um den Menschen herum stumm wird, dass der Mensch nicht mehr erlebt, was ihn geistig mit der Welt verbindet, sondern die Welt wird für ihn jetzt ein äußeres, Materielles, auf die er drauf- aber nicht hindurchschaut, eine Maja.

Am Deutlichsten wird das vielleicht auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens. Auch das Wirtschaftsleben erhält ja sein Gepräge durch das, was wir im gegenseitigen Verkehr miteinander tun. Aber davon wissen wir nichts, sondern wir sehen nur, was unmittelbar vor uns liegt, was wir haben wollen, und was wir dafür geben wollen. Wie das hineinläuft in den weltweiten Gesamtzusammenhang, davon wissen wir nichts, sondern das ist unsichtbar. Das haben wir sogar zum Gesetz erklärt: wir sagen, die „unsichtbare Hand“ regle das große Ganze der Wirtschaft. Sie wissen vielleicht, dass das von Adam Smith kommt, und Sie wissen vielleicht auch, dass Adam Smith nicht etwas Ökonom, sondern Theologe war. Er begründete dadurch die Ökonomie, dass er ein theologisches Dogma aufstellte, das bis heute unsere Verhältnisse bestimmt. Dem Wort nach mögen wir Christen sein. Denken können wir aber offenbar nur das alte Testament, den Gott, der uns von Außen formt. Wir wissen noch gar nichts von dem Gott, der Mensch geworden ist, sondern im sozialen Leben, in unseren wirklichen Taten huldigen wir dem Vatergott, da sind wir richtige Fundamentalisten, gerade im Westen.

Die Aufgabe des gegenwärtigen Menschen ist es, seine innere Stimme, die selbständige geistige Tätigkeit so zu verstärken, dass dieser Geist im Menschen wieder Anschluss finden kann an das, was um den Menschen herum geistig wirksam ist. Das ist der Sinn der Idee der sozialen Dreigliederung. Diese Idee kann nicht eingeführt werden, sie kann aber auf denjenigen, der sie denkt, eine solche Wirkung entfalten, dass im Menschen Empfindungen entstehen für das Geistige in der Welt, sofern es das soziale Leben bewirkt. Diese Empfindungen, so Rudolf Steiner, müsse jeder Erzieher wenigstens „instinkthaft“ ausbilden. Denn nur, wenn immer mehr Menschen die drei Glieder des sozialen Lebens empfinden, können Sie diese ergreifen und so zusammenwirken lassen, dass im Ergebnis, in der äußeren Gesellschaft der heute lebende Mensch wirklich in Erscheinung treten kann.

Sie kennen etwas Ähnliches aus Ihrer Arbeit, da befassen Sie sich nämlich mit dem dreigliedrigen natürlichen Organismus, mit dem Stoffwechselsystem, mit dem rhythmischen System, mit dem Nerven-Sinnessystem. Aber deshalb, weil Sie innerlich diesen Begriff des dreigliedrigen Menschen bewegen, gehen Sie doch nicht in den Kindergarten, und wollen dort beim Kind das Stoffwechselsystem einführen, oder das rhythmische System, oder das Nervensystem! Das können Sie nicht einführen, das ist einfach da. Indem Sie den Begriff bewegen, bilden sie lediglich das Organ aus für das, was da ist. So wahr es ist, dass der Begriff die Wahrnehmung braucht, so wahr ist auch das Umgekehrte – von ihren Begriffen hängt es ab, was Sie sehen können. Der Begriff des dreigliedrigen Menschen ermöglicht Ihnen eine Wahrnehmungsperspektive, und auf Grundlage dieser Wahrnehmung können Sie dann praktisch tätig werden. Genau so ist die Idee der sozialen Dreigliederung gemeint. Sie soll aufmerksam machen auf die drei Glieder des sozialen Lebens, wie sie wirklich da sind zwischen uns.

Es war mir sehr wichtig, diese Gedanken über den Charakter der Dreigliederungsidee voranzuschicken, bevor ich über die Dreigliederung selber spreche. Wenn Sie nämlich das Folgende, was ich jetzt über die Dreigliederung im Einzelnen sagen werde, so verstehen, als könne man hergehen und die Gesellschaft oder gar den Kindergarten irgendwie aufteilen nach Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben, dann haben Sie gerade das Gegenteil dessen verstanden, was ich sagen möchte. Nehmen Sie also bitte das, was ich jetzt ganz radikal sagen werde, als Anregungen für gewisse Empfindungen – was dann im Einzelnen zu tun ist, kann von dem Gesagten sehr verschieden sein.

Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben sind hier zwischen uns als wirkliche geistige Gebilde, und aus ihrem Zusammenwirken ergibt sich auch dieser konkrete Moment, die Tatsache, dass wir hier zusammensitzen und miteinander sprechen können. Ich will jetzt versuchen, Sie auf die gegensätzlichen Qualitäten der drei Prozesse aufmerksam zu machen, die zwischen uns ablaufen. Zunächst vielleicht das Rechtsleben. Das Rechtsleben hat ja die Eigentümlichkeit, dass es meistens schläft. Es ist meistens nicht aktiv, sondern es wird erst aktiv, wenn es verletzt wird, wenn ich gegen Recht verstoße. Um es zum Bewusstsein zu bringen, muss ich deshalb einen Trick anwenden, indem ich jetzt gegen das Recht verstoße. Während ich das mache, achten Sie bitte darauf, ob Sie bemerken können, was uns da verbindet.

(Johannes Mosmann holt einen Stock und gib vor, zum Schlag gegen einen Teilnehmer auszuholen).

Nun, ich kann das ja leider doch nicht wirklich ausführen. Aber vielleicht haben Sie es ja dennoch empfunden? Da verbindet uns doch etwas. Da fühlen Sie nämlich etwas, da steigt etwas aus Ihrem Gefühlsleben auf, aber so, dass das jetzt nicht sehr individuell ist, sondern das fühlen Sie alle in der selben Weise. Insofern sind Sie dann alle gleich. Und wenn wir das denken wollen, was wir da fühlen, wenn wir das in gedankliche Form bringen, dann können wir vielleicht sagen: „Der Mensch hat das Recht auf Unversehrtheit seines Leibes.“ Denn das meint nicht den bestimmten Menschen hier vorne, sondern jeden Menschen, der an seiner Stelle wäre. Das hängt gerade nicht von unserem Verständnis für diesen Menschen ab, sondern das meint den Menschen im Allgemeinen. Aber das fühlen wir! Das kommt nicht aus dem Denken!

Indem ich das jetzt denke, bringe ich nur in gedankliche Form, was mir das Gefühl gibt. Das hat man heute auf den Kopf gestellt. Heute glaubt man ja, das Recht aus dem Kopf konstruieren zu können. Aber eine Rechtswissenschaft, die sich selbst versteht, konstruiert kein Recht, sondern die studiert dasjenige, was sich aus dem Gefühl der Menschen füreinander im Zusammenleben tatsächlich ergibt, was dieses Gefühl über den allgemeinen Wert des Menschen sagt. Und das unterscheidet sich ja von Zeitalter zu Zeitalter. Sie können noch so geniale, einzelne Köpfe haben, die sich Gesetze ausdenken, wenn das nicht aus der gegenwärtigen Wirklichkeit, aus dem Gefühlsleben der Menschen strömt, ist das keine Wirklichkeit, dann ist das auch kein Recht, sondern Unrecht. Und dass wir da heute solche Missstimmungen haben, hängt wesentlich damit zusammen, dass die Gesetze heute vielfach nicht dem Rechtsleben entspringen, sondern dem Geistesleben. Das konstruiert man im Kopf. Aber in Wahrheit ist die Grundlage dessen, was man da im Kopf konstruiert, auch wieder das Gefühlsleben, nur eben das Gefühlsleben der Römer. Deswegen bemerkt man nicht, dass man doch nicht so schlau ist, wenn man sich Gesetze ausdenkt. Und das empfinden die Menschen eben, dass das, was heute Gesetz ist, nicht dem entspricht, was der Mensch heute schon fühlen kann für den Menschen, sondern dass das etwas Überkommenes konserviert, dass das weit zurück ist hinter dem gegenwärtigen Menschen, und deshalb in Wahrheit Unrecht ist.

Damit das, was wir heute schon fühlen können für den allgemeinen Wert des Menschen äußerlich wirksam werden kann, damit es sich niederschlagen kann in den Gesetzen, in den Einrichtungen, die unser Zusammenleben regeln, dazu ist es aber schon nötig, das Rechtsleben überhaupt zu verstehen. Dazu muss man zum Beispiel durchschauen können, warum das Rechtsleben in keiner Art und Weise in einen Zusammenhang gebracht werden kann mit dem Begriff der Freiheit. Stellen Sie sich mal vor, Sie wären frei auf dem Gebiet des Rechtslebens. Stellen sie sich vor, es würde in dem Augenblick, da ich hier den Knüppel schwinge, nicht mit Notwendigkeit in allen, oder wenigstens in einer Mehrheit der selbe Impuls aufsteigen, sondern Sie würden das zu einer Erkenntnisfrage machen, Sie würden erstmal darüber diskutieren, was denn davon zu halten sei, dass der Herr Mosmann den Herrn hier vorne verprügelt. Irgendwann würde ganz bestimmt jeder zu seiner ganz persönlichen Auffassung gekommen sein, aber der Herr hier vorne, der wäre dann nicht mehr am Leben. Nein, da sind Sie nicht frei, sondern da steigt in jedem, ob er will oder nicht, das gleiche Gefühl auf, das sie alles zu Gleichen macht, das hat mit der Freiheitssphäre, mit dem, worin Sie verschieden sind, wo Sie ihre individuellen Stärken haben, gar nichts zu tun.

Und dieses Gefühl, das führt dann in die Tat, nämlich in die Gewalt, von Ihrer Seite jetzt. Denn Sie werden doch wohl hoffentlich einschreiten, Sie lassen den Herrn hier vorne doch hoffentlich nicht umkommen! Ja, und ich, ich bin dann maximal unfrei, ich bin dann draußen aus Ihrer Gemeinschaft, ich bin dann ganz klar überstimmt. Da haben Sie einen wirklichen Begriff der Demokratie. Aus dem Gefühlsleben entspringt etwas, das uns allen gemein ist, das uns zu Gleichen macht. Da ist auch die Gewalt am rechten Platz, da muss das Gewaltmonopol liegen. Der Begriff der Freiheit hat hier gar nichts zu suchen, sondern hier macht nur der Begriff der Gleichheit einen Sinn. Und die unwürdigen Zustände der Gegenwart hängen gerade damit zusammen, dass wir auf diesem Gebiet, wo Freiheit nicht sein kann, immer freier werden, dass da Meinungen und Erkenntnisurteile an die Stelle des gesunden Rechtsgefühls treten. Das ist aber einfach ein organischer Schaden, wenn wir hier frei werden.

Das Urteilen ist nicht Sache des Rechtslebens, sondern das ist Sache des Geisteslebens. Mit dem Urteil hängt aber das Kriterium der Wahrheit zusammen. Das heisst: nicht nur der Begriff der Freiheit, sondern auch der Begriff der Wahrheit steht in keinem Zusammenhang mit dem Rechtsleben. Denn nur wo ich Urteile, wo ich Subjekt und Objekt verbinde, ist das Kriterium der Wahrheit anwendbar. Überlegen Sie doch mal: ist das denn eine Wahrheit, dass der Mensch ein Recht auf Unversertheit seines Leibes hat? Es ist einfach irrelevant, hier nach der Wahrheit zu fragen, da dieser Satz ja gar nicht über irgendetwas in der Welt urteilt. Das ist kein Urteil, sondern Ausdruck dessen, was subjektiv in uns Menschen lebt. Das lebt in allen oder zumindest in vielen in der gleichen Weise. Und wenn wir diesem Subjektiven Ausdruck verleihen, wenn wir das zum Gesetz machen, dann ist es dadurch einfach eine Tatsache geworden. Aber das meint nicht irgendwas Objektives da draußen, sondern das nehmen wir aus uns selber. Deshalb ist Wahrheit überhaupt kein Kriterium an dieser Stelle. Nur deshalb ist aber auch das Abstimmen, die Demokratie, der Parlamentarismus der richtige Modus im Rechtsleben. Weil es keine Wahrheit ist, können wir darüber abstimmen.

Jetzt nehmen Sie aber mal zum Vergleich diesen Satz, und achten Sie bitte wieder darauf, was da in Ihnen angesprochen ist: „Die dreijährige Lisa ist entwicklungsgestört. Sie braucht, um sich gesund zu entwickeln, Übungen nach der Methode des Herrn Schmidt.“ Merken Sie, wie Sie da etwas ganz anderes angesprochen ist in Ihnen? Wie Sie da sofort ein ganzes Stück wacher werden, wie da Ihre individuelle Verantwortlichkeit aufgerufen wird? Da fließen wir nicht mehr zusammen, da gehen wir in die Distanz, da gehen Sie auch in die Distanz zum mir. Da müssen Sie in die Distanz gehen, denn da will naturgemäß eine Frage aufsteigen, nämlich die Frage: wer sagt das denn? Wer ist denn dieser Mensch, der Johannes Mosmann, dass er dieses Urteil aussprechen kann? Worauf gründet sich das in seiner Person, in seinen Fähigkeiten, in seinen Erfahrungen? Und wie genau kommt das Urteil zu Stande, spielt da z.B. irgendwas Persönliches hinein, irgendwas Emotionales? Was trägt das Urteil?

Da haben wir es nicht mit etwas Subjektivem zu tun, das in allen in gleicher Weise lebt, sondern da tritt ein bestimmtes Subjekt in ein Verhältnis zur Außenwelt, zu einem Erkenntnisobjekt, da haben wir es mit einem Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt zu tun. Das ist jetzt ein Urteil. Das ist ein Erkenntnisurteil, nicht ein Recht. Und da entsteht erst die Möglichkeit der Wahrheit, aber auch des Irrtums, und in diesem Zusammenhang die Verantwortlichkeit gegenüber dem Kind. Da können wir nicht mehr hinnehmen, was sich als allen Gemeines im Gedanken niederschlägt, sondern da müssen wir den Gedanken in Beziehung bringen zu der bestimmten Individualität, der dieser Gedanke entspringt. Da müssen wir verfolgen, wie der Gedanke wurzelt in einem bestimmten Menschen. Da haben wir es mit dem individuellen Menschen zu tun, mit dem, was uns voneinander unterscheidet!

Und deshalb ist die Demokratie hier nicht mehr der richtige Modus. Wir können nicht erwarten, dass Erkenntnisse in der selben Weise einfach instinkthaft in uns allen aufsteigen, und uns zu Gleichen machen, so dass es egal ist, ob der Hausmeister die Lisa unterrichtet oder ein anderer. Beim Recht ist das egal, da akzeptieren wir selbstverständlich, dass der Polizist ein Vertreter des allgemeinen Rechts ist, da kommt es auf die Individualität des Polizisten nicht an, sondern auf das, was als Allgemeines hinter ihm steht. Wenn wir aber auch nur einen Funken Wahrheitssinn besitzen, werden wir niemals irgendeinen Menschen als Vertreter einer wie auch immer gearteten Wahrheit ansehen, sondern da werden wir uns zunächst eine Meinung über diesen konkreten Menschen bilden, und daran das Urteil, das er fällt, messen. Das hängt vollständig vom individuellen Menschen ab.

Deshalb möchte Rudolf Steiner das Abstimmen, den Parlamentarismus, jede Form der Demokratie aus der Schulverwaltung ausschließen. Wo nämlich das Geistesleben verknüpft wird mit der Demokratie, da wird der Lehrer zum Vertreter gemacht. Das Ergebnis ist die Lüge, die real gelebte Lüge, und die wirkt dann auch erzieherisch. Dabei ist es ganz dasselbe, ob der Pädagoge nun einem Schulgesetz folgt oder einem Konferenzbeschluss, in jedem Fall erzieht er das Kind zur Unwahrhaftigkeit, wenn in der Begegnung mit dem Kind nicht nur das wirkt, was im freien Urteil des Pädagogen gründet, sondern wenn da eine Macht hinter dem Pädagogen steht, wenn der Pädagoge nur ein Vertreter ist. Das Vertretertum ist die Leugnung des Wesens der Wahrheit, und das bildet dann. Das erzieht dann zur Lüge.

Ich will Ihnen eine persönliche Erfahrung berichten, wo sich mir gerade dieser Punkt eingebrannt hat, so dass ich das nicht mehr vergessen werde. Ich habe eine Schülerin, die Anna*. Einmal kam sie zu mir und sagte: „Ich habe eine neue Deutsch-Lehrerin, die ist ganz toll. Die führt das Gespräch immer so, dass am Ende dasjenige herauskommt, was sie von mir hören will.“ Ich sagte etwas verdutzt: „Ja, aber, ist es Dir denn nicht wichtig, das zu sagen, was Du selbst für wahr erachtest?“ Ich meine, sowas darf man ein 16jähriges Mädchen ruhig fragen. Aber Anna lachte mich aus. Sie fand mich richtig putzig. Sie sagte – hören Sie bitte genau zu, sie sagte es wirklich so: „Johannes, in der Schule geht es nicht um Wahrheit. Da geht es darum, herauszufinden, wie der Lehrer denkt. Wenn Du nämlich weisst, wie der Lehrer denkt, dann bekommst Du gute Noten, und dann kommst Du vorwärts im Leben“.

Was hat sich da durch das Hereinragen der Demokratie in der 16jährigen Anna gebildet? Was hat sich in diesem Mädchen dadurch gebildet, dass der Lehrer den Staat, das Recht auf seiner Seite hat? Das genaue Gegenteil von Wahrheitsliebe, von Erkenntnisstreben, von Wissenschaftlichkeit. Anna hat durchschaut, dass es auf die Autorität des Lehrers nicht ankommt, weil dieser sich die Autorität nur geliehen hat vom Staat, weil er ein Rechtsabhängiger ist. Und Anna braucht das Recht von ihm, sie ist ja dadurch auch eine Rechtsabhängige. Deshalb interessiert die Sache hier überhaupt nicht, auch der Lehrer interessiert nicht, sondern Lehrer und Lehrinhalt sind nun Mittel für den persönlichen Egoismus, um sich selbst in Position zu bringen. „Bildung“ ist etwas, das man hinter sich bringt, an dem man sich abarbeitet, um vorwärts zu kommen. Was der Lehrer darstellt, und was er an das Kind heranträgt, das kommt also gar nicht in eine wirkliche Berührung mit dem Seelenleben des Kindes, das führt ein Scheindasein im Kopf. Das ist bloß eine Scheinbildung. Das kursiert dann als Phrase, während in Wahrheit etwas ganz anderes sozial wirksam wird, während da in Wahrheit etwas im Inneren opponiert, das gerade gegen den Inhalt der besten Ideen gerichtet ist, wenn sie so an das Kind herangebracht werden. Und das entzieht dann später dem demokratischen Rechtsstaat den Boden.

So könnten wir das auch zwischen uns gestalten. Nicht, wir können sagen: der Johannes Mosmann hat von irgendeiner Zertifizierungsstelle das Recht, über das soziale Leben zu sprechen. Er ist staatlich anerkannter Dreigliederer, so wie Sie ja auch staatlich anerkannte Erzieher sind. Ich habe eine Lehrgenehmigung. Und wenn Sie auch über das soziale Leben sprechen wollen, dann müssen Sie das Recht dazu von mir bekommen. Wir schreiben also nachher einen Test. Und wenn das, was Sie in dem Test schreiben, dem entspricht, was ich im Kopf habe, dann erhalten Sie auch das Recht, über Dreigliederung zu sprechen. Ich will gar nichts Komisches sagen. Das ist unser gegenwärtiges Bildungssystem. Doch was verbindet uns dann? Das ist jetzt die entscheidende Frage: was wirkt dann einheitsbildend? Dürfen und nicht dürfen – was ist das denn? Das ist ganz äußere, physische Gewalt. Das ist ganz plumpe, körperliche Gewalt, die hier eine Einheit schaffen soll. So ist heute überall die Idee nur die Maskierung für die Gewalt. Die Gewalt ist nur maskiert, sie trägt die Idee vor sich her.

Aber was hätte ich denn davon? Was weiß ich denn, was sich wirklich verbindet, wenn Sie da niederschreiben, was Sie niederschreiben müssen, weil Sie auch das Recht haben wollen? Was ist denn das, was sich nicht zugleich mit Ihrem freien Willen verbindet, weil es diesen gar nicht braucht?

So können wir nicht wirklich zusammenfinden. Wie aber dann? Ich will jetzt einfach beschreiben, was Rudolf Steiner 1919 tatsächlich unternahm. Ich beschreibe es in der Radikalität, wie Rudolf Steiner das versuchte, und denke, dann werden wir sehen, was uns auf dem Gebiet des Geisteslebens einen kann, und was dann auch den konkreten Begriff der „Selbstverwaltung“ für Schule und Kindergarten ergibt. Ich zähle einmal ein paar Punkte einfach auf:

  1. Keinerlei Minister oder Gesetze bezüglich des Bildungswesens – Rudolf Steiner forderte die Abschaffung jeglicher Überschneidung zwischen Rechtsleben und Geistesleben, das heisst, es sollte weder Bildungsministerien, Kultusminister, Schulämter usw., noch Schulgesetze, Schulverordnungen oder Ähnliches geben.
  2. Abschaffung der Schulpflicht – Rudolf Steiner forderte die Abschaffung der Schulpflicht. Der Pädagoge sollte genötigt sein, durch die eigenen Kräfte, aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten den Willen des Kindes zu gewinnen, von sich aus in die Schule zu gehen – gelingt dem Lehrer das nicht, ist er gar kein Lehrer, und dann darf er das Kind auch nicht zwingen können, in die Schule zu kommen. Das ist „Qualitätsmanagement“ im Steinerschen Sinn.
  3. Keine staatliche Anerkennung für Lehrer und Erzieher – es sollte keine staatlichen Definitionen davon geben, was genau ein „Pädagoge“ sei, und damit auch keine Möglichkeit mehr, ein „Recht“ zu geben oder nicht zu geben, also keinerlei Lehrgenehmigungen oder staatliche Anerkennungen mehr. Von den 12 Lehrern, die Rudolf Steiner bei der Gründung der ersten Waldorfschule um sich versammelte, besaßen lediglich 4 eine staatliche Anerkennung. Und Rudolf Steiner betonte immer wieder, dass dies das entscheidende Kriterium für den Begriff „freie Waldorfschule“ sei. Einmal sagte er etwa, als eine weitere Schule gegründet werden sollte, man müsse zuerst eine „Probe“ machen, ob man dort auch solche Lehrer durchboxen könne, die in den Augen des Staates keine Lehrer sind. Kann sich die Definition dessen, wer ein Pädagoge ist und wer nicht, allein aus der pädagogischen Praxis vor Ort ergeben, dann ist eine freie Schule möglich.
  4. Keine Steuerfinanzierung für den Bildungsbereich – Rudolf Steiner forderte die Abschaffung der Steuerfinanzierung für Lehrer und Erzieher. Niemand sollte gezwungen werden, etwas finanziell mitzutragen, für das er gar keine Wahrnehmung haben konnte, das er gar nicht persönlich wollen konnte. Das hängt ja auch logisch mit dem eben Gesagten zusammen – wenn niemand mehr im Allgemeinen definieren kann, was ein Lehrer oder was eine Schule ist, dann kann auch nicht entschieden werden, was aus Steuermitteln finanziert werden soll und was nicht. Dann ist die Finanzierung der Schule die Angelegenheit der Menschen, welche die konkrete Schule kennen, und sie auch meinen können.

Jetzt stellen Sie sich mal vor, die Dreigliederungsbewegung von 1919 wäre erfolgreich gewesen und hätte das erreicht. Stellen Sie sich vor, das wäre heute alles so eingetreten. Es gäbe also gegenwärtig keinen äußeren Berührungspunkt zwischen Rechtssystem und Bildungssystem, keine Akkreditierungsstelle, keinen Wissenschaftsrat, keine Lehrpläne, keine Verordnungen. Stellen Sie sich vor, es gibt keine Definition davon, was ein Lehrer ist oder ein Professor, oder was eine Hochschulzugangsberechtigung, was berechtigt, eine Hochschule zu besuchen, oder die Schule abzuschließen. Dann kann es natürlich auch keine Steuerfinanzierung für den Bildungsbereich geben, denn niemand kann die Allgemeinheit zwingen, etwas zu finanzieren, das niemand definieren kann. Was haben wir dann?

Dann haben wir die realen Verhältnisse. Dann haben wir zum Beispiel ein Kind, das sich entwickeln will. Um sich zu bilden, braucht es aber eine Erwachsenen, dem es nachstreben kann, von dem es lernen kann. Es braucht allerdings nicht irgendeinen Erwachsenen, sondern genau denjenigen, der geeignet ist, die Anlagen dieses Kindes hervorzulocken. Den müssen wir erkennen. Ich sage „wir“ - wer genau muss diesen Menschen erkennen? Nun, diejenigen, die mit ihm wahrnehmend verbunden sind, die ihn eben erkennen können, die Eltern und Kollegen. Und wenn wir wollen, dass der das Kind erzieht, und nicht etwa bei Lidl an der Kasse steht, was müssen wir dann tun? Dann müssen wir ihm das Einkommen geben, welches ihm ermöglicht, dass er eben das Kind erzieht, und nicht etwas anderes arbeiten muss. Das ist der Begriff des Schenkgelds bei Rudolf Steiner. Stellen Sie sich vor, Sie behalten dasjenige, was Sie heute dem Staat geben, damit der Staat es in die Bildung gibt und dafür die Bildung definiert, und geben es selbst dorthin, wo Sie eine fruchtbare Bildung erleben, wo Sie Verständnis haben für einen konkreten Menschen, weil Sie ihn tatsächlich wahrnehmen können. Das Bezahlen wird angebunden an Ihr freies, individuelles Urteil. Was geschieht dadurch?

Nun, dann ist der Pädagoge frei. Er ist frei in der Methode, in der Wahl seiner Mittel, er entnimmt alles, was er zu tun hat, der eigenen, freien Einsicht. Aber - dafür aber ist er nun nicht mehr unabhängig. Vielmehr ist er jetzt zum ersten Mal wirklich abhängig vom Urteil derjenigen, denen er seine Kunst angedeihen lassen will. Wenn Sie eine Formel für das freie Geistesleben suchen, dann ist es der Ausdruck „sachliche Abhängigkeit“. Rudolf Steiner will an die Stelle der heutigen „rechtlichen Abhängigkeiten,“ in denen auch Sie als Waldorferzieher drinnen stehen, diejenigen Abhängigkeiten setzen, die in der Natur der Sache liegen, die „sachlichen Abhängigkeiten“, wie er das nennt. Während Sie heute abhängig sind von irgendeiner Macht, die abstrakt über Ihnen schwebt, und deren „Pädagogik“ Sie deshalb auch gegen das Kind durchdrücken können, weil das Kind somit nur der Endverbraucher ist, weil es das ausgedachte Zeug dadurch einfach konsumieren muss, soll der Pädagoge nun umgekehrt abhängig werden vom Kind, laufend geprüft werden durch das Kind selber. Nicht eine Norm, nicht ein Zertifikat definiert einen Erwachsenen als „Erzieher“, sondern die Tatsache seines Erfolgs, weil er sich nur dadurch auf diesem Gebiet halten kann, dadurch, dass die tatsächliche Entwicklung des Kindes die Fruchtbarkeit der pädagogischen Methode beweist.

Es ist also mehr als bildhaft gesprochen, wenn ich sage: Erzieher wird man durch das, was einem vom Kind entgegenstrahlt. Auch heute ist das ja die Wahrheit, das passiert ja auch in Wahrheit, nur baut das Bildungssystem eben nicht auf das, worauf der reale Bildungserfolg tatsächlich beruht. Rudolf Steiner will das Bildungssystem auf die Wirklichkeit des Bildungsprozesses bauen. Dadurch aber kehren sich die Verhältnisse um, genauer gesagt: sie stülpen sich um. Der Geist kommt nicht mehr von Außen an den Menschen heran, sondern alles Geistige braucht, um sich verbreiten zu können, den freien Willen des Einzelnen. Verbreiten kann sich jedes Kulturgut nur von Mensch zu Mensch, indem es jeden einzelnen Menschen wirklich erobert, indem ihm der freie Wille von der Peripherie her entgegenkommt, indem es bei jedem Mensch durch das Unendliche hindurchgehen und wiederkehren muss, aus den individuellen Kräften heraus – das Ich wird zum Nadelöhr allen geistigen Wachstums. Nur das aber ist im Steinerschen Sinn überhaupt Geistesleben. Dagegen ist alles, was den freien Willen nicht zum eigenen Dasein braucht, was sich über die Köpfe der Menschen hinweg verbreitet, zum Beispiel weil es sich durch Steuer-Subventionen halten kann, nur Schein-Geist, das ist „Phrase“ in Rudolf Steiners Augen, das ist Lüge.

Rudolf Steiner wendet dieses Prinzip auf die großen Fragen an, und er wendet es auf die kleinen Fragen an. Auf die großen Fragen wendet er es an, wenn er zum Beispiel über die Rassenfrage oder die Nationalitätenfrage spricht: die Volkskultur, und damit auch die Sprache, dürfe nicht rechtlich protegiert werden. Ein wirklich demokratischer Staat sei neutral gegenüber Rasse oder Nationalität. Er schütze die Freiheit jedes Menschen, und ergreife deshalb seinerseits für kein geistiges Gut Partei. Der Staat dürfe deshalb nichts zum Erhalt der deutschen Sprache tun, sondern die deutsche Sprache könne sich nur dadurch verbreiten, dass Individuen sie so tief ergreifen, so schön ausbilden, dass sie damit ein anderes Individuum begeistern können, und so Mensch um Mensch für diese Sprache erobern. Der Staat selber hat weder Kultur, noch Religion noch Sprache, denn wenn er das hat, vertritt er nicht mehr das gleiche Recht, sondern eine Partei, und unterdrückt damit die individuelle Freiheit. Die Kultur muss gelöst werden vom Blut, aber auch vom Recht. Dann lebt die Sprache wirklich. Und jetzt schauen Sie mal, was aus der deutschen Sprache geworden ist, weil man sie staatlich verteidigt, weil man sich vor „Überfremdung“ glaubt schützen zu müssen, und deshalb selber ganz geistlos geworden ist! „Deutschpflicht auf dem Pausenhof“, das ist unsere Kultur heute! Das Ergebnis können wir ja überall hören und lesen, dieses halbherzige, bloß aufgezwungene Deutsch, das keine Seele mehr hat, mit dem man aber wunderbar lügen kann, mit dem man in lauter Worthülsen leben kann.

Das selbe Prinzip wendet Rudolf Steiner auf die kleinen geistigen Zusammenhänge an, auf die Schule, den Hort, den Kindergarten. Das ist da drinnen immer noch das selbe freie Geistesleben. Das freie Geistesleben verwandelt sich nicht plötzlich in eine „Kollegiale Selbstverwaltung“, wenn wir in die Einrichtung hinein gehen, sondern es ist da immer noch das selbe, freie Geistesleben. Das ist gemeint mit „Selbstverwaltung“ - irgendeine Extra-Wurst für die Waldorfeinrichtungen, damit man das freie Geistesleben dann doch noch umgehen kann, gibt es nicht in Steiners Werk. Das heisst: die Verwaltung, die ganz äußere Einrichtung einer Schule, eines Kindergartens oder einer anderen Einrichtung fällt zusammen mit dem, was ich eben beschrieben habe. Das ist identisch. Da wird nicht von Außen, von rechtlicher Seite irgendetwas vordefiniert, was dann die Verhältnisse bestimmt, sondern alle gegenseitigen Verhältnisse ergeben sich aus der konkreten Begegnung. Da kann nicht der Einzelne ein Recht haben, sondern da haben alle das gleiche Recht, oder besser gesagt: da hat Niemand ein Recht. Deshalb kann aber auch niemand einen Anspruch haben. Dafür kann nun aber jeder Zuspruch üben. Und durch diesen gelebten Zuspruch ergeben sich dann alle gegenseitigen Verhältnisse, die Posten und Positionen, die konkrete Gestalt der Gemeinschaft. Dabei entsteht dann die „freie Gemeinschaft“, wobei Rudolf Steiner das „Gemeinde“ nennt, „Schulgemeinde“, nicht Schulgemeinschaft.

Das heisst, der eigene Handlungsraum, die eigene Position entsteht nicht aus der Verkrampfung, nicht aus der Durchsetzung meiner Interessen, sondern aus der Peripherie. Ich trage den anderen, indem ich ihn erkenne, indem ich aus der Erkenntnis des anderen den Freiraum erzeuge, den dieser braucht, und der andere trägt mich, indem er mich erkennt. Im Zentrum des freien Geisteslebens steht deshalb der Begriff der Hierarchie, aber auch wieder umgestülpt. Alle Struktur ergibt sich aus derjenigen Hierarchie, wie sie im Erkenntnisprozess selbst liegt. Als er gefragt wird, wie sich denn die Leitung gestalte, wenn es weder demokratische Beschlüsse, noch einen Chef gäbe, sagt Rudolf Steiner lapidar: Die Menschen sind doch verschieden. Es ist ja jeder für den anderen eine Autorität dadurch, dass immer einer etwas besser kann als der andere, weil ja alle Menschen verschieden sind. Es kann jemand, der in vielerlei Beziehung eine Autorität für den anderen ist, immer jemanden finden, der ihm überlegen ist. Das heisst, wenn wir hier, die wir hier zusammensitzen, jetzt etwas unternehmen wollen, dann müssen wir das ja auch wirklich tun. Tätig ist aber nie das allgemeine „Wir“, sondern immer nur der Einzelne. Wenn wir also etwas unternehmen wollen, zum Beispiel die Erziehung von Kindern, dann müssen wir erkennen, wer von uns für welche Tätigkeit am ehesten geeignet ist. Es wird unter uns immer einen, oder zwei oder drei geben, die am ehesten die Fähigkeit haben, das jeweilige Aufgabengebiet auszufüllen. Das müssen wir erkennen, denn das müssen die Kinder doch erwarten dürfen, sie müssen das Höchste erwarten dürfen, zu dem jeder aufgrund seiner individuellen Fähigkeiten in der Lage ist, und nicht bloß den Durchschnitt der Meinungen!

Im Zentrum des Selbstverwaltungsbegriffes Rudolf Steiners steht die Rückgewinnung der Autoritätsbildung. Das stülpt sich um. Heute gehen wir in die Klinik und lassen uns von dem behandeln, der einen weißen Kittel trägt, der Arzt „ist“. Rudolf Steiner möchte, dass umgekehrt derjenige einen weißen Kittel tragen kann, von dem wir uns behandeln lassen, weil wir bei ihm tatsächlich gesund werden. Zwar kann nicht jeder auf dem Fachgebiet des anderen urteilen, aber es muss heute jeder für sich selbst entscheiden können, wen er überhaupt als „Fachmann“ anerkennen will. Das sei das Gebot des modernen Menschen, dass er sich ein Bild von seinem Nächsten mache, und danach handle, anstatt auf staatliche Stempel zu setzen, so Steiner. Es ist also das Gegenteil von „Mitbestimmung“ gemeint. Ich urteile nicht dem anderen in dessen Gebiet hinein, sondern erkenne, wo ich mit meinem Urteil zurückhalten muss, weil der gemeinsamen Sache besser gedient ist, wenn in dieser Frage der andere urteilt. Die Macht ist also nicht oben, sondern unten, sie liegt bei dem, der seine Meinung zurückhält, und so einen Raum für den anderen schafft. Dadurch entsteht eine Struktur, die in ständiger Bewegung ist, wo eben nicht in starrer Weise Positionen festgesetzt werden können, wo man nicht abhaken kann: der ist das, die ist jenes, sondern wo man sich mit und aneinander entwickelt, und in dieser Entwicklung erkennt, wer was wo zu ergreifen hat.

Wie kommen wir also zu einer selbstverwalteten Einrichtung im Steinerschen Sinn? Indem wir den Kollegen neben uns anschauen. Wir müssen uns gegenseitig anschauen. Wir müssen uns gegenseitig erkennen, wir dürfen die Menschenkunde nicht nur als Idee im Kopf haben, sondern müssen Sie auch leben, und diese in der Begegnung wirklich gelebte Menschenerkenntnis, die ist dann identisch mit der äußeren Verwaltungsstruktur einer „freien Waldorfschule“ oder eines „freien Waldorfkindergartens“ im Steinerschen Sinn.

Das ist banal. Und dennoch ist es furchtbar schwer. Da gibt es keinen Dreh, keinen Trick, keinen Mechanismus, der uns da helfen könnte, sondern das ist schon das Ganze der Selbstverwaltung: dass ich meinen Kollegen wirklich anschaue. Aber das können wir noch kaum. Davor haben wir sogar die größte Angst. Ich will Ihnen wieder das Schlechte an etwas Gutem zeigen, weil man den Schatten bei Licht eben am besten sieht. In den Waldorfschulen hat sich ja ein Rest des freien Geisteslebens erhalten, nämlich das so genannte Delegationsprinzip. Im Delegationsprinzip steckt das ja drin, was ich eben ausgeführt habe, aber das ist heute mehr ein Add-On, das ist auf das aufgesetzt, was aus ganz anderen Untergründen heraus die eigentliche Verwaltung ist. Vielerorts traut man dem Prinzip, das laut Steiner in dem Wörtchen „frei“ im Ausdruck „freie Waldorfschule“ gemeint ist, ja gerade mal noch die Ausrichtung eines Bazars zu, während das Schulleben von ganz anderen Kräften bestimmt wird. Aber gerade an diesem letzten Rest der Freiheit sieht man, welche Angst heute vor dem freien Geist herrscht. Da können Sie wirklich erleben, wie man heute zurückschreckt vor dem freien Geist. Wie delegiert man nämlich meistens? Das kommt oft nicht aus der Peripherie, aus dem Interesse für den anderen, sondern gerade aus dem Desinteresse. Nicht derjenige, der von allen als der Geeigneteste erkannt wird, macht die Sache, sondern derjenige, der gerade Zeit hat, oder der übrig bleibt, weil andere sich rausziehen. Nicht immer, aber sehr oft ist es so. Da ist oft kaum der Ansatz davon vorhanden, sich und den anderen richtig einschätzen zu wollen, und nach der Erkenntnis zu gehen. Vor der Erkenntnis geniert man sich nämlich. Wenn Sie da in die Runde sagen: Also, hört mal, das geht so nicht, unsere Verantwortung gegenüber dem Kind gebietet doch, dass wir uns jetzt anschauen und ehrlich sagen, wer von uns das machen soll – was passiert dann? Dann wird es ganz ungemütlich auf den Stühlen. Sogar das Positive will man nicht aussprechen. Denn wenn Sie zum Beispiel sagen: ich finde, wir sollten Frau Sowieso bitten, das zu leiten, was geschieht dann? Dann müssen Sie Angst haben, dass da drei andere neben Ihnen sitzen, die sich fragen: warum findet der eigentlich nicht, dass ich das kann? Ich bin doch mindestens ebenso qualifiziert. Also, das nur als Beispiel. In dieser Art könnte man noch vieles mehr beschreiben, was sich der Erkenntnis in den Weg stellen will, was uns dann plötzlich zur Unwahrhaftigkeit drängt. Sie kennen das ja aus Ihrem Alltag. Wir sind eben oft noch sehr weit weg davon, uns ehrlich anzuschauen. Und entsprechend weit weg sind wir von der Realisierung einer selbstverwalteten Schule oder eines selbstverwalteten Kindergartens.

Dann bleibt natürlich nichts anderes übrig, als dass man doch von Ideen ausgeht. Dann wirft halt einer eine Idee in die Runde, und man hebt die Hand, ist dafür oder dagegen. Dann reduziert sich das Gemeinsame auf das maximal mögliche Minimum, nämlich auf den abstrakten Punkt des „Ja“ oder „Nein“. Die Idee macht es, an Stelle des Geistes. Aber eine freie Gemeinschaft kann sich niemals auf eine gemeinsame Idee gründen. Sie gründet sich auf den Geist. Ich will nicht sagen, dass die Idee überhaupt keine Rolle spielt. Nur kommt eben alles darauf an, welche Rolle sie spielt, wie wir mit der Idee umgehen. Die Idee kann den Geist verbergen, oder ihn enthüllen, je nachdem, wie wir sie gebrauchen. Nehmen Sie die Idee der sozialen Dreigliederung, wie ich sie jetzt vor Sie hingestellt habe. Die steht ja jetzt zwischen uns, die trennt uns. Sie müssen sich der Idee nämlich gegenüberstellen, müssen Ihr eigenes Denken in Bewegung bringen, sich Ihren eigenen Begriff davon machen, zumindest, wenn Sie frei bleiben wollen. Was ich hingestellt habe, das ist für Sie zunächst eine Wahrnehmung, die Idee kommt mir dann erst wieder entgegen, indem Sie diese Wahrnehmung denkend durchdringen. Das sind dann aber lauter verschiedene Ideen. Jeder schaut diese Idee von seiner Seite aus an, auf seine Art, so dass wir jetzt in Wahrheit genau so viele Ideen der sozialen Dreigliederung haben, wie Köpfe im Raum sind. Da sind wir völlig isoliert, da lebt die Idee in den Grenzen der Persönlichkeit, in den Grenzen der jeweils möglichen Perspektive.

Wenn ich jetzt einfach meine Seite verallgemeinere und eine Mehrheit für meine Perspektive zu gewinnen suche, mache ich Politik, aber dann kommen wir immer noch nicht zur geistigen Gemeinschaft. Auf den Boden des Geisteslebens kommen wir erst, wenn wir verfolgen, warum die eine Idee in jedem eine andere Färbung gewinnt, wie genau die Idee also in dem anderen wurzelt, was von der individuellen Seele in die Idee hineinströmt, was da seelisch vibriert. Wir müssen die Idee wieder in einen Zusammenhang bringen mit dem Menschen. Dann können wir erleben, wie ein und derselbe Geist gerade da spricht, wo Menschen ihrem freien Urteil folgen, wie er aber in jedem anders spricht, wie also die Idee bloß die Maskierung, der Schleier des lebendigen Geistes ist. Das geht natürlich nicht mit jeder Idee, sondern das geht nur mit solchen Ideen, die selber etwas dagegen haben, eine Idee zu sein. Das geht mit einer Idee, die jedes Mal, wenn ich sie fasse, verrät, dass sie nicht in dieser Form bleiben will, dass ihr eigenes Wesen nicht mit dieser Form zusammenfällt, weil sie als Idee nur hinweisen will auf etwas, das wirklich lebt. Eine solche Idee ist die Idee der sozialen Dreigliederung. Eine solche Idee ist aber auch die Menschenkunde. Die Menschenkunde ist nicht nur eine Idee über etwas Objektives da draußen, sondern sie schliesst das Werdende, den zukünftigen Menschen mit ein. Sie spricht etwas an, das als Objektives dem Menschlichen Wollen zu Grunde liegt, was hinter all den scheinbar so verschiedenen Neigungen und Begierden als gemeinsame Sehnsucht lebt, weil der Mensch gerade als Individuum durchaus nicht etwas Persönliches, sondern etwas Menschheitliches will, weil sich das Objektive der allgemeinen Menschennatur erst noch realisieren will. Das ist im Alltag nur verschleiert durch unsere verkürzten Ideen, aber eine zu Ende gedachte Idee wie die Menschenkunde, die spricht das an, was uns jetzt nicht nur verstandesmäßig, sondern im Wollen eint. Rudolf Steiner sagt das so: der Mensch wüsste noch gar nicht, was Freiheit ist, er glaubt, da wo er sich frei mache, sei er ganz isoliert, dabei sei es genau umgekehrt, da, wo der Mensch dem anderen in Freiheit begegne, realisiere sich etwas Objektives in der Menschennatur, weil der freie Geist selber etwas ist, etwas ganz Konkretes. Und darauf gründet sich eine freie Waldorfschule oder ein freier Waldorfkindergarten. Sie gründet sich auf den Geist, nicht auf die Idee.

Das Gemeinsame im freien Geistesleben liegt hier vor uns. Das liegt nicht hinter uns, hinter unserem im Rücken, sondern das liegt hier vor uns. Damit aber das, was hier vor uns liegt, in der Begegnung wirksam wird, müssen wir uns frei machen von dem, was hinter unserem Rücken steht, von den gemeinsamen Ideen, von den Programmen, von den staatlichen Verordnungen, aber auch von dem, was in den eigenen Verhältnissen dem Staat nachäffen will, was intern das staatliche Prinzip nachbaut. Wir müssen, um auf den Boden des Geisteslebens zu kommen, in ein dynamisches Verhältnis zu Rechtsleben und Wirtschaftsleben treten. Die Wirtschaftsfrage haben wir ja noch gar nicht berührt. Sie führt in ein ganz anderes Gebiet, wo sich dann die Selbstverwaltungsfrage ganz anders stellt. Wenn Sie möchten, kann ich das gerne einmal ausführen. Für heute kann ich nur so viel sagen, dass es selbstverständlich innerhalb der Schule kein Wirtschaftsleben gibt, weil das Wirtschaftsleben erst im Verhältnis der gegensätzlichen Branchen, im Hinblick auf die gesamte Bedürfnislage des Menschen betreten wird. Es gab ja auch schon zu Steiners Zeiten diese Leute, die den eigenen Betrieb dreigliedern wollten, die im eigenen Verein ein brüderliches Wirtschaftsleben realisieren wollten, usw. Rudolf Steiner regte sich fürchterlich darüber auf, nannte das eine „Schrulle“, und um seinen Begriff des Wirtschaftslebens zu verdeutlichen, erklärte er: Also, wenn Sie Wirtschaftsleben haben wollen, dann müssen Sie sich schon dazu herablassen, Kühe zu melken, und wenn das was bringen soll, brauchen Sie schon sehr viele Kühe. Solange Sie nämlich noch etwas von Außen beziehen, die Milch zum Beispiel, stehen Sie noch nicht im Wirtschaftsleben. Sie müssen sich mit den Bedürfnissen der Menschen insgesamt befassen, mit dem Problem der Über- und Unterproduktion.

Das Wirtschaftsleben wird von der Schule auch wieder nur insofern berührt, als man natürlich nicht in Luft leben kann, und deshalb in ein Verhältnis dazu treten muss. Doch auch dabei kommt es wieder darauf an, dass sich gerade das wirtschaftliche Element nicht auf die Schule überträgt, dass da also nicht ein vermeintliches Wirtschaftsleben innerhalb der Schule entsteht. Man muss hier genau unterscheiden lernen. Man muss unterscheiden dasjenige, was man miteinander in der Schule tut von dem, was einen leiblich trägt. Rudolf Steiner nannte das „Trennung von Arbeit und Einkommen“. Meine Arbeit hat mit meinem Einkommen gar nichts zu tun. Meine Arbeit dient dem Kind, und nur damit hat es die Verwaltung der Schule zu tun. Das Ergebnis dieser Arbeit ist die Förderung der kindlichen Entwicklung. Was ich esse, was ich anziehe, ist nicht das Ergebnis meiner Arbeit, sondern das Ergebnis der Arbeit anderer Menschen. Beides darf ich nicht verwechseln. Was an Einkommen gebildet wird, dient der Erhaltung meines Leibes, aber nicht der „Bezahlung“ meiner Arbeit als Lehrer, das kann gar nicht bezahlt werden, das hat gar keinen Warenwert. Aber auch davon sind ja die Waldorfschulen noch weit entfernt, auch vom Wirtschaftsleben haben sie sich noch nicht frei machen können. Das sehen Sie zum Beispiel daran, dass vielerorts der Klassenlehrer mehr verdient als der Erzieher, und der Oberstufenlehrer wiederum mehr als der Klassenlehrer. Wenn Sie dann hingehen und Arbeit und Einkommen trennen wollen, wenn Sie sagen: es hat ja jeder hat in gleicher Weise Bedürfnisse, das Einkommen muss sich einfach nach den leiblichen Bedürfnissen richten, und nicht nach dem vermeintlichen „Warenwert“ der Arbeit, da können Sie aber was erleben. Das kann man noch nicht denken, dass man das Ergebnis der eigenen Arbeit nicht aufessen kann, genau so wenig, wie man die Kinder aufessen kann. Dann sagen die Lehrer: ja, aber es muss doch die „höhere Qualifizierung“, die „Fähigkeit“ in der Bezahlung zum Ausdruck kommen. Es muss aber gerade die Fähigkeit, die Qualifizierung auf den Boden des Geisteslebens gestellt werden, wie ich es hier ausgeführt habe. Darum geht es. Dann verwaltet sich eine Schule „selbst“. Das kann man eben noch nicht, da lässt man sich noch vom Wirtschaftsleben sagen, wer man ist.

Soviel von meiner Seite. Über die Detailfragen können wir dann in den Arbeitsgruppen sprechen. Und wie gesagt: Diese praktischen Details, die sind ja dann vielleicht sehr verschieden von dem, was ich hier ausgeführt habe. Sie würden mich missverstehen, wenn Sie z.B. aus meinen letzten Äußerungen schließen, dass ich für ein anderes Gehaltsmodell bin, oder dass ich fordere, dass Lehrer und Erzieher gleich hoch bezahlt werden. Ich wollte die Richtung aufzeigen, in die Steiner blickt. Wie man in diese Richtung kommt, ist eine ganz andere Frage. Das hängt von den Menschen ab, die da sind. Und es ist eben so, dass wir da auch Pädagogen für Erwachsene sein müssen. Es ist zum Beispiel einfach eine Tatsache, dass es noch viele kindliche Gemüter unter uns Erwachsenen gibt, dass viele Menschen heute nicht aufrecht gehen können, wenn man ihnen nicht die Taschen ordentlich füllt. Dann verlieren sie das Gleichgewicht. Wie die Erwachsenen dahin kommen können, dass sie irgendwann auch selbst stehen können, das wäre gerade die Frage der praktischen Schritte, aber da baue ich auf Sie als Erzieher, dass Sie da vielleicht auch das Kindliche im Erwachsenen sehen, und dass Sie da genau so konsequent mit dem rechnen, was Ihnen vom anderen entgegen strahlt, aber nichts erzwingen wollen. Man kommt nicht zu einem freien Geistesleben, wenn als Erstes verstanden wird, dass man dem anderen das Gehalt kürzen will, sondern man kommt nur zu einem freien Geistesleben, wenn man damit anfängt, bei sich selbst die Grundsätze eines freien Geisteslebens anzuwenden, das heisst vor Allem, auf die Freiheit des Anderen zu bauen.

Johannes Mosmann, Februar 2015

Weiterführende Literatur:

  1. Udo Herrmannstorfer, Delegation und kollegiale Führung, abrufbar auf der Webseite der Stiftung Wege zur Qualität unter:
    http://www.wegezurqualitaet.info/dms/wegezurqualitaet/schweiz/public/dokumente/publikationen/Dynamische_Delegation.pdf
  2. Rudolf Steiner, Was ist eine „freie“ Schule? Quellen zum Begriff der freien Selbstverwaltung bei Rudolf Steiner, 140 Seiten, herausgegeben vom Institut für soziale Dreigliederung. Ab April 2015 bestellbar unter:
    http://www.dreigliederung.de/mail/bestellung/