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Von der Phrase zur Lüge

Stefan Böhme (12/2011)
 

«Niemand ist hoffnungsloser versklavt als jene, die fälschlicherweise glauben frei zu sein»
Johann Wolfgang von Goethe

«Es gibt kein richtiges Leben im falschen.»
Theodor W. Adorno

Schon seit längerem nehmen einige Freunde, denen Anthroposophie am Herzen liegt, die Umwandlung der Zeitschrift «Erziehungskunst» zum Verbandsblatt des Bundes der Freien Waldorfschulen und somit zu einem Instrument der Öffentlichkeitsarbeit mit Sorge zur Kenntnis. Nun fand sich in der Ausgabe Juli/August 2011 ein kleiner Kommentar in eigener Sache von Henning Kullak-Ublick, der den Anlass zu den folgenden Gedanken gab.

Worum geht es?

Eine Waldorfmutter hatte sich per E-Mail bei Henning Kullak-Ublick (im weiteren KU), Mitglied im Vorstand des Bundes der Waldorfschulen, beklagt: Einige Lehrer der Waldorfschule ihrer Tochter missbilligten bestimmte Artikel in der «Erziehungskunst», weil diese nicht ihrer Idee von Waldorfpädagogik entsprächen und hätten daher entschieden, sie trotz fehlenden Konferenzbeschlusses nicht mehr auszuteilen. Die Mutter nimmt dies als ein plastisches Beispiel dafür, wie sehr den Eltern vor Ort von besagten Lehrern die Mündigkeit abgesprochen werde und fragt sich nun, inwiefern dies noch mit dem Freiheitsgedanken Steiners vereinbar sei.

KU reagiert in besagtem Kommentar auf den Vorgang. Er bringt zunächst das berühmte Wort Rosa Luxemburgs, die 1917 aus dem Gefängnis heraus die Freiheit des Andersdenkenden mutig vertrat. Nicht der Fanatismus der Gerechtigkeit bewege sie, sondern die Sorge um den Verlust alles Belebenden, Heilsamen und Reinigenden, wenn die Freiheit zum Privilegium wird. Um einen wichtigen Aspekt des Freiheitsgedankens Steiners zur Geltung zu verhelfen, folgt der bekannte Satz aus der Philosophie der Freiheit: «Man muss sich der Idee erlebend gegenüber stellen können, sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.» Die Ideen, um die es KU hier zu tun ist, seien die der Waldorfpädagogik, Freiheit und Mündigkeit und er bekennt: «Drei Ideen, denen sich die Redaktion und die Herausgeber der «Erziehungskunst» zutiefst verpflichtet wissen. Wir möchten diese Ideen für unsere Leserinnen und Leser erlebbar machen, ihre Urteilsbildung anregen und sie am liebsten auf eigene Ideen bringen. Wir wollen das pädagogische Leben fördern; konservieren mögen es andere.» Dann folgt eine kurze Aufzählung der Stationen des Freiheitskampfes Steiners: «Zuerst entwickelte er seinen Freiheitsbegriff philosophisch, dann beschrieb er Wege zur Erlangung individueller Freiheit und seit 1917 kämpfte er für die Freiheit des Geistesleben in einem gegliederten sozialen Organismus.» Das Ideal der Mündigkeit sieht KU im Leben Steiners verwirklicht durch die Tatsache, dass Steiner sofort die Leitung der ersten Waldorfschule übernahm, nachdem nichtanthroposophische Eltern sie mit Hilfe ihres Arbeitsgebers initiiert hätten. «Sie ermöglichten Rudolf Steiner, die Ergebnisse seiner dreißigjährigen anthropologischen- anthroposophischen Forschung in eine Pädagogik münden zu lassen, die wiederum den Weg zum freien, verantwortungsbewussten Menschen in den Mittelpunkt aller einzelnen Unterrichtsvorschläge stellt – bei den Lehrern, bei den Schülern und bei den Eltern.» Abgeschlossen wird der kleine Text mit einer Fußnote, die die Information liefert, dass «pro Jahr für jeden Waldorfschüler der Gegenwert eines Eisbechers (€ 5,50) zur Finanzierung der Erziehungskunst aufgewendet (wird).» Dafür stehe jeder Familie jeden Monat diese Zeitschrift zu, von der ein Einzelexemplar im Handel allein schon € 4,90 koste.

Der Kommentar des Kommentars

Klar ist, dass KU die Klage der Mutter als Gelegenheit wahrnimmt, sich im Sinne der drei von ihm genannten Ideale als Sachwalter der Interessen der Waldorfeltern einzusetzen. Wollte man nun die beabsichtigte Stimmung zum Ausdruck bringen, die durch seine Art der Darstellung beim naiven Leser aufsteigen mag, dann würde es vielleicht so klingen: - Wie kann es sein, dass Waldorflehrer sich gegenüber Eltern, denen schließlich die «Erziehungskunst» zusteht, in dieser Art aufspielen und ihnen eigenmächtig und entmündigend das Blatt vorenthalten? Offensichtlich sind sie nicht in der Lage, sich ihrer konservativen Idee von Waldorfpädagogik gegenüber zu stellen und sind ganz unter ihre Knechtschaft geraten. Sie gehen dabei in ihrer Intoleranz so weit, dass sie die Freiheit des Andersdenkenden missachten. Da ist es gut, im Bund der Waldorfschulen einen Vorstand zu haben, der sich der Freiheit und Mündigkeit zutiefst verpflichtet weiß und gegen solche Umtriebe Position bezieht. Menschen auf verantwortungsvollen Posten, die an noblen Vorbildern wie Rosa Luxemburg und Rudolf Steiner festhalten und sie den abirrenden Waldorflehrern zur Erinnerung bringen.

Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus? Weit gefehlt! Der Idealismus eines KU lässt sich nicht korrumpieren, auch wenn es gegen die eigenen Kollegen gehen muss, die aus der Freiheit ein Privilegium machen! Hat man nicht vom Vorstand aus lange gekämpft, den Eltern äußerst kostengünstig die «Erziehungskunst» zukommen zu lassen? So ist schließlich allen die Möglichkeit gegeben, Anregungen für eigene Ideen zu bekommen, um sich so zum freien und verantwortungsbewussten Menschen zu entwickeln. Leider scheint es Waldorflehrer zugeben, denen das ein Dorn im Auge ist. Recht so, wenn da jemand pointiert und geistvoll Paroli bietet. Jemand, der an die hohen Ideale des Gründers Steiner anknüpfend eine moderne und emanzipatorische Waldorfpädagogik und Anthroposophie vertritt. Jemand, der im Namen der Freiheit auch nichtanthroposophische Eltern gegen anthroposophische Dogmatiker verteidigt. -

Aber kann das Vorgetragene bei einer eingehenden Prüfung wirklich bestehen? Um der Sache auf den Grund zu gehen, ist es jedenfalls notwendig, danach zu trachten, den hier gekennzeichneten halbbewussten Gefühlszustand zu überwinden. Wohlan! Die erste Frage, die sich stellt, ist, ob die kritisierten Waldorfkollegen solch konservative und intolerante Dogmatiker sind, als welche sie im Text doch recht heimtückisch und voraussetzungsvoll hingestellt werden? Wir werden es so lange nicht wissen, bis man ihnen die Chance gegeben hat, ihren Standpunkt an gleicher Stelle zur Darstellung zu bringen. Immerhin könnte es doch sein, dass sie ganz berechtige Gesichtspunkte vertreten. Möglicherweise ist den sich verweigernden Kollegen nicht genügend Raum zur Veröffentlichung ihrer Gesichtspunkte eingeräumt worden, und vielleicht wussten sie sich nicht mehr anders zu helfen als mit der beklagten Aktion. Denn, wie ist es überhaupt um ihre Freiheit bestellt? Wie kann es sein, dass eine Administration sie im Einzelfall gegen ihren Willen zur Distribution eines Blattes verpflichten kann? Anscheinend ist es aus dieser Sicht in Ordnung, Waldorflehrer zu zwingen, geistige Inhalte in Zirkulation zu bringen, die ihren Anschauungen entgegenstehen. Anstatt Lehrer durch die Standpunkterklärung zu diskreditieren, hätte man sich in der Redaktion des Heftes auch fragen können, ob und wenn ja, was man in der Vergangenheit falsch gemacht hat, gerade wenn man sich doch hohen Idealen «zutiefst verpflichtet» fühlt. Die eigentliche Aufgabe, in einem solchen Fall menschlich zu vermitteln, kann anscheinend deshalb vom Vorstand des Bundes der Waldorfschulen, von dem ja die Redaktion zu 100% abhängig ist, nicht geleistet werden, weil er offensichtlich nicht in der Lage oder willens ist, seine eigene Rolle beim Zustandekommen des Konfliktes zu reflektieren und gegebenenfalls einzugestehen. Stattdessen wird von privilegierter Stellung aus bundesweit mit 72.000-facher Vervielfältigung die eigene Position manifestiert. Moment, - die eigene Position? KU hat sich doch für die Freiheit der Eltern eingesetzt! Nun, er hat sich dafür eingesetzt, dass die «Erziehungskunst» bitte schön ungehindert ausgeliefert werde, in der er und seine Bundesgenossen ihre Meinung ungehindert kundtun können. Er hat sich letztlich für seine eigene Freiheit und die der Redaktion eingesetzt. Ganz sicher nicht für die des Andersdenkenden und schon gar nicht für die der Eltern.

Nicht für die der Eltern? Um diese Behauptung nachvollziehen zu können, müssen wir den entscheidenden Schritt wagen von einer Argumentation innerhalb eines Systems zu einem Denken, das sich bemüht die immanente strukturelle Gewalt offenzulegen.

Auf der Delegiertenversammlung der Waldorfschulen im März 2009 wurde nach ausdauerndem Betreiben des Vorstands der Entschluss gefällt, die «Erziehungskunst» durch Pflichtbeiträge der Waldorfschulen zu finanzieren. Nun muss doch die prinzipielle Frage gestellt werden, wie es unter dem Gesichtspunkt der geistigen Freiheit überhaupt sein kann, ein Blatt durch solche demokratisch beschlossenen generellen Zahlungen aufrecht zu erhalten? Hat sich darüber hinaus jemals einer der Verantwortlichen die Frage gestellt, wie solch ein scheinbares «Gratisblatt» einerseits auf die Gesinnung der Lesenden bezüglich geistiger Güter und andererseits – als Folge dieser Gesinnung – auf den Markt der anthroposophischen Zeitschriften einwirkt, die einer solch umfangreichen Subvention entbehren? Nur wenige Schulen haben sich durch eine entsprechende Entscheidung vor Ort der so «schlüssigen» Argumentation des Vorstandes und dem aufgebauten Gruppendruck entziehen können oder wollen. Faktisch wurden deshalb auf besagter Delegiertenversammlung über die Köpfe der Eltern hinweg an dieser Stelle Schulfinanzen flächendeckend zweckentfremdet. Dieser Vorgang wird auch nicht besser, wenn man ihn sich mit einem Eisbechervergleich versüßt, denn seit wann wird eine Falschheit durch Verniedlichung zur Wahrheit? Und mit dem minimalen Betrag von jedem hat man mal eben ein «automatisches» Jahresbudget von einer geschätzten knappen halben Million geschaffen. Dieser unangenehme Tatbestand wird durch die Formulierung verschleiert, dass jeder Familie nun ein Heft zustände. Den Eigennutz anstachelnd malt KU den Menschen dann noch vor, wie kostengünstig sie auf diesem Wege im Vergleich zum öffentlichen Erwerb an das Druckerzeugnis kommen. Wehe dem, der jetzt dazwischen kommt!

KU beherrscht die Technik, suggestiv beim Leser nach außen einen Sog zu erzeugen, wo faktisch aus dem Hintergrund aufgebauter Druck herrscht. Auf diese Weise mit Emotionen eingewickelt, wird den Eltern vernebelt, dass der zuvor über ihre Köpfe hinweg eingezogene Beitrag ihnen die Entscheidung aus der Hand geschlagen hat, durch einen autonomen Kaufakt selbst zu entscheiden, ob sie überhaupt solch eine Zeitschrift in dieser Form für sinnvoll erachten. Denn ob jemand konkret ein Heft durch Erwerb fördern möchte, liegt ja nun nicht mehr in der Freiheit des Einzelnen. An diesem konkreten Beispiel zeigt sich, was ein demokratischer Willensbildungsprozess an falscher Stelle durch mangelnde Begriffsbildung anrichten kann.

Aus dem oben Entwickelten wird es vielleicht verständlich, dass es mir ganz fern gelegen hätte, eine Kritik gegen in der «Erziehungskunst» geäußerte Positionen – welchen Inhalts auch immer – zu artikulieren, wenn sie wenigstens größtenteils als Wirtschaftsunternehmen geführt würde. Denn natürlich ist und bleibt auch eine Zeitung mit geistigem Inhalt schlicht eine Ware. Unternehmerisches Wirtschaften ist so gesehen tatsächlich Ausdruck von Freiheit. Das natürliche Korrektiv liegt darin, dass man allerdings von Seiten der Produzenten sehen müsste, ob der notwendige Absatz durch den gebotenen Inhalt auch erreicht wird. Es wäre auf diesem Wege eben nicht mehr möglich, Waldorfglitzerwelten, die die zuweilen gravierenden Alltagsprobleme an den Schulen nicht einmal erahnen lassen, in zuweilen propagandistischen Bildern und Vorstellungen ohne Rückmeldung von der Bedarfsseite in die Welt zu drücken. Dann würde sich zeigen, ob man wirklich vom mündigen Menschen ausgeht und ihm zutraut, auch ungewöhnliche, anspruchsvolle oder gar unbequeme Gedanken zu honorieren, Informationen wertzuschätzen, sie sich bei Bedarf selbst zu beschaffen und, last but not least, auch bereit zu sein, angemessen dafür zu bezahlen.

Aus dem Ganzen wird auch klar, warum in der «Erziehungskunst» kaum Themen bearbeitet werden, welche die gesunden Bedingungen freien Bildungswesens verständlich machen. Eines in die Gesellschaft (und nicht in den Staat) eingebetteten und von freien Menschen getragenen Geisteslebens. Statt den bestehenden Missstand über die Jahre zumindest klar zu kennzeichnen und den übergriffigen politischen Instanzen mutig öffentlich den Krieg zu erklären, hat man sich um des lieben Geldes willen schon vor langem entschlossen, den Weg der pragmatischen Anpassung zu beschreiten und glaubt nun, mit dem Erlangen der Bachelor- und Masterwürden für immer mehr Waldorflehrer Siege feiern zu können. Deshalb wird zumeist übersehen, dass die Zentralisierung, d.h. auch die staatliche Überregulierung unseres Bildungswesens, zur Folge hat, dass an den Schulen kaum mehr Zeit, Kraft und Wille für geistige Arbeit in den Konferenzen verbleibt und stattdessen allzu oft «Programm» erfüllt werden muss, welches die Lehrer immer mehr in Bürokratie und Organisatorischem zu ersticken droht. Sonst könnte von Lehrer-, aber auch Elternseite aus vielleicht viel mehr in geistvolle, anregende, belebende Texte für Schulzeitungen verschiedenster Art fließen. In die durch diese leidlichen Umstände entstandene geistige Lücke stößt eine derart finanzierte «Erziehungskunst», die immer mehr zum Zentralorgan gerinnt. Wie viel bunter wäre es, wenn stattdessen um die einzelnen Schulen im engen Kontakt der Menschen untereinander ein reicher geistiger Austausch entstünde.

Doch offensichtlich hält man beim Bund die Menschen dazu nicht für reif genug. Denn seit dem Entschluss, die «Erziehungskunst» allen Eltern der Waldorfschulen «zur Verfügung zu stellen», kann von Freiheit keine Rede mehr sein. Sonst hätte man die e-Mail-schreibende Mutter darüber aufgeklärt, dass sie sich mit ihrem Verhalten selbst entmündigt hat und auf die ganze Konstruktion der Verhältnisse bereits hereingefallen ist. Warum erwirbt sie sich nicht das Blatt einfach selbst, statt bei der «Zentrale» petzen zu gehen, um ganz gemäß der scheinbar beabsichtigten Verwirrung des Gemüts ihren «Anspruch» anzumelden?

Die nun eingerichtete Form der Zwangsbeglückung ist besonders deshalb skandalös, weil ihr eine immanente und strukturelle Entmündigung zugrunde liegt, die im Beitrag von KU selbstverständlich ungenannt bleibt. Auf dieser Folie wird das bezüglich der Ideale der Freiheit und Mündigkeit phrasenhaft Geäußerte zur puren Manipulation – und durch die realen Verhältnisse Lügen gestraft. Das ist m. E. keine Kleinigkeit mehr, über die großzügig hinwegzusehen man berechtigt wäre. Das in dem kleinen Standpunktbeitrag Abgelieferte ist ein bedauerliches Exempel. Es offenbart symptomatisch eine Haltung, die sich in nichts mehr unterscheidet von jener, die viele Politiker im «öffentlichen» Leben einzunehmen pflegen. So baut man sich Meinungsmonopole und Privilegien der Freiheit. Genau so werden heute unter dem Deckmantel von Freiheit, Mündigkeit und Demokratie mit Steuergeldern Bildungsziele vorgegeben, Schulen geplant und das geistige Leben zentral verwaltet.

«Wenn wir der These, daß wertvolles Wissen eine Ware sei, die man unter gewissen Umständen gewaltsam in den Verbraucher hineinstopfen darf, nicht entgegentreten, so wird die Gesellschaft mehr und mehr von unheimlichen Pseudoschulen und totalitären Informationsmanagern beherrscht werden», analysierte ein Iwan Illich schon in den frühen 70ern. (I. Illich, Entschulung der Gesellschaft, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1973, S. 61) Doch vollkommen unberührt von solchen, oder noch näherliegend, von inspirierten Gedanken aus der Idee der Dreigliederung, betreibt man im Grunde schon seit Jahrzehnten vom Bund der Waldorfschulen aus die, wie man zu sagen pflegt, «zeitgemäße Modifikation» Steiners. Statt im Sinne einer wirklichen Freiheit die Schulpflicht, die Steuerfinanzierung und die zunehmende Integration der Schulen in das staatliche und wirtschaftsorientierte Abschlusswesen als einen menschenfeindlichen Fluch zu begreifen, den man mit allen Kräften Schritt für Schritt zu überwinden trachtet, propagiert man bei vollkommener Erkenntnisleere unverdrossen die Phrase von einem «Freien Geistesleben» als einem durch 100%ige Staatsfinanzierung bewässerten Gewächshaus. Mit dem beschriebenen Vorfall bekommen wir einen deutlichen Vorgeschmack, dass uns bei «Anthroposophen» mitnichten etwas anderes erwartet, als was uns im sonstigen, auf diese Art zustande gekommenen staatlichen «Kulturleben» im Großen und Ganzen blüht: Eine abgekoppelte akademische Elite als Vormund der Menschen.

Stefan Böhme, September & November 2011

Anmerkung der Redaktion:

Die Redaktion von www.dreigliederung.de teilt die Auffassung von Stefan Böhme, wonach eine über das Schulgeld automatisierte Finanzierung eines Redaktionsstabs eine systematische Verhinderung der Freiheit darstellt und in einem krassen Widerspruch zu den von Rudolf Steiner im Zusammenhang mit der Gründung der freien Waldorfschule entwickelten Idee eines freien Geisteslebens steht. Der Irrwitz ist an dieser Stelle auch deshalb so auffällig, weil Steiner ausgerechnet am Beispiel des Verlagswesens illustrierte, was er sich als Bedingungen für ein freies Geistesleben, innerhalb dessen seiner Ansicht nach Waldorfpädagogik allein möglich sei, vorstellte: die absolute Trennung der Finanzierung des Redakteurs von der Finanzierung des Verlegers - der Redakteur sollte, so wie jeder geistig schaffende, von individuellen Schenkungen und damit von dem Verständnis für seine besonderen Fähigkeiten abhängig gemacht werden, der Verleger dagegen von dem durch Assoziation mit den Konsumenten zu findenden Preis seiner Ware. Diese Idee eines freien, sich bloß von dem individuellen Verständnis abhängig machenden Geisteslebens, ist mittlerweile vollständig aus den Waldorfschulen entfernt und durch eben dasjenige System ersetzt worden, dessen Abschaffung gerade das unmissverständlich als solches erklärte primäre Ziel der ersten Waldorfschule war. Sofern dieser Vorgang in den Schulen überhaupt zu Bewusstsein kommt, wird er zumeist in der Tat damit gerechtfertigt, dass man Steiners Ideen nicht wie "Kochrezepte" umsetzen könne und deshalb "modifizieren" müsse. Faktisch setzt man aber damit wie ein Kochrezept um, was eben für gewöhnlich umgesetzt wird, weil man keine Ideen hat: die herrschende Ideologie. In der Praxis erweist sich dieses gedankenlose Umsetzen des Gewöhnlichen entgegen aller kurzsichtigen Behauptungen dann keineswegs als praktisch, weder für die Kinder, noch für Lehrer und Eltern, und schon gar nicht für die Waldorfschulbewegung.

Die Redaktion ist jedoch nicht der Meinung, dass diesen Prozessen auch nur im Entferntesten böse Absichten der beteiligten Personen zu Grunde liegen. Es liegt vielmehr gerade im Wesen dieser Vorgänge, dass sie unabsichtlich geschehen. Die Hürden, sich absichtsvoll an die Errichtung einer freien Waldorfschule zu machen, sind andererseits die denkbar Größten (Siehe dazu auch Lars Grünewald über Die geistigen Hintergründe des Bildungssystems). Die Redaktion zweifelt indes auch nicht daran, dass die beteiligten Personen über den guten Willen und die Kräfte verfügen, diese Hürden zu meistern, und ist deshalb sogar überzeugt davon, dass es in absehbarer Zeit zur Ausbildung eines freien Geisteslebens und zur Gründung freier Schulen kommen kann. Die Voraussetzung ist allerdings, dass der Begriff der "Freiheit" auch in seiner sozialen Dimension, wie sie Rudolf Steiner als Grundlage der Waldorfschule ab 1918 entwickelte, wieder entdeckt und weiterbewegt, statt als "Kochrezept" zugunsten einer vermeintlichen "inneren" Freiheit abgetan wird. Die Redaktion wünscht sich deshalb eine offene Diskussion über den Freiheitsbegriff der "freien" Waldorfschulen und die tatsächlichen oder vermeintlichen Hürden, die diesem im Wege stehen, und nimmt den Essay von Stefan Böhme in dieser Hoffnung auf die Webseite. Bestimmt wird diesem Essay bald eine ebenso klar gefasste Gegendarstellung (oder sogar Zustimmung?) von Henning Kullak-Ublick hinzugefügt werden können!

Johannes Mosmann

Übersicht über den Diskussionsverlauf

  1. Henning Kullak-Ublick: Standpunkt in der Juli/August-Ausgabe der "Erziehungskunst"
  2. Stefan Böhme: Von der Phrase zur Lüge
  3. Henning Kullak-Ublick: Von der Phrase zur Lüge - Eine Replik

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