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BürgerBahn statt Staatsbahn oder Börsenbahn

Rainer Schulz

5/2006

            

Liebe Bahninteressierte,

was kommt eigentlich nach der Verhinderung des Bahn-Börsenganges?
... oder des vergeblichen Verhinderungsversuchs?

Sind dann alle Bahnprobleme gelöst? Gibt es dann eine neue Bahn?

  • die auf ihre Kunden hört?
  • und auf die Erfahrung ihrer Mitarbeiter?
  • die den InterRegio (IR) vom Abstellgleis holt, und als Mittelstreckenfernverkehr pflegt?
  • die den ICE rationell auf Hochgeschwindigkeitsstrecken einsetzt?
  • und Nahverkehr nicht als Ersatz-IR, sondern auf echten Nah-Strecken betreibt?
  • und so durch sinnvollen Mitteleinsatz bezahlbare Preise verlangt?
  • und ein einfaches, überschaubares Preissystem einführt?
  • und so mehr Kunden anzieht, die wiederum den Betrieb besser amortisieren?
  • und dadurch statt Massenentlassungen Menschen in sinnvolle Arbeit bringt?
  • und statt Schienenrückbau und störanfälliger Übercomputerisierung das Netz pflegt?

Schön wär’s !! Der längerfristige Beobachter sagt sich: So eine Entwicklung geschieht nicht von selbst. Mit der Verhinderung des Börsengangs ist nur eben dieser verhindert.

Aber noch nichts Neues geschaffen. Bahn-Fahrgastzahlen stagnieren, Autos und Flugzeuge werden immer mehr, die Aufheizung der Atmosphäre schreitet fort.

Ich finde, wir als an der Entwicklung einer kundendienenden Bahn Interessierte müssten aufzeigen, was anstelle des Börsenganges als Neugestaltung der DB jetzt erforderlich ist.

Wenn dies nachvollziehbar und durchführbar in der Öffentlichkeit steht, ist der Börsengang obsolet, weil hoch risikobehaftet und kundenfeindlich, wie ebenfalls aufzuzeigen wäre.

Die öffentliche Diskussion zur Bahn erscheint mir wie gebannt, ja gelähmt, auf nur zwei Extreme zu starren:

  • durch Börsengang verwurstete Profitbahn
  • Staatsbahn wie bisher mit allen Mängeln wie gewohnt = lieber das kleinere Übel

Es fehlt eine konstruktive Alternative im öffentlichen Raum.

Der Börsengang ist nicht böser Wille von Politikern, sondern Ausdruck einer unglaublichen Ideen-Armut: man kann sich in den derzeit maßgebenden Gremien nichts anderes vorstellen, als Staats- oder Börsenbahn.

Hier haben sachverständige Bürger und -verbände eine echte Chance, dieses geistige Vakuum zu füllen, anstatt nur als Beharrer (Staatsbahn) oder Neinsager (Börsenbahn) wahrgenommen zu werden.

Wie wäre es, zur Eröffnung des überdimensionierten Berliner Hauptbahnhofs am 27.05.2006 eine gut ausgearbeitete Alternative zum Bahn-Börsengang, die besser und billiger ist, in öffentlicher Pressekonferenz und Demonstration vor dem Hauptbahnhof vorzustellen. Neben eine schonungslose Bestandsaufnahme, und dem drohenden Zukunftsszenario nach einem Börsengang wäre die klare Alternative zu stellen:

  • eine betrieblich und sozial neu gestaltete, belebte Bahn, mit durchlässigen, nachvollziehbaren Entscheidungsstrukturen, die wahrnimmt, was ihre Kunden wollen, und die ihre Mitarbeiter einbezieht im Unternehmensdialog.
  • durchgerechnete Beispiele kostengünstiger Streckenbedienung mit IR/IC statt ICE auf Nicht-Hochgeschwindigkeitsstrecken
  • erheblich verringerter Zuschussbedarf durch gut ausgelastete, weil attraktive Züge in kundenorientierten Zeitlagen und Anschlüssen, Streckenbeispiele
  • Hochrechnung dieser Beispiele auf den Gesamtetat
  • damit Schuldenverringerung
  • sowie Vermeidung „englischer“ Bahnzustände, mit unabsehbaren Folgekosten.

Um dies zu erreichen, wird das Unternehmen DB in eine neue Rechtsform überführt, die den Schwerpunkt auf Kundenbelange und Mitarbeiter, statt auf die Rendite ferner Investoren legt:

  • unabhängige Bahnstiftung/-genossenschaft = Bürger übernehmen ihre Bahn, indem sie als Mitglieder den Aufsichtsrat wählen, -- dieser beruft die Vorstände
  • unabhängige Bahnkundenvertretung = Bürger organisieren ihre Bahn durch Wahl ihrer örtlichen Vertreter in lokale(n) und bundesweiten Fahrgastbeirat
  • Rückzug von Politik und Börsenunsinn = nur Beteiligte nehmen teil, z.B. ferner unter Einbeziehung meines Vorschlages der Bahnkundenanleihe = Refinanzie-rung der Bahn u.a. durch festverzinste Kundenanleihen, Verzinsung wahlweise als Ticketgutschein.

Eine Stiftung Bahn, oder Genossenschaft der Bahnkunden und – mitarbeiter oder verwandte Gestaltung, geführt oder begleitet von Menschen mit bahn-fachlichem, wirtschaftlichem, aber uneigennützigen Sachverstand, z.B. auch aus BsB, kann so eine menschen- und sachgemäße Erneuerung leisten, den Aufsichtsrat stellen und bahn-fähige, auch unkonventionelle Vorstände berufen = Bürgerselbstverwaltung.

Dies wäre eine wirklich konstruktive Alternative zum Bestehenden.

Ohne dieses essential hat die Erneuerung der Bahn hin zum Kunden kaum eine Chance, sondern bleibt in den alten Denk- und Handlungsmustern von Staat oder Aktienorientierung stecken, und die wesensgemäße Aufgabe, Menschen und Güter gut und preiswert zu befördern, gerät unter die Räder.

Die Bahn ist Eigentum der Bürger, der Staat vertritt letztere nur. Soll er sich daraus zurückziehen, weil viele Bürger mit seinem Handeln unzufrieden sind, kann die Gestaltungsaufgabe einer bürgernahen Bahn lebenspraktisch nur mit einzurichtenden aktiven, unabhängigen Kundenvertretungen in Permanenz geschehen.

Denn wenn, wie jetzt, Politik/Verwaltung/Industrie hineinregieren, wird der Kundenbedarf regelmäßig bürokratisch oder lobbyistisch verfremdet, und verteuert. Beispiele:

  • Nahverkehrsbestellungen und -subventionen der Länder bei DB u.a., die häufig am Bedarf vorbeigehen, oder
  • überzogene Großbauvorhaben wie der neue Hauptbahnhof Berlin, u.a
  • übergroße Anzahl von ICE-Zügen, deren ausreichende Nutzung erst durch InterRegio + InterCity – Abbau „von oben“ erzwungen werden musste.
  • vorsätzliche Unterbewertung des DB-Vermögens im Hinblick auf den Börsengang, wie Karl-Dieter Bodack darlegte.
  • Fahrbetrieb auf Verschleiß, statt Netzpflege auch in der Fläche

Es ist ja schon merkwürdig, dass über Jahre so viele engagierte und auch konstruktive Kritiken öffentlich kaum wahrgenommen werden. Dabei ist durchaus verdienstvolle Arbeit geleistet worden in der kritischen Aufarbeitung und Begleitung des Handelns der DB. Doch blieben bisher alle konstruktiven Einzelvorschläge von DB und Politik weitgehend unbeachtet.

Oben genanntes Erneuerungskonzept könnte mit einem hörbaren Paukenschlag gemeinsam mit anderen Bahninitiativen eine Alternative in den öffentlichen Raum stellen, an dem die Entscheider in Regierung und Parlament nicht vorbeikommen, weil diese langfristig besser, billiger und umweltentlastender wirkt, als Staatsbahn und Börsenbahn.

Engagierte Kunden und –verbände übernähmen damit selbst Verantwortung, und verließen damit die Rolle, wie bisher nur zu fordern, was andere tun sollen. Im selbst anpacken liegt auch die Kraft, zu gestalten.

Wenn wir wirklich eine Bürgerbahn statt der Börsenbahn wollen, müssen wir als Bürger die Bürgerbahn entwickeln ― wer denn sonst?!! ... Politik oder Investoren werden sie uns nicht auf dem Tablett überreichen ― und auch selbst Verantwortung in der Bahn übernehmen, indem wir ein realistisches Zukunftskonzept mit konkreten Menschen und Rechtsgestaltungen vorlegen, und dafür mit dem Einsatz eigenen Engagements einstehen. Dann kann sich etwas bewegen.