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Die erste interkulturelle Waldorfschule in Mannheim

Gerda Brändle (3/2005)
 

„...dober dan, merhaba, buon giorno, dzie_ dobry, buenos días, bun di, guten Tag...“

Migrantenkinder aus elf Nationen werden gemeinsam zur Schule gehen - eine Initiative in Mannheim

Aus blanken Betonwänden blitzen helle Fensterscheiben. Vereinzelt wehen bunte Wäschestücke im Wind und formieren sich mit knalligen Vorhängen zu bunten Farbklecksen auf der grauen Fassade der gigantischen Wohnblocks am rechten Ufer des Neckars. Das ist der Mannheimer Problemstadtteil Neckarstadt- West. Hinter der Kurpfalzbrücke wechselt die Szenerie: alte Stadthäuser – ein Zeugnis bürgerlichen, mittelständischen Lebens im 19. Jahrhundert – vermischen sich mit kleinen türkischen, italienischen, deutschen Läden und mit internationaler Gastronomie. Bunt, kulturell lebendig zeigt sich hier die Neckarstadt- West, bevor sie entlang der Mittelstraße schließlich in Tristesse verfällt und deutlich die Not spiegelt, die in diesem sozialen Brennpunkt Mannheims Alltag ist. Mit 45 Prozent hat Neckarstadt-West den höchsten Ausländeranteil der 23 Mannheimer Ortsteile, bei Kindern und Jugendlichen liegt er noch deutlich höher. Mehrere Wohnblocks für Obdachlose, Prostitution und eine ansteigende Drogenszene sorgen für zusätzlichen sozialen Sprengstoff. Hinzu kommen – wie in der gesamten Republik - die Angst um den Arbeitsplatz, die Sorge vor Überfremdung, soziale Nöte. All das hat tiefe soziale und religiöse Gräben zwischen Migranten, sozial Schwachen und der deutschen Mehrheitskultur aufgerissen, die nur schwer zu überbrücken sind.

Vor diesem Hintergrund und getragen von der Idee, dass es möglich sein müsste, Kinder unterschiedlicher Herkunft, Nationalität und Religion miteinander lernen, arbeiten und leben zu lassen, und sie dabei individuell zu fördern, will eine Initiativgruppe der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik ein Zeichen setzen: Mit der Gründung einer „Freien Interkulturellen Waldorfschule e.V.” in Neckarstadt- West im Schuljahr 2003/2004. Ein ehrgeiziges Ziel, aber dennoch kein Projekt, das am Reißbrett der Ideale entstand. Hintergrund sind soziales Engagement, Einsicht in die gesellschaftliche Notwendigkeit und insbesondere die langjährige positive Erfahrung mit der Waldorfpädagogik in einem interkulturellen und sozialintegrativen Kindergarten und Schülerhort in Neckarstadt-West. Gegründet wurde er im November 1980. Damals hatte die Erzieherin Renate Brecht den Gedanken, einen Kindergarten für sozial benachteiligte Kinder zu gründen. „Wir wollten Kindern aus Familien, die gesellschaftlich gescheitert sind, helfen,” erinnert sie sich. Zunächst betreute der Kindergarten Obdachlosen-, dann zunehmend Aussiedler- und Migrantenkinder. Ohne falsches Gründerpathos, aber nicht ohne Rührung erzählt Renate Brecht, mit welchem Engagement Dozenten und Studenten der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik seinerzeit das verwahrloste Gebäude in der Langstraße 45 wieder in Stand gesetzt haben. Dabei spürt man deutlich, was diese zierliche, grauhaarige Frau als Leiterin des Kindergartens und Schülerhorts in all den Jahrzehnten geleistet hat. Immer wieder hat sie mit der ihr eigenen Energie und Ausdauer die Idee einer sozial-integrativen Schule aufgegriffen und vorangetrieben. Die pädagogische Arbeit in Kindergarten und Hort wird durch die Betreuung einzelner Kinder durch Studierende der Hochschule ergänzt - ein sinnvoller Dialog von praktischer Erfahrung und theoretischer Ausbildung. Hier treffen Migrantenkinder aus elf verschiedenen Nationen auf Studenten, die aus allen Erdteilen dieser Welt ans Waldorflehrerseminar in Mannheim gekommen sind. Zan Redzic ist einer von ihnen. Er kommt aus Bosnien und lernt seit einem Jahr Deutsch als Fremdsprache. Er kennt das Problem, Fremder in einem Land und seiner Sprache zu sein. „Ich kann die Kinder gut verstehen, denn mit der Sprache drückt sich die Persönlichkeit und Identität eines Menschen aus,“ sagt er in leicht gebrochenem Deutsch. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Kindern zu helfen in der deutschen Kultur anzukommen, ohne die eigenen ethnischen Wurzeln zu verleugnen.

Kindergarten und Hort sind längst zu einem integralen Bestandteil des Stadtteils geworden. „Es kommt vor, dass Schulkinder nicht von ihren Eltern angemeldet werden. Sie werden nicht gebracht und nicht abgeholt, sie kommen allein,“ so die langjährige Erfahrung von Renate Brecht. Manche Kinder werden auch von der Familienfürsorge der Stadt Mannheim, der Ausländerberatungstelle oder – wenn es sich um Kinder mit besonderen Lernschwierigkeiten handelt – von Lehrern der umliegenden Schulen an die Einrichtung empfohlen. Feststehen dürfte, dass durch die gezielte Förderung vielen Kindern ein vorgezeichneter Weg in die Sonderschule erspart werden konnte.

Interreligiöse Fragen hätten sie schon als Jugendliche bewegt, erzählt Christiane Adam, Mitbegründerin und Sprecherin der Initiative: „Die interkulturellen Aspekte eines Einwanderungslandes haben mich bis heute nicht mehr losgelassen.” Mit dem speziellen Thema einer interkulturellen Erziehung kam sie dann während ihres Lehrerstudiums an der Mannheimer Hochschule in Kontakt. Das Interesse am Thema ist weiter gewachsen. „Je mehr ich mich mit dieser Problematik beschäftige, umso sinnvoller erscheint mir der Versuch, durch die Waldorfpädagogik auf diesem Gebiet einen Beitrag zu leisten”, schreibt sie im Februar 2002 in einem Sonderheft der Zeitschrift „Erziehungskunst.“ Inwiefern aber soll die Waldorfpädagogik für die Integration von Migrantenkindern besonders förderlich sein? Die neue Teilanalyse der PISA-Studie belege, so die Vorsitzende des Bundeselternbeirates, Renate Hendricks, „dass Noten absolut ungeeignete Bewertungsmethoden sind.“ Gerade lernschwache Kinder litten unter einem Notensystem, das selektiert, aber nicht integriert. Ähnliches bescheinigt die Studie dem dreigliederigen Schulsystem: Schwache Schüler werden ausgemustert und frühzeitig zu Schulversagern abgestempelt. „Waldorfschulen sind Schulen ohne Angst und ohne Ausgliederung, es gibt keine Noten und kein Sitzenbleiben,“ hält Christiane Adam dem entgegen. Mängel würden durch Fördermaßnahmen ausgeglichen. Und sie hätten den Charakter von Gesamtschulen, in denen die Schüler in Jahrgangsklassen bis zu ihren individuellen Abschlüssen geführt werden. Als Abschlüsse sollen zum Beispiel in der neugegründeten Freien Interkulturellen Waldorfschule der Haupt- und Realschulabschluss (10. Klasse), die Fachhochschulreife (12. Klasse) und das Abitur in der 12. oder 13. Klasse angeboten werden.

Dass die ideellen und methodischen Grundlagen der Waldorfpädagogik die richtigen Antworten bieten, steht für Adam außer Frage.„Die Waldorfpädagogik geht von einem umfassenden Lernkonzept aus, das nicht nur die kognitiven, sondern auch die emotionalen und initiativen Fähigkeiten ausbildet,“ betont sie. Entscheidende pädagogische Elemente seien eine intensive Sinnes- und Bewegungsschulung, gezielte Sprachförderung und künstlerisch-handwerkliche Tätigkeiten.

Tatsache ist, dass die beweglichen und unbürokratischen Strukturen der Selbstverwaltung und die freie Ausgestaltung der Lehrpläne die Mannheimer Initiatoren in die Lage versetzt haben, ein individuelles pädagogisches Konzept auszuarbeiten, das dem interkulturellen und sozial-integrativen Profil der neuen Alternativschule gerecht wird. Inhaltlich sind ein Perspektivwechsel aus verschiedenen Kulturen vorgesehen und ein nicht auf Europa zentrierter Unterricht, der alle Kulturkreise berücksichtigt und von einem interkulturellen Lehrerteam auch in der jeweiligen Muttersprache erteilt wird. So können deutschsprachige Kinder neben der englischen auch die französische, spanische, türkische oder italienische Sprache erlernen. Verbindlich für alle ist Englisch als Fremdsprache von der ersten Klasse an. Praktischer, handlungsorientierter und fächerübergreifender Projektunterricht wird die Schüler über alle Klassenstufen hinweg begleiten. Hier soll die direkte Lebensumgebung Ausgangspunkt kindlicher und jugendlicher Wissbegierde sein und einen erweiterten praktischen Erfahrungsraum bieten. In der Oberstufe – so die Planung – sollen die Projekte durch unterschiedlichste Praktika ersetzt werden. Für Schüler, die den Haupt- oder Realabschluss anstreben, sind zum Beispiel zur praktischen Berufsvorbetriebung wöchentlich wiederkehrende Praktika in einem handwerklichen, einem industriellen oder einem dienstleistungsorientierten Betrieb vorgesehen.

März 2003: Nach einer zweijährigen Vorbereitungszeit sind wichtige Hürden genommen. Neben dem pädagogischen Konzept steht auch der Trägerverein, dem der Gründungslehrer Michael Wickenhäuser aus der Freien Waldorfschule Offenburg sowie Anja Reuter, Christiane Adam und Dr. Albert Schmelzer von der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik in Mannheim angehören. In einem Gebäude – einer ehemaligen Möbelhandlung – am Neuen Messplatz könnten die ersten drei Klassen bereits im Herbst 2003 mit dem Unterricht beginnen, bis zum Schuljahr 2013/14 dann der Ausbau bis zur gymnasialen Stufe folgen. Schwierige finanzielle Rahmenbedingen aber müssen die Initiatoren bis heute in ihr Kalkül einbeziehen: Zum einen sieht das baden-württembergische Privatschulgesetz seit 1990 eine dreijährige Wartefrist auf die Landeszuschüsse bei einer Schulgründung vor. „Diese gesetzliche Regelung stellt freie Schulen, die durch aktive Eltern mitbegründet werden, vor nahezu unlösbare Probleme,“ sagt der Gründungslehrer Michael Wickenhäuser.

Zum anderen „... gilt für uns als gesichert, dass – mit wenigen Ausnahmen – die zukünftige Elternschaft unserer Schule auf Grund ihrer sozialen Lebensumstände nicht in der Lage sein wird, den erforderlichen Elternbeitrag zu zahlen, geschweige denn zusätzliche Belastungen und Risiken einer Schulgründung mit zu tragen.” Aber woher soll das Geld kommen, das die Schule über die ersten drei Jahre trägt? Auf staatliche Gelder können die Initiatoren angesichts leerer öffentlicher Kassen nicht hoffen. So haben sie nach allen Seiten ihre Fühler ausgestreckt. Der Weg ist sehr mühsam, Optimismus und Elan sind aber ungebrochen.

Für Dr. Albert Schmelzer, Dozent für Deutsch und Geschichte an der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik in Mannheim, kann auf Einrichtungen wie den Kindergarten oder die geplante Interkulturelle Waldorfschule nicht verzichtet werden als Bestandteile einer offenen Gesellschaft, die ethnische Gruppen in ihrer Andersartigkeit akzeptiert und auf dieser Grundlage auch bereit ist, sie zu integrieren: ,,Integration kann nicht einfach nur Assimilation, Anpassung an eine bestehende Leitkultur bedeuten.”

Mehr noch: Damit ,,die Globalisierung nicht unter der Regie Weniger verläuft, sei zusätzlich... ein Verstehen der verschiedenen kulturellen Strömungen, auch der Religionen in ihrem gemeinsamen und humanen Kern” vonnöten. Das Gebot der Stunde heißt für Schmelzer folglich, Migration und Integration in der Gesellschaft neu zu denken. Hier seien auch Hochschulen, Schulen und andere pädagogische Einrichtungen nachdrücklich gefragt. Zeige doch die PISA-Studie in erschreckender Weise, dass es dem deutschen Schulsystem nicht gelungen sei, sozial benachteiligte Kinder, insbesondere Migrantenkinder, ausreichend zu fördern. Ertekin Ozcan, Vorsitzender der Föderation türkischer Eltern in Deutschland, erhebt in diesem Zusammenhang den Vorwurf, dass auch nach 40 Jahren Migration das deutsche Schulsystem sich nicht darauf eingestellt habe, dass hier nichtdeutsche Kinder zur Schule gehen.

Bliebe es dabei, verspiele Deutschland ein Stück weit seine Zukunft und wird seiner sozialen Verantwortung nicht gerecht. Dass es nicht so weit kommen muss, zeigen die Mannheimer Waldorf-Projekte. Sie machen Hoffnung und sind ein Schritt in eine Zukunft, in der das Miteinander über dem Gegeneinander steht.

Die Schule besteht inzwischen und arbeitet in 3 Klassen mit 65 Kindern, sie ist auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Freie Interkulturelle Waldorfschule Mannheim-Neckarstadt
Maybachstr. 14-16, 68169 Mannheim
Bankverbindung: Sparkasse Rhein-Neckar-Nord
BLZ 670 505 05, Kontonummer: 381 201 23


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