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Peter Exner Die Volkswirtschaftler haben zwei gegensätzliche Extremtheorien, nämlich Schulden machen, um durch Kreditangebote den Produktionskreislauf anzuregen und so immer mehr Waren zu erzeugen oder anders gesagt, regulierend in das Marktgeschehen einzugreifen, oder alles dem Markt, dem Wettbewerb zu überlassen, der alles weitere dann durch sich selbst regelt. Das eine bedeutet, überspitzt und verkürzt ausgedrückt, Produktionssteigerung bis zum Umwelttod auf Kosten von Inflation. Die Kredite werden auch nicht zurückgezahlt. Das andere bedeutet Abwärtsspirale beim Lebensstandard in der Bevölkerungsmehrheit und in der Folge ein schrumpfender Markt, denn die jeweils kleineren Löhne der Massen werden zum Wettbewerbsvorteil, so daß man sagen kann: der neoliberale Kapitalismus stellt sich selbst ein Bein. Manfred Kannenberg Die Realität ist einfach anders, als die volkswirtschaftliche Theorie sie verkündet. Peter Exner Die nahmen inzwischen auch von den Extrempositionen Abschied und pendelten zur Mitte, durch einerseits die Oberbegrenzung der Neuverschuldung und andererseits Wirtschaftshilfe für die schwächeren Wirtschaftspartner. Manfred Kannenberg Die armen Länder haben ja auch jahrelang interveniert. Peter Exner Könnte es auch so sein, daß, unabhängig von Intervention, sich etwas Richtiges durchsetzt? Das Erheben der Armen zu gleichwertigen Partnern bedeutet schließlich die Ausdehnung des Wirtschaftsraumes. Manfred Kannenberg Es setzt sich Recht durch, nämlich die Gleichberechtigung. Diese ist nicht schädlich für die Wirtschaft, im Gegenteil. Peter Exner Bei den Tarifpartnern orientieren die Lohnverhandlungen sich an der Inflation und dem Produktivitätszuwachs. Das sind auch Gerechtigkeitsmerkmale. Manfred Kannenberg Im politischen Raum verlassen Arbeitgeber und Gewerkschaften derzeit die gewohnten Positionen, allerdings nicht „zu weit“. Immerhin fordert die Gesellschaft Flexibilität. Peter Exner Findest Du, daß der Flächentarif abgeschafft gehört? Manfred Kannenberg Auf jeden Fall! Haustarife sind gerechter, sachlicher. Arbeitgeber und Arbeitnehmer bilden eine Solidargemeinschaft. Sie erzeugen gemeinsam die Produkte. Es ist daher logisch, wenn der Betriebsrat wirtschaftlich mitredet. Auch der Verbraucher gehört dazu, denn der fragt die Produkte nach. Bisher hat man sich gedacht, man produziert, was technisch möglich ist und schafft dann die Nachfrage mit Hilfe der Werbung. Die Verbraucher wachen gerade erst auf und stellen Forderungen, etwa nach Qualität, Umweltverträglichkeit usw., siehe Stiftung Warentest, Greenpeace. Die Realität korrigiert die Theorien. Die Dreigliederung liefert die richtige Beschreibung der Vorgänge. Peter Exner Wir unterscheiden als Anthroposophen zwischen Kaufgeld, Leihgeld und Schenkgeld. Beim Kaufgeld geht es um den gerechten Preis. Das haben wir gerade angesprochen. Beim Leihgeld geht es um eine zeitliche Begrenzung. Als das Leihgeld vor vielleicht 50 Jahren erstmals in großer Menge entstand, waren die Ökonomen, glaub ich, selbst überrascht. Es entstand nämlich durch Geschäftsbanken und private Geldinstitute und nicht etwa durch die Zentralbank. Es ist das Giralgeld. Sobald ein Mensch, sagen wir 5000 DM auf seinem Giro- oder einem anderem Konto hatte, hat die Bank ja sofort damit gearbeitet, es also verliehen. Der Leihende hat es auch sofort wieder ausgegeben, deswegen brauchte er ja den Kredit, und so wanderte das Geld schnell auf ein drittes Konto und immer so weiter. Das Ganze wurde nur durch die Vorschrift der zu haltenden Mindestreserve gebremst. Die Geldmenge wuchs. Jeder Vertrauenswürdige erhielt seinen Kredit. Es waren Investitionskredite, da man nur da an die Rückzahlung glaubte. Somit schwankte die Geldmange im Gleichschritt mit der Warenmenge und alles blieb wunderbar stabil. Manfred Kannenberg Ein Geld-, Aktien-, Obligationenbesitzer erhält theoretisch unendlich lange die Zinsen, Dividenden, Renten. Das ist nicht gerecht. Denn diese werden nach einiger Zeit gar nicht mehr aus den ursprünglichen Krediten erwirtschaftet, sondern aus ganz neuen Krediten. Es ist gerecht, diese Zinsen, Ausschüttungen, Dividenden usw. zeitlich auf z.B. 20 Jahre zu beschränken. Von den Krediten, Aktien und Obligationen selber gibt auch nur noch Restwerte, da die eingekauften Produktionsmittel inzwischen veraltet sind. Eine Andeutung von zeitlicher Begrenzung bei Geldwert liegt bei Obligationen, also Staatsanleihen vor. Sie haben immerhin eine festgelegte Laufzeit. Peter Exner Die Obligationen werden dann ausbezahlt. Das Problem ist, daß der Staat neue Obligationen auflegt um die alten zu bezahlen und so die Staatsverschuldung mit dem Zinsendienst fortschreibt. Wenn dieses alte Geld nur noch verschenkt werden könnte, der Kreditgeber also nur die Zinseinnamen über die Jahre hätte, hätten wir befristetes Leihgeld und am Ende das Schenkgeld. Mir fehlt jedoch noch der geniale in sich stimmige, autoaktive Mechanismus für das Schenkgeld, wie er ja beim Leihgeld entstanden ist, unabhängig davon, daß die Weisheit irgendeines Ökonomen darauf gekommen wäre. Manfred Kannenberg Der Wertverlust der Telekomaktie stellt eine unfreiwillige Schenkung dar und erstrecht die anderen Wertpapiere der New economy. Das reale Geld floss unter anderem in die Abfindung von Ron Sommer. Dabei wird das Geld in der Bildung gebraucht. Nur um unsere Gesellschaft zu erhalten, wie sie jetzt schon ist, müssen ständig viele Menschen bereit sein, sich auszubilden. Die Idee des Bildungsgutscheins sollte die Finanzierung von Bildung für alle ab dem Kindergarten sicherstellen, in Verbindung mit der Wahlfreiheit, selber den Bildungsträger auszuwählen. Generell glaube ich und finde ich im Übrigen auch gut, daß noch manches, was jetzt noch über den Staat und Steuerzahlungen läuft, mehr und mehr in die Eigenaktion der Menschen übergeht.
Quelle: Trigolog Berlin 3/2004, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Autoren.
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