Wir müssen Abschied nehmen von den Nationalstaaten
(Interview)

Interview mit Manfred Kannenberg-Rentschler (Volkswirt und Buchhändler) / Thema "Dreigliederung des sozialen Organismus", Mikro-, Makrokosmos / am 31.03.1994 in Berlin in "Bücherei für Geisteswissenschaft und soziale Frage" / Interviewer (c) Sebastian Schöck Berlin, (c)-Vetorecht bei Publikationen hat der Interviewpartner / Kamera Wolfgang Schwartz / Bandformat: BetacamSP

Sebastian Schöck: Was würden Sie tun oder vorschlagen um die Nationalitätenfrage, den Rassismus zu bewältigen.

Manfred Kannenberg: Also in der Tat ist die Nationalitätenfrage ein starker Anstoß gewesen für die Formulierung der Dreigliederung, historisch. Denn mitten im Ersten Weltkrieg in den die Deutsche, das Deutsche Reich hineingeschlittert ist, stellte sich die Frage wie kommen wir da wieder heraus und dort ist dann zum erstenmal formuliert wurden,

Und dort wird gerade ein Satz bezüglich der Nationalitätenfrage fokusiert, nämlich das Nationale gehört ins Kulturleben. Wir müssen Abschied nehmen von Nationalstaaten als staatenbildendes Element. Sondern das Nationale ist ein kulturelles Element und die Kultur gehört in die Selbstverwaltung.

Und das ist dann später in den Jahren noch weiter ausformuliert worden und auch durch Gründungen, sagen wir z.B. der Waldorfbewegung 1919, Waldorfimpuls, dann illustriert worden inwiefern das Nationale ein kulturelles Element ist. Und wir stehen ja mittendrin in der, sozusagen in der, nach der Verwüstung Europas durch den Zweiten Weltkrieg stehen wir ja nun heute wieder mittendrin in einer, muß man fast sagen am Vorabend weiterer Verwüstung unter dem Prinzip Staaten aufgrund von Nationen zu bilden. Und das ist aber ein Prinzip das überholt ist und was sehr genau in diesen Memoranden und eben auch in den "Kernpunkten" beschrieben wird, begründet wird, entwickelt wird. Warum das überholt ist. Warum das ein antiquiertes Staatenbildungsprinzip ist. Und deswegen auch dieser, dieser Appell an Mitteleuropa: Gliedert Euch.

Nehmt Abschied von dem Machtstaat. Laßt das kulturelle Leben in der Autonomie, das heißt Kultur, Wissenschaft, Religion in Selbstverwaltung. Und dann können die Nationen auch sozusagen ihre vitalen Kräfte ausbilden, das heißt konkret, daß dann meinetwegen eine Minderheit ihre eigenen Schulen haben darf, selbstverständlich. Diese Dinge, die sind ja nun brandaktuell geworden, wieder mal, weil es eben die Mitte nicht geschafft hat eine solche gegliederte soziale Leiblichkeit zu, - vorzuzeigen -, also zu installieren.

Sebastian Schöck: Sie meinen also das Problem löst sich, wenn man diese Frage in das Kulturleben verlagert, also wenn man den Schulen die Möglichkeit gibt auch nationale Elemente zu ver....

Manfred Kannenberg: Natio heißt Kultur. Das ist sozusagen wie ich geboren bin, die Sprache. Das ist ja ein wesentliches Element die Sprache, deutsch, serbisch, kroatisch, russisch. Daß ich das ausleben kann, das ist etwas von dem die Menschen -, das ist ihre Identität. Aber das Volkslied gehört auch dazu. Das sind alles Dinge, die sozusagen mißbraucht worden sind von Staaten, die aber vital sind. Die sind sozusagen für die kulturelle Entwicklung jedes einzelnen Menschen ganz wichtig. Und diese Färbungen sollen sich ausdrücken können. Und das ist natürlich unmöglich, daß jetzt sozusagen darüber abgestimmt wird, 51% Serben und 49% , ich nehme jetzt mal dieses Beispiel, obwohl es für uns vielleicht nicht in dem Maße etwas angeht. (Wir haben ja), wir sitzen ja selbst im Glashaus, nicht wahr, mit diesem Problem. Und können gar nicht über andere richten, die jetzt sich verheddern an diesem Problem.

Aber das ist natürlich undenkbar, daß man sagt, weil jetzt 51% Serben in dem Staat sind, können die Kroaten keine Autonomie ihrer Kultur haben. Das ist das Problem. Ja selbstverständlich, sie haben alle das Naturrecht sozusagen, der Staat muß das sogar beschützen. Und das ist auch kein Problem, wenn man endlich davon absieht, daß im Namen der Machtstaaten gewissermaßen nationale Elemente mißbraucht werden. Die Deutschen haben ja da auch ein Lied davon zu singen.

Ich meine der ganze Nationalsozialismus mit seinen ganzen Versuch auch die deutsche Mythologie zu mißbrauchen usw., ist ja ein Versuch diese Sehnsucht nach Kultur, nach Identität vor den Karren von Militarismus zu spannen, beispielsweise, von Gebietserweiterungen, nicht wahr.

Sebastian Schöck: Wie kann man das hinkriegen, daß die 49% jetzt in der Schule (auch freier werden) ? D.h. es gibt den Gedanken des Bildungsgutscheins ?

Manfred Kannenberg: Ja also wenn wir soweit kämen, nehmen wir jetzt die Bundesrepublik Deutschland, wenn in der Verfassung drinstände, was ja 1989 in der Luft gelegen hat, als nun die glorreiche Spaltung überwunden wurde, nicht übrigens durch die Kraft der Westbürger und Westgermanen, sondern eigentlich durch die Aktivität der Ostgermanen, wenn man das jetzt salopp so sagen wollte.

Da lag in der Luft eine neue Konstitution dieses Landes und da war ein wesentliches Element, daß die Menschen, die geflüchtet sind und die man interviewt hat an den Grenzen, gesagt haben: Ja Reisefreiheit jawohl, aber - (auch, Red.) Bildungsfreiheit. Wir wollen nicht, daß unsere Kinder in diesem Staate groß werden. Das waren Wünsche, Sehnsüchte - also, dann gab es das berühmte Manifest der Befreiung der Schulen in Leipzig 1990 im Frühjahr, wo man selbstverständlich als Konsequenz des zusammenbrechenden Einheitsstaates DDR den Wunsch artikuliert hat, im Neuen Forum und überall: Befreiung des Kulturlebens. Der Staat kann nicht mehr erziehen. Das haben die nun sozusagen blutig auch erfahren - nicht blutig aber doch jeder an seiner Seele als - ja Vergewaltigung. Während wir natürlich glauben im Westen, wir hätten freie Schulen. Wir haben aber keine Freie Schulen. Der Kultusminister sozusagen auch thronend über allem. Es gibt 5% freie Schulen. Das sind im wesentlichen konfessionelle Schulen. Die versuchen dieses Prinzip langsam hineinzubringen, daß nämlich Lehrer in Freiheit erziehen.

Und wenn das nun z.B. in einer Verfassung dringestanden hätte, einer neuen, die ja jetzt diskutiert wurde in den letzten zwei Jahren: Das Kulturleben, die Erziehung ist frei bzw. soviel Freiheit wie erwünscht von den Menschen, soviel Initiative da ist, soviel ist erlaubt. Es wird sicher nicht von heute auf morgen möglich sein, die Menschen sozusagen Geschmack daran finden zu lassen, daß sie nun alle Freie Schulen gründen. Da muß man sich auch nichts vormachen. Aber man behindert ja heute diese Gründungen.

Und wenn darin z.B. konsequenterweise stände, jeder erhält statt der von ihm abgezweigten Steuer für das Bildungswesen, was der Staat einzieht, um damit Schulden zu machen, erhält einen Bildungsgutschein und wählt die Schule. Dann käme ein ungeheurer Lernprozeß in Gang, der selbstverständlich das Entscheidende wäre, um dieses kulturelle Leben zu befreien.