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Staat und Freiheit bei Wilhelm von Humboldt

Sylvain Coiplet (3/1992)
 

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Inhalt

Einleitung zu den drei Fragestellungen

In den Ideen zu einem Versuch die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen (abgekürzt Ideen) reagiert Wilhem von Humboldt 1792 auf den kürzlich in der französischen Verfassung verankerten Anspruch des Staates, zuständig für das moralische und physische Wohl der Bürger zu sein. Seine Kritik trifft aber alle damaligen Staaten, ganz egal ob demokratisch oder nicht. Es ist daher zu fragen, ob seine Staatsauffassung sich mit dem demokratischen Ideal verträgt, auch wenn er offenkundig in seiner Verwirklichung keine Priorität gesehen hat.

1809 bringt ihn die Berufung zum Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht durch den König von Preußen im Widerspruch zu seiner schon 1792 entwickelten Einsicht in die Gefahren einer öffentlichen d.h. staatlich gelenkten Erziehung. Eine nähere Auseinandersetzung mit Ausführungen aus dieser Zeit soll zeigen, ob er seinen Grundsätzen treu geblieben ist. Aussagen von John Stuart Mill, der sich mit den Ideen von Humboldt beschäftigt hat und Aussagen von Hegel, der schon gestorben war, als sie 1851 veröffentlicht wurden, werden aus dem Gesichtspunkte betrachtet, ob sie diesen Grundsätzen gewachsen gewesen sind. Es geht einerseits um die Frage der Eigenständigkeit von Erziehung und Staat, andererseits um die des Bezugs zwischen intellektueller und moralischer Bildung, der Einheit der Erziehung.

Es hat ihn keine Berufung im Widerspruch zu seiner Ablehnung einer staatlich gelenkten Wirtschaft geführt. Es fragt sich aber worauf die Eigenständigkeit der Wirtschaft sachgemäß begründet werden kann, ob dem Wirtschaftlichen nicht nur ein anderes Ideal zugrunde liegen muß als dem Staatlichen-Rechtlichen sondern auch als dem Intellektuellen-Moralischen.

Demokratie, Freiheit und Wirtschaft bei Humboldt

Zur Demokratie und Begrenzung der Staatsmacht

Im Gegenteil zu Mill, der sich für eine Erweiterung des Wahlrechts auf alle Mündigen eingesetzt hat, konnte ich bei Humboldt nicht einmal eine Stellungnahme über diese Frage finden. In den Ideen begründet er es dadurch, daß andere sich eben fast ausschließlich dieser Fragestellung widmen. Sie seien sich nicht darüber im Klaren, daß sie sich eigentlich eine Begrenzung der Staatsmacht wünschen und bleiben bei der Forderung nach Verteilung dieser Macht im Staat, bei der sogenannten Gewaltenteilung. Mill stimmt zwar zu, fordert aber gleichzeitig Verteilung und Begrenzung der Staatsmacht, so daß man ihn auf den ersten Blick für weniger einseitig als Humboldt halten könnte.

Humboldt geht davon aus, daß die Erziehung nicht zu einer bestimmten bürgerlichen Form sondern zum Menschen erziehen soll, damit nicht nur Anpassung der Menschen an der Verfassung, sondern auch der Verfassung an den Menschen stattfinde. Würde eine Steigerung der Kraft der Menschen zur Forderung nach Erweiterung des Wahlrechts führen ? Meint Humboldt so eine Entwicklung unter Anpassung der Verfassung ? "Die Geschichte zeigt uns, wie sonderbar es auch scheint, gerade in der Epoche, wo dem Menschen, welcher, mit noch sehr wenig Eigentum versehen, nur persönliche Kraft kennt und schätzt und in die ungestörte Ausbildung derselben den höchsten Genuß setzt, das Gefühl seiner Freiheit das teuerste ist, nichts als Könige und Monarchien. (...) Denkt man über die Gründe hiervon nach, so wird man gleichsam überrascht, daß gerade die Wahl einer Monarchie ein Beweis der höchsten Freiheit der Wählenden ist."[1] Nicht einmal die Wahl des Monarchen sondern die der Monarchie! Die Monarchie bliebe zweckmäßig, wenn die Wahl des Monarchen Gott überlassen würde. Unter Anpassung der Verfassung meint also Humboldt eher eine von der Neuzeit geforderte Begrenzung der Macht des Staates als eine demokratische Verteilung dieser Macht im Staat.

Wenn man sich aber den von ihm einzigen angegebenen Zweck der Monarchie ansieht, nämlich, daß es eine letzte und widerspruchlose Macht gebe, was den Begriff des Staates ausmache[2], dann kann das Prinzip der demokratischen Mehrheitsentscheidungen ganz genausogut dafür sorgen. Erst bei der Durchführung eines Krieges kann ich nachvollziehen, daß es notwendig wird, sich an einen Befehlshaber zu halten. Aber nicht schon bei der Entscheidung, ob der Krieg überhaupt geführt wird oder nicht. Ich finde es bemerkenswert, daß die Staatsauffassung Humboldts, die Aufgaben, die er dem Staat zuspricht, keine Bedenken dagegen mehr zulassen, in diesem gesellschaftlichen Bereich das Prinzip der demokratischen Mehrheitsentscheidungen durchzuführen. Diese Leistung unterscheidet ihn von fast allen anderen Denkern, auch von Mill.

Mill fordert zwar die Erweiterung des Wahlrechts auf alle Mündigen, spricht sich aber für ein Mehrfachstimmrecht für Gebildete aus.[3] Daß man die Bildung (sowohl die intellektuelle als die moralische) am Besitz messen soll gilt nur vorläufig, also nur solange der Staat seiner Forderung nicht nachgeht, arme Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder direkt finanziell zu unterstützen und durch Stiftungen unterstützen zu lassen. Daß der Bildungsstand bei der Frage berücksichtigt wird, wieviele Stimmen der Einzelne erhält, sieht er dagegen als Ideal. Er würde auch nicht von seinem Ideal abkommen, wenn für die Erziehung aller gesorgt wäre. Wenn alle die Gelegenheit hätten, sich zu bilden, müßten die mehr Gewicht bekommen, die diese Gelegenheit auch ergriffen haben. Demokratische Entscheidungsorgane sollen kein getreues Bild der Meinung und Bildung der gesamten mündigen Bevölkerung geben sondern ihr voraus sein, nicht ein Abbild des schon vorhandenen sondern noch nicht allgemein vorhandenen Meinung und Bildung. Bei diesen Organen sollen einige hervorragende Köpfe für Nacheiferung sorgen.

Was Mill sich von demokratischen Organen verspricht, findet man bei Humboldt wieder ... als er das Ideal einer freien Erziehung beschreibt.[4] Mill setzt sich nicht so sehr für eine Demokratisierung als für eine neuartige Erziehungsanstalt zur Weiterbildung von Erwachsenen ein. Nicht die letztinstanzlichen Entscheidungen solcher Organen sind ihm wert sondern die Gespräche, die ihnen vorangehen. Obwohl Mill in seinem Buch "Über die Freiheit" zum Teil auch versucht, den Aufgaben des Staates Grenzen zu ziehen, scheinen mir die bei ihm übrigbleibenden nicht nur eine letzte und absolute Gewalt, sondern die von ihm geforderte Auslese nach Bildung (eigentlich eher Erfahrung) notwendig zu machen. Dies wird bei den "Betrachtungen über die Repräsentative Demokratie" dort besonders deutlich, wo er zu den Aufgaben der Kommunalverwaltungen u. a. den Straßenbau, die Beleuchtung, Wasserversorgung, Kanalisation zählt.[5] Solche Elemente der Infrastruktur sind bei ihm also nicht von der Wirtschaft direkt, sondern durch Haushaltsentscheidungen von demokratisch gewählten Organen zu tragen. Die Staatsauffassung von Humboldt muß ich daher für eher demokratiefähig halten, im Sinne der Möglichkeit einer undifferenzierten Gleichberechtigung aller Bürger bei der Gestaltung der Rechtsverhältnisse, als die Staatsauffassung von Mill.

Mill erwartet von einem Mehrfachstimmrecht für Gebildete einen breiten Erziehungseffekt und setzt sich deswegen für eine Repräsentantenregierung ein, die eben nicht repräsentativ, d.h. durchschnittlich werden darf, sondern die Menschheit vorantreiben muß. Humboldt bleibt bei der ihnen gemeinsamen Forderung nach einer freien Erziehung. Ihre Unfreiheit bei älteren Republiken sei nicht so schädlich gewesen, wie sie es bei neueren Republiken sei und bei neueren Monarchien sein würde, weil die Menschheit jetzt auf einem Entwicklungsstadium stehe, wo sie nur durch Ausbildung der Individuen weiterfortschreiten könne.[6] In dieser Erziehung sieht er die absolute Priorität.

Daß heute immer noch relativ selten darin eine Priorität gesehen wird, die Erziehung auf nichtstaatliche also mehrheitsneutrale Grundlage zu stellen, liegt an der allgemeinen Angst vor Interessengruppen, die sich dadurch der Erziehung bemächtigen könnten. Eine Angst, die man auch bei Mirabeau findet.[7] Es fehlt immer noch an Mut, verschiedene pädagogische Ansätze nebeneinander bestehen zu lassen. Und doch "enge und mannigfaltige Verbindungen eigentümlicher Charaktere miteinander sind (...) ebenso notwendig, um zu vernichten, was nicht nebeneinander bestehn kann und daher auch für sich nicht zu Größe und Schönheit führt, als das, dessen Dasein gegenseitig ungestört bleibt, zu erhalten, zu nähren und zu neuen, noch schöneren Geburten zu befruchten."[8] Warum sollte dies nur beim Charakter von einzelnen Menschen gelten?

Zur Rolle des Freiheitsideals in der Erziehung

Humboldt unterscheidet zwei Ansätze in der Wissenschaft. Es kann um die Suche nach Vollständigkeit oder nach den Zusammenhängen (Einheit) gehen.[9] 1810 macht er sich bei der Gründung der Berliner Universität zur Aufgabe keine dieser beiden wissenschaftlichen Richtungen zu kurz kommen zu lassen, damit sie sich kräftig aneinanderreiben und gelegentlich gegenseitig weiterbringen können. Bei der Akademie soll diese Art der Lenkung wegfallen und das Risiko der Einseitigkeit eingegangen werden. Er steht selber deutlich auf der Seite derer, die nach Einheit suchen, so daß man sich gut denken kann, was für eine Einseitigkeit er sich bei der Akademie gewünscht hätte. Es kam anders.

Den Unterschied zwischen diesen beiden Ansätzen kann man später bei Hegel in seiner "Wissenschaft der Logik" (1812-16) und bei John Stuart Mill mit seinem "A System of logic" (1843) besonders deutlich herausgearbeitet sehen. John Stuart Mill geht hier so weit in seiner Ablehnung jeder Art von Allgemeinaussagen, daß er sich vornimmt auch die mathematischen in Frage zu stellen. Regeln, die einem einleuchtend vorkommen, beruhen bloß auf Gewohnheit und könnten jederzeit durch eine neue Erfahrung umgeworfen werden, ganz egal, ob mathematische oder politische Regeln.[10] Die daher ewige Suche nach einer vollständigeren Erfahrung darf also nicht durch irgendwelche Verbote gehindert werden. Die Forderung nach Gedankenfreiheit findet sich hier zunächst im Mißtrauen begründet, das dem Denken ausgesprochen wird, Wahrheit herzugeben. Es könne die Wahrheit nicht erfassen sondern sich höchstens daran nähern.

Ganz anders bei Hegel, der im Gedanken einen Vermittler sieht, wodurch zugleich das Innere des Menschen und der Welt ins Schwarze getroffen worden sei. Der Ansatz wird spätestens dann problematisch, wenn Hegel fest davon überzeugt ist, daß dies doppelte Innere sich bereits im äußeren damaligen Staat offenbart. Ein Kurzschluß des Idealismus. Man braucht selber nicht mehr zum Idealisten zu werden : die Welt sei selber Idealist und folglich auch, wer sie widerspiegele, sie "überliste" notfalls den einzelnen einsichtslosen Mensch, damit er unbewußt mitwirke. Deswegen ruft Hegel den Staat, das "sittliche Universum"[11] auf, solche die anders als er denken, auszuschalten. Das heißt eben überlisten. Hegel leitete lange die von Humboldt konzipierte Berliner Universität und konnte von dort aus bis zu seinem Tod den Impuls für ein zwar schräges aber immerhin intensives Suchen nach Einheit der Wissenschaft geben. Den Eintritt in die Akademie schaffte er aber nicht, weil es dort schon eher um Vollständigkeit ging und nach seinem Tod wurde sein Ansatz auch in der Universität zurückgedrängt.

Humboldt kann im Gegensatz zu Mill den pädagogischen Wert der Mathematik anerkennen und steht insofern, wie vorhin angedeutet, eher auf der Seite Hegels. Nicht äußere Anreize, wie Drohung der Strafe bei Mill,[12] sondern die innere Harmonie der Kenntnisse soll zum Lernen und später Forschen anreizen und deswegen besonders betont werden. Die Suche nach der Einheit in der Wissenschaft ermöglicht ziemlich unerwartet einen eher vom Zwang befreiten Umgang schon mit den "Unmündigen" und nicht erst mit den Mündigen.

Humboldt unterscheidet sich aber auch von Hegel darin, daß er nicht in der Geschichte ein Ideal sucht, was sich verwirklicht hat und das es nur zu reflektieren gilt, sondern ein Ideal, was erst durch menschliche Einsicht sich verwirklichen kann. Dieses Ideal nennt er Theorie,[13] meint aber nicht damit, daß es "Theorie", also unverwirklicht, bleiben soll. Dieses Ideal hat sehr wenig mit dem Ideal der älteren und neueren Staaten zu tun, damit auch wenig mit dem Staat von Hegel.[14] Da es auf menschlicher Einsicht angewiesen ist und jede Überlistung ausschließt ist es schon richtig, wenn gemeint wird, daß der Humboldtsche Staat nur mit lauter Humboldts möglich sei. Dies gilt aber auch für den Staat von Hegel. Darin können nur Hegels oder Marxisten leben.

Dieses Bauen von Humbold auf die Einsicht bringt wiederum die Annäherung zu Mill, dem eine Wahrheit, wenn es eine gäbe, viel von ihrer Wirksamkeit auf den Willen verlieren würde, wenn sie zwangsverbreitet oder bloß auf Autorität angenommen würde.

Die obenerwähnte Theorie, dieses Abbild des Nochnichtvorhandenen oder dieses Ideal stellt für Humboldt neben dem "ursprünglichen Prinzip", d.h. den schon verwirklichten Zusammenhängen, den zweiten Aspekt der Einheit der Wissenschaft dar. Wiederum zwei Pole, die später zusammenkommen sollen. Von diesem Ideal kann man erwarten, daß es Antrieb für den Willen und das Handeln wird. Ihm wird man nicht dadurch gerecht, daß man darum weiß und darüber redet sondern, daß es einem zum Charakter wird und damit eine Brücke zwischen Intellektuellem und Moralischem schlägt. Es wird aus der Tiefe des Geistes geholt und kann sich deswegen auf ihn auswirken. Für Humboldt übt aber nicht nur das Ideal sondern diese ganze wissenschaftliche Richtung diesen wohltuenden Einfluß auf die Moralität aus. Der Suche nach Vollständigkeit soll dagegen so einen Einfluß versagt bleiben. Eine genauere Begründung dieser Behauptung ist in dem hier herangeholten Text nicht zu finden. Wie aber im schon Verwirklichten der Keim zum Idealen und somit im Intellektuellen der Keim zum Moralischen gefunden werden kann, sobald man sich nicht dogmatisch an das schon Verwirklichte hält, versuche ich anschließend am Beispiel der wirtschaftlichen Arbeitsteilung zu zeigen.

"Dem Staat geht es aber nicht um Wissen und Reden sondern um Charakter und Handeln" Es wird vom Staat erwartet, daß er sich nicht der Suche nach Einheit widersetzt. Dadurch läßt er einen freien Raum, wo der Mensch wieder zu dem finden kann, was hier seinen Charakter und in den Ideen seine Kraft genannt wird. Diese Kraft kann darin bestehen, die vorhandene Verfassung an der eigenen "Verfassung" oder Theorie zu messen.[15] Daß es dem Staat darum geht, wurde offenbar von wenigen eingesehen, nicht einmal von Hegel. Es bedurfte dafür eines höheren Gesichtspunkts als der des Staates selbst. Den nimmt Humboldt auch noch 1810 ein, als er auf seine Art das Interesse des Staates bestimmt und bezeichnenderweise ihm durch den Verzicht auf Unterdrückung einer Wissenschaftsrichtung gedient worden sieht. Es spricht dafür, daß seine Theorie ihm wirklich zum Charakter geworden war.

Zur Begründung einer Abgrenzung der Wirtschaft vom Staat

In den Ideen nimmt sich Humboldt ausdrücklich vor, alle Einrichtungen danach zu beurteilen, wie sie sich auf den Charakter auswirken, also auch Einrichtungen, die auf Erwerbung äußerer Güter zielen. Solche Beschäftigungen seien nur dadurch zu veredeln, menschenwürdig zu machen, daß sie von Mitteln zum Zweck zu Selbstzwecken werden. Entscheidend ist nicht, was der Mensch außer sich zustande bringt, sondern was er in sich selbst dadurch verbessert. Landwirtschaftliche Arbeit mal abgesehen vom Bodenertrag, könne den Bauern auch innerlich bereichern. Voraussetzung dazu sei allerdings eine angebrachte Erziehung. Versuche der Staat das physische Wohl zu fördern, gehe es ihm dabei wenig um derlei Innerlichkeiten aber auch nicht mehr so sehr um die Verwirklichung des eigenen Anliegens oder Ideals nämlich der Sicherheit. Der moderne Staat fördere das physische Wohl zunehmend um seiner selbst willen. Humboldt kritisiert zwar, daß Erfordernisse der Sicherheit wie die absolute Gewalt auf wirtschaftliche Einrichtungen ausgedehnt werden (Monopole, überwiegende Rechte),[16] aber auch die Einseitigkeit dieser Einrichtungen selbst, wenn sie nur auf das Ergebnis der Warenproduktion zielen. Er unterscheidet schon zwischen staatlichem und einseitig wirtschaftlichem Anliegen und bedauert, daß das Wirtschaftliche die Methoden des Staates und das Staatliche die Ziele der Wirtschaft übernehmen.

Die von Humboldt dargestellte Art der Veredelung der Arbeit, die bei der Landwirtschaft oder dem Handwerk von damals noch möglich gewesen wäre, scheint mir heute nur noch bei wenigen Berufen praktikabel.[17] Auf jeden Fall nicht bei der Fließbandarbeit. An Bildungseffekt ist daraus wirklich nichts mehr zu holen, es mögen sich auch Lehrer so sehr darum bemühen, aus zukünftigen Fabrikarbeitern Künstler zu machen. Es kann nur noch auf die Freizeit gesetzt werden, die entsprechend länger als bei anderen Berufen sein sollte. Es fragt sich, ob nicht eben an dieser Entwicklung zur Arbeitsteilung das Ideal des Wirtschaftlichen erkannt werden kann, weil dadurch die Lerneffekte gegen Null zugehen und unberücksichtigt bleiben können. Es bleibt nur noch die Tatsache übrig, daß die früher weitgehende Selbstversorgung dahin ist. Nicht einmal Staaten können sich die Autarkie leisten. Der geschlossene Handelstaat von Fichte ist zum Scheitern verurteilt und muß zunächst dem Weltverkehr, dann der Weltwirtschaft Platz machen. Humboldt lehnt unter anderem Ein- und Ausfuhrverbote ab, insofern sie den Zweck haben, das physische Wohl der Bürger zu erhalten oder zu fördern. Es hängt aber bei ihm mit der Forderung zusammen, der witschaftlichen Beschäftigungen einen Beitrag zur Eigenbildung der Bürger abzuringen und von allen anderen Ergebnissen abzusehen.[18] Ihnen würde man immer noch nachgehen, wenn letztere wegfallen.[19]

Wie verhält es sich aber mit der damals noch nicht erfundenen Fließbandarbeit, wo auch der Beitrag zur Eigenbildung wegfällt ? Was gibt es da noch für menschenwürdige Beweggründe, um im Wirtschaftlichen tätig zu werden ? Wenn nicht die äußere oder innere Belohnung, dann nur die Tatsache, daß die Anderen was davon haben. Das Kriterium dafür, wer diese Anderen sind, kann nicht die Volkszugehörigkeit oder die Staaatsbürgerschaft, sondern allein das Bedürfnis sein. Dieser weitere Grund, das Wirtschaftliche zur Eigenständigkeit zu bringen, muß unbedingt herangezogen werden, wenn es darum geht nicht nur - wie Humboldt - eine Grenze, sondern beide Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen.

Das Anliegen oder Ideal des Wirtschaftlichen hat man darin zu sehen, daß der Mensch sich zum Werkzeug der Anderen macht.[20] Es hat natürlich nichts mit dem Ideal zu tun, das Humboldt seiner Betrachtung zum Maßstab setzt. Er setzt dieses Anliegen (Ideal würde er es nicht nennen !) aber auch nicht dem Ideal des Staatlichen gleich, so daß es doch allein aus diesem Grund außerhalb der Grenzen der Wirksamkeit des Staates liegen muß. Ein Staat, der das Wirtschaftliche lenkt, neigt immer dazu, diese Anderen danach zu fragen, ob sie seine Staatsbürger sind und falls sie es nicht sind, sie zu benachteiligen. Sofern sie es einem unmöglich macht für sich selber zu arbeiten, kann man in der heutigen allgemeinen Arbeitsteilung den Ansatz einer neuen Art der Veredelung der Arbeit sehen. Nicht mehr eine Veredelung durch die Freiheit, sondern durch die Brüderlichkeit. Bei Humboldt findet sich zwar eine Andeutung, daß er die Eigenständigkeit des Wirtschaftlichen vom Staatlichen als Bedingung zur Förderung der Brüderlichkeit ansieht, er macht aber nicht daraus den eigentlichen Grund sondern einen Grund für diese Verselbständigung.[21]

Daß es bis heute im Wirtschaftlichen alles andere als "brüderlich" zugeht, liegt nicht an ihm, sondern an einer Erziehung, wo Intellektuelles nicht zum Moralischen findet. Jeder weiß und redet vom Taylorismus und Fordismus, vom Arbeitsersparnis durch Arbeitsteilung, es wird spätestens dann problematisch, wenn behauptet wird, daß schon allein dadurch die Wirtschaft sozial sei. Ein denkerischer Kurzschluß, der mindestens so gefährlich ist, wie der vorhin erwähnte von Hegel. Es wird nicht untersucht, wie die in der modernen Wirtschaft nur angelegte Brüderlichkeit konsequent zu ihrem Ideal gemacht werden könnte.

Die Grundlage zur Beantwortung dieser Frage hat Humboldt durch seine Theorie der Bildung des Menschen geliefert.[22] Wer ihr gewachsen ist und etwas außer sich zustande bringt ("außer sich" im Sinne, daß es nicht nur für ihn brauchbar ist) gibt sich, und darin besteht sein berechtigter Egoismus, mit dem Beitrag zufrieden, den diese Tätigkeit zu seiner Eigenbildung leistet. Eine weitere Belohnung seiner Arbeit, einen zusätzlichen Anreiz zur Arbeit braucht er nicht, wenn sein Egoismus sich genug im Geistigen verlagert hat, so daß die äußeren Ergebnisse seiner Tätigkeit restlos auf andere übergehen können. Jede Selbstversorgung wird erst dann konsequent ausgeschaltet, wenn es keinen "Arbeitslohn" mehr gibt.

Was der Einzelne aber braucht, ist die materielle Grundlage seiner Weiterarbeit. Bei der Beantwortung der Hauptfrage des Wirtschaftlichen, wie der Preis von Erzeugnissen so gebildet werden muß, daß der Einzelne und wer zu ihm gehört,menschenwürdig leben können, bis er neue hergestellt hat, ist von Humboldt keine Hilfe zu erwarten. Sein Bildungsideal ist aber Voraussetzung, um sie in dieser reinen Form stellen zu können. An ihr kann man dann die vorhandene Wirtschaftsverfassung messen . Nicht nur der Einzelne sondern auch die Verfassung müßte sich dann anpassen.[23]

Ergebnis

So paradox es zunächst erscheinen mag, ist eine sachgemäße Begründung einer demokratischen Staatsauffassung nicht bei John Stuart Mill sondern bei Wilhelm von Humboldt zu finden. Im Gegensatz zu John Stuart Mill sieht er die Aufgabe des Staatsmannes darin, Volksvertreter und nicht moralisches und intellektuelles Vorbild sprich Lehrer des Volkes zu sein.

Als Staatsvertreter mit der Gründung einer öffentlichen Erziehung betraut, legt er die Weichen einer inhaltlichen Zurückhaltung des Staates in diesem Bereich. Er setzt sich dafür ein, daß keins der beiden von ihm identifizierten wissenschaftlichen Ansätze staatlich unterdrückt wird, obwohl er nur von einem dieser beiden einen moralisch positiven Einfluß auf den Menschen erwartet.

Indem er den Wert jeder Betätigung ausschließlich im davon ausgehenden Bildungseffekt sieht, bricht er mit der Logik, die den Tätigen zur Forderung nach dem vollen äußerlichen Ertrag seiner Arbeit bringt. Mit dieser Bildungstheorie beseitigt er eins der Haupthindernisse auf dem Weg zu einer brüderlichen Wirtschaftsordnung, ohne selber zu ihr zu gelangen.

Bibliographie

G.W.F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts. Berlin 1821.

Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen. Stuttgart 1982.

Wilhelm von Humboldt: Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin. In: Gelegentliche Gedanken über Universitäten. Leipzig 1990.

Wilhelm von Humboldt: Werke in 5 Bänden. Hg. Flitner u. Kiel. Darmstadt 1960.

John Stuart Mill: Autobiographie. Berlin 1873.

John Stuart Mill: Betrachtungen über Repräsentativ-Regierung. Paderborn 1971.

John Stuart Mill: Über die Freiheit . Stuttgart 1988.

Rudolf Steiner: Kernpunkte der sozialen Frage. Basel 1919.

Wissenschaft der Politik (Die). Hg. von Gablentz. Opladen 1963.

Anmerkungen

[1] Wilhelm von Humboldt : Ideen zu einem Versuch die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen. Stuttgart 1982 (abgekürzt Ideen) IV. Kapitel, S.59-60.

[2] Ideen, IV. Kapitel, S.58.

[3] John Stuart Mill: Betrachtungen über Repräsentativ-Regierung. Paderborn 1971 (abgekürzt BETRACHTUNGEN) VIII. Kapitel.

[4] Ideen, VI. Kapitel, S.73. : "Bei freien Menschen entsteht Nacheiferung und es bilden sich bessere Erzieher, wo ihr Schicksal von dem Erfolg ihrer Arbeiten, als wo es von der Beförderung abhängt, die sie vom Staat zu erwarten haben."

[5] BETRACHTUNGEN, XV. Kapitel, S.225 und 229.

[6] Ideen, VI. Kapitel, S.69 : "Endlich steht, dünkt mich, das Menschengeschlecht jetzt auf einer Stufe der Kultur, von welcher es sich nur durch Ausbildung der Individuen höher emporschwingen kann; und daher sind alle Einrichtungen, welche diese Ausbildung hindern und die Menschen mehr in Massen zusammendrängen, jetzt schädlicher als ehmals."

[7] Ideen, VI. Kapitel, S.74. Fußnote : "D"après cela, les principes rigoureux sembleraient exiger que l"Assemblée Nationale ne s"occupat de l"éducation que pour l"enlever à des pouvoirs, ou à des corps qui peuvent en dépraver l"influence."

[8] Ideen, III. Kapitel, S.43.

[9] Wilhelm von Humboldt : Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin. In : Gelegentliche Gedanken über Universitäten. Leipzig 1990. S.273-282.

[10] John Stuart Mill : Über die Freiheit .Stuttgart 1988. S.11 : "Die Regeln die unter ihnen fortbestehen, erscheinen ihnen in sich selbst einleuchtend und berechtigt. Diese nur zu allgemeine Illusion ist eins der Beispiele des magischen Einflusses der Gewohnheit, die nicht nur, wie das Sprichwort sagt, eine zweite Natur ist, sondern auch dauernd mit ihr selbst verwechselt wird".

[11] G.W.F. Hegel : Grundlinien der Philosophie des Rechts. Berlin 1821. Vorrede : S. XXI.

[12] John Stuart Mill : Autobiographie. II. Kapitel.

[13] Ideen, XVI. Kapitel.

[14] G.W.F. Hegel : Einleitung in die Philosophie der Geschichte. S.93, zitiert nach : Die Wissenschaft der Politik. 9. Band. Opladen 1963.:."Das geistige Individuum, das Volk, insofern es in sich gegliedert, ein organisches Ganzes ist, nennen wir Staat. Diese Benennung ist dadurch der Zweideutigkeit ausgesetzt, daß man mit Staat und Staatsrecht im Unterschiede von Religion, Wissenschaft und Kunst gewöhnlich nur die politische Seite bezeichnet. Hier ist aber Staat in einem umfassenderen Sinne genommen, so wie wir auch den Ausdruck Reich gebrauchen, wo wir die Erscheinung des Geistes meinen." Es geht mir mit diesem Zitat nur um die Hegelsche Staatsauffassung, die Annahme des Volkes als geistiges Individuum führt aber nicht zwangsläufig zu einer solchen Staatsauffassung. Nimmt man jedes Volk als geistige Individualität an, wäre es eine konsequente Folgerung aus der Staatsauffassung von Wilhelm von Humboldt, für jede dieser Individualitäten, die für ihre Entwicklung notwendige Freiheit auch innerhalb von Vielvölkerstaaten zu fordern. Die Hegelsche Staatsauffassung würde dagegen zur Forderung nach Selbstbestimmung jedes Volkes in Form eines eigenen Staates führen.

[15] Ideen, VI. Kapitel, S.70-71 : "Daher müßte, meiner Meinung zufolge, die freieste, so wenig als möglich schon auf die bürgerlichen Verhältnisse gerichtete Bildung des Menschen überall vorangehen. Der so gebildete Mensch müßte dann in den Staat treten und die Verfassung des Staates gleichsam an ihm prüfen".

[16] Ideen, III. Kapitel, S.55.:."hier zeigt die Erfahrung die verderblichen Folgen, wenn die Absicht, Sicherheit zu erhalten und andere Zwecke zu erreichen, miteinander verbunden wird. Wer dieses Geschäft besorgen will, muß, um der Sicherheit willen, absolute Gewalt besitzen. Diese aber dehnt er nun auch auf das übrige aus, und je mehr sich die Einrichtung von ihrer Entstehung entfernt, desto mehr wächst die Macht und desto mehr verschwindet die Erinnerung des Grundvertrags."

[17] vgl. Ideen, III. Kapitel, S.36 : "So ließen sich vielleicht aus allen Bauern und Handwerkern Künstler bilden, d.h. Menschen, die ihr Gewerbe um ihres Gewerbes willen liebten, durch eigengelenkte Kraft und eigne Erfindsamkeit verbesserten und dadurch ihre intellektuellen Kräfte kultivierten, ihren Charakter veredelten, ihre Genüsse erhöhten."

[18] Ideen, III. Kapitel, S.30 : "Ich rede daher hier von dem ganzen Bemühen des Staats, den positiven Wohlstand der Nation zu erhöhen, von aller Sorgfalt für die Bevölkerung des Landes, den Unterhalt der Einwohner teils geradezu durch Armenanstalten, teils mittelbar durch Beförderung des Ackerbaues, der Industrie und des Handels, von allen Finanz- und Münzoperationen, Ein- und Ausfuhrverboten usf. (insofern sie diesen Zweck haben),(...). Alle diese Einrichtungen nun, behaupte ich, haben nachteilige Folgen und sind einer wahren, von den höchsten, aber immer menschlichen Gesichtspunkten ausgehenden Politik unangemessen."

[19] vgl. Ideen, VIII. Kapitel, S.109-110 : "Wie strebend der Mensch nach Genuß ist, wie sehr er sich Tugend und Glückseligkeit ewig, auch unter den ungünstigsten Umständen, vereint denken möchte, so ist doch auch seine Seele für die Größe des moralischen Gesetzes empfänglich. Sie kann sich der Gewalt nicht erwehren, mit welcher diese Größe sie zu handeln nötigt, und nur von diesem Gefühle durchdrungen, handelt sie schon darum ohne Rücksicht auf Genuß, weil sie nie das volle Bewußtsein verliert, daß die Vorstellung jedes Unglücks ihr kein anderes Betragen abnötigen würde."

[20] vgl. Ideen, III. Kapitel, S.56 : "Je mehr der Mensch für sich wirkt, desto mehr bildet er sich. In einer großen Vereinigung wird er zu leicht Werkzeug".

[21] Ideen, III. Kapitel, S.34-35 : "Wenigstens muß die gemeinschatliche Hilfe da am tätigsten sein, wo das Gefühl am lebendigsten ist, daß auf ihm allein alles beruhe, und die Erfahrung zeigt auch, daß gedrückte, gleichsam von der Regierung verlassene Teile eines Volks immer doppelt fest untereinander verbunden sind".

[22] Wilhelm von Humboldt : Werke in 5 Bänden. Hg. Flitner u. Kiel. Darmstadt 1960. Band 1. S. 234-240.

[23] Besonders dieser Absatz verdankt der Beschäftigung mit Rudolf Steiner : Kernpunkte der sozialen Frage. Basel 1919. Dessen Auffassung der Aufgaben des Staates dem Wirtschaftlichen gegenüber (z.B. Ausgestaltung des Arbeitsrechts) scheint mir deswegen von der von Wilhelm von Humboldt abzuweichen, weil er die Notwendigkeit der Eigenständigkeit des Wirtschaftlichen anders als die der Wissenschaft, Kunst und Religion begründen kann. Bei den beiden anderen in dieser Arbeit behandelten Fragen gibt es auch Abweichungen zwischen Rudolf Steiner und Wilhelm von Humboldt, die hier aber nicht thematisiert werden.

Sylvain Coiplet


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