Einsicht tut not

01.12.1919
[821/01]Einem Ideenzusammenhang wie dem von der Dreigliederung des sozialen Organismus wird oft als Einwand entgegengeworfen: er könne nicht für diese oder jene Einzelheit mit « praktischen Vorschlägen » auftreten. Man sagt etwa: Da ist die Zerrüttung der Valuta. Was hat der Anhänger der Dreigliederung als Mittel zu ihrer Verbesserung anzugeben? Dieser muß erwidern: Der Gang der wirtschaftlichen Weltverhältnisse ist in der neueren Zeit ein solcher gewesen, der durch den Konkurrenzkampf der Staaten zur Entwertung des Geldes im einzelnen geführt hat. Eine Verbesserung kann nur eintreten, wenn nicht einzelne Maßnahmen für dieses oder jenes als Heilmittel angesehen werden, sondern wenn dieser Gang des Wirtschaftslebens in seinem ganzen Wesen durch die Dreigliederung zu etwas anderem gemacht wird. Einzelne Maßnahmen können ja manches im einzelnen vorübergehend bessern; wenn aber das Wesen des Wirtschaftens dasselbe bleibt, so kann eine einzelne Verbesserung nichts helfen; sie muß sogar eine Verschlechterung auf einem anderen Gebiete zur Folge haben.
[821/02]Das wirklich praktische Mittel zu einem Neuaufbau des Zerstörten ist eben die Dreigliederung selbst. Wollte man gerade in einem Gebiet, in dem zum Beispiel das Wirtschaftsleben durch die Entwertung der Valuta seufzt, umfassende Einrichtungen im Sinne der Dreigliederung schaffen, so müßte sich durch den Gang der Ereignisse das Übel bessern. Der gekennzeichnete Einwand kommt daher, daß derjenige, der ihn macht, aus irgendwelchen Gründen vor einer praktischen Arbeit im Sinne der Dreigliederung zurückschreckt und verlangt, die Träger dieser Dreigliederungsidee sollen ihm Mittel zu einer Gesundung dieser oder jener Verhältnisse angeben, ohne diese Verhältnisse selbst im Sinne ihrer Idee zu gestalten.
[821/03]In diesem Punkte besteht eben ein wesenhafter Gegensatz zwischen dem Träger der Dreigliederungsidee und allen denen, die da glauben, man könne das alte einheitsstaatliche soziale Leben beibehalten und innerhalb desselben zu einem Neuaufbau kommen. Die Idee von der Dreigliederung ruht eben gerade auf der Einsicht, daß diese einheitsstaatliche Orientierung die katastrophale Weltlage herbeigeführt hat; und daß man sich deshalb entschließen muß, sie aus denjenigen Verhältnissen heraus neu aufzubauen, die sich aus der Dreigliederung ergeben.
[821/04]Ehe nicht dieser Mut zu einem Durchgreifenden bei einer genügend großen Anzahl von Menschen erwacht, kann eine Heilung des kranken sozialen Lebens nicht kommen. Das einzige, das ohne dieses Durchgreifende möglich ist, kann nur sein das An-sich-reißen der wirtschaftlichen und politischen Macht durch die siegenden Staaten und die Unterdrückung der Besiegten. Die Sieger können vorläufig das alte System beibehalten, denn die Schäden, die sich bei ihnen aus demselben ergeben, können für sie ausgeglichen werden durch die Vorteile, die sich durch die Beherrschung der Besiegten herausstellen. Die Besiegten aber sind gegenwärtig in einer Lage, die augenblickliches Handeln im Sinne des hier gemeinten Durchgreifenden notwendig macht. Auch für die Sieger wäre naturgemäß Einsicht das Bessere. Denn der Zustand, den sie bei sich hervorrufen, muß im Laufe der Zeit zur Wahrnehmung der unerträglichen Lage bei dem Besiegten und damit zu neuen Katastrophen führen. Die Besiegten aber können nicht warten, denn jede Versäumnis vergrößert das Unmögliche ihrer Lebensverhältnisse.
[821/05]Die Dreigliederungsidee ist allerdings eine solche, die den Denk- und Empfindungsgewohnheiten aller derer zuwiderläuft, die ihre Seelenverfassung in Anpassung an die einheitsstaatliche Orientierung gebildet haben. Sich rückhaltlos zu sagen, die zutage tretenden Übel sind die Folge dieser Orientierung, ist gegenwärtig für viele Menschen so, als ob man von ihnen verlangen wollte, sie sollten ohne Boden unter den Füßen stehen. Der Boden, auf dem sie stehen wollen, ist der Einheitsstaat. Ihn möchten sie hinnehmen, und auf dem Grund desselben Einrichtungen treffen, von denen sie sich eine Besserung der Zustände erhoffen. Worauf es aber ankommt, das ist, einen neuen Boden zu gewinnen. Dazu fehlt es am Mut.
[821/06]Die Grundforderung für die Wirksamkeit der Dreigliederungsidee muß daher die Sorge dafür sein, daß bei möglichst vielen Menschen die Einsicht erwachse, wie nur ein Durchgreifendes gegenwärtig helfen könne. Viel zu viele Menschen haben bisher ihre Urteilsfähigkeit über öffentliche Verhältnisse nur aus den engsten Lebenskreisen heraus gebildet. Gerade diejenigen, die im Großbetriebe unseres Wirtschaftslebens drinnen stehen, sind in dieser Lage. Sie schreiben sich Urteilsmöglichkeit über umfassende Verhältnisse zu; und sie kennen nur dasjenige, was sich ihnen aus ihrem engen Lebenskreise heraus ergeben hat.
[821/07]Die Aufklärung über die Zusammenhänge des öffentlichen Lebens, die heute in so geringem Maße vorhanden ist, muß gefördert werden. Die Dreigliederungsidee wird um so weniger Widerstände finden, je mehr Menschen wissen werden, wie die Kräfte des öffentlichen Lebens bisher wirksam waren und wie sie zur gegenwärtigen Katastrophe führen mußten. Alles, was zur Verbreitung einer nach dieser Richtung gehenden Einsicht führen kann, bereitet den Boden für die praktische Wirksamkeit der Dreigliederungsidee vor.
[821/08]Man sollte sich deshalb wenig versprechen von Auseinandersetzungen mit den Angehörigen dieser oder jener Partei, die zumeist, solange sie in der Partei stehen bleiben wollen, doch jeden Gedanken eines Trägers des Dreigliederungsimpulses in ihrem Sinne umdeuten möchten. Man sollte, sobald man die Fruchtbarkeit dieses Impulses eingesehen hat, für dessen Verständnis in weitesten Kreisen sorgen. Denn nicht mit denen, welche die Dreigliederung nicht wollen, läßt sich etwas anfangen, sondern allein mit denen, die von ihr durchdrungen sind. Mit ihnen allein läßt sich auch nur über Einzelheiten des öffentlichen Lebens sprechen. Man sollte sich doch klar sein, daß mit Erzberger nicht über die Heilung des öffentlichen Lebens zu reden ist, solange Erzberger - Erzberger ist.
[821/09]Ich schreibe dieses nieder, weil ich sehe, daß in dieser Richtung nicht jeder, der von der Dreigliederungsidee etwas hält, im rechten Fahrwasser segelt. Die Idee von der Dreigliederung ist eben eine solche, der man ganz dienen muß, wenn man ihr überhaupt dienen will. Sie macht möglich, mit jedem sich auseinanderzusetzen; aber die Auseinandersetzung darf nichts von dem Durchgreifenden der Idee aufgeben. Man wird in diesem Sinne handeln, wenn man einsieht, welches die wirklichen Gründe des Niederganges sind. Aus dieser Einsicht muß der Mut zum Durchgreifenden kommen. Denn die herrschende Ratlosigkeit ist doch nur die Folge der mangelnden Einsicht.

Rudolf Steiner